Posts für Suchanfrage erwin werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage erwin werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 10. September 2025

Meine beiden Großväter in Gestapohaft


Erwin Bohle 1897 - 1957
Adolf Runkel 1889 - 1961
Im Jahr 1942 waren meine beiden Großväter für mehrere Wochen in Gestapohaft. Sie hatten eine gemeinsame Aktion unternommen, welche die Aufmerksamkeit der Gestapo erregte. Die beiden hatten einen Brief des gefeierten Luftkämpfers Werner Mölders im Büro des einen – Adolf Runkel – vervielfältigt und in der Baptistengemeinde des anderen – Erwin Bohle – verteilt. Die Aktion sollte das Ziel haben, so erinnerte sich mein Vater, den an den verschiedenen Fronten als Soldaten eingesetzten Söhnen der Gemeinde Mut zu machen, ihren Glauben auch als gute Soldaten und als gute Deutsche zu leben.

Der hoch dekorierte und von den Nazis gefeierte Werner Mölders hatte an einen Freund geschrieben, dass er auch im Krieg an seinem Glauben festhalte und den spottenden ungläubigen „Lebensbejahenden“ ein Beispiel gebe, wie die vermeintlich „lebensverneinenden Katholiken“ im Kampf "seelische Stärke" bewiesen. Die Gestapo hatte diesen Absatz als Kritik am nationalsozialistischen Regime angesehen und im ganzen Reichsgebiet versucht, die Verbreitung dieses Briefes zu verhindern.

Was die Gestapo wusste, die Großväter allerdings nicht, war, dass der Brief eine Fälschung war. Für die Gestapo war es leicht, dies herauszufinden, weil der Adressat des Briefes gar nicht existierte. Zwar hatte Mölders einen ähnlichen Brief geschrieben, der seinen katholischen Glauben bestätigte, der aber die kritische Passage nicht enthielt. Beide Briefe sind im Internet dokumentiert. Mölders war zum Zeitpunkt der Verteilaktion bereits einige Monate tot, nachdem er im November 1941 als Passagier eines Linienfluges bei dessen Absturz nahe Breslau ums Leben gekommen war.

Die ganze Geschichte der Fälschung ist erst viele Jahre nach dem Krieg herausgekommen, als ein Offizier des britischen Geheimdienstes seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben hatte. Das geschah in den sechziger Jahren, da waren die beiden Großväter bereits verstorben.

Sie haben bis zum Ende ihres Lebens geglaubt, eine gute Sache vertreten und der deutschen Wehrfähigkeit eher genutzt als geschadet zu haben. Dass sie dafür in Untersuchungshaft genommen wurden, haben sie als großes Unrecht empfunden und haben zusammen mit ihren Angehörigen alles in ihrer Macht Stehende getan, um wieder frei zu kommen. Für den mütterlichen Großvater Erwin Bohle hat seine Frau Lina gekämpft, sie hat sich in den Zug nach Berlin gesetzt, um dort bei dem Gauleiter Wilhelm Bohle vorzusprechen, einem hohen Funktionär in der Nazihierarchie und entfernten Verwandten. Er hat ihr offenbar geholfen, denn in den Akten, die viele Jahre später mein Onkel Manfred Bohle eingesehen hat, steht ein Eintrag, dass der Großvater auf Anweisung von Berlin freigelassen worden sei.

Der andere Großvater kam ebenfalls frei, nachdem sein Bruder Gustav, Mitgesellschafter in der Bauunternehmung der Familie, eine hohe Summe hinterlegt und darauf verwiesen hatte, dass sein Bruder ein dem nationalsozialistischen Denken durchaus nahestehender Mann war. In der Tat war er schon vor dem Jahr 1933 Parteimitglied der NSDAP geworden.

Dass die beiden Männer sich nach dem Krieg über einen gemeinsamen Enkel - für beide der erste - freuen würden, nämlich mich, war 1942 noch nicht abzusehen. Die beiden gehörten unterschiedlichen Freikirchen an, von denen die von Großvater Adolf etwa ab 1938 verboten war, weil sie einige Auflagen der Nationalsozialisten nicht erfüllen wollte. Die Freikirche von Großvater Erwin, die Baptisten, deren Pastor er war (damals sagte man „Prediger“), konnte dagegen die Zeit des Dritten Reiches von den Nazis unbehelligt überleben, war dabei in gewisser Weise auch ein Refugium für Leute von Adolfs verbotener „Versammlung“ und hatte Zulauf von dort. Mein Vater hatte auf die eine oder andere Art und Weise Freunde unter den Baptisten gefunden und hatte 1944 Erwins Tochter Sigrid einen Heiratsantrag gemacht, war damals allerdings von ihr abgewiesen worden.

Erst nach dem Krieg konnte mein Vater den Heiratsantrag wiederholen und wurde erhört, wohl auch deshalb, weil ein Mitbewerber um die Hand meiner Mutter in den letzten Kriegstagen gefallen war.

Die beiden haben schließlich im Januar 1948 geheiratet, ein Jahr später wurde ich geboren, zur Freude auch von Adolf und Erwin.

 

Donnerstag, 19. Mai 2022

Heute vor 125 Jahren wurde mein Großvater Erwin Bohle geboren

Dies ist mein Großvater Erwin Bohle aus Bergneustadt im Oberbergischen Kreis. Er wurde am 19. Mai 1897 geboren, heute vor 125 Jahren und starb am 24. April 1957, wenige Tage bevor er 60 Jahre alt geworden wäre.

Er war ein Enthusiast und steht so vor meinen Augen, wie ihn mir ein Verwandter schilderte, kurz nach dem Krieg an einer Haltestelle auf die Straßenbahn wartend "mit nichts als zwei Hosenknöpfen in der Tasche" aber strahlend und optimistisch, "als ob ihm die ganze Welt gehörte".

Sein Optimismus hatte ihn früh scheitern lassen, um 1935 herum musste sein Derschlager Ladengeschäft beim Amtsgericht Gummersbach Konkurs anmelden. Er hatte eine große Anzahl Nähmaschinen gekauft, sehr günstig, und sah vor seinem inneren Auge wie die Menschen im Oberbergischen, über unzählige von diesen Maschinen gebeugt, in häuslichem Fleiß die nebligen Täler östlich von Köln in blühende Landstriche verwandelten. Leider fanden sich kaum Käufer, und die wenigen, die man mit Ratenzahlungen zur Anschaffung einer Nähmaschine reizen konnte, blieben oft die Raten schuldig, so dass mein Opa alles in den Handel gesteckte Geld verlor.

Er hat diesen Misserfolg als Gottes Fügung angesehen und den Beruf des Baptistenpredigers angenommen, den er nebenberuflich schon lange ausübte und für den er, wie mir viele seiner Weggenossen später berichtet haben, überaus begabt war. 1938 trat er mit erneuertem Enthusiasmus seine erste Stelle an, hier in Remscheid, wo dann seine älteste Tochter meinen Vater kennenlernte und heiratete.

Ohne Erwin Bohles Enthusiasmus wäre ich also nicht, aber sein Enthusiasmus wirkt manchmal auch bitter in mir nach. Auch die Predigerlaufbahn führte meinen Großvater nicht zu dem ersehnten Ziel. Dabei hatte es nicht schlecht begonnen, seine Redegabe war über Remscheid hinaus bekannt geworden, und 1948 hatte er in Cannes sogar mit dem jungen Billy Graham zusammen gesessen, auf einer Konferenz von „Youth for Christ“. Für diese Organisation arbeitete Graham damals und auch Opa Erwin.

Sicherlich haben beide damals davon geträumt, vor großen Menschenmengen zu evangelisieren, beide hatten bereits damit begonnen und beide wussten um ihr Talent dafür. Mitte 1949 machte Graham sich mit einer eigenen Organisation selbständig und hatte gleich so viel Erfolg, dass er von einem Tag auf den anderen berühmt wurde. Den Großvater trifft Mitte 1949 der Schlag, er wird halbseitig gelähmt und betritt für den Rest seines Lebens keine Kanzel mehr. 1957 stirbt er nach langer Bettlägerigkeit.

Sein Leben gibt mir immer neue Fragen auf.


Montag, 15. Dezember 2008

60 Jahre minus 25 Tage







Dies ist mein Großvater Erwin Bohle aus Bergneustadt im Oberbergischen Kreis. Er wurde am 19. Mai 1897 geboren und starb am 24. April 1957, wenige Tage bevor er 60 wurde, genau: 25 Tage davor. In 25 Tagen von heute, werde ich nun meinerseits 60 und begehe den heutigen Tag mit einem gemischten Gefühl aus Freude über mein Leben und Bedauern über das viel zu früh und unter quälenden Umständen zu Ende gegangene Leben des Großvaters.

Er war ein Enthusiast und steht so vor meinen Augen, wie ihn mir ein Verwandter schilderte, kurz nach dem Krieg an einer Haltestelle auf die Straßenbahn wartend "mit nichts als zwei Hosenknöpfen in der Tasche" aber strahlend und optimistisch, "als ob ihm die ganze Welt gehörte".

Sein Optimismus hatte ihn früh scheitern lassen, um 1935 herum mußte sein Derschlager Ladengeschäft beim Amtsgericht Gummersbach Konkurs anmelden. Er hatte eine große Anzahl Nähmaschinen gekauft, sehr günstig, und sah vor seinem inneren Auge wie die Menschen im Oberbergischen, über unzählige von diesen Maschinen gebeugt, in häuslichem Fleiß die nebligen Täler östlich von Köln in blühende Landstriche verwandelten. Leider fanden sich kaum Käufer, und die wenigen, die man mit Ratenzahlungen zur Anschaffung einer Nähmaschine reizen konnte, blieben oft die Raten schuldig, so daß mein Opa alles in den Handel gesteckte Geld verlor.

Er hat diesen Mißerfolg als Gottes Fügung angesehen und den Beruf des Baptistenpredigers angenommen, den er nebenberuflich schon lange ausübte und für den er, wie mir viele seiner Weggenossen später berichtet haben, überaus begabt war. 1938 trat er mit erneuertem Enthusiasmus seine erste Stelle an, hier in Remscheid, wo dann seine älteste Tochter meinen Vater kennenlernte und heiratete.

Ohne Erwin Bohles Enthusiasmus wäre ich also nicht, aber sein Enthusiasmus wirkt manchmal auch bitter in mir nach. Auch die Predigerlaufbahn führte meinen Großvater nicht zu dem ersehnten Ziel. Dabei hatte es nicht schlecht begonnen, seine Redegabe war über Remscheid hinaus bekannt geworden, und 1948 hatte er in Cannes sogar mit dem jungen Billy Graham zusammen gesessen, auf einer Konferenz von „Youth for Christ“. Für diese Organisation arbeitete Graham und auch Opa Erwin.

Sicherlich haben beide damals davon geträumt, vor großen Menschenmengen zu evangelisieren, beide hatten bereits damit begonnen und beide wußten um ihr Talent dafür. Mitte 1949 machte Graham sich mit einer eigenen Organisation selbständig und hatte gleich so viel Erfolg, daß er von einem Tag auf den anderen berühmt wurde. Den Großvater trifft Mitte 1949 der Schlag, er wird halbseitig gelähmt und betritt für den Rest seines Lebens keine Kanzel mehr. 1957 stirbt er nach langer Bettlägerigkeit.

Sein Leben gibt mir immer neue Fragen auf.


P.S. Christiane und ich haben laut gelacht, als wir gestern abend versucht haben, ein Foto zu machen, auf dem ich wie der Großvater gucke. Es geht nicht.

Dienstag, 3. März 2026

Meine Schwester Esther, heute 70 Jahre alt

Als ich in der vergangenen Nacht das silberne Licht des Vollmondes auf dem Fußboden unseres Esszimmers schimmern sah, dachte ich an den Tag vor 70 Jahren zurück, an dem Esther geboren wurde. Es war ein Samstag, und in meiner Erinnerung hat sich festgesetzt, dass unser Vater zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben die Schulbrote schmierte. Früh am Morgen hatte er den Anruf aus dem Krankenhaus bekommen, der Esthers Geburt meldete. Er hatte daraufhin ein wenig mürrisch Worte gemurmelt, in denen "Weiberwirtschaft" vorkam. Er erfuhr durch diesen Anruf, dass er jetzt drei Töchter hatte. 

Damals konnte das Geschlecht eines Kindes noch nicht vor der Geburt durch Ultraschall festgestellt werden, man wusste erst nach der Geburt, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Esther veränderte die Frauenquote sehr stark, der Vater hatte bis dahin außer den besagten drei Töchtern nur einen Sohn, mich. Dass später noch ein zweiter Sohn folgen würde, Erwin Adolf / Brüdi, konnte der Vater vor 70 Jahren noch nicht wissen. 

Die Schulbrote am Samstag (damals ging man auch samstags zur Schule) waren, das habe ich im Internet ermittelt, nur für mich. Meine jüngere Schwester Sigrid kam erst nach Ostern in die Schule, das war frühestens in der ersten Aprilwoche 1956.

An Esthers Tage als Säugling habe ich keine Erinnerungen. Was ich dagegen noch im Kopf habe, ist das Wort "Attada", mit dem sie sich als Kleinkind selbst bezeichnete. Unser Vater fand im biblischen Buch Esther den hebräischen Namen "Hadassa" (Myrte), der Esthers ursprünglicher Name war, bevor der Name der persischen Umgebung angepasst wurde. Mein Vater pries die Weisheit seiner kleinen Tochter, die ihren eigentlichen Namen gewissermaßen selbst herausgefunden hatte. 

Was er nie erwähnt und vermutlich auch nicht gewusst hat, ist, dass Esther 1956 nur fünf Tage nach dem Purim-Fest (damals am 26.2.1956) geboren wurde, das in jedem Jahr an die biblische Esther erinnert. In diesem Jahr 2026 fiel es genau auf den 3.März.

Samstag, 22. April 2023

Meine Lehmpfuhl-Familie

August Lehmpfuhl
(1852 bis 1931)
Bei dem großen Familientreffen waren erstaunlich viele Leute aus der Sippe Bohle vertreten. Zwei der Töchter des Stammvaters August Lehmpfuhl hatten zwei Brüder, Friedrich und Erwin Bohle, geheiratet, so dass man in der zweiten Generation überwiegend weiterhin  Lehmpfuhl hieß oder aber Bohle, wie meine Großmutter. Eine weitere Tochter hatte einen Ostfriesen namens Harm Buttjes geheiratet, den Namen Buttjes gab es also als Drittes auch noch.

Die auf dem Familientreffen versammelten Verwandten waren überwiegend aus der vierten, fünften und sechsten Generation nach August Lehmpfuhl. Von der dritten Generation, der Generation meiner Mutter, lebt niemand mehr.

Wir trafen uns in der Baptistengemeinde im Berliner Ortsteil Weißensee, deren Kapelle 1910 noch unter der Ältestenschaft von August Lehmpfuhl gebaut worden war. Am Abend saßen wir in der „Brotfabrik“, in der August tatsächlich Brot gebacken, aber auch in einer Sonntagschule die örtlichen Kinder im christlichen Glauben unterrichtet hatte. Weil auch der nachfolgende Besitzer des Gebäudes viel für die Kinder des Viertels getan hatte, wurde das Gebäude erhalten und schon zu DDR-Zeiten in ein Kulturzentrum umgewandelt.

Die Brotfabrik in Berlin-Weißensee
Über den Urgroßvater, an den hier mit Bild und Gedenktafel erinnert wird, wurde viel Lobendes
berichtet. Er muss ein großzügiger und gastfreundlicher Mensch gewesen sein, ein Ältester seiner Gemeinde, ein community leader. Nach meinem Geschmack wurde seine Wirksamkeit ein wenig zu sehr auf die Vermittlung von schulischem  Wissen gelegt (Lesen und Schreiben soll er den Kindern beigebracht haben) und weniger auf seine Bemühungen, den Kindern den Glauben an Jesus Christus näher zu bringen.

Schön war auf jeden Fall die Erinnerung an seine fromme Mutter, die mit einem dem Alkohol verfallenen Schuster aus Köpenick neun Kinder in die Welt gesetzt hatte, als dieser Mann auf ungeklärte Weise allzu früh verstarb. Meine Großmutter Lina, jüngste Tochter des August Lehmpfuhl, hat uns erzählt, ihr Großvater sei im Suff vom Weg abgekommen und ertrunken oder erfroren, irgendwie.

Die mittellose Witwe war die erste in meiner Ahnenreihe, die sich einer Baptistengemeinde anschloss. Sie hat dort sicherlich auch materielle Unterstützung für sich und ihre unversorgten Kinder erfahren. Ihr Sohn August war beim Tod des Vaters erst sechs Jahre alt. Er wird die Christengemeinde als einen Sicherheit und Wärme bietenden Ort erlebt haben.

Viel später habe ich bei Charles Taylor gelesen, dass die großen christlichen Veränderungen, die "Revivals" in den angelsächsischen Ländern oft gerade von den Menschen getragen wurden, die dem wirtschaftlichen Untergang entkommen waren, weil sie eine dramatische Lebenswende vollzogen hatten. Sie lebten nach dieser Wende besonders streng, das betraf nicht nur den Umgang mit Alkohol, sondern auch das Kartenspielen, Tanzen und andere Vergnügungen.

Wenn diese Wende vollzogen war, konnte die nächste Generation mit viel weniger dramatischen Vorschriften ein ruhiges und sicheres Leben führen. Man konnte sich ab und zu ein Gläschen Wein leisten und auch gelegentlich einmal den sonntäglichen Kirchgang ausfallen lassen.

So war es auch mit den Nachkommen von August Lehmpfuhl. An diesem Wochenende waren Christen in den unterschiedlichsten Schattierungen vertreten. Baptisten waren weiterhin vorhanden, einige Verwandte hatten sich der großen evangelischen Kirche zugewandt, weil sie dort eine bessere Liberalität zu finden hofften, andere waren ganz ohne Glauben.

Allen war gemeinsam, dass sie offenbar weit von dem gefährlichen Leben entfernt waren, das der Schuster aus Köpenick, August Lehmpfuhls Vater, geführt hatte. Der radikale Schritt der Mutter in ein bewusst christliches Leben hinein hatte die Nachkommenschaft geschützt.

Christopher Lehmpfuhl
Ganz zum Schluss des Treffens konnte man sich an dem frischen Glanz erfreuen, den einer aus der vierten Generation dem Namen Lehmpfuhl verliehen hatte, Christopher Lehmpfuhl. Er ist 1972 geboren, ein weit über die Grenzen Deutschlands bekannter Maler mit einem gewaltigen Talent, die Bilder einzufangen, welche das Licht aus Städten und Landschaften hervorzaubert. In seinem Atelier klang das Treffen schließlich aus, und besonders die Kinder der sechsten und siebten Generation hatten Freude daran, in Christophers Werkstätten nun ihrerseits die schönsten bunten Bilder zu malen.


Freitag, 25. Januar 2013

Der Himmel über dem Ort Lus

Kiryat Lusa, 24. Januar 2013
Unter dem weiten Himmel des kleinen Dorfes Lus oder Lusa oben auf dem Garizim denke ich an meinen Großvater Erwin Bohle. Hier in Lus hat nach der Überlieferung, die mir Benny Tzedakah bestätigt, der Erzvater Jakob in einer schwierigen Fluchtsituation im Freien übernachtet und über sich den Himmel offen und Engel herab- und hinaufsteigen gesehen. Jakob hat dies als ein göttliches Zeichen verstanden, dass seine Flucht ein glückliches Ende nehmen würde, was dann später auch so eintraf.

Freitag, 14. Januar 2022

Mein Onkel Adalbert

 

Heute vor 100 Jahren wurde mein Onkel Adalbert Bohle geboren, in Bergneustadt im Oberbergischen. Von allen meinen Verwandten hat er den größten Einfluss auf mein Leben gehabt, meine Eltern vielleicht ausgenommen. Ich sage vielleicht, weil mein Onkel dem Einfluss meines Vaters, dem ich mich oft zu entziehen versucht habe, etwas entgegengesetzt hat, das weder mein Vater noch meine Mutter, Adalberts jüngere Schwester, anzubieten hatten. Es war eine weltmännische Lebenskunst, die sich im Haus meiner Eltern nicht fand, die ich aber im Haus des Onkels wie ein offenes Buch studieren konnte.

Mein Onkel liebte die klassische Musik, spielte sie selbst auf dem Klavier und zog durch die ganze Welt, um die Konzerte seines Freundes, des Dirigenten Helmuth Rilling zu hören. Die Räume im Tübinger Haus des Onkels hingen voll mit Bildern, überwiegend von Arrigo Wittler gemalt, den er als junger Mann kennengelernt hatte und dem er über viele Jahre ein treuer Kunde war. Und schließlich war da das Universum seiner vielen Bücher, in dem ich frei herumstreifen durfte, was ich gerne genutzt habe.

Ohne seine Fürsprache hätte ich dem Plan meines Vaters folgend nach der zehnten Klasse, der "mittleren Reife", eine Maurerlehre beginnen sollen. Der Onkel sorgte für das Fortkommen bis zum Abitur und später, nach der Bundeswehr, für eine Möglichkeit, in Tübingen Betriebswirtschaft zu studieren. Dort war ich drei Semester lang jeden Mittag bei ihm und seiner Frau zu Gast und konnte lernen, meine Worte und meine Tischsitten auf gutem Niveau zu halten.

Wir haben uns später nie aus den Augen verloren und haben zwischen vielen Besuchen immer wieder miteinander telefoniert, wobei ich mich vom ehrfurchtsvollen Zuhörer nach und nach zu einem halbwegs gleichberechtigten Gesprächspartner entwickelt habe. Mein größter Erfolg war, ihm gelegentlich das Lesen von Romanen näherzubringen. Er hatte zunächst fest auf der Priorität der Sachbücher bestanden.

Von ihm übernommen habe ich ich einen Zugang zu Ernst Jünger, den er ebenfalls persönlich kannte, und der 1991 an einem Abend, den ich hier im Blog beschrieben habe, in seinem Haus zu Gast war. Der Onkel kommt mehrfach hier im Blog vor, so im Beitrag zum 60ten Geburtstag meiner Schwester Esther, die ich ebenso wie den Onkel zu den Enthusiasten zähle, denen ich auch ein Kapitel meines Buches "Unter Menschen" gewidmet habe. Eine seiner Maximen zum Abhalten einer erfolgreichen Rede findet sich hier.  

Übernommen habe ich auch seine Treue zum Glauben seiner Väter. Sein eigener Vater Erwin Bohle war Baptistenprediger in Remscheid, und er selbst ist bis zum Ende seine Lebens Baptist geblieben. Er ist von dem den Baptisten herzlich zugeneigten Tübinger Theologen Eberhard Jüngel im Mai 1998 beerdigt worden. Jüngel hat am Ende aus einem Lebensrückblick zitiert, den der Onkel noch selbst verfasst hatte. Mein Onkel sprach darin vom "großen Halleluja am Ende der Tage" und schloss mit den Worten "Dieses große Halleluja wird der nächste Gesang sein, den ich hören werde, ja in den ich vielleicht miteinstimmen darf."

Eberhard Jüngel hat seine Ansprache dann mit den Worten geschlossen "So Adalbert Bohle. Ihm geschehe, wie er geglaubt hat. Amen."

Ich habe das damals mit Ergriffenheit gehört und ein lautes "Amen!" dazu gesagt.


Donnerstag, 16. Februar 2023

Meine Mutter - geboren heute vor 100 Jahren

Als ich mich hingesetzt habe, um diese Erinnerung an meine Mutter aufzuschreiben, ist mir der alte Theologensatz in den Kopf gekommen, wonach es unmöglich ist, etwas über die „Grundlage unserer Existenz“ zu sagen. Die Theologen haben dies auf Gott bezogen und von der „Unmöglichkeit von Gott zu reden“ gesprochen. Man kann ihn nicht gedanklich vor sich hinsetzen und über ihn zu reden anfangen, als ob er jemand Fremdes wäre. Jetzt, wo ich etwas über meine Mutter Sigrid Runkel geb. Bohle sagen soll, empfinde ich eine ganz ähnliche Unmöglichkeit.

Meine Mutter hat mein Leben getragen, nachdem sie es ja buchstäblich aus sich selbst hervorgebracht hat. Sie hat auf eine kaum beschreibbare, aber trotzdem immer reale Art und Weise ein Leben lang zu mir gehalten. Das galt selbst dann, wenn es darum ging, einige unangenehme Dinge über mich auszusprechen. „Der Schönste ist er nicht“, sagte sie etwa, wenn sie meine dünnen und leicht fettenden Haare kämmte und meine pubertären Pickel betrachtete. Sie blickte mich dabei aber so liebevoll an, dass mir klar wurde, dass ich keine Hollywood-Schönheit sein musste, um in ihrem Herzen einen ewigen Platz zu haben.

Dass ich ein guter Schüler war, hat sie nie besonders erwähnt. Sie hat es als selbstverständlich, vorausgesetzt, nachdem sie selbst mit vielen guten Zensuren gesegnet die Schule nach zehn Jahren verließ. Besonders gut getan hat es ihr dabei, dass ihr älterer Bruder Adalbert für ähnlich gute Zensuren viel länger arbeiten musste als sie. Der Bruder wurde später Professor, aber die natürlichen Anlagen für eine solche Karriere schlummerten doch eher in ihr.

Wenn sie „nur“ eine Ausbildung zur Diätassistentin am Krankenhaus machen durfte, dann lag es an der Armut des väterlichen Haushaltes, der nur die Ausbildung eines einzigen Mitglieds finanzieren konnte. Ihr Vater, Erwin Bohle, der nach einer gescheiterten Karriere als Einzelhändler seiner eigentlichen Berufung folgte und mit fast 40 Jahren zum Baptistenprediger umschulte, verdiente in diesem Beruf nur ein sehr bescheidenes Einkommen. Darunter litt am meisten die aus großstädtischen Verhältnissen stammende Mutter Lina, die nie müde wurde, von den schönen Konzerten der Berliner Philharmoniker zu erzählen, die sie als junges Mädchen besucht hatte.

Über diese Mutter kam eine musikalische Kultur in die Familie des Baptistenpredigers, die um ein Haar die Liebe meines Vaters zu meiner Mutter gefährdet hätte. Mein Vater kam aus einem Handwerker-haushalt in einen Pastorenhaushalt (so kann man sagen, auch wenn man die Baptistenprediger erst in späteren Jahren „Pastoren“ nannte), das passte nicht. „Die haben den ganzen Tag nur Bach hoch und runter gespielt“, erinnerte er sich später unwillig.

Die Ehe meiner Eltern kam erst 1948 zu Stande, nachdem meine Mutter einen ersten Heiratsantrag meines Vaters noch zu Kriegszeiten abgelehnt hatte. Damals war ein anderer Kandidat mit im Spiel, der aber in den letzten Kriegstagen an der Front fiel. Sein Foto hat sie aufbewahrt und uns Kindern immer wieder einmal gezeigt. Dieser ernste Mann mit den vielen guten Noten in seinem Abitur hätte Euer Vater sein können.

Aus der Ehe meiner Eltern gingen fünf Kinder hervor. Nach mir, dem ältesten, kamen innerhalb von acht Jahren noch drei Schwestern und ein Bruder hinzu. Die Eltern haben mit dieser Kinderschar ein offenes Haus geführt, zu dem jeder von uns ungefragt weitere Kinder einladen durfte, ohne dass meine Mutter je über einen schwindenden Vorrat an Lebensmitteln geklagt hätte.

Es gehört sicherlich zum Glück meiner Jugend, dass meine Mutter ein lebendiges Interesse an den vielen bunten Menschen zeigte, die meine Geschwister und ich ins Haus brachten sie. Sie sprach recht gut Französisch, behauptete aber, dass auch alle anderen Ausländer sie gut verstehen würden, wenn sie nur langsam genug mit ihnen spräche. „Wollen - Sie - noch - etwas - Suppe, Herr Moon?“ Und der angesprochene Koreaner nickte wie selbstverständlich.

Gebetet hat sie mit uns, und Lieder gesungen am Bett. Wenn sie die Grundlage meiner Existenz war und Gott die Grundlage unserer aller Existenz, dann war das beides eine Selbstverständlichkeit, die sie mit einem vertrauensvollen Herzen an uns weitergab.

Gebetet hat sie auch für uns und für viele andere Menschen, still im Bett, jeden Morgen nach dem Aufwachen. Ich freue mich, dass meine Frau diese Angewohnheit übernommen hat. Ich habe von der Mutter geerbt, mich an Geburtstage zu erinnern, wozu ich allerdings schriftliche Tabellen brauche. Sie hatte alles im Kopf und wachte morgens auf und sagte als erstes „heute hat Günter Odau Geburtstag".

So lebt sie in meine Erinnerung weiter, und ihr freundliches Lächeln ist im Prinzip das, mit dem ich bis zum Ende meines Lebens der Welt begegnen möchte.

Am Wochenende treffen sich meine Geschwister und ich in ihrem Geburtstort Derschlag, einem Ortsteil von Gummersbach, und gehen nach einem Rundgang im Dorf zum Kaffeetrinken in die nahe Rengser Mühle, wo es die dick mit Eierschaum gefüllten Pfannkuchen gibt, wahlweise mit Zucker oder mit Speck. Unerklärlich war es der Mutter, wie der Koch den Eierschaum zwischen den unteren und den oberen Pfannkuchen hinein bekam, die beide fest miteinander verbacken waren.. 

Sonntag, 30. Oktober 2016

Berlin 1934 / Ankara 2016

Weltkongress der Baptisten 1934 in Berlin
Eine Geschichte meiner baptistischen Kirche, zu der ich praktisch seit meiner Geburt gehöre und der mein Großvater Erwin Bohle als Prediger gedient hat. Möglicherweise war er beim Weltkongress der Baptisten 1934 in Berlin dabei, er war damals 37 Jahre alt.

Eine amerikanische Delegation besuchte damals den Weltkongress, darüber berichtet später (1982) ein Artikel in Religion Online. Man wusste in Amerika bereits vor Antritt der Reise nach Deutschland von den Säuberungen im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch und von beginnenden Zwangsmaßnahmen gegen die Juden. Wie sollte man sich zu den politischen Entwicklungen in Deutschland stellen? Sollte man überhaupt einen Kongress in Deutschland besuchen?

Sonntag, 16. September 2012

Eine Predigt


Remscheid, 16. September 2012
(in der Friedenskirche der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Schützenstr. 32)

Heute habe ich ein Bibelwort vom Erzählen mitgebracht und möchte es in den Mittelpunkt des Gottesdienstes stellen. Es ist von einer Handlung Gottes in diesem kurzen Bibelwort die Rede, aber es beginnt mit dem Erzählen.
Es ist ja unsere Lieblingsbeschäftigung, dass wir uns etwas erzählen lassen. Das reicht vom kleinen Schwätzchen über den Gartenzaun über kleine Bücher und die Fernsehfilme vor 19 Uhr bis hin zu den großen Romanen und Dramen der Weltliteratur. Ganz oben stehen für viele die Kriminalgeschichten. In denen kommt alles zusammen, was eine gute Erzählung ausmacht. Es entwickelt sich etwas, man kann es nicht sogleich verstehen, aber am Ende kommt immer die Auflösung, und man erfährt, warum alles so gekommen ist, wie es kam.

Sonntag, 3. Juli 2016

Ein Enthusiast: meine Schwester Esther


Rede zu ihrem 60. Geburtstag
Liebe Esther, liebe Geburtstagsgäste,

Esther in ihrer Kabarett- Rolle
als Frau Schnobelsberger
ich möchte gerne etwas zum Verständnis meiner Schwester Esther beitragen, indem ich etwas (eher Theoretisches) aus dem Lebensumfeld berichte, in dem sie sich bewegt. Es ist das Feld der Enthusiasten. Diesen Begriff hat die amerikanische Psychologin Kay Jamison für eine bestimmte Lebensweise geprägt, über die vor einigen Jahren im Spiegel ein Interview unter dem Titel "Champagner der Gefühle" erschein. Sie erzählte darin vom faszinierenden Leben dieser Typen, die optimistisch und zupackend sind und immer ein wenig extrovertiert.

Samstag, 29. Dezember 2007

Der Schwiegersören und die Großfamilie

 





Am ersten Weihnachtstag stößt auch Sören (hier im Bild mit Matthias) aus Bremen zu uns, Carolins Freund, der mit seiner Familie in Bremen Weihnachten gefeiert hat. Er wird freudig erwartet - von allen! - und verstärkt bald die Laptop-Fraktion.


Man schätzt ihn u.A. wegen seiner EDV-Kenntnisse. Er wird - das ist schon klar - das hausinterne Wireless Lan endlich mit einem Paßwort versehen und es gegen räuberisches Eindringen aus der Nachbarschaft sichern.

Franziska Sprzagala, die Patentochter, kommt zwischen zwei Konzerten mit den Bergischen Symphonikern kurz vorbei. Leider werden die Fotos des schönen Mädchens alle nichts, deshalb muß der Verweis auf die sehr gute Konzertkritik der lokalen Zeitung hier genügen.


Am zweiten Weihnachtstag dann fällt schließlich die gesamte Großfamilie Runkel ein - Schwester Sigrid mit Schwager Friedhelm und Familie sowie Schwiegerfreund Christian, Bruder Erwin Adolf (Brüdi, hier im Foto mit mir) mit zwei Söhnen (die beiden Töchter sind zum Skifahren weg) und Schwester Esther. Ein Topf mit 10 Litern Borschtsch nach einem uralten ukrainischen Rezept von Liese Warkentin macht sie alle satt, so daß später ein fröhliches Singen und Musizieren aus gut genährten Leibern ertönen kann.

Hier ein Rundumbild mit (fast) allen Gästen drauf.

Donnerstag, 5. August 2021

72 Jahre, 6 Monate und 25 Tage

Mein heutiges Alter entspricht auf den Tag genau dem Alter meines Großvaters Adolf Runkel, als dieser am 22. Oktober 1961 verstarb. Ich habe über seinen eigenartigen Tod berichtet - er starb bei der Einweihung einer kleinen Kirche, die er als Bauunternehmer errichtet hatte. Das nebenstehende Foto zeigt ihn wenige Minuten vor seinem Tod.

Später habe ich noch einen Blog-Bericht hinzugefügt, in dem man seine letzte Rede, die er bei der Schlüsselübergabe hielt, hören kann. 

Der mütterliche Großvater Erwin Bohle starb kurz vor seinem 60. Geburtstag. Auch an den Tag, an dem ich so alt war wie er damals, habe ich im Jahr 2008 im Blog erinnert.




Freitag, 11. Februar 2022

Wwe. Emil Bohle (1857 - 1939)

 


Dies ist die Mutter aller Mütter - meine Urgroßmutter Lina Bohle. Sie sitzt für mich im großen Kreis ihrer Familie ähnlich wie die Nabe in einem Rad.

Ihr Haus in Bergneustadt, in dem sie um das Jahr 1880 ein Geschäft gegründet hat, das erst vor wenigen Jahren aufgegeben wurde, ist das Stammhaus der großen Familie meiner Mutter.

Es ist von Anfang an ein matriarchalisch geführtes Haus gewesen, nachdem der Mann meiner Urgroßmutter, der mit seinem dunklen Augen ein wenig depressiv in die Welt schauende Emil Bohle schon 1913 verstarb und es seiner Frau überließ, die Geschäfte alleine weiter zu führen. Das hat sie noch 26 Jahre getan, hat sich dabei aber mehr und mehr der Hilfe ihrer Tochter Elise bedient, die beim Tod des Vaters 18 Jahre alt war. Sie war aus ähnlich hartem Holz geschnitzt wie ihre Mutter und wurde auch nach ihrer Hochzeit mit dem Friedrich Hahne (am unteren Rand der Todesanzeige aufgeführt) landauf landab weiterhin „das Bohlen Lieschen" gerufen.

Ich habe das Lieschen in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch häufig gesehen, weil mich meine Wege in den Nachbarort Wiedenest führten, wo meine Frau aufgewachsen ist.

Als ich um das Jahr 1972 den Laden des Bohlen Lieschens betrat, sagte sie als erstes sehr bestimmt und direkt, dabei aber nicht einmal unfreundlich: "Christian, donn den Bart af!" Tu den Bart ab. Ihr gefiel mein damals in Mode stehender Bart nicht.


Lieschens Mutter, die 1939 verstorbene „Witwe Emil Bohle“ (Foto) muss eine ebenso selbstbewusste Frau gewesen sein wie ihre Tochter, denn es wurde von ihr überliefert dass sie auf die Vorhaltungen der Nachbarn, ihre mittlerweile erwachsenen Söhne würden es den Schwiegertöchtern erlauben, unter der Woche Tennis zu spielen (während die Witwe Emil Bohle noch unermüdlich im Laden arbeitete), dass sie also auf diese Vorhaltungen barsch gesagt haben soll: "Just so will ick et han".

Auf einem Familienfoto von 1903 ist sie mit ihrer Kinderschar von fünf Jungen und drei Mädchen zu sehen. Der dunkel und verschlossen wirkende Emil Bohle nimmt einen Platz relativ weit am Rand ein, während seine offenkundig alles beherrschende Frau in der Mitte thront.

Von den Söhnen haben alle das Erwachsenenalter erreicht, haben geheiratet und Kinder bekommen. Von den drei Töchtern ist die kleine Emmi mit drei Jahren gestorben, eine weitere, Maria, die in der Todesanzeige ganz oben steht, ist unverheiratet geblieben und hat im Haushalt des Bohlen Lieschens mitgeholfen. Das Bohlen Lieschen selbst hat zwei Töchter gehabt, welche den Laden weitergeführt haben. Aus ihrer Zeit besitze ich noch einen Kleiderbügel, auf dem in gerader Schrift der Name "Bohle" steht.

Der Laden muss zunächst eine Suppenküche für die Arbeiter der im Tal der Dörspe im 19. Jahrhundert schnell wachsenden Industrie gewesen sein, ergänzt um eine kleine Landwirtschaft mit Kuh (siehe Foto) und einen Kolonialwarenladen. Erst später, und das ist die Zeit, in der meine Eltern mich in den fünfziger Jahren gelegentlich mit nach Bergneustadt nahmen, hat das Bohlen Lieschen Kleidung verkauft, Von der habe ich in Erinnerung, dass darunter die für Kinder bestimmten Stricksachen der Marke "Kübler" waren.

Lieschens Töchter waren elegante Frauen und haben aus dem Kleiderladen ein nach meinem damaligen Eindruck recht attraktives Modegeschäft gemacht.

Die Söhne haben Handel getrieben, der sie weit in der Welt herum gebracht haben. Ein Enkel hat nach dem Krieg diese Geschäfte weitergeführt und durch ausgedehnte Reisen nach Asien eine, wie man heute sagen würde, Lieferkette aufgebaut, über die er Zubehör für Fahrräder importierte. Für seine Fahrradschläuche und Reifen hat er irgendwann die Marke „Schwalbe“ eingeführt, die man heute fast auf jedem zweiten Rad in Deutschland finden kann.

Die auch in der nächsten Generation sehr erfolgreiche Firma konnte es sich leisten, mit großzügigen Spenden dem namhaften Handballverein im Nachbarort Gummersbach eine Sporthalle zu ermöglichen, die heute „SCHWALBE arena“ heißt. Bei einem Familientreffen habe ich dem gegenwärtigen Schwalbe-Chef dazu gratuliert, dass durch eine glückliche Fügung in Gummersbach nicht der Fußball, sondern der Handball im Mittelpunkt steht. Eine Schwalbe ist im Fußball ja der Sturz nach einem vorgetäuschte Foul, und an eine Schwalbe–Arena wäre entsprechend im Fußball nicht zu denken.

Zwei der Söhne der Witwe Emil Bohle sind Baptistenprediger geworden, und zwar der älteste Sohn Friedrich und der vierte Sohn Erwin, mein Großvater. Beide Prediger haben die Töchter eines Berliner Baptisten namens August Lehmpfuhl geheiratet, wodurch ein wenig Berliner Blut in meine ansonsten überwiegend Bergische Ahnenreihe gekommen ist.

Aber davon später mehr.

Dienstag, 12. Juli 2022

Festschrift 1948

Von der Stirne heiß
Rinnen muss der Schweiß
Soll das Werk den Meister loben
Doch der Segen kommt von oben.

Durch Vermittlung eines verwandten Architekten wollte der Maurerpolier Christian Runkel von Barmen aus, wo er mit seiner zahlreichen Familie wohnte, einem Freunde in Remscheid ein Haus bauen. Im Jahre 1876 hatte er seine Heimat im Oberbergischen verlassen* und seitdem als Hilfsarbeiter, Maurer und Polier an dem gleichen Orte gearbeitet. Am 26. Mai 1898 fuhr er nach Remscheid und schlug den Winkel zum Hause Nordstr. 82, dessen Gesamtarbeiten er ausführte. Seinen Plan, nach Barmen zurückzukehren, musste er bald aufgeben. Neue Aufträge kamen hinzu. Im Herbst desselben Jahres verkaufte er seinen mit Spargroschen erworben Haus- und Grundbesitz in Barmen und holte seine Familie nach Remscheid, wo sie in dem von ihm erworbenen Hause Wohnung nahm. Dort wurde auch das erste Büro eröffnet, in das als technischer Mitarbeiter der Bruder und Architekt Gustav Runkel einzog. Fleiß, Genügsamkeit, Sparsamkeit, Ausdauer und Wahrhaftigkeit waren die einfachen Kräfte, die das wirtschaftliche Leben der damaligen Zeit bestimmten. Der Anteil an ihnen begründete die Aufgeschlossenheit für alle weiteren beruflichen Kenntnisse, die zur Führung eines Unternehmens notwendig waren und auch den Anteil der Beteiligung an dem seltenen wirtschaftlichen Aufstieg. Im Jahre 1899 kaufte der Gründer an der damals noch ohne Unterführung durchgehenden Bismarckstraße in der Nähe der Bahn ein Grundstück. Nach der Bebauung wurden Wohnung und Büro nach dort verlegt. Ein erster Telefonanschluss unter der Nummer 364 folgte als Ereignis in der damaligen Zeit. Die zwangsläufige Übernahme mehrerer bebauter Grundstücke an der Rosenhügeler Straße brachte im Jahre 1903 die Verlegung von Wohnung, Büro und Lager nach dort. Schon im Jahre vorher hatte der älteste Sohn Adolf die Arbeit im Geschäft des Vaters aufgenommen. Eine Zeit harten wirtschaftlichen Ringens folgte. Die freie Wirtschaft hatte keinen Platz für Lässige und Müde und für die Erscheinungen, die unnatürliche Einwirkungen mit den zerstörenden und zersetzenden Einflüssen bis zu dem Ausmaß der Gegenwart brachten. Wohn- und Geschäftshäuser, Fabriken, Werkstellen, Kirchen, Kapellen und Bauten aller Art wurden in zunehmendem Umfang erstellt. Die Planungen und Berechnungen im eigenen Büro bei schlüsselfertiger Übernahme blieben mit der eigenen Ausführung aller Erd-, Maurer-, Beton- und Putzarbeiten Kennzeichen des Unternehmens. Im Jahr 1905 wurden die ersten Tiefbauarbeiten übernommen, wenige Jahre nach dem Beschluss zur Durchführung der Entwässerung des gesamten Gebietes der Stadt Remscheid. Mit dem Vorflutkanal Heidhof – Siepen wurde der Anfang gemacht. Die Arbeiten zur Kanalisation folgender Straßen oder Hauptteile derselben folgten: Daniel-Schürmann-Straße, Luisenstraße, Werthstraße, Rosenhügeler Straße, Ewaldstraße, Fischerstraße, Brucher Straße, Brüderstraße, Karlstraße, Elberfelder Straße, Hochstraße, Saarlandstraße, Scharffstraße, Sandkuhlstraße, Schützenstraße, Königstraße, Reinshagener Strasse, Fichtenstraße und Unterhölterfelder Straße. Im Jahre 1909 nahm der dritte Sohn Paul die Arbeit im Geschäft auf. Das Tätigkeitsgebiet erweiterte sich über die Städte der Nachbarschaft. Der eigene Haus- und Grundbesitz wuchs. Wohnungen für Kinderreiche, Arbeiter und kleine Angestellte bevorzugte der Inhaber, der mit acht Kindern als Arbeiter innerlich mit ihren selbsterfahrenen Nöten verbunden blieb. Die hier gewonnenen Eindrücke sind bis heute von bestimmendem Einfluss. Der erste Weltkrieg brachte einen völligen Stillstand, da restlos alle männlichen Mitarbeiter von Büro und Baustelle zum Heere mussten. Die Söhne des Inhabers kamen zurück. Sie übernahmen das Geschäft des Vaters um neu aufzubauen. Klein war der Anfang. Die alten, anfangs genannten Eigenschaften blieben Weggenossen und halfen die Widerwärtigkeiten der ersten Zeit und der dann bis 1923 folgenden Inflation überwinden. Jahre ununterbrochener zäher Arbeit folgten. Die Aufgaben wuchsen. Ein Lastwagenbetrieb wurde angegliedert. Die wachsenden Kräfte und Erfahrungen mit einem stets größer werdenden Kreis von treuen Mitarbeitern auf Büro und Baustelle erweiterten im natürlichen Aufbau Besitz und Ziele des Unternehmens. Großbaustellen folgten. Christianstraße (80 Wohnungen) Freiheitsstraße, gegenüber dem Amtsgericht, (80 Wohnungen) und Am Grafenwald sind Anfänge der weiteren Entwicklung. Entschwundene wirtschaftliche Hochleistungen hinsichtlich Organisation, Planung, Finanzierung und Durchführung sind unverwischbare Züge der damaligen Zeit. Bauzeiten von 5 - 6 Monaten vom ersten Spatenstich bis zur Bezugsfertigstellung dieser Großbaustellen bei vorher genau bestimmten Zeiten für alle Bauabschnitte, erscheinen heute, trotz der wenigen Jahre die verflossen sind, unmöglich. Im Jahre 1930 trat der Kaufmann Gustav Runkel, der zweite Sohn des Gründers, in die Firma ein. Der Radius für die zukünftigen Planungen wurde größer. Großbaustellen hauptsächlich für den Kleinwohnungsbau folgten in Wuppertal, Hamm, Siegen, Arnsberg, Gießen usw. Die Aufschließung von Gelände und die Ausführung der gesamten Arbeiten von der ersten Idee bis zur Gebrauchsübernahme unter Ausschluss jeder Initiative und Tätigkeit des Auftraggebers bei völliger eigener Verantwortung lag im Zuge der Entwicklung des Unternehmens. Sie führte durch den Umfang der Arbeiten im Jahre 1934 in Siegen zu einer dauernden Niederlassung. Bei Kriegsausbruch besaß die Firma Wohnungen in Remscheid, Wuppertal und Siegen, insgesamt rund 400. Ein Auftragsbestand für die Errichtung von ca. 300 Wohnungen, der in ungefähr sechs Monaten erledigt gewesen wäre, lag vor. Der Krieg brachte einen Wechsel der Aufgaben. Große Luftschutzgebäude in Eisenbeton wurden unter anderem in Remscheid und Siegen gebaut. Die Angriffe aus der Luft brachten den Verlust des größten Teils des gesamten geschäftlichen und privaten Eigentums. 144 Wohnungen in Siegen sind wieder aufgebaut worden. Die Ereignisse des Krieges und der Nachkriegszeit liegen zu nahe, um sie rückblickend zu schildern. Der Mitinhaber Paul Runkel wurde im vorigen Jahr plötzlich mitten aus der Arbeit durch den Tod abberufen. Drei Söhne der heutigen Inhaber sind nach Rückkehr aus der Gefangenschaft wieder tätig ein vierter wird noch zurückerwartet. Im Geiste der Väter wollen sie fortfahren.

Dankbar blicken die Inhaber auf die verflossenen 50 Jahre zurück. Mit kindliche Gläubigkeit hat der Gründer zu Gott, dem Schöpfer und Erhalt der Welt, als zu seinem Vater aufgeblickt und im Bewusstsein vieler persönliche Fehler und Mängel seinen geoffenbarten Weisungen zu folgen versucht. Seine Söhne und Enkel haben zu tiefe persönliche Eindrücke von diesem Leben empfangen, um die damit verbundenen Erkenntnisse lassen zu können. Sie fühlen sich verbunden mit den anfangs genannten Eigenschaften und möchten Träger und Erhalter derselben sein. Ohne sie sind alle Maßnahmen für jedes Gebiet des Lebens, auch für das wirtschaftliche, wertlos. Für sie einzutreten, soll Vorsatz für die Verantwortlichen des Unternehmens bleiben, auch wenn andere Grundsätze vorteilhafter zu sein scheinen.

Den Dank gegen Gott am heutigen Tage verbinden die Inhaber mit dem Dank an alle Mitarbeiter die in den 50 Jahren mit viel Fleiß und Treue dem Unternehmen und damit der Gesamtheit dienten. Sie bekennen dass die Summe der Dienste im Rhythmus der Arbeit zu wenig Anerkennung gefunden hat. Bis zu 40 Jahren haben treue Mitarbeiter den Inhabern zur Seite gestanden. Der Raum verbietet die namentliche Aufzählung mit den besonderen Verdiensten. Es soll keine Herabsetzung anderer sein, wenn mit der herzlichen Bitte um Verständnis hierfür ein Name genannt wird, der des Prokuristen Erwin Müller. Wenn die Treue die besondere Eigenschaft vieler Mitarbeiter war so hatte sie in ihm seit dem Jahr 1904 einen Vertreter seltener Prägung. Leider kann er seit einigen Jahren wegen Krankheit seine Kräfte und Erfahrungen dem Unternehmen nicht mehr geben. Dass sein Herz allen Geschehnissen folgt, ist allen bekannt. Dank auch allen Auftraggebern. Auch hier verbietet der Raum eine Aufzeichnung von Namen und Werken. Das hinsichtlich der Mitarbeiter auf den Prokuristen gesagte sei wiederholt, wenn auch hier ein Name genannt wird, der Name Dowidat. Von der ersten Schmiede hat die Firma den seltenen Aufbau dieser Firma begleiten dürfen mit der Planung und Ausführung fast aller Bauten bis zum heutigen Tage. Zwei Namen sind außer den Namen des Gründers und der Inhaber genannt. Das Vertrauen zwischen den Trägern dieser Namen wünschen sich die Inhaber für alle geschäftlichen Verbindungen der Zukunft.

Fast fünf Jahre nach der Zerstörung von Lager und Büro hat die Commerzbank, Remscheid, der Firma in ihrem Hause Villenstr. 1 möblierte Büroräume zur Verfügung gestellt. An dieser Stelle sei ihr dafür Dank gesagt. Vor kurzem sind eigene Räume auf dem alten, zum Teil wieder aufgebauten Lager, Rosenhügeler Straße 19, bezogen worden. Dort will die Belegschaft in Remscheid am 25. Juni zusammenkommen um sich in schlichter Feierstunde des Tages zu erfreuen. Die Zeitverhältnisse*** verbieten leider die Einladung der Freunde des Unternehmens und die Herausgabe eines Werkes mit einer Aufzählung und Darstellung der hauptsächlich aufgeführten Bauten.

Gott der Herr sei mit uns und unserem Volke!

Christian Runkel

Bauunternehmung

Remscheid     Siegen


* Christian Runkel, mein Urgroßvater, war damals 16 Jahre alt, er konnte die im selben Jahr bis Wipperfürth verlängerte Bahnlinie nach Barmen benutzen und dadurch den fast 60 km langen Fußweg auf etwa die Hälfte reduzieren

** Adolf Runkel, mein Großvater, war im Jahre 1902 gerade 13 Jahre alt, hatte eine oder zwei Klassen der Volksschule übersprungen und war von den Lehrern mit der dringenden Empfehlung entlassen worden, er solle eine weiterführende Schule besuchen; das lehnte sein Vater jedoch ab. Seine Brüder Gustav (1891 bis 1953) und Paul (1895 bis 1947) waren entsprechend jünger.

*** Die Festschrift ist im Mai 1948 gedruckt worden. Verfasst hat sie vermutlich mein Großvater Adolf Runkel, damals 59 Jahre alt. Mein Vater Adolf Runkel war 28. Er hatte im Januar 1948 geheiratet, und meine Mutter Sigrid war in den ersten Schwangerschaftswochen, mit mir.