Die Rhön als "Land der offenen Fernen", wie sie traditionell bezeichnet wird, habe ich am Wochenende zum ersten Mal in meinem Leben besucht. Die Nachkommen meines Vaters hatten sich zu einem Familientreffen in einer Jugendherberge unterhalb der Milseburg versammelt.
Wüstenhagener Tagebuch
Montag, 4. Mai 2026
Die Rhön
Freitag, 10. April 2026
Mein Großvater als NSDAP-Mitglied
Nachdem in den USA die Kartei mit den NSDAP-Mitgliedern digitalisiert und ins Netz gestellt wurde, gibt es jetzt auch einen deutschen Zugang, den "Die Zeit" geschaffen hat. Erwartungsgemäß habe ich "Adolf Runkel" sofort gefunden - unter immerhin sieben gleichnamigen Parteigenossen.
Mein Vater hatte mir von der Mitgliedschaft des Großvaters erzählt, dabei aber ein wichtiges Detail offenbar falsch in Erinnerung: der Großvater war nicht bereits vor der "Machtergreifung" am 30. Januar 1933 der Partei beigetreten, sondern erst am 1.Mai 1933.Das erklärt, warum der Großvater nie das goldene Parteiabzeichen erhielt, wie er es laut meinem Vater wohl erwartet hatte. Dafür hätte er bereits vor dem 30. Januar 1933 eingetreten sein müssen, am besten mit einer Mitgliedsnummer unter 100.000. Seine Nummer war aber - siehe nebenstehende Kopie - 2.830.170.
Meine Kinder möchten eine Erklärung dafür haben, wie der Urgroßvater sich damals angesichts von dem erkennbaren Unrecht für Hitler entschieden hat. Ich denke, er hat Angst vor dem russischen Kommunismus gehabt - die Revoulution dort war gerade einmal 16 Jahre vorbei, und in Frankreich drohten russische Verhältnisse. Ich weiß, dass er seinen Weg später bereut hat.
Mittwoch, 25. März 2026
Mein Großvater und das Radiergummi
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| Adolf Runkel |
Und dann fragte der Großvater immer: wie oft suchen Sie das Radiergummi? Wenn der Befragte dann etwa sagte „vier mal pro Stunde“, dann rechnete der im Kopfrechnen überaus gewandte Großvater blitzschnell aus, dass die Suche nach dem Radiergummi am Tag 640 Sekunden verbrauchte, in der Woche entsprechend 53 Minuten und im Monat fast 4 Stunden. Auf das Jahr gerechnet waren das 45 Stunden, auf ein ganzes Leben etwa 225 Arbeitstage. Der Mitarbeiter war also auf das ganze gesehen, fast ein dreiviertel Jahr mit der Suche nach einem Radiergummi beschäftigt. So stellte es der alte Chef fest und machte ein ernstes Gesicht dabei.
Und dann legte er dem Techniker nahe,
doch noch einmal zu überlegen, ob man das Radiergummi nicht mit einem Gummiband
am Oberarm befestigen und auf diese Weise immer in Sekundenschnelle im Griff
haben könnte. Keiner von den angesprochenen hat es je gemacht, aber nachgedacht
hat man trotzdem.
Später habe ich gelernt, dass die moderne Industrie solchen
und ähnlichen Gedanken sehr intensiv nachgegangen ist und ganze Systeme daraus
gemacht hat. In Deutschland hieß das REFA, in den Vereinigten Staaten wohl „Human
Relations“. Im Studium habe ich später gelernt, dass die Amerikaner verschiedenen
Versuchspersonen kleine Lampen an beide Handgelenke befestigt und mit einer
Kamera Fotos aufgenommen haben, welche die Bewegungen der Hand mittels
Langzeitbelichtung als Leuchtspuren wiedergab. Hier konnte man später sehen,
für welche Bewegungen relativ lange Wege notwendig waren, und hat in der
Konsequenz die Gegenstände, die die Hand auf diesem langen Weg gesucht hat,
näher an die Mitte des Arbeitsplatzes heran arrangiert.
Am Ende hat sowohl der Mann an der Maschine oder am Zeichenbrett
als auch sein Arbeitgeber profitiert. Der eine hat eine bequemere Arbeit
gehabt, der andere hat für den gleichen Stundenlohn mehr Leistung bekommen.
Auf jeden Fall ist die grundsätzliche Logik solcher
Untersuchungen weltweit anerkannt worden und hat alle Lebensbereiche
durchdrungen. Auch mir ist die Logik einleuchtend erschienen, und ich habe sie
auf viele Bereiche meines Lebens angewandt. Im Alter ist mir dabei immer
deutlicher geworden, dass sie mir mein Leben aber teilweise auch erschwert hat.
Warum? Nun, mein Eindruck ist, dass ich mir in der Folge die Vorgänge, die zur
Bearbeitung auf meinem Tisch lagen, immer wieder fast wie von selbst in kleine
und kleinste Teilarbeiten unterteilt habe, die ich dann jeweils optimiert habe.
Diese Aufteilung in Teilarbeiten hatte nun aber den Nachteil, dass mir der
gesamte Arbeitsaufwand sehr viel größer erschien, als wenn ich nur einen
einzigen, ungeteilten Blick auf die Arbeit getan hätte.
Ein Beispiel: ich habe die vielen kleinen Schritte, die zu
meiner morgendlichen Körperpflege gehören, zunächst so optimiert, dass ich sie
immer in der gleichen Reihenfolge verrichte und dadurch keinen Schritt
vergesse. Das ist hilfreich. Der Nachteil dabei ist aber, dass mir die zähe Abfolge
dieser Schritte, die ich bereits vor dem Aufstehen vor meinem inneren Auge
sehe, so ermüdend erscheint, dass ich zögere und lange warte, bis ich mich
endlich aus dem Bett erhebe. Das, was ich dann zu erledigen habe, erscheint mir
oft als eine arge Quälerei. So erleichtert mir die Analyse meiner Tätigkeiten
auf der einen Seite meine tägliche Arbeit, lässt sie mir aber gleichzeitig auch
sehr viel länger erscheinen, was mich belastet.
Beim Nachdenken über dieses Phänomen habe ich mich an den
Gedanken von Goethe erinnert, der gesagt hat, die Neuzeit habe begonnen, als die
Uhren alle 15 Minuten läuteten, und nicht wie früher erst nach einer halben Stunde. Dieses
schnellere Takten ist also etwas, an das sich alle Menschen gewöhnen müssen.
Die vergehende Zeit erscheint dann aber auch länger zu sein als wenn man sie nur
im Halbstunden- oder Stundentakt misst.
Wir breiten die Arbeiten der Zukunft vor uns aus - und sehen mit Schrecken, was alles auf uns zukommt.
Dienstag, 3. März 2026
Meine Schwester Esther, heute 70 Jahre alt
Als ich in der vergangenen Nacht das silberne Licht des Vollmondes auf dem Fußboden unseres Esszimmers schimmern sah, dachte ich an den Tag vor 70 Jahren zurück, an dem Esther geboren wurde. Es war ein Samstag, und in meiner Erinnerung hat sich festgesetzt, dass unser Vater zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben die Schulbrote schmierte. Früh am Morgen hatte er den Anruf aus dem Krankenhaus bekommen, der Esthers Geburt meldete. Er hatte daraufhin ein wenig mürrisch Worte gemurmelt, in denen "Weiberwirtschaft" vorkam. Er erfuhr durch diesen Anruf, dass er jetzt drei Töchter hatte.
Mittwoch, 18. Februar 2026
Gemeinsames Fasten
In diesem Jahr fällt die muslimische Fastenzeit mit derjenigen der Christen zusammen. Erster Fastentag im Ramadan ist Donnerstag, der 19. Februar, das ist einen Tag nach dem heutigen Aschermittwoch, an dem traditionell die christliche Fastenzeit beginnt. Die Zeit des Verzichtes auf Essen und Trinken endet bei den Muslimen am 19. März, bei den Christen erst an Ostern, am 5. April. Worauf die Christen verzichten, ist nicht verbindlich geregelt. Gerne wird auf Alkohol verzichtet, auch auf Süßigkeiten oder auf Fleisch. Muslimen und Christen gemeinsam ist, dass sie ihren Kopf klar bekommen wollen für neue Gedanken. In diesem Sinne den frommen Fastenden in der Runde: ich wünsche allen eine gute Zeit!
Freitag, 13. Februar 2026
Helmuth Rilling
Helmuth Rilling ist tot. Ich habe als Student in einem seiner Chöre mitgesungen und betrachte es als Glück, dass ich danach eine lebenslange, wenn auch lose Verbindung zu ihm halten durfte. Von ihm konnte man lernen, leise aufzutreten und trotzdem klar zu zeigen, in welche Richtung man gehen wollte.
Samstag, 10. Januar 2026
Ein herzliches Dankeschön
„Amen und Dank!“ schrieb mir vor ein paar Tagen ein lieber Freund, dem ich zu seinem Geburtstag (in den hohen Siebzigern) gratuliert hatte. Diese kurze Form hatte er wohl deshalb gewählt, weil zu seinem Geburtstag sehr viele Grüße und gute Wünsche eingegangen waren, die er nicht alle einzeln ausführlich beantworten konnte.
Ich wiederhole diese Worte heute ebenfalls „Amen und Dank!“ weil auch bei mir die Vielzahl der guten Wünsche (rund 100) eine individuelle Beantwortung schwierig macht. Ich bin von der großen Zahl überwältigt, weil ich bei zunehmendem Alter ein abnehmendes Interesse an meiner Person erwartet hatte. Das Netz der Kontakte wird nach meinem Eindruck im Alter dünner, vor allen Dingen, weil man älter werdend eher faul und nachlässig wird, solche Kontakte zu pflegen.
Aber - die Grüße und Glückwünsche gestern und auch noch heute haben mir das Gegenteil gezeigt. Und so ist es jetzt in meinem Herzen sehr warm.
Nochmal deshalb: Amen und Dank!




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