Sonntag, 6. September 2026

A healthy interest in life

Im letzten der vier Rabbit-Bände von John Updike erleidet der Titelheld Harry („Rabbit“) Angststrom einen Herzinfarkt, den er knapp überlebt. In der Rekonvaleszenz bekommt er vom behandelnden Arzt eine Reihe von Ratschlägen bezüglich Tabletten, Sport und Ernährung und außerdem den Rat „the best thing for a body is a healthy interest in life“. Das beste für einen Körper ist ein gesundes Interesse am Leben.

Ich habe diesen Ratschlag vor vielen Jahren gelesen und seither nicht vergessen. Heute, wo ich in einem Alter bin, in dem ich solche Ratschläge aufmerksam hören sollte, stelle ich fest, dass die Befolgung auf ein gewisses Problem trifft: man kann sich zwar um ein verbessertes Interesse am Leben bemühen, wird aber feststellen, dass umgekehrt das Leben sich nicht mehr allzu sehr um einen selbst bemüht.

Die alten Freunde haben – wenn sie überhaupt noch leben – wenig Energie, um einen geplanten Besuch endlich wahrzumachen. Die jungen Leute halten einem höflich die Türe auf, gehen dann aber schnell ihres Weges, um sich mit Altersgenossen zu unterhalten und nicht mit einem alten, uninteressanten Menschen wie mir. Selbst die Enkelkinder, die mir mit „Opa! Opa!“ entgegen laufen, wenn ich sie besuche, verlieren schnell das Interesse an mir, vielleicht deshalb, weil meine Themen sie nicht besonders reizen.

So geht also das Leben weit draußen an mir vorbei, und die Fäden, die mich mit ihm verbinden, werden immer länger und dünner. Auch in Updikes Buch bewirkt der gute Rat eher das Gegenteil: Angstrom macht das, was er in seinem Leben immer besonders gut gekonnt hat, er spielt Basketball, und zwar an einer Straßenecke mit einem dort spielenden Jugendlichen. Dabei erleidet er den zweiten Herzinfarkt, der dann am Ende tödlich ist.

 

Freitag, 21. August 2026

Tolstoi lesen mit KI

Kürzlich habe ich noch einmal im Krieg und Frieden geblättert und die ersten sechs Kapitel über die Abendgesellschaft bei der Hofdame Anna Pawlowa Scherer gelesen. Zu meinem Erstaunen fand ich, dass zwei der wichtigsten Figuren des Romans – Pierre Besuchew und Andrej Bolkonski – gleich zu Beginn vorgestellt werden.

Ihre Geschichte im weiteren Verlauf des Romans war mir allerdings nicht mehr klar. Ich hatte das Buch zuerst 1984 und ein weiteres Mal 1993 gelesen, so war es auf dem hinteren Buchdeckel vermerkt. Aber ich wollte natürlich nicht alle 1.600 Seiten ein drittes Mal lesen, um meine Erinnerung wieder zu vervollständigen. 

Geholfen hat mir die künstliche Intelligenz in der Form einer Anfrage bei ChatGPT. Sie ergab in allerkürzester Zeit, dass Pierre Besuchew zunächst eine unglückliche Ehe mit der schönen, aber untreuen Helene Kuragin einging, wobei diese aber später starb und ihm die Freiheit gab, am Ende die bezaubernde Natascha Rostowa zu heiraten. 

Auch die Geschichte von Andrej Bolkonski klärte ChatGPT auf: er kommt mit seiner hübschen Frau Lisa zu Anna Pawlown. Lisa ist an einer etwas zu schmalen Oberlippe erkennbar, die ihre Schneidezähne entblößt und die außerdem von einem zarten Pflaum verziert wird, allerliebst. Sie ist schwanger und wird bei der Geburt des Kindes sterben, was Andrej die Möglichkeit gibt, sich neu zu verlieben. 

Das alles weiß ich jetzt nach nur 30 Seiten im Roman, weil mir ChatGPT auf alle meine Fragen umgehend geantwortet hat. Ich empfinde das als eine neue Methode, alte Bücher noch einmal zu lesen. Mir gefällt sie nicht schlecht.

Donnerstag, 2. Juli 2026

Freier Wille und Zeit vs. Vorsehung und Ewigkeit

 

"Beendet: Boëthius' 'Consolationes', die ich im Bahnhof von Karlsruhe inmitten Betrunkener zu lesen begann. Der Gipfel des Werkes liegt in der Zuordnung von freiem Willen und göttlicher Fügung — Boëthius verlegt den freien Willen in die Zeit, die Fügung aber in die Ewigkeit. Da wir in beiden leben, so schalten wir in unseren Taten in voller Freiheit, und dennoch sind sie zugleich in jeder Einzelheit vorherbestimmt. Auf diese Weise untersteht der Handelnde zwei Qualitäten, von denen die eine der anderen unendlich überlegen ist. Im höheren Rahmen mögen wir uns bewegen, wie wir wollen, dennoch verharren wir in ihm. In allem ist, wie ein Gewürz, auf wunderbare Weise zugleich die Ewigkeit.

Diese Einsicht ist einer der Punkte, eines der Kaps, an die das menschliche Denken gelangen kann. Kant zieht die theologische Unterscheidung auf logische Weise nach; seine alles zermalmende Wahrheit ist also eine Wiederholung der Wahrheit schlechthin. Im Grunde gibt es keine neuen Wahrheiten — neu ist hier eine widersprechende Eigenschaft.

Gewisse Beziehungen fielen mir beim Lesen auch zu Tolstoi auf — insbesondere zu dem merkwürdigen Vorwort, das 'Krieg und Frieden' einleitet. In ihm untersucht Tolstoi die Tatsache, daß der Mensch als Einzelwesen seine Entscheidungen in voller Freiheit trifft und daß diese Entscheidungen dennoch in eine feste Statistik einmünden. So bleibt die Zahl der Selbstmorde im Verlauf der Jahre sich beinahe gleich, nur die Motive ändern sich. Eine je größere Anzahl freier Entscheidungen sich summiert, desto mehr verschwindet der freie Wille aus dem Resultat. Das erlaubt umgekehrt den Schluß, daß im freien Willen des Einzelnen ein unbekannter Faktor sich verbirgt, der in den Entschlüssen der Gattung sichtbar wird. Nach Tolstoi ist uns Willensfreiheit auch um so weniger gegeben, an je entscheidenderer Stelle wir tätig sind.“

Tagebuch 13. Februar 1940, Ernst Jünger

Mittwoch, 3. Juni 2026

Der Katechon des Peter Thiel

Das besondere an Peter Thiel für mich ist weniger seine Unterstützung der MAGA-Bewegung von Donald Trump, sondern viel mehr seine Theorie von der Entwicklung der Welt auf einen letzten Totpunkt hin. Er hat dies in einem langen Interview mit der New York Times dargelegt, die ich im folgenden für alle zugänglich verlinkt habe.

Er erklärt darin gleich zu Beginn, dass die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Bereichen zu einem Stillstand gekommen ist oder sich zumindest verlangsamt hat. Diese pessimistische Weltsicht wird von Thiels allgemeiner Anschauung getragen, dass eine Endzeit recht unmittelbar bevorsteht. Sie wird allerdings , so der zweite Teil seiner Theorie, durch eine gnädige Einrichtung noch ein wenig aufgehalten. Das ist die Rede vom Katechon, den Peter Thiel aus einigen apokalyptischen Stellen der Bibel herausgelesen hat. 

Offenbar greift er dabei auf den deutschen Staatsphilosophen Carl Schmitt (1888-1985) zurück, der über den Katechon geschrieben hat.

Der Glaube an den Katechon ist die einzige Möglichkeit, Geschichte christlich zu verstehen.

Erwähnt wird der Katechon im zweiten Kapitel des 2. Thessalonicherbriefes, in welchem über die Wiederkunft, Christie, die Parusie gesagt wird:

(Vers 7) Das Geheimnis des Frevels ist bereits wirksam; nur muss der, der es jetzt aufhält (katechon), erst hinweggetan werden.

Wenn man den Einwand beiseite lässt, wonach aus der MAGA-Bewegung nichts Gutes kommen kann, so bleiben doch zwei Gegenargumente gegen die Überlegungen von Peter Thiel.

Zum einen ist die endzeitliche Ausrichtung der Weltgeschichte kaum aus dem Bereich des Glaubens in den Bereich des konkreten Wissens zu übertragen. Man spürt das beim Lesen des Interviews mit der New York Times, in welchem Peter Thiel seine kulturkritischen Aussagen selbst relativiert. Es gäbe durchaus noch Fortschritt, etwa im Bereich der Computer, gibt er zu. Wenn also nicht alles den Bach heruntergeht, ist kein Katechon notwendig.

Der zweite Einwand ist komplizierter. Die Aussagen aus dem zweiten Thessalonicherbrief sind traditionell sehr verschieden gedeutet worden und eine neuere Deutung (Norbert Baumert) geht von der Annahme aus, dass Paulus nicht von der Gegenwart Gottes in der Wiederkunft Christi (Parusie) ausgeht, sondern von der charismatisch jederzeit zu erfahrenden Gegenwart Gottes im Gottesdienst. Entsprechend wäre der böse Gegenspieler, der Katechon, ein in der Gemeinde lebender Hochstapler, der die Gegenwart Gottes gewissermaßen herbeizaubern möchte oder gar sich selbst als Träger dieser Gegenwart feiern lässt.

Beide Einwände würde dem Katechon des Carl Schmitt und des Peter Thiel größtenteils den Boden entziehen.

 

Donnerstag, 21. Mai 2026

Mit offenen Armen


Aus meiner frühen Jugendzeit habe ich ein Lied im Kopf, das auch heute immer wieder einmal aus meiner Erinnerung hochkommt und mir Freude bereitet. Es verbindet sich bei mir mit dem Moment, als ich mich als 14-jähriger gerufen fühlte, mich dem Glauben an Jesus hinzugeben und ein Leben lang in seine Nachfolge zu treten. Das Lied wurde während einer Evangelisation von einem kanadischen Männerduett gesungen und gipfelte in der Einladung.

Mit off'nen Armen lädt er dich ein


Wenn ich mich richtig erinnere, waren es weniger die Worte, die mich einluden, mich den offenen Armen Jesu anvertrauen. Es war viel mehr die anschwellende Melodie, die mich anzog. Ich nehme heute an, dass wichtige Anstöße für meinen Glauben nicht über die Botschaft der Worte, sondern über die Versprechungen kamen, welche die Musik enthielt.


Nun habe ich die Quellen dieses Liedes erforscht und gefunden, dass es in den fünfziger Jahren in den USA entstanden ist und dort den Titel hat.


It is no secret what God can do


Zu meinem Erstaunen fand ich, dass dieses Lied unter anderem auch von Elvis Presley und Johnny Cash gesungen wurde. Der Komponist ist berühmt geworden, Stuart Hamblen (1908 – 1989). Er war ein wilder Rodeo-Reiter und Cowboy-Darsteller in vielen Filmen, hat sich später bei Billy Graham bekehrt und  dann außer diesem Lied noch einen Welthit geschrieben


This Ole House


Das Lied ist mit seinem rockigen Rhythmus auf den Tanzflächen der ganzen Welt erklungen und wurde ebenfalls u.a. auch von Elvis Presley und Johnny Cash gesungen. Bei uns ist eine deutschen Version bekannt geworden durch den Sänger Shakin' Stevens. 


Stuart Hamblen hat später erzählt, er habe bei einem Jagdausflug tief im Wald eine heruntergekommene Hütte gefunden und darin einen alten Mann, der bereits tot war. Die Erinnerung an das volle Leben, dass einmal in dieser Hütte geherrscht hat, sind verklungen, aber Hamblen lässt den alten Mann Trost darin finden, das  er die Aussicht hat, bald im Himmel auf die Heiligen / the Saints zu treffen. I'm gettin' ready to meet the saints.


So zählt er die Reparaturen auf, die er sich alle ersparen kann


Ain’t gonna need this house no longer

Ain't gonna need this house no more

Ain't got time to fix the shingles

Ain’t got time to fix the floor

Ain't got time to oil the hinges

Nor to mend the window-pane

Ain't gonna need this house no longer

I'm gettin' ready to meet the saints 


Die Wiederbegegnung mit Stuart Hamblen freut mich. Vielleicht steht das Lied vom alten Haus über dem Ende meines Lebens so wie There is no Secret verheißungsvoll über seinem Anfang gestanden hat.

Montag, 4. Mai 2026

Die Rhön

Die Rhön als "Land der offenen Fernen", wie sie traditionell bezeichnet wird, habe ich am Wochenende zum ersten Mal in meinem Leben besucht. Die Nachkommen meines Vaters hatten sich zu einem Familientreffen in einer Jugendherberge unterhalb der Milseburg versammelt.

Die Rhön ist ein Land mit weichen Landschaftsformen und ohne dramatische Gipfel. Die Wasserkuppe, mit 950 m höchster Punkt, ist eine fast tellerebene Hochfläche. Aber auch ohne steile Bergspitzen man hat von vielen Punkten wunderbare Ausblicke in die tatsächlich hier sehr offenen Fernen und in das weite Tal bei Fulda.

An manchen Stellen meinte ich die Landschaft so oder ähnlich schon einmal gesehen zu haben, und zwar in dem alten Volksliederbuch, das Tomi Ungerer 1975 mit schönen Zeichnungen versehen hat.

Freitag, 10. April 2026

Mein Großvater als NSDAP-Mitglied


Nachdem in den USA die Kartei mit den NSDAP-Mitgliedern digitalisiert und ins Netz gestellt wurde, gibt es jetzt auch einen deutschen Zugang, den "Die Zeit" geschaffen hat. Erwartungsgemäß habe ich "Adolf Runkel" sofort gefunden - unter immerhin sieben gleichnamigen Parteigenossen.

Mein Vater hatte mir von der Mitgliedschaft des Großvaters erzählt, dabei aber ein wichtiges Detail offenbar falsch in Erinnerung: der Großvater war nicht bereits vor der "Machtergreifung" am 30. Januar 1933 der Partei beigetreten, sondern erst am 1.Mai 1933. 

Das erklärt, warum der Großvater nie das goldene Parteiabzeichen erhielt, wie er es laut meinem Vater wohl erwartet hatte. Dafür hätte er bereits vor dem 30. Januar 1933 eingetreten sein müssen, am besten mit einer Mitgliedsnummer unter 100.000. Seine Nummer war aber - siehe nebenstehende Kopie - 2.830.170. 

Meine Kinder möchten eine Erklärung dafür haben, wie der Urgroßvater sich damals angesichts von dem erkennbaren Unrecht für Hitler entschieden hat. Ich denke, er hat Angst vor dem russischen Kommunismus gehabt - die Revoulution dort war gerade einmal 16 Jahre vorbei, und in Frankreich drohten russische Verhältnisse. Ich weiß, dass er seinen Weg später bereut hat.