Freitag, 22. Februar 2008

Realismus im Mittelalter


Vom Realismus in der Kunst des Mittelalters wird man wahrscheinlich nur sagen können, daß es ihn nicht gab. Jedenfalls finden sich in den Bildern und Skulpturen aus der Zeit zwischen Karl dem Großen und Martin Luther offenbar keine Nachbildungen des realen Lebens, so wie wir heutigen sie aus unserem Zeitalter der Fotografie gewöhnt sind. Statt dessen begegnen uns die Gesichter und Gestalten der Menschen, die damals über die Erde gingen, in einer stilisierten und oft vereinfachten Form, was uns vermuten läßt, die Menschen hätten damals das feine und detailgenaue Nachbilden der Wirklichkeit nicht beherrscht.

Die Protraits von berühmten Leuten geben so gut wie nichts über deren persönliche Eigenarten wieder. Ihre Gesichter wirken untereinander ähnlich und gerade so, als ob sie eigentlich nur das wiedergäben, was man damals idealtypisch unter einem Menschen verstand, nicht, was er wirklich war. Walter von der Volgelweide (rechts) ist blond, das erfährt man immerhin und Rudolf von Neuenburg, sein Minnesängerkollege aus der Schweiz (links), eher brünett, aber würde man die beiden im wirklichen Leben anhand der berühmten Bilder aus dem "Codex Manesse" von etwa 1300 wiedererkennen? Man muß es bezweifeln.

Die realistische Wiedergabe von Gesichtern, Körperteilen aber auch von Landschaften und anderen Gegenständen der belebten und unbelebten Natur bricht über uns herein, wenn die Portraitisten der Renaissance beginnen, die Fürsten in Venedig und Florenz so zu malen, daß sie jedes Detail eines Gesichtes - um es mit einem Wort aus der Werbung zu sagen - porentief wiedergeben.

Fast furchterregend lebendig wirken die Bilder, wie hier das Portrait des Dogen Leonardo Loredan mit seinen tiefen Magenfalten (gemalt 1501 von Giovanni Bellini). Sie entstehen in der Zeit, in der mit der Entdeckung Amerikas, der Reformation der Kirche, aber auch mit dem Verlust von Byzanz an den Islam die Welt anders wird. Ein anderer Doge wird alt, gebrechlich und mit einer häßlichen Warze an der Nase gemalt. So also sehen Memschen aus, wenn man sie sich einmal genauer ansieht und nicht beim Idealbild stehenbleibt.

Was hat die Menschen des Mittelalters daran gehindert, genauer hinzusehen? Mir ist diese Frage vor ein paar Jahren in einem Frankreich-Urlaub gekommen, als ich kurz hintereinander eine berühmte mittelalterliche Steinfigur, den Christus über dem Eingang der Kirche von Vezelay im Burgund gesehen habe und danach ein lebensechtes Abbild einer Frauenfigur im Louvre.

Der Künstler, der den Christus von Vezelay etwa um das Jahr 1125 herum aus dem Stein gemeißelt hat, muß ein Meister seines Faches gewesen sein. Mit dem kunstvollen Faltenwurf über den Knien Christi (siehe Ausschnitt) hat er - so wurde uns damals erklärt - letzte kosmische Geheimnisse symbolisiert, die Hiererchie der Engel, die Bewegung der Planeten - ich weiß nicht mehr, was alles in der Ausgestaltung dieses Details steckt.

Aber ein Faltenwurf, wie er in Wirklichkeit an jeder Tischdecke zu beobachten ist, war es nicht. Falten werfen sich anders.

Wie sie sich wirklich werfen, das ist an prominenter Stelle im Louvre zu sehen, und viele Besucher bleiben verzückt vor dem weltberühmten Bauchnabel der Nike stehen, über den leicht und flüssig die Gaze eines hauchdünnen Kleides streichelt. Aus Samothrake, einer griechischen Insel, die ich 1971 im Dunst vor der thrakischen Küste gesehen habe, stammt diese Göttin der Schönheit, nein: des Sieges, und ihr faltenwerfender Rock ist mehr als 1000 Jahre älter als das Gewand des Christus von Vezelay.

Auf 190 v. Chr. schätzt man die Entstehung der Statue, damals hatte sie noch Kopf und Arme und vermutlich einen Speer, aber schöner ist sie vermutlich ohne, habe ich mir immer gedacht, wenn ich sie gesehen habe.

Was ist in den Jahren zwischen 190 vor und 1125 nach Christus geschehen, daß die Bildhauer es verlernt haben, die Falten eines Stoffes so fließen zu lassen, wie sie der Wind fließen läßt? Ist tatsächlich etwas geschehen, was den Menschen die gestalterischen Mittel genommen hat, nach dem Vorbild der Griechen und Römer realistische Abbilder der Wirklichkeit zu schaffen?



Ich habe da meine Zweifel. Und die Zweifel sind mir gekommen, nachdem ich vor vielen Jahren ein mittelalterliches Abbild der Füße Christi gesehen habe. Es befindet sich in der Nähe der Via Appia in Rom und soll den Moment festhalten, wo der vor der Christenverfolgung in Rom fliehende Petrus am Rande der Stadt Jesus trifft. Der trägt erneut sein Kreuz, und als Petrus ihn erschrocken fragt: Herr, wohin gehst du? Domine, qou vadis? antwortet Jesus: Ich gehe nach Rom, mich noch einmal kreuzigen zu lassen. Venio Romam iterum cruzifigi. Und brennt den Abruck seiner beiden Füße in den Marmorboden.

So oder ähnlich erzählt es die Legende, und in der Kirche Chiesa di Santa Maria in Palmis an der Via Appia werden also die Füße Christi gezeigt. Ich habe sie gesehen und kann bezeugen, was man auf dem nebenstehenden Wikipedia-Foto nicht deutlich erkennen kann: sie sind ebenso stilisiert wie das Gesicht Walters von der Volgelweide im Codex Manesse, sind U-förmig und regelmäßig gerundet, im Fuß wie in den einzelnen Zehen, und außerdem um die Hälfte größer als mein eigener Fuß.

Was hat den Bildhauer - denn ein solcher muß es ohne Zweifel gewesen sein, die Legende kann hier nicht stimmen - dazu gebracht, vom Abdruck seines eigenen Fußes im feuchten Blumenbeet seines Gartens weg zu sehen und einen Fuß zu gestalten, der vielleicht so aussieht, wie ein Fuß aussehen soll, aber nicht, wie er wirklich ist? Es kann nicht die mangelnde Anschauung gewesen sein und auch nicht fehelnde Kunst. Der Bildhauer muß innerlich vor sich einen Ur-Fuß gesehen haben, so wie der Maler Walters von der Vogelweide einen Ur- und Ideal-Walter gesehen hat. Vielleicht hat er sogar diesen Ur-Fuß leibhaftig so gesehen, wie er tatsächlich ist, und nicht, wie er nur unserem Auge erscheint.

Letzterer Gedanke gefällt mir. Was wäre, habe ich mich nach Rom oft gefragt, wenn unser Auge uns doch stärker täuscht als wir das annehmen? Was wäre, wenn es Zeiten gibt, in denen das Geistige so präsent ist, daß es das Körperliche hinter sich treten läßt und selbst erscheint?

Wem der Gedanke nicht gefällt, der mag sich durch die eher humorvolle Betrachtung eines Malers unserer Zeit versöhnen lassen. Ich las vor vielen Jahren in einem Buch des holländischen Malers Rien Poortvliet (1932 - 1995), den mein Vater wegen seiner präzisen und lebensechten Malweise sehr verehrte. In diesem Buch ging es um das geheime Leben der Heinzelmännchen, deren Lebensumstände von Poortvliet mit wissenschaftlicher Akribie dargestellt wurde (im Original: Leven en werken van de Kabouter).

Im Vorwort räumt Poortvliet einige Bedenken bezüglich der Existenz von Heinzelmännchen beiseite: es sei natürlich bekannt, daß es Menschen gäbe, die in ihrem Leben noch nie ein Heinzelmännchen gesehen haben. Aber das begründe eher einige Zweifel an der Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen als an der Existenz von Kabouters.

So oder ähnlich soll es sein! Und die Füße der Heiligen sind also U-förmig und so regelmäßig geformt wie das Gesicht Walters von der Vogelweide. Das Mittelalter lehrt uns, den Realismus hinter den Dingen zu sehen.

P.S. Habe nochmal den Bauchnabel der Nike betrachtet und bin mir meiner Sache doch nicht so sicher.

Dienstag, 5. Februar 2008

Erlösung


In den letzten Tagen und Wochen habe ich ein kleines Buch gelesen, das in den 20er Jahren entstanden ist und von einem Mann geschrieben wurde, der damals eine Art katholischer Arbeiterpriester gewesen ist. Ich habe das Buch in einer Kölner Kirche gefunden*, bin beim Lesen auf den Autor neugierig geworden und habe mir später ein zweites Buch besorgt, welches das Leben dieses Mannes beschreibt. Mittlerweile ist mir José, wie der Priester heißt, zu einem Freund geworden, dem ich gerne einmal persönlich begegnet wäre. Er ist 1975 gestorben.

Vieles was er schreibt, hört sich evangelisch an – etwa das, was er über die Würde menschlicher Arbeit sagt und über das Streben nach Heiligung, also einer Durchdringung des alltäglichen Lebens mit dem Geist Gottes, und anderes mehr. Über die Arbeit hat ja auch Luther sehr schön gepredigt, und über die Heiligung dann später die Pietisten und Methodisten. Manches andere bei José versteht dagegen vermutlich nur ein Katholik – etwa die Verehrung für Maria und Josef, deren Bilder allerdings zugegebenermaßen den Wert von täglicher, körperlicher Arbeit sehr viel lebendiger vor Augen führen als jedes Lippenbekenntnis eines evangelischen Theologen zur Achtung vor dem Mann an der Hobel- oder Drehbank.

Ein anderer katholischer Gedanke bei José ist mir besonders fremd, und ich habe mir anfangs sogar gesagt, daß er falsch ist und sich auf einfache Weise widerlegen läßt. Anderseits gefiel er mir dann immer mehr, und ohne diesen Gedanken ist die Lehre vom Wert der geringen Arbeit und von der Würde eines jeden Lebens, auch des kleinen, eigentlich nicht vollständig.

Er führt in der Konsequenz dazu, daß José in seiner Lehre von der göttlichen Durchdringung des Alltäglichen am Ende auch die Kranken dazu anhält, ihre Schmerzen in Würde zu tragen Und nicht nur das, sie sollen sie sogar jemandem „opfern“, sie also in dem Bewußtsein aushalten, daß andere Menschen dadurch etwas Gutes gewinnen können.

Einmal sagt er, wir seien dazu aufgerufen, in der Christusnachfolge uns ähnlich wie der leidende Gottesknecht zu verstehen und zu verhalten. Über ihn sagt ja Jesaja, daß er krank und zerschlagen war, und fügt dann die bekannten Worte an: Durch seine Wunden sind wir geheilt (Kapitel 53,5). Auch wir können, indem wir leiden und das Leiden bewußt auf uns nehmen, im Sinne dieses Gottesknechtes Erlöser oder besser „Miterlöser“ sein, sagt José.

Dieser Gedanke ist fremd. Aber ist er es wirklich? Schon eine der ursprünglichen, jüdischen Interpretationen der Stellen vom leidenden Gottesknecht (in Jesaja 42, 49, 50 und 53/53) sieht nicht göttliches sondern menschliches Leid als den Kern der Jesaja-Botschaft an. Diese jüdische Deutungsmöglichkeit nimmt an dieser Stelle an, das Leiden des Gottesknechtes sei gleichbedeutend mit dem Leiden des jüdischen Volkes. Man hört diese Deutung zwar nicht oft, aber wohl eher deswegen, um dem Antisemitismus nicht auf verquere Art und Weise immer neue Nahrung zu geben.

Vor einiger Zeit habe ich von Freunden eher ablehnende Reaktionen bekommen, als ich behauptet habe, das Leid der deutschen Juden habe den relativen Frieden begründet, unter dem Millionen von Fremdlingen 60 Jahre nach dem Holocaust in Deutschland leben. In der Erinnerung an Auschwitz verbieten sich – meine ich nach wie vor - eigentlich alle Gedanken an eine „Endlösung“ im Sinne eines ethnisch gesäuberten Volkes. Sicher ist, daß zumindest unser großzügiges Asylrecht auf dem Boden des Unrechtes gewachsen ist, welches durch das enge Asylrecht begünstigt wurde, das in den demokratischen Staaten der Jahre um 1940 herrschte und den Juden die Ausreisemöglichkeiten versperrte.

Ich denke nach wie vor, daß es tatsächlich ein Leid gibt, das der eine trägt und aus dem der andere Vorteile erhält. So kann Leid etwa wie ein Licht sein, es kann vom Bett eines Schwerkranken ausgehend einen Glanz von Menschenwürde ausstrahlen, einen Widerschein von menschlichem Adel, der den Besucher ganz tief in seinem Herzen trifft und ihm eine Ahnung von der Würde seines eigenen Lebens gibt. Natürlich kann Krankheit und Tod auch das Gegenteil bewirken, kann uns Angst machen, uns unser Leben als gefährdet und bedroht erscheinen lassen. Aber das andere gilt vielleicht doch in stärkerem Maße.

In den Striemen Christi liegt unser Heil, das haben die Christen zu allen Zeiten bekannt und die Formel vom Leid des einen und dem Vorteil des anderen bejaht, meist allerdings ausschließlich als göttliches Handeln. Aber auch der Glaube, daß man das Kreuz Christi aufnehmen und tragen soll, ist allgemeines Gut der Christen. José lädt uns an dieser Stelle eigentlich nur zu einem ganz kleinen nächsten Schritt ein, daß wir sagen: wir tragen nicht nur wie Christus ein Kreuz, ein kleines zwar nur, wir bringen mit unserem Kreuz auch Heil und Erlösung in unsere Umgebung, auch dies nur in kleinen Stücken, aber doch wirksam.

Als José etwa 1930 damit anfing, ein größeres christliches Werk zu gründen, mußte er noch in der frühen Gründungsphase ohnmächtig erleben, wie eine enge Mitarbeiterin an Krebs starb, viel zu jung und unter furchtbaren Schmerzen. José hat ihre Tagebücher verwahrt, in denen sie davon berichtet hat, wie sie ihre schlaflosen, im Schmerz durchwachten Nächte bewußt als ein Opfer für „das Werk“ dargebracht hat. Solche Opfer hat José als das tiefe und sichere Fundament seiner Arbeit verstanden.

Ich nennen Josés vollen Namen erst zum Schluß - Josemaria Escriva - denn mit seiner Nennung verbinden manche Leute ganz andere, oft sehr kritische und ablehnende Gedanken. Er wurde berühmt als der Gründer einer katholischen Laienbewegung, die für viele ihrer Gegner das schwarze Loch im schwarzen Katholizismus ist.

Escriva hat diese Laienbewegung nach dem großen Wert, welchen er aller menschlichen Arbeit im Lichte Gottes beigemessen hat, „Arbeit Gottes“ genannt, Opus Dei.


*gestohlen, um ehrlich zu sein. Ich hatte kein Wechselgeld und schulde der Kirche St. Pantaleon € 4,50 für Escrivas „Der Weg“. Eine Buß-Wallfahrt ist bereits geplant. Man kann das kleine Buch mit einigen anderen Schriften von Escriva im Internet nachlesen, in vielen Sprachen, auf einer sehr sorgfältig gestalteten Seite http://www.escrivaworks.org/

Freitag, 25. Januar 2008

Ein Stück poetische Bibel: Hiob


Ganz zum Schluß seiner Geschichte erscheint dem Hiob die Schönheit. Ihm werden, wiedererstarkt, als kostbarstes Geschenk drei Töchter geboren, deren Namen auch ehrfurchtsvoll im Buch aufgeschrieben sind, Jemimah, Qeziah und Qeren Happuch, die schönsten Mädchen im ganzen Land. Ihr Bild versöhnt den Ausgang der Geschichte, aber für die Schönheit ist nicht nur am Ende des Buches Platz, sie zieht sich in gewisser Weise durch alle seine Kapitel. Ein Glanz schöner Worte ist über dem Reden Hiobs, den Antworten seiner Freunde und schließlich über Gottes bildmächtiger Schlußrede aus dem Sturm. Es ist ein poetischer Reiz, der an manchen Stellen fast das finstere Grundthema vergessen läßt, daß hier ein Mensch im Elend ist.

Vielleicht ist es die Absicht dieses Buches, daß Menschen, die es ihrerseits im Elend sitzend lesen, von der Schönheit der Worte mitgenommen und getröstet werden. Vielleicht tröstet sie mehr als die eher theoretisch-theologischen Erkenntnis, daß es nicht Gottes Sache ist, Gerechte immer und allezeit zu belohnen und Ungerechte entsprechend konsequent zu bestrafen.

Sicherlich ist Gottes zweiteilige Schlußrede min ha-sarah, aus dem Sturmwind, ein Schlüssel zum Verständnis des ganzen Buches, und ich wage zu behaupten, daß dieser Schlüssel im Reichtum ihrer schönen Bilder besteht. Gott gibt in seiner Rede zwar kaum eines seiner Motive preis, aber er läßt in lebendigen Schilderungen seine Schöpfung Revue passieren, endend mit einer prachtvollen Vorstellung der beiden größten Tiere der Welt.

Danach bricht die Rede Gottes im vorletzten Kapitel abrupt ab. Als letztes vor unsere Augen gestellt hat er die erhabene Architektur eines edlen Großwildkörpers, sehr anmutig (das Wort "chen" für eine graziöse Art von Gnade wird hier gebraucht) und so stark, daß Schwerter und Pfeile an seinem Körper wie Stroh abprallen.

Eigentlich hätte man an dieser Stelle erwartet, daß Gott jetzt sagt: und Hiob, was Dein Elend betrifft, so höre auf folgendes. Aber nichts davon. Gott verschwindet sozusagen wieder in seinem Sturm und ein ernüchterter und wortkarg gewordener Hiob faßt in wenigen Sätzen bedauernd das falsche zusammen, was er gesagt hat und bereut apar ve eper, in Staub und Asche. Es folgt dann noch eine kurze Schilderung seiner glanzvollen Wiederherstellung und schließlich, wenige Sätze vor dem Ende, in ungewöhnlicher Ausführlichkeit, der Auftritt der drei schönen Mädchen.

* * *

Schönheit ist der Schlüssel zu diesem Buch. Man darf Gottes letzte Worte, seine Beschreibung der beiden großen Tiere, als etwas genießen, das uns in seiner wohlüberlegten Bauweise und ästhetischen Zweckmäßigkeit einen ergriffenen Schauer über den Rücken jagen will. Wie klug das alles doch ist - und wie schön!

Aber nicht nur Gottes Schöpfung ist schön. Poetisch und wunderbar klangvoll ist auch das, was Hiob in seinen eigenen Reden aus dem Elend hervorgebracht hat. An einer Stelle rezitiert er eine Art von Ballade, in der es um die Suche nach Weisheit geht und die mit den Worten beginnt:

Für das Silber gibt es einen Fundort
und eine Stelle für das Gold,
wo man es auswäscht.
Eisen wird aus dem Erdreich hervorgeholt,
und Gestein schmilzt man zu Kupfer.
Ein Ende setzt man dem Dunkel
und erforscht bis zur äußersten Grenze
den Stein der Finsternis
und des Todesschattens.


Man bricht einen Schacht
fern von dem droben Wohnenden.
Vergessen vom Fuß dessen, der oben geht,
baumeln sie, fern von den Menschen schweben sie.


Die Erde, aus der das Brot hervorgeht -
ihr Unterstes wird umgewühlt
wie von Feuer.
Der Fundort des Saphirs ist in ihrem Gestein,
und Gold ist darin.


Ein Pfad, den der Geier nicht kennt
und den das Auge des Habichts nicht erspäht.
Nie gingen die Söhne des stolzen Wildes auf ihm,
nie beschritt ihn der Löwe.

Diesen eindrucksvollen Bildern folgen weitere 20 Verse des Kapitels 28, die zusammen einen der poetischsten Abschnitte der Bibel bilden. Der Gang des Liedes steigert sich am Ende zu der scheinbar unlösbaren Frage: wo ist Weisheit zu finden? Und es schließt wie mit eine gewaltigen Schlußakkord in der Erkenntnis, daß die Weisheit in der Furcht Adonais besteht.

Das alles ist von hohem ästhetischem Reiz, und man könnte aus dem Buch Hiob fast schließen, daß Gott am liebsten in Bildern redet, in schönen Bildern. Nun ist allerdings zunächst einmal die drängendste Frage des Hiob, warum Gott nach Hiobs Eindruck schweigt und überhaupt gar nichts redet zu all den Dingen, die Hiobs Leben unerträglich machen. Hiob leidet unter Gottes Schweigen und wirft es ihm vor.

Die Stellungnahme seiner Freunde (die hier in einer Skizze von Rembrandt abgebildet sind) zu diesem Angriff auf Gott ist bemerkenswert: nein, er redet doch, sagen sie, es mag selten sein, aber er redet trotzdem. Wie redet er?
In Träumen und Nachtgesichtern, wenn tiefer Schlaf auf den Menschen fällt (Kapitel 33,15).

Eine solche Rede im Traum stellt ebenfalls eine bildhafte Sprechweise dar, und auf sie ist der Mensch vielleicht also immer dann angewiesen, wenn ihm beim Hören auf die Worte Gottes und beim Bedenken seiner Handlungen kein rechter Sinn aufgehen will. Eine solche Sinnkrise wäre also der Zeitpunkt, wo Gott Bilder einsetzt, schöne Bilder, wo er den Sinneseindruck nutzt – und hier einmal ausnahmsweise nicht in der Klarheit von Wort und Gedanken erscheint.

Ich möchte hier nichts sagen, was sich gegen die Tradition des Wortes, also des offenbarten Gotteswortes richten könnte. Juden und Christen stehen in der Treue zum hellen und logischen Reden Gottes, zur Wortrede, nicht zur Bilderrede. Aber es ist nicht zu bestreiten, daß die Stelle des tiefsten Elends im Alten Testament gleichzeitig die Stelle vieler seiner schönsten Bilder ist.

Selbst die Not erscheint in einem poetisch verklärtem Licht: die Pfeile Schaddais des Allmächtigen sind in mir, daß ihr Gift zu trinken bekommt mein Geist, sagt Hiob in Kapitel 6,4. Eine andere Stelle ist in der Vertonung von Johannes Brahms weltberühmt geworden: Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen, und das Leben den betrübten Herzen? (Kapitel 3,20). Es sind allesamt starke, bildhafte Worte, die sich hier finden, und die in ihrem ästhetischen Reiz vielleicht schon einen leisen Trost bewirkt haben, lange bevor ihr wörtlicher Sinn dann später auch unser waches Bewußtsein erreicht.

Der Inhalt tritt dagegen oft zurück. Das mag an manchen Stellen für uns Heutige auch an der Unübersetzbarkeit vieler Worte liegen, der Fußnotenapparat der Elberfelder Bibel mit seinen vielen alternativen Übersetzungen gibt Zeugnis davon. Das Reden der Freunde und die Gegenreden Hiobs kann man sich als Gedanken eines einzigen, uns nicht immer zugänglichen Geistes vorstellen, der seine unterschiedlichen Theorien von Gott in seinem Kopf hin und her wälzt, ohne zu einem schlüssigen Ergebnis zu kommen. Die Freunde irren dabei nicht immer und auf der ganzen Linie, sie sagen im Gegenteil etwa in Kapitel 22 und 36 richtig voraus, daß das Elend ein Ende haben wird und daß Hiob seinen Besitz zurückerstattet bekommen wird.
Wenn sie trotzdem am Ende Gottes Zorn trifft (den Hiob aber durch ein Opfer abwenden kann), dann möglicherweise nur deshalb, weil sie nicht die ganze Tiefe des Leidens und Fragens durchschritten haben wie Hiob.

* * *


Ich behaupte: das Buch Hiob ist ein schönes, ein poetisches Buch. Ich habe es in den letzten Wochen meiner Frau am Tisch vorgelesen, Kapitel für Kapitel, und war immer neu davon überrascht, wie stark und bildhaft seine Worte sind. Am Ende erhielten wir das Geschenk der Begegnung mit Jemimah, Qeziah und Qeren Happuch, den drei Schönheiten. Im Nachhinein betrachtet waren sie aber wohl schon von Anfang an ein Teil der Geschichte.

P.S. Die Bilder drei oberen Bilder sind von William Blake, Rembrandt und Georg de la Tour, das letzte Bild war im Internet nicht bezeichnet, es gibt aber ein ähnliches, farbiges Bild, das ebenfalls von Blake ist.

William Blake (1757 - 1827) hat sich intensiv mit der Illustration von Hiob beschäftigt. Er war ein vielseitiges Genie. Schüler lernen sein Tiger, Tiger, burning bright im Englischunterricht, auch der Text des berühmten Jerusalem, das in der Last night of the proms gesungen wird, ist von ihm.

Mittwoch, 9. Januar 2008

Change


Gedanken am Morgen meines 59. Geburtstages.

Was in diesen Tagen die Welt bewegt, ist für viele Leute in dem Wort "Change" zusammengefaßt. In den USA, wo Hillary Clinton gerade gestern die zweite Runde der Vorwahlen gewonnen hat, streiten sich die Präsidentschaftskandidaten darum, wer am glaubwürdigsten den als notwendig empfundenen Wechsel verkörpert. Der schwarze Kandidat Barak Obama wird als einer angesehen, der das am besten von sich behaupten kann, aber auch die anderen tun alles, um sich als agents of change zu präsentieren.

Da will ich dann auch einmal einen Wechsel melden. Er wird aufgrund des schönen Geburtstagsgeschenkes, das Christiane mir heute morgen machte, notwendig. Ich bekam nämlich eine Wanduhr, siehe das untenstehende Foto. Sie soll die alte, nicht mehr reparable Uhr im Eßzimmer ersetzen, die Christiane mit in die Ehe gebracht hatte.

Die neue ist eine echte Uhr, also mechanisch, mit einem Pendel und einem recht schweren Gewicht an der Kette. Sie ist zierlicher als die alte Uhr und hat deshalb nicht deren Platz an der breiten Wand neben der Küche bekommen, sondern einen Platz gegenüber, an der Wand zum Eßzimmer.

Und nun also der Wechsel, ein großer Schritt für mich, ein kleiner für die Menschheit. Er besteht darin, daß ich, der die Uhr als alter Antreiber der Familie im Auge haben soll, nun so sitzen muß, daß ich die Uhr auch wirklich sehen kann. Also tausche ich meinen Platz mit Christiane und gebe nach fast dreißig Jahren den Blick in die Küche zu Gunsten des Blickes in den Garten auf, was nebenbei der schönere Blick ist. Von hier aus kann ich unseren kleinen Sprudelstein-Brunnen sehen, es ist idyllisch!

Erneut werde ich an das kleine Glück erinnert, das ein alter Römer* so definierte "Wenn du zu einer Bibliothek noch ein Gärtchen hast, fehlt nichts".



Dankbar erinnere ich mich auch an den Architekten unseres Anbaus, Herrn Axel Buchen, der uns die Fußbodenheizung empfahl und damit die Möglichkeit eröffnete, die Fenster ohne Brüstungen bis zum Boden zu führen. So haben wir den Garten ein wenig ins Haus hineinholen können.

Übrigens schlägt an der Uhr ein kleines silberhelles Glöckchen zu jeder vollen Stunden einmal kurz an. Das soll uns jetzt wohl daran erinnern, die Zeit besser zu nutzen.


Ein weiterer Wechsel droht zunächst nur, wäre aber schmerzlich: die große Kastanie vor dem Haus zeigt in den letzten Wochen starken Pilzbefall. Ich fürchte, daß es Zeichen für das nahe Ende dieses wunderbaren Schattenspenders ist. Er würde beim Umfallen im Sturm großen Schaden anrichten. Ich werde in diesen Tagen einen Baumspezialisten befragen, ob die Standsicherheit noch gegeben ist. Die Antwort wird vermutlich wenig erfreulich ausfallen.


* Cicero: „Si apud bibliothecam hortulum habes, nihil deerit.“

Samstag, 29. Dezember 2007

Der Schwiegersören und die Großfamilie

 





Am ersten Weihnachtstag stößt auch Sören (hier im Bild mit Matthias) aus Bremen zu uns, Carolins Freund, der mit seiner Familie in Bremen Weihnachten gefeiert hat. Er wird freudig erwartet - von allen! - und verstärkt bald die Laptop-Fraktion.


Man schätzt ihn u.A. wegen seiner EDV-Kenntnisse. Er wird - das ist schon klar - das hausinterne Wireless Lan endlich mit einem Paßwort versehen und es gegen räuberisches Eindringen aus der Nachbarschaft sichern.

Franziska Sprzagala, die Patentochter, kommt zwischen zwei Konzerten mit den Bergischen Symphonikern kurz vorbei. Leider werden die Fotos des schönen Mädchens alle nichts, deshalb muß der Verweis auf die sehr gute Konzertkritik der lokalen Zeitung hier genügen.


Am zweiten Weihnachtstag dann fällt schließlich die gesamte Großfamilie Runkel ein - Schwester Sigrid mit Schwager Friedhelm und Familie sowie Schwiegerfreund Christian, Bruder Erwin Adolf (Brüdi, hier im Foto mit mir) mit zwei Söhnen (die beiden Töchter sind zum Skifahren weg) und Schwester Esther. Ein Topf mit 10 Litern Borschtsch nach einem uralten ukrainischen Rezept von Liese Warkentin macht sie alle satt, so daß später ein fröhliches Singen und Musizieren aus gut genährten Leibern ertönen kann.

Hier ein Rundumbild mit (fast) allen Gästen drauf.

Am 28. kommt auch Eva

 



Eva hat in der Schweiz die Eltern Ihres Freundes Manuel besucht und kommt am 28. an. Judith holt sie vom Flughafen Köln ab und bringt sie nach Wiedenest, wo Christianes Mutter samt Schwester, Schwager und deren Kinder und (Ur-)Enkelkinder besucht werden.

Eva hat ein Lied für Tina gemacht, das ich gerne hier zeigen möchte, ich kämpfe mit ihr um die Verwertungsrechte und darf das Lied am Ende nun also allen zeigen:



Am 29. kommt auch Oliver Barnett aus Köln, Sohn von unseren Freunden Robert und Caroline in England.

Er lebt seit einigen Monaten in Deutschland und möchte länger bleiben, weil es ihm hier gefällt. Der Junge weiß, was gut und richtig ist! Auch die Sprache hat er verblüffend schnell gelernt. Er ist uns ein willkommener und lieber Gast.

Dienstag, 25. Dezember 2007

Weihnachtsbotschaften

 


In unserer Lokalzeitung hat der katholische Stadtdechant zu Weihnachten eine kleine, freundliche Andacht geschrieben, wie man sie in diesen Tagen landauf, landab vermutlich in ähnlicher Form zu lesen oder hören bekommt. Gott kehrt an Weihnachten alle unsere Maßstäbe um, das ist der Inhalt der Botschaft.

Obwohl dagegen an sich nichts einzuwenden ist, liest man es trotzdem mit zwiespältigen Gefühlen. Man erinnert sich daran, daß man es ja leider immer und immer wieder gehört hat, sich aber nie wirklich entschließen konnte, nun seinerseits die eigenen Maßstäbe einer Prüfung zu unterziehen und zu ändern. Hoch und angesehen bleibt hoch und angesehen, und arm und dumm bleibt arm und dumm. Und man tut offenbar gut daran, sich zum Hohen hin zu orientieren, denn nur da gibt es die relative Sicherheit, die unsere immer auf wackligen Füßen stehende Existenz so dringend nötig hat.

Außerdem ist es fast eine Tautologie, daß Gott anders denkt und urteilt als wir. Er ist ja kein Mensch. Findet man sich nicht besser damit ab, ja kann man nicht sogar davon profitieren, daß es im Universum eine Alternative zu dem gibt, was wir denken und leben? Man freut sich ja auch über andere alternative Lebensformen, etwa der Ureinwohner ferner Inseln, deren Sitten und Gebräuche wie der Hauch eines exotischen Duftes zu uns kommen. Der Vergleich klingt vermessen, aber während ich das schreibe, fällt mir ein Weihnachtslied ein, das tatsächlich von der Umkehrung der Maßstäbe spricht und das alle diese Gedanken in eine zündende Melodie kleidet – aus der Karibik. Man singt es, wiegt mit den Hüften und möchte aus einem anderen Weihnachtslied anfügen: Eia, wär’n wir da! Und wir sind es nicht.

Nein, Weihnachten kehrt keine Maßstäbe um. Es kommt auch nicht plötzlich und unerklärlich und „senkrecht von oben“ wie Karl Barth es für Begegnungen mit dem Göttlichen gefordert hat. Es ist lange vorher angekündigt worden und hat eine jahrhundertelange Vorgeschichte, glücklicherweise.

Diese beginnt um die Zeit des Exils der Juden herum und wird durch Generationen hindurch von Juden getragen, welche die Knechtschaft und Unterdrückung ihres Volkes unter Assyrern, Persern, Griechen und Römern erdulden und dabei nie vergessen können, daß ihr Gott ihnen eigentlich die Beherrschung der ganzen Welt versprochen hatte. Sie erkennen nach und nach, daß Gott seine Macht nicht länger an den großen Hoffnungsträgern der jüdischen Geschichte erweist, Abraham, Mose, David, Salomo, sondern vielmehr an den kleinen, meist namenlosen Helden eines alltäglichen Glaubens, der nichts sieht, der aber trotzdem nie aufhört zu hoffen.

Zu diesen Juden spricht Jesaja um 600 v.Chr. und zeichnet ihnen mehr ahnend als wissend das Bild von einem leidenden Gottesknecht. Der trägt das Leid der anderen und hebt es auf, in ein neues Gottesreich hinein. Er findet „geknickte Rohre“ vor und „glimmende Dochte“ (Jesaja 42,3), und er macht keine eisernen Säulen aus ihnen und keine brennenden Feuer, sondern baut eine Gemeinschaft aus solchen, die das Leben eher elend wie ein Hiob erlebt haben und nicht glorreich wie der König Salomo.

In Jesajas Zeiten, den Zeiten des babylonischen Exils und danach, wächst ein neuer Glaube. Er hält den Gedanken an JHWH lebendig, aber erkennt in ihm einen Gott, der sich darin bewährt, daß er im Elend nahe ist und im Leid trösten kann, der damit viel mehr ist als nur ein Garant für fraglichen Wohlstand und wacklige politische Macht.

Die neue Weise, Gott im Dunkel des Lebens zu erfahren, erweist sich als stärker und überlebensfähiger als jeder Glaube davor und danach, weil er den blinden Optimismus, der in jedem Menschen steckt, überwindet und klar sieht, daß zu jedem Leben Verlust und Leid gehört. Jeder ist über Phasen seines Lebens ein Hiob.

Wenn dann 500 oder 600 lange Jahre später Jesus erscheint, ist das Feld für ihn durch Menschen bereitet, die diesen Glauben in sich tragen, die ihre Armut erkannt und sie bewußt angenommen haben. Im Jesus-Buch des Papstes ist nachzulesen, wie sich diese Menschen selbst als „die Armen Gottes“ erkennen und annehmen. Zu der Reihe entsprechender Attribute gehören Worte wie „die Armen der Barmherzigkeit“, „die Armen der Gnade“ – oder wie es Jesus dann in der Bergpredigt gesagt hat „die Armen des Geistes“. Die Menschen, die Jesus als erste an- und aufnehmen, stehen in dieser Tradition, seine Eltern an prominentester Stelle.

So kommt Jesus in Bethlehem an, über lange Jahre und Jahrhunderte ersehnt, erwartet und gekannt. Die Maßstäbe, die er umkehrt, sind schon lange vor seiner Zeit aufgehoben worden. Daß sie nicht tragen, diese alten Maßstäbe, war lange vor Jesus bekannt. Neu ist, daß man seit Weihnachten sehr viel fester daran glauben kann, daß es richtig war, sie zu verändern und das Leben tiefer und klarer zu sehen, in allen seinen hohen und tiefen Dimensionen.