Helmuth Rilling ist tot. Ich habe als Student in einem seiner Chöre mitgesungen und betrachte es als Glück, dass ich danach eine lebenslange, wenn auch lose Verbindung zu ihm halten durfte. Von ihm konnte man lernen, leise aufzutreten und trotzdem klar zu zeigen, in welche Richtung man gehen wollte.
Wüstenhagener Tagebuch
Freitag, 13. Februar 2026
Samstag, 10. Januar 2026
Ein herzliches Dankeschön
„Amen und Dank!“ schrieb mir vor ein paar Tagen ein lieber Freund, dem ich zu seinem Geburtstag (in den hohen Siebzigern) gratuliert hatte. Diese kurze Form hatte er wohl deshalb gewählt, weil zu seinem Geburtstag sehr viele Grüße und gute Wünsche eingegangen waren, die er nicht alle einzeln ausführlich beantworten konnte.
Ich wiederhole diese Worte heute ebenfalls „Amen und Dank!“ weil auch bei mir die Vielzahl der guten Wünsche (rund 100) eine individuelle Beantwortung schwierig macht. Ich bin von der großen Zahl überwältigt, weil ich bei zunehmendem Alter ein abnehmendes Interesse an meiner Person erwartet hatte. Das Netz der Kontakte wird nach meinem Eindruck im Alter dünner, vor allen Dingen, weil man älter werdend eher faul und nachlässig wird, solche Kontakte zu pflegen.
Aber - die Grüße und Glückwünsche gestern und auch noch heute haben mir das Gegenteil gezeigt. Und so ist es jetzt in meinem Herzen sehr warm.
Nochmal deshalb: Amen und Dank!
Montag, 5. Januar 2026
Adenauer
Wir haben uns vor dem Westportal des Doms den Einzug der prominenten Trauergäste angeschaut und sind später zum Südportal gelaufen, von wo der Trauerzug hinunter zum Rhein führte. Von dort wurde der Sarg auf einem Schiff in Adenauers Wohnort Rhöndorf gebracht, wo er auf dem örtlichen Friedhof bestattet wurde.
Ich habe eine ganze Reihe von Fotos gemacht, auf denen man mit etwas gutem Willen die Präsidenten Charles de Gaulle, Heinrich Lübke und Lyndon B. Johnson erkennen kann.. Sie gingen ohne erkennbaren Schutz durch die rechts und links an der Straße stehenden Menschenmengen. Auf den Dächern der Häuser waren jedoch immer wieder bewaffnete Posten zu erkennen.
Kennedy war vor etwas mehr als drei Jahren bei einer Fahrt im offenen Wagen erschossen worden. Mich wunderte damals, dass man vor der Wiederholung eines vergleichbaren Attentates nach meinem Eindruck wenig Angst hatte.
In der Kirche hat der damalige Kölner Kardinal Frings gesprochen. Davon habe ich allerdings nichts mitbekommen.
Mittwoch, 24. Dezember 2025
Die Geburt von Jesus
Über das Leben von Jesus gibt es vier Berichte, von denen zwei auch die Umstände seiner Geburt enthalten. Ich erzähle hier als Weihnachtsgeschichte für meine Enkelkinder die Version des Lukas. Er schreibt insgesamt etwa 50 Seiten über das Leben Jesu und beginnt sie als Brief an seinen Auftraggeber, den er mit „hochedler Theophilus“ anredet. Dem berichtet er, dass Jesus geboren wurde, als in Rom der Kaiser Augustus herrschte. Diesem untergeordnet war der Gouverneur Quirinus, der als Oberhaupt der Provinz Syrien auch für das kleine Gebiet von Israel zuständig war. Das große Reich der Römer umfasste damals eine Serie von Provinzen, die sich um das komplette Mittelmeer erstreckten. Zu diesen Provinzen gehörte Spanien genauso wie Griechenland, die heutige Türkei, eben Syrien, Ägypten und die Länder bis zum heutigen Marokko.
Der Kaiser in Rom wollte eine Übersicht über die gewaltige Menge an Land und Leuten haben, über die er regierte, und befahl deshalb eine Volkszählung. Für diese Volkszählung wurde für alle Menschen im römischen Reich angeordnet, dass sie sich in ihre Heimatstadt begeben sollten, um dort gezählt zu werden. Auf diesem Befehl hin machten sich der Zimmermann Josef und seine junge Frau Maria, die Eltern von Jesus, zu Fuß auf den etwa 160 km langen Weg von Nazareth im Norden Israel, wo die beiden wohnten und arbeiteten, in die Stadt Bethlehem, die in der Mitte Israels liegt, nicht weit von Jerusalem entfernt.
Dieser Weg ist heute touristisch erschlossen und führt durch
teilweise wüstenähnliches Gebiet hinab an den Fluss Jordan und von dort nach
Bethlehem. Ich bin einmal ein Stück dieses Weges gegangen und habe dort eine norwegische
Gruppe getroffen, die unter Führung meines Freundes Nedal den ganzen Weg gegangen
ist.
Die Stadt Bethlehem hatte einen besonderen Ruf, weil in ihr
etwa 1.000 Jahre vor Jesus der König David geboren worden war. Josef stammte
aus dessen Stadt und war auch entfernt mit dem Königshaus verwandt. Daraus
konnte er aber keine besonderen Vorteile ziehen. Im Gegenteil war es so, dass
die Stadt von den vielen zurückkehrenden Bethlehemern so voll war, dass Josef
und Maria keine Unterkunft in der Stadt fanden. Lukas berichtet, dass Maria das
Kind in Windeln wickelte und in eine Futterkrippe legte. Man kann daraus ganz
offensichtlich schließen, dass Maria und Josef nur einen Stall als Schlafplatz
bekommen hatten. Das dem kleinen Jesus-Baby, die Tiere im Stall zugeschaut
haben, das haben die Menschen sich später vorgestellt. Es ist sicherlich sehr
wahrscheinlich, aber Lukas erzählt nichts davon.
Was er dagegen ausführlich erzählt, ist die Erscheinung
eines Engels auf den Hirtenfeldern außerhalb von Bethlehem. Von denen berichtet
Lukas, dass sie bei Nacht unter freiem Himmel saßen und ihre Herden hüteten.
Als plötzlich der Engel erschien, waren die Hirten aufgrund dieser
übernatürlichen Erscheinung sehr erschrocken und fürchteten sich. Der Engel
bemerkte das und sagte beruhigend „fürchtet euch nicht!“ Und er fügte hinzu
„ich habe eine frohe Botschaft für euch und alle Menschen: es ist heute der Retter für
euch alle geboren, der Messias“ und der Engel sagte außerdem „in der Stadt
Davids“.
Damit die Hirten das Kind auch finden konnten, beschrieb
Ihnen der Engel, dass es „in Windeln gewickelt“ ist und in einer Krippe liegt.
Die Hirten mussten also nicht in den herrschaftlichen Häusern der Stadt nach
dem Kind suchen. Nein, es war eine einfache Geburt, in ärmlichen aber
ordentlichen Umständen. Das Kind war sauber gewickelt. Die Krippe war weniger freundlich,
aber den Hirten war vermutlich bekannt, dass aufgrund des Gedränge in der Stadt
nicht für jeden Gast ein normales Zimmer zur Verfügung stand.
Nachdem der Engel diese Botschaft verkündet hatte, geschah
noch etwas Außergewöhnliches. Um den Engel herum erschienen plötzlich weitere
Engel, die Gott lobten und Worte sagten oder vielleicht sangen, wie „Ehre sei
Gott in der Höhe und Friede auf Erden“. Der Himmel klang mächtig von diesen
Tönen.
Wenig später waren alle Engel wieder verschwunden, und die
Hirten stießen sich untereinander an und sagten, lass uns nach Bethlehem gehen
und herausfinden, was da geschehen ist. Und richtig – sie fanden Maria und
Josef und auch das in der Krippe liegende Kind.
Die Hirten waren die ersten Fremden, die Jesus sahen und in
der Welt von ihm erzählen konnten, und das taten sie auch sogleich. Lukas sagt,
dass die Menschen, die es hörten, sich über das wunderten, was ihnen die Hirten
sagten.
Lukas fügt am Ende zu seinem Weihnachtsbericht hinzu, dass
Maria alle Worte in ihrem Herzen bewahrte. Man folgt daraus, dass Lukas beim
Zusammentragen seiner Informationen für den edlen Theophilus auch auf Marias
Wissen zurückgreifen konnte.
Ich habe beim Nacherzählen dieser Geschichte die Bibel vor
mir liegen gehabt und habe mich gewundert, wie kurz diese Weihnachtsgeschichte
ist. Lukas berichtet als Nächstes, dass acht Tage nach der Geburt die Eltern
mit dem Kind nach Jerusalem in den Tempel gehen. Die Geschichte mit den Heiligen
Drei Königen und der Verfolgung durch den bösen König Herodes berichtet Lukas
nicht, sie steht bei Matthäus. Bei Lukas sind es nur die Hirten, die den Engeln
begegnen und dann als erste fremde Menschen den neugeborenen Jesus zu sehen bekommen.
Manchmal sind die kurzen Geschichten die schönsten.
Sonntag, 16. November 2025
Die Steppe
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| Anton Tschechow |
Der Gedanke, dass eine erzählte Geschichte mit dem Leben verschmilzt und auf diese Weise glaubhaft wird, war mir neu, leuchtet aber unmittelbar ein. Mit dem Leben zu verschmelzen, das ist ein Erkenntnisvorgang, ein Weg zur Wahrheit, über den man noch lange Nachsinnen kann.
Die Sammlung von neun Tschechow–Geschichten, die in meinem Besitz ist, wurde 1945 von dem russischen Schriftsteller Iwan Schmeljow im Pariser Exil zusammengestellt und kommentiert. Bei ihm ist Wahrheit – Prawda – auch gleichbedeutend mit Strafrecht, dies allerdings in einer sehr besonderen Form, in welcher das Verbrechen als Sünde und der Verbrecher als Unglücklicher angesehen wird. Hier ergibt sich vermutlich ein Blick in das, was man lange Zeit als „russische Seele“ bezeichnet hat. Sie ist tief, kaum erklärbar und oft auch in sich widersprüchlich. Aber das macht sie vielleicht dem Leben ähnlich, das sich insgesamt auch nicht immer erklären lässt. In der Steppe bekommt man eine Ahnung davon, wie vielfältig menschliches Leben sein kann und man fährt Station für Station neugierig auf dem rumpelnden Pferdekarren mit. Vielleicht verschmilzt auch bei mir bald das, was ich bei Tschechow lese, mit meinem Leben.
Montag, 10. November 2025
Über Dispensationalismus
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| Peter Thiel |
Die Theorie von den Dispensationen legt über die Weltgeschichte ein Raster von großen Erklärungsmodellen, nach denen die verschiedenen Zeitalter jeweils auf einen großen Grundgedanken basierten. Besonders nachdrücklich geschieht das in verschiedenen Ausprägungen des Christentums. Aber auch die Hippie-Bewegung hat erwartet, dass in der Neuzeit The Age of Aquarius, das Zeitalter des Wassermanns, beginnt, in dem Liebe und menschliches Verständnis regiert.
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| John Nelson Darby |
Durch das Verbot dieser Brüdergemeinden durch die Nazis im Jahre 1938 wurden - jetzt erzähle ich von mir - die Nachkommen meines Urgroßvaters Christian Runkel, der ein Mitbegründer und Leiter der Remscheider Brüdergemeinde war, in verschiedene Richtungen verstreut. Etwa die Hälfte von Ihnen schlossen sich aber wieder einer klassischen Brüdergemeinde an, nachdem diese nach 1945 neu gegründet wurde. Ein anderer Teil, zu dem meine Familie gehörte, ging zu den Baptisten.
Mein Vater, der in vielerlei Hinsicht ein treuer "Bruder" geblieben war, hat viele Gruppen und Konferenzen besucht, die nicht von den Baptisten betrieben wurden, sondern auf die eine oder andere Weise noch die alten Weisheiten der Brüder am Leben erhielten. Ich erinnere mich noch daran, wie er von diesen Konferenzen zurückkam und mir halbwüchsigem Jungen erklärte, wie sich ein Zeitalter auf das andere aufbaute und sich daraus erklärte. Ich weiß auch, dass in der brüdergemeindlichen Bibelschule Wiedenest, ein großes Schaubild an der Wand hing, in welchem die sieben Weltzeitalter dargestellt wurden. Man kann es im Internet finden, ich füge es hier an.
Nachdem die Anschauung, man könne die Weltgeschichte anhand solcher schematischen Betrachtungen erklären, jetzt also wieder prominent geworden ist, habe ich viel über diese Betrachtung nachgedacht. Ich erinnere mich daran, dass mein Vater und seine Freunde letztlich daran gehindert waren, aus ihren Erkenntnissen praktische Politik zu machen. Warum? Nach meinem Eindruck hinterlassen alle Erklärungsmodelle immer wieder große Lücken. Am deutlichsten war mir das schon als Kind, als in den historischen Erklärungen meines Vaters, die finstere Zeit des Zweiten Weltkriegs mit seine Millionen Toten irgendwie ausgeklammert wurde. Zwar war sie bedeutend, um die in der Bibel vorausgesagte Rückkehr der Juden nach Israel zu bewirken, aber um die Millionen Toten unter den Juden und unter den Russen – Soldaten und Zivilisten – und gleichermaßen auch unter den Deutschen zu erklären, reichte keine der Theorien aus.
Später lernte ich, dass der Schöpfer des Wiedenester Zeitplans, Erich Sauer, mit den Nazis recht vorsichtig taktiert hat. Wie sollte er eine Katastrophe, gegen die er sich nicht offen aufgelehnt hat, in ein reines und schönes von Gott gelenktes Weltbild einbauen?
Für mich haben alle diese Erinnerungen den Vorsatz bekräftigt, mein Leben nicht unter den Vorzeichen großer Theorien zu verstehen. Mir hat im Gegensatz dazu der Gedanke von Martin Heidegger gefallen, dass wir "Geworfene" sind, die zunächst einmal nur das verstehen, was wir um uns herum vorfinden. Das schließt große letzte Gedanken an einen Sinn der Weltgeschichte aus. Aber es lädt uns dazu ein, den Lebensbereich, den wir gestalten können, mit Sinn und Wärme zu erfüllen - und dort Gott zu begegnen.
Dienstag, 30. September 2025
Zu Charlie Kirk
Eine Übersicht Hier zunächst die Auseinandersetzung von Kardinal Dolan und den Sisters of Charity aus der Catholic Review.
Eine kritische Reaktion von deutscher Seite hat der von mir sehr geschätzte Jesuitenpater Klaus Mertes in der "Zeit" verfasst. Er sagt – mit meinen Worten – dass der Nationalismus von Kirk wie ein Vorzeichen vor der Klammer seiner sonstigen Gedanken steht. In der Klammer mag stehen, was will, der Nationalismus verkehrt alles ins Negative. Hier sein Artikel "Sie haben den Namen des Herrn missbraucht."
Ich bin gegenüber dieser Bewertung kritisch und schätze eher die ebenfalls konservative, aber differenzierte Bewertung von zwei Journalisten der New York Times.
David Brooks stellt – anders als Klaus Mertes – die genuine Religiosität von Charlie Kirk in den Vordergrund. Er hält es für möglich, dass seine Bewegung bessere Politiker als den moralisch fragwürdigen Donald Trump hervorbringt. Er warnt aber davor, dass die neue Religiosität zusammen mit einer ungezügelten politischen Radikalität eine gefährliche Mischung darstellen kann. Er lässt dabei offen, ob es zwangsläufig dazu kommen muss. Ich zitiere aus seinem hier vollständig nachlesbaren Artikel "We Need to Think Straight About God and Politics":
But the events of the past week have proved that this is a genuinely religious movement and Charlie Kirk was a genuinely religious man. The problem is that unrestrained faith and unrestrained partisanship are an incredibly combustible mixture. I am one of those who fear that the powerful emotions kicked up by the martyrdom of Kirk will lead many Republicans to conclude that their opponents are irredeemably evil and that anything that causes them suffering is permissible. It’s possible for faithful people to wander a long way from the cross.
Ross Douthat sieht ebenfalls die Chancen, die ein christliches Revival mit sich bringen kann, warnt aber ebenfalls vor einer religiösen Bewegung, die nur für ihre Stärke und ihren Glauben bekannt ist – aber nicht für ihre Liebe. Auch hier ein Zitat aus dem Artikel "Christianity after Charly Kirk"
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