Mittwoch, 21. September 2022

Ein verwirrender Auftritt Putins



So wie Wladimir Putin auf einer Pressekonferenz der Shanghai Organisation für Zusammenarbeit (SCO) am 18. September auftritt, verwirrt er mich. Er ist nicht der Respekt gebietende Herrscher eines Weltreiches, auch keiner, der – wie Donald Trump – seine plakativen Thesen vortragen will, und ein Hitler oder Stalin ist er erst recht nicht. Er entwickelt seine Gedanken in recht freier Form während er redet, unterbricht sich gelegentlich, sucht nach einem Wort, räuspert sich immer wieder und wirkt wie ein gut ausgebildeter Experte für Fragen des politischen Alltags, nicht wie der alles beherrschende Imperator. "Guten Abend - ich höre." So knapp und sachlich beginnt er.

Die ihn fragenden Journalisten wirken frei, werden von ihm auch nicht – wie bei Donald Trump – in irgendeiner Form gemaßregelt oder herabgesetzt. Das alles geht in einer recht freien Form seinen Weg. Die Seite "Kremlin.ru" hat das englischeTranskript.

Für ihn ist offenbar die „Operation" in der Ukraine nur ein vergleichsweise kleines Thema, auch wenn die Journalisten ihn immer wieder danach fragen. Putin redet über die internationalen Auswirkungen des Konfliktes und berichtet etwa detailliert, dass von den mittlerweile 121 Schiffen mit Getreideladungen bedauerlicherweise nur drei bei armen Völkern angekommen sind. Der Westen hätte sich den größten Teil der Lieferungen selbst nach Hause beordert, was Putin zu der leidenschaftslosen Feststellung veranlasst, dies alles seien frühere Kolonialmächte, die sich auch heute nicht abgewöhnt hätten, auf Kosten der ärmeren Länder zu leben.

Was die Energieknappheit in Europa betrifft, so weist er daraufhin, dass schon lange vor der „Operation“ in der Ukraine die Europäer ihre Energieversorgung von Öl / Gas auf alternative Energien umgestellt hätten. Dass das alles nicht zum selben Preis zu haben sei, das hätten die Europäer nicht berechnet – ihr Fehler.

In dieser in einem ruhigen Wohnzimmerton vorgetragenen Gedankenkette sucht man vergeblich nach der großen Lüge, in die sich das Denken Putins verstrickt hat. Wie gesagt – er ist kein Hitler und kein Napoleon, er ist aber auch kein Joseph Goebbels und kein Donald Trump, der ständig seine plakativen Thesen vor sich her trägt.

So wie er da steht und sehr selbstsicher seine Gedanken vorträgt, steigt der Gedanke in einem hoch, was wäre, wenn er tatsächlich den Krieg gewinnt. In dem bekannten Buch „The Rise and Fall of the Great Powers“ (Paul Kennedy, 1988) wird gleich zu Beginn die These vertreten, dass die stärkeren finanziellen Mittel am Ende viele Kriege entscheiden. 

"... victory has repeatedly gone to the side with the more flourishing productive base—or, as the Spanish captains used to say, to him who has the last escudo."

Da ist Putin zweifach im Vorteil – er verfügt über einen gigantischen Vorrat an Rohstoffen und hat auf unserer Seite Gegner, die möglicherweise schon recht bald über zusammenbrechenden Lieferketten und erschöpfte, von steigenden Zinsen belastete öffentliche Haushalte in die Knie gezwungen werden.

Schön ist das alles nicht.

Samstag, 27. August 2022

Im Fischerhaus

Gestern hat mir der 74-jährige Eigentümer unserer Ferienwohnung die Geschichte seines Hauses erzählt. Es ist tatsächlich, wie wir bisher angenommen hatten, ein Fischerhaus, war dies aber nicht immer.

Der um das Jahr 1900 hier wohnende Fischer befischte die an dieser Stelle zu einem bis zu 600 m breiten See aufgestaute Havel und hatte zum See hin einen etwa 25 m breiten Garten, den eine stabile Mauer zum Wasser abschloss und der an einer Seite einen Anlegesteg und eine flache Stelle hatte, an der man ein Boot zu Wasser lassen konnte.

Er hat dieses Anwesen in den dreißiger Jahren an einen wohlhabenden Berliner Kaufmann übertragen, der hier ein Nest für seine Geliebte und ein gemeinsames Kind einrichtete und regelmäßig am Wochenende zu Besuch kam.

Der Großvater des gegenwärtigen Eigentümers war ebenfalls Fischer gewesen , in Pommern, und hatte sich nach den Wirren des ersten Weltkrieges, in denen der Danziger "Korridor" entstand, weiter westlich eine neue Heimat gesucht. So war er Fischer an der Havel geworden und hatte auch seine Kinder in diesem Beruf erzogen.

Auch sein Enkel, der jetzige Eigentümer, versteht sich noch auf das Aufstellen von Reusen und auf viele andere Dinge, die man für den Fischfang gelernt haben muss. Er hat aber sein Geld überwiegend mit Arbeiten in der Industrie verdient.

Sein Vater hat das Anwesen erst in den siebziger Jahren von der mittlerweile hochbetagten Geliebten des
Berliner Kaufmanns oder deren Erben erworben und hat noch eine Zeit lang von diesem Haus aus die Havel befischt. Er hatte vorher an einer anderen Stelle in Werder gewohnt und hatte dort als Fischer die Veränderungen erlebt, die durch die Enteignung und Neuordnungen der DDR entstanden waren – und später auch noch deren Rückbau. Der Sohn stellt die Arbeit in der Fischerei-Kolchose positiv dar, trotz des anfänglichen Ärgers, den der Vater aufgrund  des Verlustes seines Eigentums empfunden hat. 

Über die neuen Entwicklungen durch Zuzug reicher Leute auf die Insel spricht der Sohn, unser Wirt, kritisch, obwohl er erkennbar selbst davon profitiert hat. Einige Nachbarhäuser ähnlicher Bauart und ebenfalls mit Zugang zur Havel, würden mittlerweile für siebenstellige Beträge gehandelt, erzählt er.

Das alte Fischerhaus lag wie gesagt am oberen Ende eines langen Gartens, unmittelbar an der Straße. Der jetzige Eigentümer ist von Potsdam aus in den neunziger Jahren nach Werder gezogen, da lebte sein Vater noch, und hat sich unterhalb des alten Fischerhauses einen Bungalow in den Garten gebaut

Das Fischerhaus hat er gründlich renoviert und zwei Ferienwohnungen darin eingerichtet, in deren einer wir jetzt zum wiederholten Male wohnen. Schön ist es hier!




Freitag, 26. August 2022

Die pascalsche Wette

Kürzlich las ich die kritisch-spöttischen Worte eines Mannes, der sagte, im Himmel würden die Leute, die aufgrund der pascalschen Wette geglaubt haben, mit Stirnrunzeln empfangen und in einer Abteilung zweiter Klasse untergebracht. Ich habe diese Bemerkung so verstanden, dass ein Glaube, der auf reinen Wahrscheinlichkeitsüberlegungen aufbaut, nicht als vollwertig anerkannt werden kann.

Die pascalsche Wette sagt, dass die größere Wahrscheinlichkeit, bei der Entscheidung Glaube/Unglaube sein Glück zu machen, auf der Seite „Glaube“ liegt. Im Falle, dass dieser Glaube nicht richtig liegt, schadet das nichts. Im Falle dass der Unglaube dagegen sich als falsch erweist, gerät der Mensch in große Probleme.

Zur Verteidigung der pascalschen Wette las ich jetzt in einem älteren Artikel von Rüdiger Safranski, dass er gar nicht annehme, Pascals Glaube habe sich aus dieser Wette begründet*. „Es ist wohl eher so, dass etwas in ihm glauben will oder schon glaubt, und der Intellekt bietet ihm (und anderen Zweiflern) ein Kalkül an, mit dessen Hilfe er sich gegen mögliche Einreden zu seinem Glauben ermuntert.“

Was könnte das sein, das „in uns glaubt“? Safranski nimmt an, dass der Gläubige Christ sagen würde, so Safranski: „Christus ist in mein Leben getreten und seine lebendige Gegenwart ist dasjenige, was mich glauben lässt.“

Mich hat dieser Satz aus Safranskis Mund verwundert, hat mich aber auch gleichzeitig an Erlebnisse in meiner Kindheit erinnert, in denen die meisten Christen in meiner Umgebung von sich sagten, sie hätten Jesus „in ihr Herz gelassen“ und dass sei letztlich die Quelle ihres Glaubens.

Mittlerweile muss ich von den meisten Christen in meiner Umgebung annehmen, dass sie eher einer intellektuellen Erwägungen ähnlich der pascalschen Wette folgen, wenn sie von sich selbst sagen, dass sie glauben.

Die intellektuelle Durchdringung der Welt mit ihren überwältigenden Ergebnissen verlangt von uns allen, dass wir auch den Glauben intellektuell begründen können, eine „Rechenschaft vom Glauben“ abgeben können, die kritischem Nachdenken genügt.

Aber genügt sie den Ansprüchen an einen wirklich gefestigten Glauben? In dem Buch von 1995, in dem der Artikel von Rüdiger Safranski erschienen ist**, schreibt auch Botho Strauß von einem ähnlichen Zugang zum Glauben: er zitiert Ernst Jünger, dem das fragliche Buch gewidmet ist, dass zwei Denker (Vico und Hamann), die nicht in der Tradition der Aufklärung (Kant und Descartes) stehen, letzteren vorzuziehen sind, denn „die Kraft dieser Geister beruht auf Offenbarung, nicht auf Erkenntnis.“



* Pascal hat eine Offenbarung erlebt, über die er eine Aufzeichnung notiert hat, die er zeitlebens mit sich herumtrug. Sie lautete:


Jahr der Gnade 1654

Montag, den 23. November, Tag des heiligen Klemens, Papst und Märtyrer, und anderer im Martyrologium.

Vorabend des Tages des heiligen Chrysogonos, Märtyrer, und anderer.

Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht

                                Feuer

Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten.

Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede. Der Gott Jesu Christi.

Deum meum et Deum vestrum.

Dein Gott ist mein Gott.

[...]


** "Magie der Heiterkeit, Ernst Jünger zum Hundertsten", Herausgegeben von Günter Figal und Heimo Schwilk

Montag, 15. August 2022

Mein Leben als Busfahrer

Nachdem ich im Juli aus meiner Firma ausgeschieden bin, ist mir der Gedanke vertrauter geworden, zukünftig gelegentlich statt des Autos die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Besonders entgegen kam mir dabei das für drei Monate angebotene Neun-Euro-Ticket, das ich für den Monat Juli erworben, dann zwar nicht benutzt aber durch Internet-Recherchen rund um das Ticket doch viel Nützliches gelernt habe.

So ist etwa die Suchfunktion "Routenplaner" in Google Maps so ausgestattet, dass über das Symbol für Busse und Bahnen sämtliche Haltestellen in der Nähe und sämtliche hinterlegten Fahrpläne abzurufen sind. Ich kann also mitten im Wald auf die Idee kommen, ich wollte jetzt mit dem Bus oder der Eisenbahn nach Hause fahren – und Google Maps führt mich zur nächsten Haltestelle am Waldrand und von dort nach Hause.

Meine allererste Busfahrt mit dem neuen Wissen habe ich heute nicht ganz freiwillig gewählt – ein Augenarzttermin brachte es mit sich, dass meine Pupillen erweitert wurden, was das Fahren mit dem eigenen Auto unmöglich machte.

Tickets lassen sich papierlos auf das Handy bestellen (siehe die Abbildung) das lernte ich auch. Es erwies sich allerdings – erste negative Erfahrung – als relativ schwierig. Wer sich einmal in den komplizierten Strukturen der Internetseiten eines örtlichen Nahverkehrsunternehmens verwirrt hat, fragt sich, warum es bei Amazon mit zwei Klicks möglich ist, eine komplette Stereoanlage zu bestellen, während es etwa die Remscheider Verkehrsbetriebe darauf anlegen, den Kunden eine Reihe von Stolpersteine in den Weg zu legen, bevor sie für € 2,90 ein elektronisches Ticket erhalten können.

Nachdem mir dies nun aber mit einiger Mühe gelungen war, setzte ich mich nach Auswahl des passenden Busses an die nächste Haltestelle und wartete auf die Linie 654, die mit einigen Minuten Verspätung schließlich auch kam. Eigenartigerweise nahm der Busfahrer mein mit dem Handy hochgehaltenes elektronisches Ticket kaum zur Kenntnis. Die Frage blieb unbeantwortet, ob man das Handy  an die Stirnseite des kleinen Kastens halten muss, der vorne neben dem Fahrer aufgestellt ist, oder auf den Kasten oben drauf legen muss. Egal, ich hatte den Eintritt geschafft.

Ich ging dann zielstrebig vom Fahrer weg einige Schritte in den Mittelgang des stark überfüllten Busses, als der Fahrer dann schließlich doch etwas hinter mir her rief. Ich verstand es zunächst nicht und hatte es auch gar nicht auf mich bezogen, bis die Augen von einem guten Dutzend arabisch aussehender Frauen alle auf mich gerichtet waren und eine von ihnen auf mich zeigte und sagte „Maske!“ Jetzt verstand ich auch, was der Busfahrer in einem überaus barschen Ton rief, ich solle nämlich eine Maske aufsetzen.

Ich war jetzt recht unsanft aus der Komfortzone herausgerissen, in der ich mich regelmäßig befinde, wenn ich Transaktionen im Amazon-Paradies abwickle. Ich weiß nicht, ob der grobe Busfahrer anders reagiert hätte, wenn er gewusst hätte, dass dies die allererste Fahrt mit einem elektronischen Ticket für mich war.

Immerhin stand eine der jüngeren Frauen mit den arabischen Augen auf und bot mir ihrem Platz an – für einen älteren Mann, der in der Illusion lebt, man sehe ihm sein Alter nicht an, ein eher unangenehmer Vorgang. Allerdings konnte ich ab da meine Fahrt fortsetzen und in dem Buch lesen, dass ich mir in Erwartung einer längeren Wartezeit beim Augenarzt mitgenommen hatte. „Der Tod des Iwan Iljitsch“ von Leo Tolstoi. Wie sich herausstellte, war es eine gute Einstimmung auf die Probleme des Alters.


Dienstag, 12. Juli 2022

Festschrift 1948

Von der Stirne heiß
Rinnen muss der Schweiß
Soll das Werk den Meister loben
Doch der Segen kommt von oben.

Durch Vermittlung eines verwandten Architekten wollte der Maurerpolier Christian Runkel von Barmen aus, wo er mit seiner zahlreichen Familie wohnte, einem Freunde in Remscheid ein Haus bauen. Im Jahre 1876 hatte er seine Heimat im Oberbergischen verlassen* und seitdem als Hilfsarbeiter, Maurer und Polier an dem gleichen Orte gearbeitet. Am 26. Mai 1898 fuhr er nach Remscheid und schlug den Winkel zum Hause Nordstr. 82, dessen Gesamtarbeiten er ausführte. Seinen Plan, nach Barmen zurückzukehren, musste er bald aufgeben. Neue Aufträge kamen hinzu. Im Herbst desselben Jahres verkaufte er seinen mit Spargroschen erworben Haus- und Grundbesitz in Barmen und holte seine Familie nach Remscheid, wo sie in dem von ihm erworbenen Hause Wohnung nahm. Dort wurde auch das erste Büro eröffnet, in das als technischer Mitarbeiter der Bruder und Architekt Gustav Runkel einzog. Fleiß, Genügsamkeit, Sparsamkeit, Ausdauer und Wahrhaftigkeit waren die einfachen Kräfte, die das wirtschaftliche Leben der damaligen Zeit bestimmten. Der Anteil an ihnen begründete die Aufgeschlossenheit für alle weiteren beruflichen Kenntnisse, die zur Führung eines Unternehmens notwendig waren und auch den Anteil der Beteiligung an dem seltenen wirtschaftlichen Aufstieg. Im Jahre 1899 kaufte der Gründer an der damals noch ohne Unterführung durchgehenden Bismarckstraße in der Nähe der Bahn ein Grundstück. Nach der Bebauung wurden Wohnung und Büro nach dort verlegt. Ein erster Telefonanschluss unter der Nummer 364 folgte als Ereignis in der damaligen Zeit. Die zwangsläufige Übernahme mehrerer bebauter Grundstücke an der Rosenhügeler Straße brachte im Jahre 1903 die Verlegung von Wohnung, Büro und Lager nach dort. Schon im Jahre vorher hatte der älteste Sohn Adolf die Arbeit im Geschäft des Vaters aufgenommen. Eine Zeit harten wirtschaftlichen Ringens folgte. Die freie Wirtschaft hatte keinen Platz für Lässige und Müde und für die Erscheinungen, die unnatürliche Einwirkungen mit den zerstörenden und zersetzenden Einflüssen bis zu dem Ausmaß der Gegenwart brachten. Wohn- und Geschäftshäuser, Fabriken, Werkstellen, Kirchen, Kapellen und Bauten aller Art wurden in zunehmendem Umfang erstellt. Die Planungen und Berechnungen im eigenen Büro bei schlüsselfertiger Übernahme blieben mit der eigenen Ausführung aller Erd-, Maurer-, Beton- und Putzarbeiten Kennzeichen des Unternehmens. Im Jahr 1905 wurden die ersten Tiefbauarbeiten übernommen, wenige Jahre nach dem Beschluss zur Durchführung der Entwässerung des gesamten Gebietes der Stadt Remscheid. Mit dem Vorflutkanal Heidhof – Siepen wurde der Anfang gemacht. Die Arbeiten zur Kanalisation folgender Straßen oder Hauptteile derselben folgten: Daniel-Schürmann-Straße, Luisenstraße, Werthstraße, Rosenhügeler Straße, Ewaldstraße, Fischerstraße, Brucher Straße, Brüderstraße, Karlstraße, Elberfelder Straße, Hochstraße, Saarlandstraße, Scharffstraße, Sandkuhlstraße, Schützenstraße, Königstraße, Reinshagener Strasse, Fichtenstraße und Unterhölterfelder Straße. Im Jahre 1909 nahm der dritte Sohn Paul die Arbeit im Geschäft auf. Das Tätigkeitsgebiet erweiterte sich über die Städte der Nachbarschaft. Der eigene Haus- und Grundbesitz wuchs. Wohnungen für Kinderreiche, Arbeiter und kleine Angestellte bevorzugte der Inhaber, der mit acht Kindern als Arbeiter innerlich mit ihren selbsterfahrenen Nöten verbunden blieb. Die hier gewonnenen Eindrücke sind bis heute von bestimmendem Einfluss. Der erste Weltkrieg brachte einen völligen Stillstand, da restlos alle männlichen Mitarbeiter von Büro und Baustelle zum Heere mussten. Die Söhne des Inhabers kamen zurück. Sie übernahmen das Geschäft des Vaters um neu aufzubauen. Klein war der Anfang. Die alten, anfangs genannten Eigenschaften blieben Weggenossen und halfen die Widerwärtigkeiten der ersten Zeit und der dann bis 1923 folgenden Inflation überwinden. Jahre ununterbrochener zäher Arbeit folgten. Die Aufgaben wuchsen. Ein Lastwagenbetrieb wurde angegliedert. Die wachsenden Kräfte und Erfahrungen mit einem stets größer werdenden Kreis von treuen Mitarbeitern auf Büro und Baustelle erweiterten im natürlichen Aufbau Besitz und Ziele des Unternehmens. Großbaustellen folgten. Christianstraße (80 Wohnungen) Freiheitsstraße, gegenüber dem Amtsgericht, (80 Wohnungen) und Am Grafenwald sind Anfänge der weiteren Entwicklung. Entschwundene wirtschaftliche Hochleistungen hinsichtlich Organisation, Planung, Finanzierung und Durchführung sind unverwischbare Züge der damaligen Zeit. Bauzeiten von 5 - 6 Monaten vom ersten Spatenstich bis zur Bezugsfertigstellung dieser Großbaustellen bei vorher genau bestimmten Zeiten für alle Bauabschnitte, erscheinen heute, trotz der wenigen Jahre die verflossen sind, unmöglich. Im Jahre 1930 trat der Kaufmann Gustav Runkel, der zweite Sohn des Gründers, in die Firma ein. Der Radius für die zukünftigen Planungen wurde größer. Großbaustellen hauptsächlich für den Kleinwohnungsbau folgten in Wuppertal, Hamm, Siegen, Arnsberg, Gießen usw. Die Aufschließung von Gelände und die Ausführung der gesamten Arbeiten von der ersten Idee bis zur Gebrauchsübernahme unter Ausschluss jeder Initiative und Tätigkeit des Auftraggebers bei völliger eigener Verantwortung lag im Zuge der Entwicklung des Unternehmens. Sie führte durch den Umfang der Arbeiten im Jahre 1934 in Siegen zu einer dauernden Niederlassung. Bei Kriegsausbruch besaß die Firma Wohnungen in Remscheid, Wuppertal und Siegen, insgesamt rund 400. Ein Auftragsbestand für die Errichtung von ca. 300 Wohnungen, der in ungefähr sechs Monaten erledigt gewesen wäre, lag vor. Der Krieg brachte einen Wechsel der Aufgaben. Große Luftschutzgebäude in Eisenbeton wurden unter anderem in Remscheid und Siegen gebaut. Die Angriffe aus der Luft brachten den Verlust des größten Teils des gesamten geschäftlichen und privaten Eigentums. 144 Wohnungen in Siegen sind wieder aufgebaut worden. Die Ereignisse des Krieges und der Nachkriegszeit liegen zu nahe, um sie rückblickend zu schildern. Der Mitinhaber Paul Runkel wurde im vorigen Jahr plötzlich mitten aus der Arbeit durch den Tod abberufen. Drei Söhne der heutigen Inhaber sind nach Rückkehr aus der Gefangenschaft wieder tätig ein vierter wird noch zurückerwartet. Im Geiste der Väter wollen sie fortfahren.

Dankbar blicken die Inhaber auf die verflossenen 50 Jahre zurück. Mit kindliche Gläubigkeit hat der Gründer zu Gott, dem Schöpfer und Erhalt der Welt, als zu seinem Vater aufgeblickt und im Bewusstsein vieler persönliche Fehler und Mängel seinen geoffenbarten Weisungen zu folgen versucht. Seine Söhne und Enkel haben zu tiefe persönliche Eindrücke von diesem Leben empfangen, um die damit verbundenen Erkenntnisse lassen zu können. Sie fühlen sich verbunden mit den anfangs genannten Eigenschaften und möchten Träger und Erhalter derselben sein. Ohne sie sind alle Maßnahmen für jedes Gebiet des Lebens, auch für das wirtschaftliche, wertlos. Für sie einzutreten, soll Vorsatz für die Verantwortlichen des Unternehmens bleiben, auch wenn andere Grundsätze vorteilhafter zu sein scheinen.

Den Dank gegen Gott am heutigen Tage verbinden die Inhaber mit dem Dank an alle Mitarbeiter die in den 50 Jahren mit viel Fleiß und Treue dem Unternehmen und damit der Gesamtheit dienten. Sie bekennen dass die Summe der Dienste im Rhythmus der Arbeit zu wenig Anerkennung gefunden hat. Bis zu 40 Jahren haben treue Mitarbeiter den Inhabern zur Seite gestanden. Der Raum verbietet die namentliche Aufzählung mit den besonderen Verdiensten. Es soll keine Herabsetzung anderer sein, wenn mit der herzlichen Bitte um Verständnis hierfür ein Name genannt wird, der des Prokuristen Erwin Müller. Wenn die Treue die besondere Eigenschaft vieler Mitarbeiter war so hatte sie in ihm seit dem Jahr 1904 einen Vertreter seltener Prägung. Leider kann er seit einigen Jahren wegen Krankheit seine Kräfte und Erfahrungen dem Unternehmen nicht mehr geben. Dass sein Herz allen Geschehnissen folgt, ist allen bekannt. Dank auch allen Auftraggebern. Auch hier verbietet der Raum eine Aufzeichnung von Namen und Werken. Das hinsichtlich der Mitarbeiter auf den Prokuristen gesagte sei wiederholt, wenn auch hier ein Name genannt wird, der Name Dowidat. Von der ersten Schmiede hat die Firma den seltenen Aufbau dieser Firma begleiten dürfen mit der Planung und Ausführung fast aller Bauten bis zum heutigen Tage. Zwei Namen sind außer den Namen des Gründers und der Inhaber genannt. Das Vertrauen zwischen den Trägern dieser Namen wünschen sich die Inhaber für alle geschäftlichen Verbindungen der Zukunft.

Fast fünf Jahre nach der Zerstörung von Lager und Büro hat die Commerzbank, Remscheid, der Firma in ihrem Hause Villenstr. 1 möblierte Büroräume zur Verfügung gestellt. An dieser Stelle sei ihr dafür Dank gesagt. Vor kurzem sind eigene Räume auf dem alten, zum Teil wieder aufgebauten Lager, Rosenhügeler Straße 19, bezogen worden. Dort will die Belegschaft in Remscheid am 25. Juni zusammenkommen um sich in schlichter Feierstunde des Tages zu erfreuen. Die Zeitverhältnisse*** verbieten leider die Einladung der Freunde des Unternehmens und die Herausgabe eines Werkes mit einer Aufzählung und Darstellung der hauptsächlich aufgeführten Bauten.

Gott der Herr sei mit uns und unserem Volke!

Christian Runkel

Bauunternehmung

Remscheid     Siegen


* Christian Runkel, mein Urgroßvater, war damals 16 Jahre alt, er konnte die im selben Jahr bis Wipperfürth verlängerte Bahnlinie nach Barmen benutzen und dadurch den fast 60 km langen Fußweg auf etwa die Hälfte reduzieren

** Adolf Runkel, mein Großvater, war im Jahre 1902 gerade 13 Jahre alt, hatte eine oder zwei Klassen der Volksschule übersprungen und war von den Lehrern mit der dringenden Empfehlung entlassen worden, er solle eine weiterführende Schule besuchen; das lehnte sein Vater jedoch ab. Seine Brüder Gustav (1891 bis 1953) und Paul (1895 bis 1947) waren entsprechend jünger.

*** Die Festschrift ist im Mai 1948 gedruckt worden. Verfasst hat sie vermutlich mein Großvater Adolf Runkel, damals 59 Jahre alt. Mein Vater Adolf Runkel war 28. Er hatte im Januar 1948 geheiratet, und meine Mutter Sigrid war in den ersten Schwangerschaftswochen, mit mir.

Montag, 6. Juni 2022

Im Baskenland mit einem baskischen Buch

Unsere Tochter Christina und ihre Familie haben eine längere Reise entlang der Atlantikküste von Lissabon bis Bordeaux unternommen und hatten uns eingeladen, sie in der Nähe von Bilbao für eine Woche zu besuchen. Meine gute Schwester Esther legte mir ans Herz, die Gelegenheit zu nutzen und das Buch Patria des spanischen Autors Fernando Aramburo zu lesen. 

Das habe ich mit Freude getan und bin in dem Moment mit dem Lesen fertig geworden, als wir auf dem Rückflug in Düsseldorf auf der Landebahn aufsetzten. Selten hat sich bei mir der neue Eindruck eines mir bis dahin unbekannten Landes mit dem Eindruck eines Buches so wunderbar verbunden.

 Patria erzählt die schmerzvolle aber auch lebensstarke Geschichte zweier Familien, die im Terrorkampf der baskische Nationalisten (ETA) auf unterschiedliche Seiten der Fronten geraten. 

Zentrales Ereignis ist das Attentat auf den Familienvater der einen Familie aber auch die Verhaftung und Bestrafung eines Sohnes aus der anderen Familie, der an dem Attentat beteiligt war. Um die Ermordung herum spinnt Aramburo eine weit verflochtene Geschichte von Liebe und Hass, Armut und Reichtum, Krankheit und Heilung. Dabei gehen die Gedanken und Erlebnisse der handelnden Personen immer wieder über das hinaus, was vielleicht typisch baskisch ist und erzählen eine Menschheitsgeschichte. 

Wir konnten einige der Stellen besuchen, an denen das Buch spielt, vor allen Dingen die Küstenstädte Bilbao und San Sebastian, die auf einer Küstenlinie von 130 km in etwa das Gebiet eingrenzen, das von dort landeinwärts das spanische Baskenland umschließt. Über die französische Grenze weg geht es dann noch einmal etwa 30 km bis hinauf nach Biarritz, wo die Menschen, die noch die uralte baskische Sprache verstehen, einen ähnlichen Dialekt sprechen wie die baskischen Spanier. 

Ich habe aus dem Buch eine Reihe von baskischen Wörtern gelernt, aber keinen Zugang zu der Sprache gefunden, welche die Basken selbst „Euskaldun“ nennen. Die Sprache ist mit keiner anderen Sprache auf der Welt verwandt. Ein gelehrter Freund, den ich nach den Ursprüngen des Baskischen fragte, sagte mir, dass sein Spanischlehrer im Studium, ein Baske, auch keine Antwort wusste, aber vorsichtig versuchte, eine Verwandtschaft zum Hebräischen nachzuweisen. 

Das Heimatland der Basken ist von einer erstaunlichen Schönheit. Die Autoroute entlang der Küste verläuft, ohne dass man das Meer häufig zu sehen bekommt, durch eine grüne Gebirgslandschaft, die mit ihren bis zu 2000 m hohen Bergen an manchen Stellen an die Voralpen erinnert, allerdings mit ganz anderen Gebirgsformen. Die landschaftlich reizvolle Autobahn zwischen Bilbao und der französischen Grenze läuft nie geradeaus. Man fährt in starken Kurven und kommt selten in Versuchung, die meist vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h zu übertreten. 

Von der französischen Grenze aus verlaufen verschiedene Fußwege in westliche Richtung, die den Pilgerweg nach Santiago de Compostela bilden. Der Abschnitt, der in dieser Berglandschaft verläuft, ist sicherlich mühevoller als ich mir das vorgestellt habe, belohnt den Wanderer aber mit der Begleitung grüner Wälder und saftiger Wiesen. 

Die Basken haben mit der Zentralregierung in Madrid Frieden gemacht, nachdem die ETA im Jahr 2011 ihre Waffen niedergelegt hat. Das Gebiet hat heute eine gewisse Autonomie, die Straßenschilder sind überall in Baskisch und Spanisch gehalten. 

Kathedrale in San Sebastian mit Cavaillé-Coll
-Orgel
Die Kirchen, die wir in San Sebastian und Bilbao sahen, zeugen von einer alten gediegenen Kultur, die, anders als in Deutschland, auch in den Jahren nach der Reformation prächtige neue Gebäude geschaffen hat, die an einigen Stellen noch ein wenig gotisch aussehen, aber deutliche Elemente der Renaissance haben. Der im Baskenland geborene Begründer der Jesuiten, Ignatius von Loyola, ist in den Kirchen allgegenwärtig. 

In der Kathedrale von Bilbao nahmen wir an einer Messe teil, deren Predigttext ich anhand meiner alten Lateinkenntnisse als die Verkündigung des Engels an Maria und deren Lobgesang in Lukas 1 erkennen konnte. Die große Kirche war mit vielleicht 20 Gläubigen nur sehr spärlich besetzt, wie es überhaupt im ganzen Land nirgendwo Zeichen dafür gibt, dass der Katholizismus die alte Kraft als Staatsreligion behalten konnte. 

In Patria stachelt der Dorfgeistliche die Kämpfer der ETA zu einer Fortsetzung ihres Kampfes an. Er sei gerecht und diene der Befreiung der Euskal Herria, des Baskenlandes. Das sagt der Geistliche, obwohl er sehen muss, dass rings im Lande viele unschuldige Menschen durch den ETA-Terror ihr Leben verlieren. 

Die vorsichtigen Gesten der Versöhnung, von denen das 2016, etwa fünf Jahre nach dem Ende des Terrors, erschienene Buch erzählt, sind zaghaft und scheu. Mir schien aber, dass aus den Gesten mittlerweile doch ein tragfähiger Kompromiss entstanden ist, der dem schönen Land an der Atlantikküste am Ende doch den inneren Frieden geschenkt hat, den es verdient hat. 

Küste bei St. Jean de Luz
Die Luft war an allen Tagen klar, der nahe Atlantik kühlte trotzt sonniger Mai-Tage die Temperaturen auf ein angenehmes Niveau herunter. Ich habe mich selten in meiner Haut so wohl gefühlt wie im französischen Baskenland am großen Golf von Biskaya, der nach meinem Eindruck nach Austern und Meeresfrüchten riecht.

Die fröhlichen Enkelkinder, von denen sich der sechsjährige Johann sehr mutig auf einem kleinen Surfbrett von der Brandung der großen Wellen auf den Strand treiben ließ, machten unsere Freude perfekt. Es war ein schöner Urlaub.

Donnerstag, 19. Mai 2022

Heute vor 125 Jahren wurde mein Großvater Erwin Bohle geboren

Dies ist mein Großvater Erwin Bohle aus Bergneustadt im Oberbergischen Kreis. Er wurde am 19. Mai 1897 geboren, heute vor 125 Jahren und starb am 24. April 1957, wenige Tage bevor er 60 Jahre alt geworden wäre.

Er war ein Enthusiast und steht so vor meinen Augen, wie ihn mir ein Verwandter schilderte, kurz nach dem Krieg an einer Haltestelle auf die Straßenbahn wartend "mit nichts als zwei Hosenknöpfen in der Tasche" aber strahlend und optimistisch, "als ob ihm die ganze Welt gehörte".

Sein Optimismus hatte ihn früh scheitern lassen, um 1935 herum musste sein Derschlager Ladengeschäft beim Amtsgericht Gummersbach Konkurs anmelden. Er hatte eine große Anzahl Nähmaschinen gekauft, sehr günstig, und sah vor seinem inneren Auge wie die Menschen im Oberbergischen, über unzählige von diesen Maschinen gebeugt, in häuslichem Fleiß die nebligen Täler östlich von Köln in blühende Landstriche verwandelten. Leider fanden sich kaum Käufer, und die wenigen, die man mit Ratenzahlungen zur Anschaffung einer Nähmaschine reizen konnte, blieben oft die Raten schuldig, so dass mein Opa alles in den Handel gesteckte Geld verlor.

Er hat diesen Misserfolg als Gottes Fügung angesehen und den Beruf des Baptistenpredigers angenommen, den er nebenberuflich schon lange ausübte und für den er, wie mir viele seiner Weggenossen später berichtet haben, überaus begabt war. 1938 trat er mit erneuertem Enthusiasmus seine erste Stelle an, hier in Remscheid, wo dann seine älteste Tochter meinen Vater kennenlernte und heiratete.

Ohne Erwin Bohles Enthusiasmus wäre ich also nicht, aber sein Enthusiasmus wirkt manchmal auch bitter in mir nach. Auch die Predigerlaufbahn führte meinen Großvater nicht zu dem ersehnten Ziel. Dabei hatte es nicht schlecht begonnen, seine Redegabe war über Remscheid hinaus bekannt geworden, und 1948 hatte er in Cannes sogar mit dem jungen Billy Graham zusammen gesessen, auf einer Konferenz von „Youth for Christ“. Für diese Organisation arbeitete Graham damals und auch Opa Erwin.

Sicherlich haben beide damals davon geträumt, vor großen Menschenmengen zu evangelisieren, beide hatten bereits damit begonnen und beide wussten um ihr Talent dafür. Mitte 1949 machte Graham sich mit einer eigenen Organisation selbständig und hatte gleich so viel Erfolg, dass er von einem Tag auf den anderen berühmt wurde. Den Großvater trifft Mitte 1949 der Schlag, er wird halbseitig gelähmt und betritt für den Rest seines Lebens keine Kanzel mehr. 1957 stirbt er nach langer Bettlägerigkeit.

Sein Leben gibt mir immer neue Fragen auf.