"Beendet: Boëthius' 'Consolationes', die ich im Bahnhof von Karlsruhe inmitten Betrunkener zu lesen begann. Der Gipfel des Werkes liegt in der Zuordnung von freiem Willen und göttlicher Fügung — Boëthius verlegt den freien Willen in die Zeit, die Fügung aber in die Ewigkeit. Da wir in beiden leben, so schalten wir in unseren Taten in voller Freiheit, und dennoch sind sie zugleich in jeder Einzelheit vorherbestimmt. Auf diese Weise untersteht der Handelnde zwei Qualitäten, von denen die eine der anderen unendlich überlegen ist. Im höheren Rahmen mögen wir uns bewegen, wie wir wollen, dennoch verharren wir in ihm. In allem ist, wie ein Gewürz, auf wunderbare Weise zugleich die Ewigkeit.
Diese Einsicht ist einer der Punkte, eines der Kaps, an die
das menschliche Denken gelangen kann. Kant zieht die theologische
Unterscheidung auf logische Weise nach; seine alles zermalmende Wahrheit ist
also eine Wiederholung der Wahrheit schlechthin. Im Grunde gibt es keine neuen
Wahrheiten — neu ist hier eine widersprechende Eigenschaft.
Gewisse Beziehungen fielen mir beim Lesen auch zu Tolstoi
auf — insbesondere zu dem merkwürdigen Vorwort, das 'Krieg und Frieden'
einleitet. In ihm untersucht Tolstoi die Tatsache, daß der Mensch als
Einzelwesen seine Entscheidungen in voller Freiheit trifft und daß diese
Entscheidungen dennoch in eine feste Statistik einmünden. So bleibt die Zahl
der Selbstmorde im Verlauf der Jahre sich beinahe gleich, nur die Motive ändern
sich. Eine je größere Anzahl freier Entscheidungen sich summiert, desto mehr verschwindet
der freie Wille aus dem Resultat. Das erlaubt umgekehrt den Schluß, daß im
freien Willen des Einzelnen ein unbekannter Faktor sich verbirgt, der in den
Entschlüssen der Gattung sichtbar wird. Nach Tolstoi ist uns Willensfreiheit
auch um so weniger gegeben, an je entscheidenderer Stelle wir tätig sind.“
Tagebuch 13. Februar 1940, Ernst Jünger

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