Samstag, 17. Oktober 2026

No one was denied

Warum rührt mich eine Stelle in dem Lied „The Holy City“ immer wieder an, auch wenn ich sie zum wiederholten Male höre? Das Lied, das auch unter dem Titel „Jerusalem, Jerusalem“ bekannt ist, beschreibt in der ersten Strophe das schöne alte Jerusalem und in der zweiten Strophe die düstere Stadt im Schatten des Kreuzes, an dem Jesus starb. 

In der dritten Strophe dann sieht der Dichter im Traum das himmlische Jerusalem der Zukunft und beschreibt es wie folgt:

The light of God was on its streets,
The gates were open wide,
And all who would might enter,
And no one was denied. 

Niemand wurde abgewiesen – was für ein schöner, das Herz anrührender Ausblick! Hält bei näherer Betrachtung dieses Bild einer strengen Untersuchung anhand der Bibel stand? Leider im Gegenteil: im letzten Kapitel der Offenbarung wird deutlich gesagt, dass nur die frommen Menschen, "die ihre Kleider gewaschen haben", Eintritt haben in die ewige Stadt.

Und trotzdem – der freie Eintritt rührt sicherlich auch das Herz eines Menschen an, dessen strenge Theologie ihn etwas anderes lehrt. 

Wie können beide Sichtweisen im Herzen eines Menschen nebeneinander leben? Ich glaube, dass man hier etwas über Ambiguität einfügen muss und vielleicht über die Beobachtung, dass der Mensch letztlich kein sicheres Wissen hat, sondern eher Stimmungen, die ihn einmal so und einmal so denken lassen.

Und so will ich das Bild von der goldenen Stadt, zu der es einen freien Eintritt gibt, in meinem Herzen stehen lassen – und meine Bedenken vergessen.

 

P. S. Der Dichter des Liedes Frederic Weatherly (Foto oben)  hat auch den Text “Danny Boy“ zu der alten Melodie „Londonderry Air” geschrieben. Allein dafür schon hat er in meinem Herzen einen großen, ehrenhaften Platz.