Donnerstag, 19. Mai 2022

Heute vor 125 Jahren wurde mein Großvater Erwin Bohle geboren

Dies ist mein Großvater Erwin Bohle aus Bergneustadt im Oberbergischen Kreis. Er wurde am 19. Mai 1897 geboren, heute vor 125 Jahren und starb am 24. April 1957, wenige Tage bevor er 60 Jahre alt geworden wäre.

Er war ein Enthusiast und steht so vor meinen Augen, wie ihn mir ein Verwandter schilderte, kurz nach dem Krieg an einer Haltestelle auf die Straßenbahn wartend "mit nichts als zwei Hosenknöpfen in der Tasche" aber strahlend und optimistisch, "als ob ihm die ganze Welt gehörte".

Sein Optimismus hatte ihn früh scheitern lassen, um 1935 herum musste sein Derschlager Ladengeschäft beim Amtsgericht Gummersbach Konkurs anmelden. Er hatte eine große Anzahl Nähmaschinen gekauft, sehr günstig, und sah vor seinem inneren Auge wie die Menschen im Oberbergischen, über unzählige von diesen Maschinen gebeugt, in häuslichem Fleiß die nebligen Täler östlich von Köln in blühende Landstriche verwandelten. Leider fanden sich kaum Käufer, und die wenigen, die man mit Ratenzahlungen zur Anschaffung einer Nähmaschine reizen konnte, blieben oft die Raten schuldig, so dass mein Opa alles in den Handel gesteckte Geld verlor.

Er hat diesen Misserfolg als Gottes Fügung angesehen und den Beruf des Baptistenpredigers angenommen, den er nebenberuflich schon lange ausübte und für den er, wie mir viele seiner Weggenossen später berichtet haben, überaus begabt war. 1938 trat er mit erneuertem Enthusiasmus seine erste Stelle an, hier in Remscheid, wo dann seine älteste Tochter meinen Vater kennenlernte und heiratete.

Ohne Erwin Bohles Enthusiasmus wäre ich also nicht, aber sein Enthusiasmus wirkt manchmal auch bitter in mir nach. Auch die Predigerlaufbahn führte meinen Großvater nicht zu dem ersehnten Ziel. Dabei hatte es nicht schlecht begonnen, seine Redegabe war über Remscheid hinaus bekannt geworden, und 1948 hatte er in Cannes sogar mit dem jungen Billy Graham zusammen gesessen, auf einer Konferenz von „Youth for Christ“. Für diese Organisation arbeitete Graham damals und auch Opa Erwin.

Sicherlich haben beide damals davon geträumt, vor großen Menschenmengen zu evangelisieren, beide hatten bereits damit begonnen und beide wussten um ihr Talent dafür. Mitte 1949 machte Graham sich mit einer eigenen Organisation selbständig und hatte gleich so viel Erfolg, dass er von einem Tag auf den anderen berühmt wurde. Den Großvater trifft Mitte 1949 der Schlag, er wird halbseitig gelähmt und betritt für den Rest seines Lebens keine Kanzel mehr. 1957 stirbt er nach langer Bettlägerigkeit.

Sein Leben gibt mir immer neue Fragen auf.


Sonntag, 20. Februar 2022

Problematische Tage in Linz am Rhein

Das nebenstehende Foto von mir fand ich beim Aufräumen alter Unterlagen. Es wurde 1963 in einem Fotoautomaten aufgenommen, da war ich 14 Jahre alt. Ich benötigte es für einen Jugendherbergs-Ausweis, in diesen wurde das Foto eingeheftet. Ich stand damals kurz vor meiner allerersten selbständigen Reise, die mich zusammen mit einem Spielkameraden aus unserem Haus mit der Eisenbahn nach Linz führen sollte, eine etwa zweistündige Reise mit Umsteigen in Solingen und Köln und Weiterfahrt über Troisdorf, Bonn-Beuel und Bad Honnef. 

Wir wollten insgesamt vier Tage bleiben, sind aber bereits nach zwei Tagen wieder zurückgekehrt. Der Grund dafür war ein Anfall von tödlicher Langeweile, der mich überfiel, nachdem ich in Linz nach einem Strandbadbesuch völlig leer und ideenlos auf dem Bett der Jugendherberge lag und nicht wusste, was ich mit der zäh dahinfließenden Zeit anfangen sollte.

Im Nachhinein denke ich, dass sich damals zum ersten Mal  meine Unfähigkeit gezeigt hat, in einer fremden Stadt zurecht zu kommen. Ich fühle mich bis heute in Städten kaum einmal wirklich wohl, kann sie nicht „lesen“, kann keine Plätze in ihnen finden, an denen man einfach stehen bleibt, die Menschen beobachtet und die Atmosphäre der Stadt ruhig auf sich wirken lässt.

Selbst in mir vertrauten Städten wie Köln oder Wuppertal finde ich keinen wirklichen Ort zum Verweilen. Ich gehe meistens schnell in ein Café oder Restaurant, hole mir eine Zeitung oder ziehe mein Handy hervor und tue das, was ich auch zu Hause tun würde. Zu Hause hätte ich allerdings größeren Komfort.

So war es also auch in Linz, wo es nach dem Besuch des Strandbads schon bald mit dem Interesse an der Stadt zu Ende war. Verschlimmert wurde die Lage noch dadurch, dass ein Zimmerkamerad – kaum älter als ich – im Strandbad ein Mädchen kennen gelernt hatte, von dem er lauthals schwärmte. „Schau Frau“, wiederholte er eins ums andere Mal ("schau" war damals ein Modewort wie heute "cool"), und ich hatte wohl eine dunkle Ahnung, wie schön es wäre, eine solche Freundin zu haben, wusste aber nicht den Weg zu ihr.

Die Erinnerung an diesen Jugendherbergs-Ausweis ist also negativ besetzt. Immerhin war ich allerdings, vor ein paar Tagen, als ich ihn wiederentdeckt hatte, doch einigermaßen erstaunt, in ein wohlgeformtes Gesicht mit schönem Haar zu blicken. Damals war noch die Zeit, in welcher der Friseur mir mit einer Handvoll Creme der Marke "Brisk" eine stabile Frisur fertigte, wodurch meine Haare aus dem Gesicht gekämmt waren und meine hohe Stirn, deren Anblick mich heute  in Erstaunen versetzt, sichtbar wurde.

Wenig später kamen mit den Beatles die Langhaarfrisuren auf, die ich lange getragen habe und bei denen die Haare ins Gesicht fielen. Man wollte freundlich und friedlich wirken. Das hörte erst sehr spät wieder auf, als die Fußballspieler damit anfingen, sich durch brutales Rasieren der Kopfseiten ein kämpferisches  Aussehen zu geben.

Heute bin ich wieder eher zur Frisur von 1963 zurückgekehrt und bin eigentlich recht zufrieden damit.

Sonntag, 13. Februar 2022

Die Flucht meines Vaters

"Flucht aus Gef(angenschaft) 1945" schreibt mein Vater in diese Kopie
der Seite vom 3. Juni der "Kleinode"

Unter den Papieren, die ich derzeit im großen Umfang aufräume, um meinen Kindern nach meinem zu erwartenden Ableben keine unnötige Arbeit zu hinterlassen, fand ich auch die abgebildete Kopie einer Seite aus „Kleinode göttlicher Verheißungen“ des Londoner Predigers Spurgeon (1834 - 1892). Das Original befindet sich praktisch in allen Ausgaben der „Kleinode“, die bis heute gedruckt werden.

Mein Vater hat eine Taschenausgabe des Buches während seiner gesamten Soldatenzeit in der Brusttasche seiner Uniform getragen und hat sie, nachdem er bei Kriegsende in der Nähe von Zerbst / Sachsen-Anhalt in russische Gefangenschaft geraten war, am 3. Juni 1945 fast wie ein Horoskop gelesen, um den Zeitpunkt seiner Flucht festzulegen. 

"Der Herr . wird meine Füße machen wie Hirschfüße", steht unter diesem Tag, und mein Vater hat das als starke Verheißung gesehen, um am 3. Juni seine Flucht anzutreten. Er ist in der Nacht zusammen mit einem Kölner Kameraden durch die hier etwa 50 m breite Elbe geschwommen, in der Erwartung, auf dem westlichen Ufer schlimmstenfalls in amerikanische Gefangenschaft zu geraten, günstigenfalls aber sich über etwa 400 km in seine Heimat Remscheid durchschlagen zu können.

Elbe bei Magdeburg

Er hat uns Kinder die Geschichte seiner Flucht häufiger erzählt. Sie war von all den Kriegsgeschichten, die er im Kopf hatte, die auch im Detail schönste.

Voraussetzung für die Flucht war das sprachliche Geschick des Vaters. Er hatte während des Russlandfeldzugs immer wieder bei Familien in den eroberten Dörfern Quartier finden können. Das ging anfangs sehr leicht, weil viele Menschen in der Ukraine und in Russland die deutsche Besatzung als Befreier vom Stalinismus ansahen. Allerdings war die Bevölkerung auf dem langen Weg zurück eher feindlich gesonnen.

Mein Vater, der sich sein Leben lang für fremde Sprachen interessiert hat, lernte bei den Ukrainern oder Russen einige Worte ihrer Sprache und war nach seiner Gefangennahme so frei, sich auf die Frage des Lagerkommandanten, wer hier russisch spreche, zu melden. Er wurde zum Lagerdolmetscher ernannt.

Die Bewegungsfreiheit, die ihm dieser Job und der entsprechende Passierschein erlaubten, hat er zur Flucht nutzen können. Er durfte sich nachts im Lager frei bewegen und auch in die Sperrzone am Ufer der Elbe gelangen.

Der Flucht vorangegangen war ein denkwürdiges Gespräch, das der Vater mit dem Lagerkommandanten, einem russischen Major, einige Tage zuvor geführt hat. Die beiden Männer standen auf einem die Elbe überblicken Hügel, und mein Vater sagte zu den Major, nach Westen weisend: dort drüben ist meine Heimat. Zum Erstaunen meines Vaters sagte der Major: wenn ich du wäre, würde ich schwimmen. Mein Vater entgegnete keck: ich werde schwimmen, und der Major antwortete ruhig: und ich werde schießen.

Genau so kam es dann auch, denn die Wachtposten am Ufer der Elbe hatten die Flüchtenden bemerkt und haben noch ein paar Schüsse auf sie abgegeben, ihr Ziel aber verfehlt.

Lang waren danach die Berichte meines Vaters über die verschlungene Wege, die ihn am Ende nach Remscheid zurückgebracht haben. Zu dem himmlischen Glück, das ihm die Verse der „Kleinode“ gebracht haben, gesellte sich noch eine ganz andere Art von irdischen, ja sogar eher schmutzigem Glück: der Kölner Kamerad Jakob erwies sich als ein gerissener Kleinkrimineller, der in brenzligen Situationen immer wieder Auswege fand, meist am Rande der Legalität. Einer geizigen Frau, welche die beiden Wanderer mit einer dünnen Suppe abgespeist hatte, stahl er die Würste aus der Speisekammer. (Hast du gesehen, was die für schöne Würste hatte? fragte mein Vater – gehabt! sagte Jakob, und zeigte die in seiner Jacke gut verwahrten gestohlenen Exemplare).

Bei einer Personalkontrolle durch amerikanische Soldaten wies Jakob sich mit einem Ausweis aus, den er einem anderen Passagier auf der Ladefläche eines LKWs gestohlen hatte. Und da der Kontrolleur eine Runde machte, bei welcher mein Vater als letzter an der Reihe war, ließ Jakob den Ausweis wie von  Zauberhand dann auch noch meinem Vater zukommen.

Ich weiß nicht, wie lange die beiden für die Reise nach Hause gebraucht haben. Sie kamen in ein durch Bomben zerstörtes Land zurück, aber sie kamen als Privilegierte. Von den beiden Brüdern meines Vaters kam der eine erst nach vielen Monaten schwerkrank aus französischer Gefangenschaft zurück, der andere war sogar in Sibirien und als mein Vater ihn im Dezember 1949 vom Bahnhof abholte, trug er sein erstes Kind bereits auf seinem Arm. Das war ich.




Ü

Freitag, 11. Februar 2022

Wwe. Emil Bohle (1857 - 1939)

 


Dies ist die Mutter aller Mütter - meine Urgroßmutter Lina Bohle. Sie sitzt für mich im großen Kreis ihrer Familie ähnlich wie die Nabe in einem Rad.

Ihr Haus in Bergneustadt, in dem sie um das Jahr 1880 ein Geschäft gegründet hat, das erst vor wenigen Jahren aufgegeben wurde, ist das Stammhaus der großen Familie meiner Mutter.

Es ist von Anfang an ein matriarchalisch geführtes Haus gewesen, nachdem der Mann meiner Urgroßmutter, der mit seinem dunklen Augen ein wenig depressiv in die Welt schauende Emil Bohle schon 1913 verstarb und es seiner Frau überließ, die Geschäfte alleine weiter zu führen. Das hat sie noch 26 Jahre getan, hat sich dabei aber mehr und mehr der Hilfe ihrer Tochter Elise bedient, die beim Tod des Vaters 18 Jahre alt war. Sie war aus ähnlich hartem Holz geschnitzt wie ihre Mutter und wurde auch nach ihrer Hochzeit mit dem Friedrich Hahne (am unteren Rand der Todesanzeige aufgeführt) landauf landab weiterhin „das Bohlen Lieschen" gerufen.

Ich habe das Lieschen in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch häufig gesehen, weil mich meine Wege in den Nachbarort Wiedenest führten, wo meine Frau aufgewachsen ist.

Als ich um das Jahr 1972 den Laden des Bohlen Lieschens betrat, sagte sie als erstes sehr bestimmt und direkt, dabei aber nicht einmal unfreundlich: "Christian, donn den Bart af!" Tu den Bart ab. Ihr gefiel mein damals in Mode stehender Bart nicht.


Lieschens Mutter, die 1939 verstorbene „Witwe Emil Bohle“ (Foto) muss eine ebenso selbstbewusste Frau gewesen sein wie ihre Tochter, denn es wurde von ihr überliefert dass sie auf die Vorhaltungen der Nachbarn, ihre mittlerweile erwachsenen Söhne würden es den Schwiegertöchtern erlauben, unter der Woche Tennis zu spielen (während die Witwe Emil Bohle noch unermüdlich im Laden arbeitete), dass sie also auf diese Vorhaltungen barsch gesagt haben soll: "Just so will ick et han".

Auf einem Familienfoto von 1903 ist sie mit ihrer Kinderschar von fünf Jungen und drei Mädchen zu sehen. Der dunkel und verschlossen wirkende Emil Bohle nimmt einen Platz relativ weit am Rand ein, während seine offenkundig alles beherrschende Frau in der Mitte thront.

Von den Söhnen haben alle das Erwachsenenalter erreicht, haben geheiratet und Kinder bekommen. Von den drei Töchtern ist die kleine Emmi mit drei Jahren gestorben, eine weitere, Maria, die in der Todesanzeige ganz oben steht, ist unverheiratet geblieben und hat im Haushalt des Bohlen Lieschens mitgeholfen. Das Bohlen Lieschen selbst hat zwei Töchter gehabt, welche den Laden weitergeführt haben. Aus ihrer Zeit besitze ich noch einen Kleiderbügel, auf dem in gerader Schrift der Name "Bohle" steht.

Der Laden muss zunächst eine Suppenküche für die Arbeiter der im Tal der Dörspe im 19. Jahrhundert schnell wachsenden Industrie gewesen sein, ergänzt um eine kleine Landwirtschaft mit Kuh (siehe Foto) und einen Kolonialwarenladen. Erst später, und das ist die Zeit, in der meine Eltern mich in den fünfziger Jahren gelegentlich mit nach Bergneustadt nahmen, hat das Bohlen Lieschen Kleidung verkauft, Von der habe ich in Erinnerung, dass darunter die für Kinder bestimmten Stricksachen der Marke "Kübler" waren.

Lieschens Töchter waren elegante Frauen und haben aus dem Kleiderladen ein nach meinem damaligen Eindruck recht attraktives Modegeschäft gemacht.

Die Söhne haben Handel getrieben, der sie weit in der Welt herum gebracht haben. Ein Enkel hat nach dem Krieg diese Geschäfte weitergeführt und durch ausgedehnte Reisen nach Asien eine, wie man heute sagen würde, Lieferkette aufgebaut, über die er Zubehör für Fahrräder importierte. Für seine Fahrradschläuche und Reifen hat er irgendwann die Marke „Schwalbe“ eingeführt, die man heute fast auf jedem zweiten Rad in Deutschland finden kann.

Die auch in der nächsten Generation sehr erfolgreiche Firma konnte es sich leisten, mit großzügigen Spenden dem namhaften Handballverein im Nachbarort Gummersbach eine Sporthalle zu ermöglichen, die heute „SCHWALBE arena“ heißt. Bei einem Familientreffen habe ich dem gegenwärtigen Schwalbe-Chef dazu gratuliert, dass durch eine glückliche Fügung in Gummersbach nicht der Fußball, sondern der Handball im Mittelpunkt steht. Eine Schwalbe ist im Fußball ja der Sturz nach einem vorgetäuschte Foul, und an eine Schwalbe–Arena wäre entsprechend im Fußball nicht zu denken.

Zwei der Söhne der Witwe Emil Bohle sind Baptistenprediger geworden, und zwar der älteste Sohn Friedrich und der vierte Sohn Erwin, mein Großvater. Beide Prediger haben die Töchter eines Berliner Baptisten namens August Lehmpfuhl geheiratet, wodurch ein wenig Berliner Blut in meine ansonsten überwiegend Bergische Ahnenreihe gekommen ist.

Aber davon später mehr.

Freitag, 14. Januar 2022

Mein Onkel Adalbert

 

Heute vor 100 Jahren wurde mein Onkel Adalbert Bohle geboren, in Bergneustadt im Oberbergischen. Von allen meinen Verwandten hat er den größten Einfluss auf mein Leben gehabt, meine Eltern vielleicht ausgenommen. Ich sage vielleicht, weil mein Onkel dem Einfluss meines Vaters, dem ich mich oft zu entziehen versucht habe, etwas entgegengesetzt hat, das weder mein Vater noch meine Mutter, Adalberts jüngere Schwester, anzubieten hatten. Es war eine weltmännische Lebenskunst, die sich im Haus meiner Eltern nicht fand, die ich aber im Haus des Onkels wie ein offenes Buch studieren konnte.

Mein Onkel liebte die klassische Musik, spielte sie selbst auf dem Klavier und zog durch die ganze Welt, um die Konzerte seines Freundes, des Dirigenten Helmuth Rilling zu hören. Die Räume im Tübinger Haus des Onkels hingen voll mit Bildern, überwiegend von Arrigo Wittler gemalt, den er als junger Mann kennengelernt hatte und dem er über viele Jahre ein treuer Kunde war. Und schließlich war da das Universum seiner vielen Bücher, in dem ich frei herumstreifen durfte, was ich gerne genutzt habe.

Ohne seine Fürsprache hätte ich dem Plan meines Vaters folgend nach der zehnten Klasse, der "mittleren Reife", eine Maurerlehre beginnen sollen. Der Onkel sorgte für das Fortkommen bis zum Abitur und später, nach der Bundeswehr, für eine Möglichkeit, in Tübingen Betriebswirtschaft zu studieren. Dort war ich drei Semester lang jeden Mittag bei ihm und seiner Frau zu Gast und konnte lernen, meine Worte und meine Tischsitten auf gutem Niveau zu halten.

Wir haben uns später nie aus den Augen verloren und haben zwischen vielen Besuchen immer wieder miteinander telefoniert, wobei ich mich vom ehrfurchtsvollen Zuhörer nach und nach zu einem halbwegs gleichberechtigten Gesprächspartner entwickelt habe. Mein größter Erfolg war, ihm gelegentlich das Lesen von Romanen näherzubringen. Er hatte zunächst fest auf der Priorität der Sachbücher bestanden.

Von ihm übernommen habe ich ich einen Zugang zu Ernst Jünger, den er ebenfalls persönlich kannte, und der 1991 an einem Abend, den ich hier im Blog beschrieben habe, in seinem Haus zu Gast war. Der Onkel kommt mehrfach hier im Blog vor, so im Beitrag zum 60ten Geburtstag meiner Schwester Esther, die ich ebenso wie den Onkel zu den Enthusiasten zähle, denen ich auch ein Kapitel meines Buches "Unter Menschen" gewidmet habe. Eine seiner Maximen zum Abhalten einer erfolgreichen Rede findet sich hier.  

Übernommen habe ich auch seine Treue zum Glauben seiner Väter. Sein eigener Vater Erwin Bohle war Baptistenprediger in Remscheid, und er selbst ist bis zum Ende seine Lebens Baptist geblieben. Er ist von dem den Baptisten herzlich zugeneigten Tübinger Theologen Eberhard Jüngel im Mai 1998 beerdigt worden. Jüngel hat am Ende aus einem Lebensrückblick zitiert, den der Onkel noch selbst verfasst hatte. Mein Onkel sprach darin vom "großen Halleluja am Ende der Tage" und schloss mit den Worten "Dieses große Halleluja wird der nächste Gesang sein, den ich hören werde, ja in den ich vielleicht miteinstimmen darf."

Eberhard Jüngel hat seine Ansprache dann mit den Worten geschlossen "So Adalbert Bohle. Ihm geschehe, wie er geglaubt hat. Amen."

Ich habe das damals mit Ergriffenheit gehört und ein lautes "Amen!" dazu gesagt.


Sonntag, 9. Januar 2022

Dankeschön



Hier möchte ich mich bei allen lieben Gratulanten bedanken, die mir zu meinem Geburtstag über das Internet Glückwünsche zugesendet haben.

Wie im Vorjahr habe ich einen einzelnen Gedanken gefunden, den ich vor ein paar Wochen gehört habe, der mich beeindruckt hat und den ich jetzt gerne als Dank weitergeben möchte.

Der amerikanische Pastor Michael Walrond (Foto), dessen Predigten aus seiner Harlemer Gemeinde ich regelmäßig höre, hat im letzten November eine Predigt unter das Motto gestellt Protect Your Peace. Beschütze deinen Frieden, 

Er hat das in vielen Kirchen gebräuchliche Segenswort aus Philipper 4,7 „der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne“ mit einer kleinen, aber sicherlich erlaubten gedanklichen Wendung dahin gebracht, dass die Bewahrung am Ende auch auf unseren ganz persönlichen Frieden bezogen wird. Dieser Friede ist ein Gut, das beschützt und bewahrt werden kann und muss.

In diesem Sinne wünsche ich allen Gratulanten, dass sie den Frieden Gottes nicht nur gewinnen, sondern ihn auch mit viel Glauben und viel Verstand bewahren, so bewahren, dass ihr Leben eine Oase des Friedens wird.

Schalom, Salam, Friede sei mit euch!

Freitag, 12. November 2021

Ein Traum

Vor ein paar Tagen träumte ich, dass ich am Abhang eines Hügels saß und hinunter ins Tal  blickte, über dem bereits die Nacht hereingebrochen war. Am Rande der Talsohle, nicht weit von mir entfernt, flackerte ein Lagerfeuer, eingefasst in einen Kranz von Steinen, an dem ein paar Menschen saßen. Einer von ihnen war Jesus, die anderen offenbar seine Jünger. Sie waren in einem Gespräch, in dem Jesus das Wort führte.

Ich trat näher und versuchte, Jesu Worte zu verstehen. Er predigte über das Reich Gottes, die Vergebung der Sünden und das ewige Leben. So stand es mir vor Augen. 

Es stand aber auch wohl als Wunsch in meinem Herzen. Hier muss ich sagen, dass ich diesen Traum in einer halbwachen Phase hatte, in der man Träume noch durch eigene Gedanken ein wenig lenken kann. Ich hatte zu Beginn dieser Phase begonnen, eine Wolke von sorgenvollen Gedanken durch eine Methode zu vertreiben, über die ich bei irischen Jesuiten einiges gelesen hatte. Ihre heutigen Lehren gehen auf den Ordensgründer Ignatius von Loyola zurück, und der hatte seine Schüler vor allen Dingen das eine gelehrt: sich die Person Jesu als ganz konkretes Gegenüber vorzustellen.

Mit diesem guten Rat im Kopf gelang es mir wohl, mich Jesus zu nähern und dabei seine  Predigt auch so ein wenig nach dem zu gestalten, was ich mir von ihm wünschte. In den Wochen zuvor hatte ich immer wieder Predigten über Jesus gehört, in denen er als ein Mensch geschildert wurde, der über moderne Themen wie Achtsamkeit, Bewahrung der Schöpfung und Offenheit gegenüber fremden Mitmenschen predigte. Nun saß er also zu meinem Glück vor mir am Lagerfeuer und war in seiner Predigt wieder zurück bei den ganz einfachen, grundlegenden Themen seiner irdischen Lehre.

Die Erinnerung an dieses Lagerfeuer schwang noch eine Zeit angenehm in meinen Gedanken weiter.

Als ich allerdings am nächsten Tag in einer ähnlichen Halbschlaf-Situation versuchte, erneut das Lagerfeuer und Jesus aufzusuchen, fand ich den Steinring und die Asche, aber kein Feuer und keine Menschen mehr.

Jesus war weitergezogen.