Samstag, 7. Januar 2023

Gilead


Sie singen immer noch die Evangeliumslieder vom „Alt rauhen Kreuz“ und vom „Fels des Heils geöffnet mir“, und wenn sie sich in ihrer altersmilden Weisheit über die Wege der Menschen auf dieser Erde unterhalten, so verwenden sie vielfach die Begriffe aus ihrer reformatorischen Tradition, die in ihrem Ursprung auf die Schriften Johannes Calvins zurückgehen.

Die beiden Pastoren, Presbyterianer, der eine, Kongregationalist der andere, leben in der kleinen Stadt Gilead mitten in der Prärie im amerikanischen Bundesstaat Iowa und werden in ihrem Alter jenseits der 70 von ihren Gemeindemitgliedern liebevoll betreut. Man hat ihnen versprochen, die alten Kirchengebäude, in denen sie jeweils als junge Pastoren ihren Dienst angetreten sind, erst nach ihrem Tod abzureißen und neu zu bauen. Die beiden unterscheiden sich in ihren Meinungen nur geringfügig und meistens auch nur dann, wenn es um die Politik des Präsidenten Eisenhower geht.

In die Harmonie der kleinen Stadt brechen zwei Störungen ein. Der verlorene Sohn des einen Pastors kehrt nach 20 Jahren nach Hause zurück, und die lange Witwenschaft des anderen endet, nachdem er eine junge Frau heiratet, die als etwas verwahrloste Wanderarbeiterin eines Tages vor seiner Tür steht und ihm zunächst in Haus und Garten hilft.

Die Hochzeit mit dieser Frau wird mit einem Kind gesegnet, das den bis dahin kinderlosen Pastor zu einem glücklichen Vater macht. Angesichts seiner nur noch kurzen Lebensspanne beginnt er, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben, damit der kleine Junge sie eines Tages lesen kann.

Der verlorene Sohn des anderen Pastors ist 40 Jahre alt und war von klein auf das schwarze Schaf der Familie. Nach ein paar Diebstählen und sonstige Vergehen, die ihn mit dem örtlichen Sheriff überkreuz brachten, verschwand er aus Gilead und war mit dem unglücklichen Vater nur insoweit verbunden, als dieser nie aufhörte, für den Sohn zu beten.

Als er dann zurückkam, stellte sich zur Überraschung aller heraus, dass er ein durchaus charmanter und sowohl in der Bibel, als auch in den Schriften Calvins bewanderte Mann war. Sogar die alten Evangeliumslieder wie "Wenn nach der Erde, Leid, Arbeit und Pein" konnte er auf dem Klavier begleiten. Aber seine immer wieder aufbrechende, mit Alkoholismus verbundene schlechte Art bekam er nicht in den Griff, obwohl der Aufenthalt in seiner Heimat ihm dazu helfen sollte.

An dieser Stelle füllt sich die theoretische Beschäftigung mit der Theologie Calvins überraschend mit Leben. Es stellt sich die Frage, ob dieser immer wieder in sein Unglück rennende Mann eine Chance hat, sich zu verändern. Er selbst verneint das – und argumentiert dabei letztlich mit der Prädestinationslehre von Calvin. Er ist zu dem Leben eines Kleinkriminellen prädestiniert, nimmt er an.

Nur die Wanderarbeiterin Lila, die den anderen Pastor geheiratet hat, behält die Zuversicht, dass auch
für Menschen wie ihn eine Änderung möglich ist. Aber das ist eine lange Geschichte mit langen, lebendig geführten Dialogen, für die es lohnt, dieses Buch der Amerikanerin Marilynne Robinson (geboren 1943) zu lesen. Hier im Bild steht sie neben Barack Obama, der ihre Bücher auf einer Wahlkampfreise durch Iowa für sich entdeckt hat. 

Montag, 31. Oktober 2022

Mevlüde Genç (5. Februar 1943 – 30. Oktober 2022)


Gestern ist das Oberhaupt der Familie Genç, die am 29. Mai 1993 bei dem Brandanschlag in der Unteren Wernerstraße 81 in Solingen fünf Mitglieder verloren hatte, in Solingen gestorben. Sie wurde 79 Jahre alt.

Bei dem Anschlag haben sie und ihr Mann zwei Töchter im Alter von 28 und 19 Jahren verloren, außerdem zwei Enkelkinder, neun und fünf Jahre alt, und eine zwölfjährige Nichte. Andere Mitglieder ihrer Familie wurden teilweise schwer verletzt.

Zur Verantwortung gezogen wurden vier junge Männer aus Solingen, die zum Tatzeitpunkt teilweise noch unter Jugendstrafrecht standen.

Ich erinnere mich noch gut, dass damals mit türkischen Fahnen wie gepanzert wirkende Autos durch meine Heimatstadt Remscheid in Richtung auf den Nachbarort Solingen fuhren. Ein großer grüner BMW, dessen Motorhaube ganz mit einem roten, mit Halbmond und Stern verzierten Fahnentuch bedeckt war und dessen junge Insassen finster und entschlossen in Richtung Solingen blickten, ist mir noch in besonderer Erinnerung. Ich bin selbst zwei oder drei Tage nach dem Anschlag in die Untere Wernerstraße gefahren und habe zusammen mit vielen anderen betroffenen Menschen an der Ruine gestanden.

Ich habe später erfahren, dass die besonnene und von Anfang an versöhnliche Reaktion der Familie Genç ganz stark dabei mitgeholfen hat, die damals beginnenden gewalttätigen Unruhen im Keim zu ersticken. Ich sehe noch in der Nähe des Tatortes die mit großen Holzplatten abgesicherten Schaufenster verschiedener Solinger Geschäfte vor mir. Uns allen drohte damals eine große Eskalation.

Meine eigene Reaktion sah damals so aus, dass ich eine Handvoll türkische und deutsche Geschäftsleute aus meinem Bekanntenkreis zusammengerufen und ein regelmäßiges Mittagessen in einem China-Restaurant veranstaltet habe, dessen Essen ich damals für "halal" hielt. Wir waren uns einig, dass sich solche Anschläge nicht wiederholen durften und wollten unseren persönlichen Beitrag dazu leisten.

Weder der verblendete Hass der Attentäter noch der Ruf nach Vergeltung unter dem aufgebrachten jungen Türken entsprang der Mitte der Gesellschaft, in der wir lebten. Die Mehrheit war der Überzeugung, dass Anschläge und Krawalle gleichermaßen nicht zu unseren Grundsätzen passten..

In allem hat die besonnene Reaktion besonders von Mevlüde Genç die Wogen geglättet. Türkische Freunde, die Frau Genç später besucht haben, erzählten mir von dem starken persönlichen Eindruck, den sie von dem Besuch mitgenommen haben. Mevlüde Genç wollte die überlebenden Familienmitglieder nicht mit einer ewigen Trauer belasten und außerdem das Land, in dem sie lebte und dessen Bürgerin sie wenige Jahre nach dem Attentat wurde, nicht dauerhaft mit Vorwürfen überziehen. Das Attentat hatten verirrte junge Leute begangen, halbe Kinder teilweise noch. Es war in Deutschland geschehen, es war aber dem Land nicht insgesamt anzulasten.

Mevlüde Genç hat Frieden gestiftet. Möge sie in Frieden ruhen. 

  

Mittwoch, 21. September 2022

Ein verwirrender Auftritt Putins



So wie Wladimir Putin auf einer Pressekonferenz der Shanghai Organisation für Zusammenarbeit (SCO) am 18. September auftritt, verwirrt er mich. Er ist nicht der Respekt gebietende Herrscher eines Weltreiches, auch keiner, der – wie Donald Trump – seine plakativen Thesen vortragen will, und ein Hitler oder Stalin ist er erst recht nicht. Er entwickelt seine Gedanken in recht freier Form während er redet, unterbricht sich gelegentlich, sucht nach einem Wort, räuspert sich immer wieder und wirkt wie ein gut ausgebildeter Experte für Fragen des politischen Alltags, nicht wie der alles beherrschende Imperator. "Guten Abend - ich höre." So knapp und sachlich beginnt er.

Die ihn fragenden Journalisten wirken frei, werden von ihm auch nicht – wie bei Donald Trump – in irgendeiner Form gemaßregelt oder herabgesetzt. Das alles geht in einer recht freien Form seinen Weg. Die Seite "Kremlin.ru" hat das englischeTranskript.

Für ihn ist offenbar die „Operation" in der Ukraine nur ein vergleichsweise kleines Thema, auch wenn die Journalisten ihn immer wieder danach fragen. Putin redet über die internationalen Auswirkungen des Konfliktes und berichtet etwa detailliert, dass von den mittlerweile 121 Schiffen mit Getreideladungen bedauerlicherweise nur drei bei armen Völkern angekommen sind. Der Westen hätte sich den größten Teil der Lieferungen selbst nach Hause beordert, was Putin zu der leidenschaftslosen Feststellung veranlasst, dies alles seien frühere Kolonialmächte, die sich auch heute nicht abgewöhnt hätten, auf Kosten der ärmeren Länder zu leben.

Was die Energieknappheit in Europa betrifft, so weist er daraufhin, dass schon lange vor der „Operation“ in der Ukraine die Europäer ihre Energieversorgung von Öl / Gas auf alternative Energien umgestellt hätten. Dass das alles nicht zum selben Preis zu haben sei, das hätten die Europäer nicht berechnet – ihr Fehler.

In dieser in einem ruhigen Wohnzimmerton vorgetragenen Gedankenkette sucht man vergeblich nach der großen Lüge, in die sich das Denken Putins verstrickt hat. Wie gesagt – er ist kein Hitler und kein Napoleon, er ist aber auch kein Joseph Goebbels und kein Donald Trump, der ständig seine plakativen Thesen vor sich her trägt.

So wie er da steht und sehr selbstsicher seine Gedanken vorträgt, steigt der Gedanke in einem hoch, was wäre, wenn er tatsächlich den Krieg gewinnt. In dem bekannten Buch „The Rise and Fall of the Great Powers“ (Paul Kennedy, 1988) wird gleich zu Beginn die These vertreten, dass die stärkeren finanziellen Mittel am Ende viele Kriege entscheiden. 

"... victory has repeatedly gone to the side with the more flourishing productive base—or, as the Spanish captains used to say, to him who has the last escudo."

Da ist Putin zweifach im Vorteil – er verfügt über einen gigantischen Vorrat an Rohstoffen und hat auf unserer Seite Gegner, die möglicherweise schon recht bald über zusammenbrechenden Lieferketten und erschöpfte, von steigenden Zinsen belastete öffentliche Haushalte in die Knie gezwungen werden.

Schön ist das alles nicht.

Samstag, 27. August 2022

Im Fischerhaus

Gestern hat mir der 74-jährige Eigentümer unserer Ferienwohnung die Geschichte seines Hauses erzählt. Es ist tatsächlich, wie wir bisher angenommen hatten, ein Fischerhaus, war dies aber nicht immer.

Der um das Jahr 1900 hier wohnende Fischer befischte die an dieser Stelle zu einem bis zu 600 m breiten See aufgestaute Havel und hatte zum See hin einen etwa 25 m breiten Garten, den eine stabile Mauer zum Wasser abschloss und der an einer Seite einen Anlegesteg und eine flache Stelle hatte, an der man ein Boot zu Wasser lassen konnte.

Er hat dieses Anwesen in den dreißiger Jahren an einen wohlhabenden Berliner Kaufmann übertragen, der hier ein Nest für seine Geliebte und ein gemeinsames Kind einrichtete und regelmäßig am Wochenende zu Besuch kam.

Der Großvater des gegenwärtigen Eigentümers war ebenfalls Fischer gewesen , in Pommern, und hatte sich nach den Wirren des ersten Weltkrieges, in denen der Danziger "Korridor" entstand, weiter westlich eine neue Heimat gesucht. So war er Fischer an der Havel geworden und hatte auch seine Kinder in diesem Beruf erzogen.

Auch sein Enkel, der jetzige Eigentümer, versteht sich noch auf das Aufstellen von Reusen und auf viele andere Dinge, die man für den Fischfang gelernt haben muss. Er hat aber sein Geld überwiegend mit Arbeiten in der Industrie verdient.

Sein Vater hat das Anwesen erst in den siebziger Jahren von der mittlerweile hochbetagten Geliebten des
Berliner Kaufmanns oder deren Erben erworben und hat noch eine Zeit lang von diesem Haus aus die Havel befischt. Er hatte vorher an einer anderen Stelle in Werder gewohnt und hatte dort als Fischer die Veränderungen erlebt, die durch die Enteignung und Neuordnungen der DDR entstanden waren – und später auch noch deren Rückbau. Der Sohn stellt die Arbeit in der Fischerei-Kolchose positiv dar, trotz des anfänglichen Ärgers, den der Vater aufgrund  des Verlustes seines Eigentums empfunden hat. 

Über die neuen Entwicklungen durch Zuzug reicher Leute auf die Insel spricht der Sohn, unser Wirt, kritisch, obwohl er erkennbar selbst davon profitiert hat. Einige Nachbarhäuser ähnlicher Bauart und ebenfalls mit Zugang zur Havel, würden mittlerweile für siebenstellige Beträge gehandelt, erzählt er.

Das alte Fischerhaus lag wie gesagt am oberen Ende eines langen Gartens, unmittelbar an der Straße. Der jetzige Eigentümer ist von Potsdam aus in den neunziger Jahren nach Werder gezogen, da lebte sein Vater noch, und hat sich unterhalb des alten Fischerhauses einen Bungalow in den Garten gebaut

Das Fischerhaus hat er gründlich renoviert und zwei Ferienwohnungen darin eingerichtet, in deren einer wir jetzt zum wiederholten Male wohnen. Schön ist es hier!




Freitag, 26. August 2022

Die pascalsche Wette

Kürzlich las ich die kritisch-spöttischen Worte eines Mannes, der sagte, im Himmel würden die Leute, die aufgrund der pascalschen Wette geglaubt haben, mit Stirnrunzeln empfangen und in einer Abteilung zweiter Klasse untergebracht. Ich habe diese Bemerkung so verstanden, dass ein Glaube, der auf reinen Wahrscheinlichkeitsüberlegungen aufbaut, nicht als vollwertig anerkannt werden kann.

Die pascalsche Wette sagt, dass die größere Wahrscheinlichkeit, bei der Entscheidung Glaube/Unglaube sein Glück zu machen, auf der Seite „Glaube“ liegt. Im Falle, dass dieser Glaube nicht richtig liegt, schadet das nichts. Im Falle dass der Unglaube dagegen sich als falsch erweist, gerät der Mensch in große Probleme.

Zur Verteidigung der pascalschen Wette las ich jetzt in einem älteren Artikel von Rüdiger Safranski, dass er gar nicht annehme, Pascals Glaube habe sich aus dieser Wette begründet*. „Es ist wohl eher so, dass etwas in ihm glauben will oder schon glaubt, und der Intellekt bietet ihm (und anderen Zweiflern) ein Kalkül an, mit dessen Hilfe er sich gegen mögliche Einreden zu seinem Glauben ermuntert.“

Was könnte das sein, das „in uns glaubt“? Safranski nimmt an, dass der Gläubige Christ sagen würde, so Safranski: „Christus ist in mein Leben getreten und seine lebendige Gegenwart ist dasjenige, was mich glauben lässt.“

Mich hat dieser Satz aus Safranskis Mund verwundert, hat mich aber auch gleichzeitig an Erlebnisse in meiner Kindheit erinnert, in denen die meisten Christen in meiner Umgebung von sich sagten, sie hätten Jesus „in ihr Herz gelassen“ und dass sei letztlich die Quelle ihres Glaubens.

Mittlerweile muss ich von den meisten Christen in meiner Umgebung annehmen, dass sie eher einer intellektuellen Erwägungen ähnlich der pascalschen Wette folgen, wenn sie von sich selbst sagen, dass sie glauben.

Die intellektuelle Durchdringung der Welt mit ihren überwältigenden Ergebnissen verlangt von uns allen, dass wir auch den Glauben intellektuell begründen können, eine „Rechenschaft vom Glauben“ abgeben können, die kritischem Nachdenken genügt.

Aber genügt sie den Ansprüchen an einen wirklich gefestigten Glauben? In dem Buch von 1995, in dem der Artikel von Rüdiger Safranski erschienen ist**, schreibt auch Botho Strauß von einem ähnlichen Zugang zum Glauben: er zitiert Ernst Jünger, dem das fragliche Buch gewidmet ist, dass zwei Denker (Vico und Hamann), die nicht in der Tradition der Aufklärung (Kant und Descartes) stehen, letzteren vorzuziehen sind, denn „die Kraft dieser Geister beruht auf Offenbarung, nicht auf Erkenntnis.“



* Pascal hat eine Offenbarung erlebt, über die er eine Aufzeichnung notiert hat, die er zeitlebens mit sich herumtrug. Sie lautete:


Jahr der Gnade 1654

Montag, den 23. November, Tag des heiligen Klemens, Papst und Märtyrer, und anderer im Martyrologium.

Vorabend des Tages des heiligen Chrysogonos, Märtyrer, und anderer.

Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht

                                Feuer

Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten.

Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede. Der Gott Jesu Christi.

Deum meum et Deum vestrum.

Dein Gott ist mein Gott.

[...]


** "Magie der Heiterkeit, Ernst Jünger zum Hundertsten", Herausgegeben von Günter Figal und Heimo Schwilk

Montag, 15. August 2022

Mein Leben als Busfahrer

Nachdem ich im Juli aus meiner Firma ausgeschieden bin, ist mir der Gedanke vertrauter geworden, zukünftig gelegentlich statt des Autos die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Besonders entgegen kam mir dabei das für drei Monate angebotene Neun-Euro-Ticket, das ich für den Monat Juli erworben, dann zwar nicht benutzt aber durch Internet-Recherchen rund um das Ticket doch viel Nützliches gelernt habe.

So ist etwa die Suchfunktion "Routenplaner" in Google Maps so ausgestattet, dass über das Symbol für Busse und Bahnen sämtliche Haltestellen in der Nähe und sämtliche hinterlegten Fahrpläne abzurufen sind. Ich kann also mitten im Wald auf die Idee kommen, ich wollte jetzt mit dem Bus oder der Eisenbahn nach Hause fahren – und Google Maps führt mich zur nächsten Haltestelle am Waldrand und von dort nach Hause.

Meine allererste Busfahrt mit dem neuen Wissen habe ich heute nicht ganz freiwillig gewählt – ein Augenarzttermin brachte es mit sich, dass meine Pupillen erweitert wurden, was das Fahren mit dem eigenen Auto unmöglich machte.

Tickets lassen sich papierlos auf das Handy bestellen (siehe die Abbildung) das lernte ich auch. Es erwies sich allerdings – erste negative Erfahrung – als relativ schwierig. Wer sich einmal in den komplizierten Strukturen der Internetseiten eines örtlichen Nahverkehrsunternehmens verwirrt hat, fragt sich, warum es bei Amazon mit zwei Klicks möglich ist, eine komplette Stereoanlage zu bestellen, während es etwa die Remscheider Verkehrsbetriebe darauf anlegen, den Kunden eine Reihe von Stolpersteine in den Weg zu legen, bevor sie für € 2,90 ein elektronisches Ticket erhalten können.

Nachdem mir dies nun aber mit einiger Mühe gelungen war, setzte ich mich nach Auswahl des passenden Busses an die nächste Haltestelle und wartete auf die Linie 654, die mit einigen Minuten Verspätung schließlich auch kam. Eigenartigerweise nahm der Busfahrer mein mit dem Handy hochgehaltenes elektronisches Ticket kaum zur Kenntnis. Die Frage blieb unbeantwortet, ob man das Handy  an die Stirnseite des kleinen Kastens halten muss, der vorne neben dem Fahrer aufgestellt ist, oder auf den Kasten oben drauf legen muss. Egal, ich hatte den Eintritt geschafft.

Ich ging dann zielstrebig vom Fahrer weg einige Schritte in den Mittelgang des stark überfüllten Busses, als der Fahrer dann schließlich doch etwas hinter mir her rief. Ich verstand es zunächst nicht und hatte es auch gar nicht auf mich bezogen, bis die Augen von einem guten Dutzend arabisch aussehender Frauen alle auf mich gerichtet waren und eine von ihnen auf mich zeigte und sagte „Maske!“ Jetzt verstand ich auch, was der Busfahrer in einem überaus barschen Ton rief, ich solle nämlich eine Maske aufsetzen.

Ich war jetzt recht unsanft aus der Komfortzone herausgerissen, in der ich mich regelmäßig befinde, wenn ich Transaktionen im Amazon-Paradies abwickle. Ich weiß nicht, ob der grobe Busfahrer anders reagiert hätte, wenn er gewusst hätte, dass dies die allererste Fahrt mit einem elektronischen Ticket für mich war.

Immerhin stand eine der jüngeren Frauen mit den arabischen Augen auf und bot mir ihrem Platz an – für einen älteren Mann, der in der Illusion lebt, man sehe ihm sein Alter nicht an, ein eher unangenehmer Vorgang. Allerdings konnte ich ab da meine Fahrt fortsetzen und in dem Buch lesen, dass ich mir in Erwartung einer längeren Wartezeit beim Augenarzt mitgenommen hatte. „Der Tod des Iwan Iljitsch“ von Leo Tolstoi. Wie sich herausstellte, war es eine gute Einstimmung auf die Probleme des Alters.


Dienstag, 12. Juli 2022

Festschrift 1948

Von der Stirne heiß
Rinnen muss der Schweiß
Soll das Werk den Meister loben
Doch der Segen kommt von oben.

Durch Vermittlung eines verwandten Architekten wollte der Maurerpolier Christian Runkel von Barmen aus, wo er mit seiner zahlreichen Familie wohnte, einem Freunde in Remscheid ein Haus bauen. Im Jahre 1876 hatte er seine Heimat im Oberbergischen verlassen* und seitdem als Hilfsarbeiter, Maurer und Polier an dem gleichen Orte gearbeitet. Am 26. Mai 1898 fuhr er nach Remscheid und schlug den Winkel zum Hause Nordstr. 82, dessen Gesamtarbeiten er ausführte. Seinen Plan, nach Barmen zurückzukehren, musste er bald aufgeben. Neue Aufträge kamen hinzu. Im Herbst desselben Jahres verkaufte er seinen mit Spargroschen erworben Haus- und Grundbesitz in Barmen und holte seine Familie nach Remscheid, wo sie in dem von ihm erworbenen Hause Wohnung nahm. Dort wurde auch das erste Büro eröffnet, in das als technischer Mitarbeiter der Bruder und Architekt Gustav Runkel einzog. Fleiß, Genügsamkeit, Sparsamkeit, Ausdauer und Wahrhaftigkeit waren die einfachen Kräfte, die das wirtschaftliche Leben der damaligen Zeit bestimmten. Der Anteil an ihnen begründete die Aufgeschlossenheit für alle weiteren beruflichen Kenntnisse, die zur Führung eines Unternehmens notwendig waren und auch den Anteil der Beteiligung an dem seltenen wirtschaftlichen Aufstieg. Im Jahre 1899 kaufte der Gründer an der damals noch ohne Unterführung durchgehenden Bismarckstraße in der Nähe der Bahn ein Grundstück. Nach der Bebauung wurden Wohnung und Büro nach dort verlegt. Ein erster Telefonanschluss unter der Nummer 364 folgte als Ereignis in der damaligen Zeit. Die zwangsläufige Übernahme mehrerer bebauter Grundstücke an der Rosenhügeler Straße brachte im Jahre 1903 die Verlegung von Wohnung, Büro und Lager nach dort. Schon im Jahre vorher hatte der älteste Sohn Adolf die Arbeit im Geschäft des Vaters aufgenommen. Eine Zeit harten wirtschaftlichen Ringens folgte. Die freie Wirtschaft hatte keinen Platz für Lässige und Müde und für die Erscheinungen, die unnatürliche Einwirkungen mit den zerstörenden und zersetzenden Einflüssen bis zu dem Ausmaß der Gegenwart brachten. Wohn- und Geschäftshäuser, Fabriken, Werkstellen, Kirchen, Kapellen und Bauten aller Art wurden in zunehmendem Umfang erstellt. Die Planungen und Berechnungen im eigenen Büro bei schlüsselfertiger Übernahme blieben mit der eigenen Ausführung aller Erd-, Maurer-, Beton- und Putzarbeiten Kennzeichen des Unternehmens. Im Jahr 1905 wurden die ersten Tiefbauarbeiten übernommen, wenige Jahre nach dem Beschluss zur Durchführung der Entwässerung des gesamten Gebietes der Stadt Remscheid. Mit dem Vorflutkanal Heidhof – Siepen wurde der Anfang gemacht. Die Arbeiten zur Kanalisation folgender Straßen oder Hauptteile derselben folgten: Daniel-Schürmann-Straße, Luisenstraße, Werthstraße, Rosenhügeler Straße, Ewaldstraße, Fischerstraße, Brucher Straße, Brüderstraße, Karlstraße, Elberfelder Straße, Hochstraße, Saarlandstraße, Scharffstraße, Sandkuhlstraße, Schützenstraße, Königstraße, Reinshagener Strasse, Fichtenstraße und Unterhölterfelder Straße. Im Jahre 1909 nahm der dritte Sohn Paul die Arbeit im Geschäft auf. Das Tätigkeitsgebiet erweiterte sich über die Städte der Nachbarschaft. Der eigene Haus- und Grundbesitz wuchs. Wohnungen für Kinderreiche, Arbeiter und kleine Angestellte bevorzugte der Inhaber, der mit acht Kindern als Arbeiter innerlich mit ihren selbsterfahrenen Nöten verbunden blieb. Die hier gewonnenen Eindrücke sind bis heute von bestimmendem Einfluss. Der erste Weltkrieg brachte einen völligen Stillstand, da restlos alle männlichen Mitarbeiter von Büro und Baustelle zum Heere mussten. Die Söhne des Inhabers kamen zurück. Sie übernahmen das Geschäft des Vaters um neu aufzubauen. Klein war der Anfang. Die alten, anfangs genannten Eigenschaften blieben Weggenossen und halfen die Widerwärtigkeiten der ersten Zeit und der dann bis 1923 folgenden Inflation überwinden. Jahre ununterbrochener zäher Arbeit folgten. Die Aufgaben wuchsen. Ein Lastwagenbetrieb wurde angegliedert. Die wachsenden Kräfte und Erfahrungen mit einem stets größer werdenden Kreis von treuen Mitarbeitern auf Büro und Baustelle erweiterten im natürlichen Aufbau Besitz und Ziele des Unternehmens. Großbaustellen folgten. Christianstraße (80 Wohnungen) Freiheitsstraße, gegenüber dem Amtsgericht, (80 Wohnungen) und Am Grafenwald sind Anfänge der weiteren Entwicklung. Entschwundene wirtschaftliche Hochleistungen hinsichtlich Organisation, Planung, Finanzierung und Durchführung sind unverwischbare Züge der damaligen Zeit. Bauzeiten von 5 - 6 Monaten vom ersten Spatenstich bis zur Bezugsfertigstellung dieser Großbaustellen bei vorher genau bestimmten Zeiten für alle Bauabschnitte, erscheinen heute, trotz der wenigen Jahre die verflossen sind, unmöglich. Im Jahre 1930 trat der Kaufmann Gustav Runkel, der zweite Sohn des Gründers, in die Firma ein. Der Radius für die zukünftigen Planungen wurde größer. Großbaustellen hauptsächlich für den Kleinwohnungsbau folgten in Wuppertal, Hamm, Siegen, Arnsberg, Gießen usw. Die Aufschließung von Gelände und die Ausführung der gesamten Arbeiten von der ersten Idee bis zur Gebrauchsübernahme unter Ausschluss jeder Initiative und Tätigkeit des Auftraggebers bei völliger eigener Verantwortung lag im Zuge der Entwicklung des Unternehmens. Sie führte durch den Umfang der Arbeiten im Jahre 1934 in Siegen zu einer dauernden Niederlassung. Bei Kriegsausbruch besaß die Firma Wohnungen in Remscheid, Wuppertal und Siegen, insgesamt rund 400. Ein Auftragsbestand für die Errichtung von ca. 300 Wohnungen, der in ungefähr sechs Monaten erledigt gewesen wäre, lag vor. Der Krieg brachte einen Wechsel der Aufgaben. Große Luftschutzgebäude in Eisenbeton wurden unter anderem in Remscheid und Siegen gebaut. Die Angriffe aus der Luft brachten den Verlust des größten Teils des gesamten geschäftlichen und privaten Eigentums. 144 Wohnungen in Siegen sind wieder aufgebaut worden. Die Ereignisse des Krieges und der Nachkriegszeit liegen zu nahe, um sie rückblickend zu schildern. Der Mitinhaber Paul Runkel wurde im vorigen Jahr plötzlich mitten aus der Arbeit durch den Tod abberufen. Drei Söhne der heutigen Inhaber sind nach Rückkehr aus der Gefangenschaft wieder tätig ein vierter wird noch zurückerwartet. Im Geiste der Väter wollen sie fortfahren.

Dankbar blicken die Inhaber auf die verflossenen 50 Jahre zurück. Mit kindliche Gläubigkeit hat der Gründer zu Gott, dem Schöpfer und Erhalt der Welt, als zu seinem Vater aufgeblickt und im Bewusstsein vieler persönliche Fehler und Mängel seinen geoffenbarten Weisungen zu folgen versucht. Seine Söhne und Enkel haben zu tiefe persönliche Eindrücke von diesem Leben empfangen, um die damit verbundenen Erkenntnisse lassen zu können. Sie fühlen sich verbunden mit den anfangs genannten Eigenschaften und möchten Träger und Erhalter derselben sein. Ohne sie sind alle Maßnahmen für jedes Gebiet des Lebens, auch für das wirtschaftliche, wertlos. Für sie einzutreten, soll Vorsatz für die Verantwortlichen des Unternehmens bleiben, auch wenn andere Grundsätze vorteilhafter zu sein scheinen.

Den Dank gegen Gott am heutigen Tage verbinden die Inhaber mit dem Dank an alle Mitarbeiter die in den 50 Jahren mit viel Fleiß und Treue dem Unternehmen und damit der Gesamtheit dienten. Sie bekennen dass die Summe der Dienste im Rhythmus der Arbeit zu wenig Anerkennung gefunden hat. Bis zu 40 Jahren haben treue Mitarbeiter den Inhabern zur Seite gestanden. Der Raum verbietet die namentliche Aufzählung mit den besonderen Verdiensten. Es soll keine Herabsetzung anderer sein, wenn mit der herzlichen Bitte um Verständnis hierfür ein Name genannt wird, der des Prokuristen Erwin Müller. Wenn die Treue die besondere Eigenschaft vieler Mitarbeiter war so hatte sie in ihm seit dem Jahr 1904 einen Vertreter seltener Prägung. Leider kann er seit einigen Jahren wegen Krankheit seine Kräfte und Erfahrungen dem Unternehmen nicht mehr geben. Dass sein Herz allen Geschehnissen folgt, ist allen bekannt. Dank auch allen Auftraggebern. Auch hier verbietet der Raum eine Aufzeichnung von Namen und Werken. Das hinsichtlich der Mitarbeiter auf den Prokuristen gesagte sei wiederholt, wenn auch hier ein Name genannt wird, der Name Dowidat. Von der ersten Schmiede hat die Firma den seltenen Aufbau dieser Firma begleiten dürfen mit der Planung und Ausführung fast aller Bauten bis zum heutigen Tage. Zwei Namen sind außer den Namen des Gründers und der Inhaber genannt. Das Vertrauen zwischen den Trägern dieser Namen wünschen sich die Inhaber für alle geschäftlichen Verbindungen der Zukunft.

Fast fünf Jahre nach der Zerstörung von Lager und Büro hat die Commerzbank, Remscheid, der Firma in ihrem Hause Villenstr. 1 möblierte Büroräume zur Verfügung gestellt. An dieser Stelle sei ihr dafür Dank gesagt. Vor kurzem sind eigene Räume auf dem alten, zum Teil wieder aufgebauten Lager, Rosenhügeler Straße 19, bezogen worden. Dort will die Belegschaft in Remscheid am 25. Juni zusammenkommen um sich in schlichter Feierstunde des Tages zu erfreuen. Die Zeitverhältnisse*** verbieten leider die Einladung der Freunde des Unternehmens und die Herausgabe eines Werkes mit einer Aufzählung und Darstellung der hauptsächlich aufgeführten Bauten.

Gott der Herr sei mit uns und unserem Volke!

Christian Runkel

Bauunternehmung

Remscheid     Siegen


* Christian Runkel, mein Urgroßvater, war damals 16 Jahre alt, er konnte die im selben Jahr bis Wipperfürth verlängerte Bahnlinie nach Barmen benutzen und dadurch den fast 60 km langen Fußweg auf etwa die Hälfte reduzieren

** Adolf Runkel, mein Großvater, war im Jahre 1902 gerade 13 Jahre alt, hatte eine oder zwei Klassen der Volksschule übersprungen und war von den Lehrern mit der dringenden Empfehlung entlassen worden, er solle eine weiterführende Schule besuchen; das lehnte sein Vater jedoch ab. Seine Brüder Gustav (1891 bis 1953) und Paul (1895 bis 1947) waren entsprechend jünger.

*** Die Festschrift ist im Mai 1948 gedruckt worden. Verfasst hat sie vermutlich mein Großvater Adolf Runkel, damals 59 Jahre alt. Mein Vater Adolf Runkel war 28. Er hatte im Januar 1948 geheiratet, und meine Mutter Sigrid war in den ersten Schwangerschaftswochen, mit mir.