Montag, 31. Juli 2023

Ein böser Ausrutscher


Der 26. Juli 2023 wird mir vermutlich als einer der dunkelsten Tage in meiner persönlichen Geschichte in Erinnerung bleiben. Ich hatte mit etwas schlechtem Gewissen eingewilligt, mit meinem bei uns für eine Woche in Ferien lebenden Enkel Jakob, 11, in das berühmte Stadion von Borussia Dortmund zu fahren. Es liegt eine halbe Stunde von Remscheid entfernt und fasst über 80.000 Zuschauer. Es ist damit das größte Stadion in Deutschland. Mein schlechtes Gewissen war darin begründet, dass ich meinem Enkel eigentlich etwas anbieten wollte, was er gerne für immer mit dem Besuch bei seinem Großvater verbinden könnte – eine Kirche, ein Museum, eine Bibliothek oder so. Stattdessen nun also den Tempel eines unterhaltsamen, aber gleichzeitig auch sehr geldgierigen und fragwürdigen Kommerzes. Das war nicht so ganz in meinem Sinne, und das hat vielleicht auch dazu geführt, dass ich am Ende in die Probleme geraten bin, von denen ich erzählen will.

Es fing damit an, dass ich auf meinem Navi (Google Maps auf dem Handy) die unmittelbare Adresse des Stadions angegeben hatte, nicht die Adresse der vielen Parkplätze im Bereich des Stadions. Ich hatte vermutet, dass die Besucher während der Woche genügend Parkraum direkt am Stadion vorfinden würden. Später habe ich gesehen, dass das wohl auch stimmte.

Das Navi zeigt mir nun aber keine Straße direkt zum Stadion, sondern einen Seitenweg, der von der vierspurigen Straße, auf der ich mich befand, dem "Krückenweg", abbog und dann geradewegs zum Stadion führte. Zunächst habe ich den Weg gar nicht gefunden, weil er sehr schmal war und nur als Zufahrt zu einer Kleingartenanlage beschildert war. Als ich dann beim zweiten Versuch in diesem Weg einbog, war er zunächst mit Betonpflaster versehen, im weiteren Verlauf dann sauber geschottert und führte an einem Parkplatz vorbei, der für die Kleingartenanlage eingerichtet war. Danach wurde er schmaler und endete nach etwa 200 m an einem rot-weiß lackierten Stab, der den Weg versperrte.

Seitlich vom Stab war noch etwas Platz, so dass ich - "dies muss doch ein Weg sein, wenn Google es sagt" - versucht habe, daran vorbei zu fahren. Der entscheidende Fehler war dann wohl, dass ich die Griffigkeit des Schotterbelages überschätzt habe und bei der Korrektur meines sinnlosen Vorhabens beim vorsichtigen Zurücksetzen seitlich abgerutscht bin. Ich kam in der Nähe einer Hecke in einem Graben zum stehen. Von dort war es dann leider nicht mehr möglich, wieder auf dem Weg zu kommen, weil die Räder auf dem losen Schotterbelag durchdrehten. Nach einigem hin und her habe ich den ADAC angerufen und von einer sehr freundlichen Telefonzentrale, den Kontakt zu einem Abschleppdienst bekommen.

Zwischenzeitlich hatte Regen eingesetzt, und ich war beim Versuch, einiges außen am Auto zu verändern, bis auf die Unterwäsche nass geworden. Außerdem war ich ausgerutscht und beim Sturz bis auf den Boden des Grabens gefallen. Die Situation war verzweifelt und erniedrigend – auch weil ich nicht sicher war, ob der Abschleppdienst hier eine Lösung finden würde, was ich dann tatsächlich auch als sehr zweifelhaft erwies. 

Nach langem Warten, kam dann auch ein Abschleppwagen, der allerdings Mühe hatte, auf dem Schotterweg bis zu mir durchzukommen. Er blieb etwa 30 m von mir entfernt stehen und versuchte mithilfe einer Seilwinde, die er noch durch mehrere Bänder verlängerte, bis zu meinem Wagen zu kommen.

Das gelang schließlich auch, wobei die Befestigung nur an einem meiner Räder möglich war, und zwar in den Löchern der Felge. Das Anziehen mit der Winde, brachte aber keinen Erfolg, weil sich das Auto nicht bewegte und die Winde mangels ausreichender Kraft stockte.

Der freundliche Fahrer, ein Libanese namens Mohammed, hat dann versucht, mit allerlei Unterlagen, darunter zwei etwa 2 m langen Aluminiumrampen, die normalerweise zu dem Abschleppfahrzeug gehörten, meinem Auto wieder einen griffigen Untergrund zu geben.

Als auch dies nicht half, versuchte Mohammed, mit einem Wagenheber die rechte Hälfte des Autos, die tief im Graben hing, soweit anzuheben, dass mehr Gewicht auf der linken Hälfte lag, so dass die linken Vorderräder auf dem ausgelegten Blech besser griffen.

Auch das half nur wenig, und auch die Steine und Bretter, die eine freundliche Nachbarsfrau aus der Kleingartenanlage zur Verfügung stellte, waren keine besondere Hilfe.

Im Nachhinein weiß ich nicht, was am Schluss dazu geholfen hat, das Auto Millimeter um Millimeter nach oben auf den Weg zu bringen. Aber etwa 3 Stunden, nachdem ich in den Graben gerutscht war, stand das Auto wieder auf dem Weg und ich konnte meine Fahrt fortsetzen, nachdem ich meinen treuen Mohammed umarmt und in bar entlohnt hatte.

Bei allem musste mein lieber Enkel Jakob entweder geduldig im Wagen warten oder am Lenkrad des Abschleppfahrzeuges tatkräftig mitwirken, indem er dort die Fußbremse fest hielt. Was er über seinen viel zu wagemutigen Großvater gedacht haben mag, wird er mir vielleicht in der Zukunft einmal verraten Gelernt hat er auf jeden Fall, dass in solchen Situationen eine äußere Ruhe notwendig ist, in der ich mir übrigens mit Mohamed dem Libanesen einig war, wie wir später festgestellt haben, als wir die ganze Sache noch einmal besprochen haben. Er ist mit uns auf Anweisung seines Chefs zu einer Sparkasse gefahren, wo ich einen recht namhaften Geldbetrag aus dem Automaten geholt habe, um die Rechnung des Abschleppdienstes sogleich zu bezahlen.

Auf dem Rückweg sind wir dann in unmittelbarer Nähe des Stadions vorbeigekommen, und Jakob konnte ein paar Bilder machen, die er seinem Freund versprochen hatte, der seinerseits das Stadion von Bayern München für Jakob fotografiert hatte. Insofern war die Fahrt nicht ganz erfolglos.

Mittlerweile steht das Auto bei einem Lackierer, der versuchen wird, zwei kleine Beulen von innen heraus zu drücken und dann Teile der zerkratzten rechten Auto Seite neu zu lackieren. Auch den abgebrochenen Rückspiegel wird er erneuern, die Folgen werden also recht bald beseitigt sein.

Ich bin am Tag darauf erwacht mit dem Gefühl, einer der dümmsten Menschen auf der Welt zu sein, und das nicht zum ersten Mal, denn mein trotziges Bestehen darauf, einmal eingeschlagene Wege auch bis zum Ende zu fahren, das ich von meinem Vater geerbt habe, hat mich auch früher schon öfter in ausweglos scheinende Situationen gebracht.

Dass ich trotz allem die Zuversicht behalten habe, wieder irgendwie aus der Situation heraus zu kommen, hat mich gefreut. Aber so durchnässt ich war, so mutlos war ich zwischendurch auch.



Freitag, 30. Juni 2023

Ein Traum

Als unsere Kinder noch kleiner waren, viele Jahre ist es her, hatte ich eines Nachts einen besonderen Traum. Ich saß in einem Boot am Ufer des Mittelmeers und hatte einen schönen Ausblick auf eine an den Berghängen aufsteigende kleine Stadt - das nebenstehende Bild aus dem Internet gibt den Eindruck in etwa wieder. 

In meinem Boot saß ein dunkelhaariger Einheimischer, mit dem ich ein Weißbrot teilte, eine Art Baguette, indem ich es in der Mitte zerbrach und die Hälfte an ihn weitergab. Zu meiner Überraschung reichte der Fremde mir von der für ihn abgebrochenen Hälfte wiederum eine Hälfte zurück. Das war überaus freundlich und wirkte auf mich wie die besondere Form eines christlichen Abendmahls.

Ich beschloss, nun meinerseits von dem mir angebotenen Viertel die Hälfte an den Fremden zurückzugeben. Ich tat es und erhielt wenig später erneut die Hälfte meiner Gabe von dem Mann zurück. 

Während der ganzen Zeit fuhr das Boot in ruhiger Fahrt einen großen Kreis, so dass ich die Stadt am Hang von verschiedenen Seiten sehen konnte. Es war ein Anblick voller Friede und Ruhe – und die Freundlichkeit des Fremden, der so großzügig und selbstlos mit mir teilte, machte das Ganze perfekt.

Begleitet wurde das alles von einer Stimme, die einen Abschnitt aus dem Propheten Jeremia las. Dieser Abschnitt war mir damals - ich bin mir da immer noch sicher - noch unbekannt, ich habe ihn später nachgeschlagen und dann unzählige Male in meinem Leben gelesen. Für mich ist es eine der schönsten Stellen der Bibel.

Aus Kapitel 31,31-34:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Heute kann ich sagen, dass mir die Fremdlinge vom Mittelmeer tatsächlich begegnet sind. Zuletzt in der Form eines Palästinensers, den ich als strengen Moslem kenne und gleichzeitig als einen Menschen, der die Frömmigkeit eines Christen versteht. Er hat als Fremdenführer in seiner Heimat viele christliche Gruppen zwischen Nazareth und Betlehem begleitet und ihnen seine Heimat im historischen Samaria gezeigt.

Nun haben ihn italienische Katholiken, die ganz offenkundig seine Sensibilität für den christlichen Glauben erkannt haben, nach Italien eingeladen, wo er über seine Erfahrungen sprechen soll. Als ich ihm gratulierte, schrieb er zurück

„Please remember that you were the first christian who showed me good understanding of my faith and introduced me to your german turk brothers.
Honestly I learned a lot from you.
Today I am proud I will stand on the italian stage to talk about my experience.
God bless you dearest brother “


Samstag, 3. Juni 2023

War Kennedy Berliner?

Man schiebe es bitte nicht auf mein Alter und die damit einhergehende Auflösung bestimmter Gehirnzellen, wenn ich in der letzten Zeit mehr und mehr den Eindruck habe, dass die strenge Logik des gesprochenen und geschriebenen Wortes nicht ausreicht, um der uns umgebenden Wirklichkeit gerecht zu werden.

Wir merken das vielleicht am ehesten bei der Wirkung von Liedern. Sie sprechen uns in Bereichen an, die wir vielleicht etwas zu einfach als „tiefere Ebene“ bezeichnen. Richtig ist aber, dass wir in Liedern bereit sind, Worte zu benutzen, die wir ohne Einbettung in die Musik gar nicht sagen würden. Das ist immer wieder bei religiösen Liedern der Fall, wie etwa bei dem Marienlied, dass ich im Altenberger Dom gehört habe, und dass mich alten, in der Wolle gefärbten Protestanten trotz meines Unverständnisses für Marienverehrung tief ergriffen hat.

Ähnliches ist auch oft in Worten spürbar, die durch ihre besondere Deklamation unser Herz ansprechen.

So hätte bei der berühmten Kennedy Rede – „ich bin ein Berliner“ – wohl niemand daran gedacht, man könne in der Woche darauf Kennedy wegen eines alltäglichen Berliner Problems ansprechen? Die Müllabfuhr streikt, die U-Bahn hat Ausfälle etc. – konnte man damit zu Kennedy gehen? Natürlich nicht! 

Aber man hat dem Präsidenten die existenzielle Solidarität mit Berlin gerne geglaubt – auch wenn sie einer kritischen Analyse nicht standgehalten hätte.

Auch große Werke der Weltliteratur lassen sich „historisch-kritisch“ nicht bestätigen. Die Schlacht bei Borodino, so wie in Tolstois "Krieg und Frieden" beschrieben, hat möglicherweise nicht so stattgefunden. Die persönlichen Details in der Familiengeschichte der Buddenbrooks sind zwar in den Geschichten der Familie Mann nachzuverfolgen, eine genaue Untersuchung würde aber herausstellen, dass Dichtung und Wahrheit weit auseinander klaffen..

Ich erlebe den Unterschied zwischen historischer Kritik und liedhafter, rhetorischer Abbildung derzeit besonders deutlich beim Betrachten von „The Chosen“, einer Netflix-Serie, die in 24 Folgen die biblischen Berichte von Jesus nacherzählt. Viele der Szenen sind – ganz ähnlich wie bei Tolstoi und Thomas Mann– frei erfunden und werden auch zu Beginn der Serie als solche angekündigt. Sie sind aber sehr plausibel gestaltet und machen den Gang der Handlung lebendig, viel lebendiger als der Bericht in den Evangelien. Man hat kein Problem, sich diese Szenen anzusehen und zu sagen "so könnte es gewesen sein".

Problematisch dagegen ist eigenartigerweise die Wiedergabe von Szenen, die genau nach der Bibel erzählt werden, die aber ein Wunder enthalten. Am schönsten ist das vielleicht in der Szene zu sehen, in der Jesus bei der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt. Mit einer ganz langsamen Gebärde reicht er mit der Hand in einen Wasserkrug, und wenn die Hand zurückkommt, tropft kostbarer roter Wein von ihr herab.

Der erstaunliche Effekt auf einen modernen, historisch-kritisch denkenden Menschen ist der, dass man dieses Wunder in die allgemeine Erzählung einbettet und am Ende mit der verblüffendes Erkenntnis herauskommt, dass es eigentlich so gewesen sein muss. Ohne dieses Wunder, und auch ohne die vielen anderen Wunder, die man sieht, macht die ganze Jesusgeschichte wenig Sinn. So denkt man jedenfalls am Ende.

Die Frage ist also, ob die Wunder nicht doch so geschehen sind, wie sie in der Bibel berichtet werden. Natürlich widerspricht das unserem modernen Denken. Aber will ich lieber an den Wundertäter Jesus glauben oder will ich mich auf mein modernes Denken verlassen? 

War Kennedy Berliner? Natürlich war er es!

Montag, 29. Mai 2023

Mine eyes have seen the glory of the coming of the Lord

Die vor 14 Tagen in den USA erschienene Biografie von Martin Luther King enthält unter anderem Material aus den Archiven des FBI, das erst seit kurzer Zeit zugänglich ist. Um es gleich zu sagen: es wird auch viel von den Irrwegen berichtet, auf die Kings recht zügelloser Sexualtrieb ihn offenbar geführt hat. Aber es wird auch erzählt, wie es dazu kam, dass sich die Frauen ihm ganz von selbst „an den Hals geworfen,“ haben.

Schon sein Pastorenvater Martin Luther King I war ein vielfach untreuer Ehemann. Das hinderte ihn aber nicht daran, seinem Sohn verschiedene Lustbarkeiten zu verbieten und ihn einmal, da war der Sohn gerade 20 Jahre alt, zu einem Reue-Bekenntnis vor der versammelten Ebenezer Gemeinde in Atlanta zu verdonnern - Martin junior war tanzen gewesen.

Dieser Widerspruch ist eines der Rätsel, die nach dem Lesen der Biografie nicht verschwinden, sondern eher größer werden. Offenkundig ist, dass Martin Luther King II, ein den Menschen in jeder Hinsicht zugewandter Pastor gewesen ist, der sehr schnell die Zuneigung seiner männlichen und weiblichen Gesprächspartner gewinnen konnte. Das hat ihm ganz besonders da geholfen, wo er nicht nur Zuneigung, sondern auch politische Unterstützung und das Mitmarschieren bei den großen Bewegungen, die er angestoßen hatte, benötigte. Die meisten Menschen, die ihm begegneten, waren von seinem offenen Wesen verzaubert.

1968 ist er ermordet worden, gerade 39 Jahre alt. Die Biografie schildert den Berg von Widerständen, den King vor dem jähen Ende seines Lebens in immer stärkerem Maße zu überwinden hatte. Die Frage, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte man ihn nicht auf dem Balkon des Lorraine Motel in Memphis erschossen, wird man nicht beantworten können. Er hatte wichtige Unterstützer verloren – der ihm zunächst zugewandte. Präsident Johnson kehrte sich mehr und mehr von ihm ab. Wichtige Freunde aus der Bürgerrechtsbewegung wurden zunehmend kritisch, besonders was seine Philosophie der Gewaltlosigkeit betraf. 

Dass er trotzdem seine visionäre Kraft und die aus der Musik der schwarzen Kirchen gewonnene Redeweise bis zum Ende behielt, kann man bei YouTube sehen. Da spricht er am Abend vor seinem Tod zu den Zuhörern in der pfingstlerischen Church of God in Christ in Memphis und sagt am Ende*

Nun, ich weiß nicht, was jetzt passieren wird. Uns stehen einige schwierige Tage bevor. Aber das macht jetzt nichts, denn ich war schon auf dem Berggipfel. Es macht mir nichts aus. Wie jeder andere möchte ich leben – ein langes Leben; Langlebigkeit hat ihren Platz. Aber darüber mache ich mir jetzt keine Sorgen. Ich möchte einfach nur Gottes Willen tun. Und Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu gehen. Und ich habe hinüber geschaut. Und ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht komme ich nicht mit Euch dorthin. Aber ich möchte, dass ihr heute Abend wisst, dass wir als Volk das Gelobte Land erreichen werden. Deshalb bin ich heute Abend glücklich. Ich mache mir um nichts Sorgen. Ich habe vor keinem Menschen Angst. 

Und er schließt seine Rede mit der ersten Zeile der berühmten "Battle Hymn of the Republic"** 

Mine eyes have seen the glory of the coming of the Lord.
(Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrns gesehen.)




* Well, I don't know what will happen now. We've got some difficult days ahead. But it really doesn't matter with me now, because I've been to the mountaintop. And I don't mind. Like anybody, I would like to live – a long life; longevity has its place. But I'm not concerned about that now. I just want to do God's will. And He's allowed me to go up to the mountain. And I've looked over. And I've seen the Promised Land. I may not get there with you. But I want you to know tonight, that we, as a people, will get to the Promised Land. So I'm happy, tonight. I'm not worried about anything. I'm not fearing any man. Mine eyes have seen the glory of the coming of the Lord.


** Mine eyes have seen the glory of the coming of the Lord
He is trampling out the vintage where the grapes of wrath are stored
He hath loosed the fateful lightning of his terrible swift sword
His truth is marching on

Glory, glory, hallelujah
Glory, glory, hallelujah
Glory, glory, hallelujah
His truth is marching on

Sonntag, 14. Mai 2023

Unser Haus

 

Meine Bilder von unserem Haus im Frühling, Sommer, Herbst und Winter werden immer wieder gelobt. Manche Leser dieses Blogs sehen sogar eine gewisse Idylle hinter dieser Fassade.

Es handelt sich dabei aber nur um ein einfaches, seit dem Baujahr 1954 kaum verändertes Haus. Es lässt sich nur deshalb vorteilhaft fotografieren, weil es einen recht großen Vorgarten hat. Dieser ist dadurch entstanden, dass nach Fertigstellung des Hauses die Wüstenhagener Straße ausgebaut und begradigt wurde. Der Vorbesitzer konnte danach ein Stück des ehemaligen Straßenlandes kaufen und so den Vorgarten vergrößern. 

Als wir 1978 in dieses Haus zogen, war es noch von landwirtschaftlichen Nutzflächen umgeben. Recht bald wurde aber ein Industriegebiet hinter unserem Haus erschlossen, nicht immer zu unserem Vorteil, aber erträglich.

Leise ist es in unserem Gebiet nie gewesen – die Autobahn liegt unten im Tal, nur etwa 500 m von unserem Haus entfernt. Wir haben es genossen, nur eine halbe Stunde fahren zu müssen, um in der Kölner Innenstadt zu sein. Auch haben unsere Kinder die Buslinien auf der Lenneper Straße zur bequemen Fahrt in die Schule genutzt.

Hinter unserem Haus ist noch mal ein etwa 400 m² großes Stück Garten, das meine Frau Christiane mit
großer Liebe pflegt. So ist am Ende doch so etwas wie eine kleine Idylle entstanden.

Donnerstag, 27. April 2023

Selle Berg het Belche gheiße

Das Röttler Schloss bei Lörrach
Der russische Dichter Turgenew (1813 - 1883), der sehr gut Deutsch sprach, hat noch einmal Unterricht genommen, um auch Alemannisch lesen zu können. Er wollte die in diesem Dialekt verfassten Gedichte von Johann Peter Hebel (1760 -1826) verstehen lernen. Von diesen Gedichten möchte ich heute eines vorstellen.

Es hat den Titel „Die Vergänglichkeit“ und spielt des Nachts auf der Landstraße, die aus dem Schwarzwald hinaus in Richtung Basel führt. Dort sind zwei Bauern unterwegs, Vater und Sohn, und sprechen angesichts des gespenstisch über ihnen stehenden Röttler Schlossruine über die Zukunftsperspektiven ihres eigenen Hauses und schließlich über die Perspektiven der ganzen Welt.

Alles wird eines Tages vergehen, sagte der Vater, wird als Ruine dastehen, wie die auch heute noch vorhandenen Reste des  Röttler Schlosses. Durch das Gespräch im alemannischen Dialekt und die Tatsache, dass die beiden auf einem Ochsenkarren sitzen und ihre Tiere mit lauten Rufen lenken müssen, erscheinen die finsteren Perspektiven in einem gewissermaßen abgemilderten Licht.

Am Ende erklärt der Vater dem Sohn, dass auch dieser eines Tages alt sein wird und von der Erde weg muss und dass er dann auf sie zurücksehen wird von einem fremden Stern. Er schaut von dort herab auf die verbrannte und unbewohnte Erde und sagt

Lueg, dört isch 'd’Erde gsi, und selle Berg
het Belche gheiße! Nit gar wit dervo
isch Wisleth gsi, dört hani au scho glebt

Schau, dort ist die Erde gewesen und dort der Berg
hieß Belchen! Nicht weit davon
ist Wieslet gewesen, dort habe ich auch schon gelebt

Und dann

und Stiere g’wettet, Holz go Basel g’füehrt,
und broochet, Matte g’raust, und Liecht-Spöh’ g’macht,

und Stiere eingespannt, Holz nach Basel gefahren,
und gepflügt, Wassergräben gezogen und Holzspäne gemacht 

und sagt am Schluss, dass er auf der Erde allerhand Spiele getrieben hat („g’vätterlet")

und g’vätterlet, bis an mi selig End,
und möcht iez nümme hi.

Dieses Loslassen der Erde, dieser letzte Abschied "und möchte jetzt nicht mehr hin“ ist für einen älteren Menschen wie mich ergreifend. Ja, so möchte ich auch auf einmal auf mein Leben zurückschauen können, froh über die guten Erinnerungen, aber auch entfernt genug, um nicht zurück zu wollen.

Das letzte Wort gilt dann den Ochsen, die den Wagen ziehen: nach links, Laubi, März!

Hüst, Laubi, März!

Noch sind wir hier auf der Erde beschäftigt.



Das ganze Gedicht kann man im Internet nachlesen. Eine Übersetzung und die Schilderung eines Besuches auf dem Röttler Schloss ist in einem Buch von Arnold Stadler zu finden „Johann Peter Hebel, Die Vergänglichkeit“.






Samstag, 22. April 2023

Meine Lehmpfuhl-Familie

August Lehmpfuhl
(1852 bis 1931)
Bei dem großen Familientreffen waren erstaunlich viele Leute aus der Sippe Bohle vertreten. Zwei der Töchter des Stammvaters August Lehmpfuhl hatten zwei Brüder, Friedrich und Erwin Bohle, geheiratet, so dass man in der zweiten Generation überwiegend weiterhin  Lehmpfuhl hieß oder aber Bohle, wie meine Großmutter. Eine weitere Tochter hatte einen Ostfriesen namens Harm Buttjes geheiratet, den Namen Buttjes gab es also als Drittes auch noch.

Die auf dem Familientreffen versammelten Verwandten waren überwiegend aus der vierten, fünften und sechsten Generation nach August Lehmpfuhl. Von der dritten Generation, der Generation meiner Mutter, lebt niemand mehr.

Wir trafen uns in der Baptistengemeinde im Berliner Ortsteil Weißensee, deren Kapelle 1910 noch unter der Ältestenschaft von August Lehmpfuhl gebaut worden war. Am Abend saßen wir in der „Brotfabrik“, in der August tatsächlich Brot gebacken, aber auch in einer Sonntagschule die örtlichen Kinder im christlichen Glauben unterrichtet hatte. Weil auch der nachfolgende Besitzer des Gebäudes viel für die Kinder des Viertels getan hatte, wurde das Gebäude erhalten und schon zu DDR-Zeiten in ein Kulturzentrum umgewandelt.

Die Brotfabrik in Berlin-Weißensee
Über den Urgroßvater, an den hier mit Bild und Gedenktafel erinnert wird, wurde viel Lobendes
berichtet. Er muss ein großzügiger und gastfreundlicher Mensch gewesen sein, ein Ältester seiner Gemeinde, ein community leader. Nach meinem Geschmack wurde seine Wirksamkeit ein wenig zu sehr auf die Vermittlung von schulischem  Wissen gelegt (Lesen und Schreiben soll er den Kindern beigebracht haben) und weniger auf seine Bemühungen, den Kindern den Glauben an Jesus Christus näher zu bringen.

Schön war auf jeden Fall die Erinnerung an seine fromme Mutter, die mit einem dem Alkohol verfallenen Schuster aus Köpenick neun Kinder in die Welt gesetzt hatte, als dieser Mann auf ungeklärte Weise allzu früh verstarb. Meine Großmutter Lina, jüngste Tochter des August Lehmpfuhl, hat uns erzählt, ihr Großvater sei im Suff vom Weg abgekommen und ertrunken oder erfroren, irgendwie.

Die mittellose Witwe war die erste in meiner Ahnenreihe, die sich einer Baptistengemeinde anschloss. Sie hat dort sicherlich auch materielle Unterstützung für sich und ihre unversorgten Kinder erfahren. Ihr Sohn August war beim Tod des Vaters erst sechs Jahre alt. Er wird die Christengemeinde als einen Sicherheit und Wärme bietenden Ort erlebt haben.

Viel später habe ich bei Charles Taylor gelesen, dass die großen christlichen Veränderungen, die "Revivals" in den angelsächsischen Ländern oft gerade von den Menschen getragen wurden, die dem wirtschaftlichen Untergang entkommen waren, weil sie eine dramatische Lebenswende vollzogen hatten. Sie lebten nach dieser Wende besonders streng, das betraf nicht nur den Umgang mit Alkohol, sondern auch das Kartenspielen, Tanzen und andere Vergnügungen.

Wenn diese Wende vollzogen war, konnte die nächste Generation mit viel weniger dramatischen Vorschriften ein ruhiges und sicheres Leben führen. Man konnte sich ab und zu ein Gläschen Wein leisten und auch gelegentlich einmal den sonntäglichen Kirchgang ausfallen lassen.

So war es auch mit den Nachkommen von August Lehmpfuhl. An diesem Wochenende waren Christen in den unterschiedlichsten Schattierungen vertreten. Baptisten waren weiterhin vorhanden, einige Verwandte hatten sich der großen evangelischen Kirche zugewandt, weil sie dort eine bessere Liberalität zu finden hofften, andere waren ganz ohne Glauben.

Allen war gemeinsam, dass sie offenbar weit von dem gefährlichen Leben entfernt waren, das der Schuster aus Köpenick, August Lehmpfuhls Vater, geführt hatte. Der radikale Schritt der Mutter in ein bewusst christliches Leben hinein hatte die Nachkommenschaft geschützt.

Christopher Lehmpfuhl
Ganz zum Schluss des Treffens konnte man sich an dem frischen Glanz erfreuen, den einer aus der vierten Generation dem Namen Lehmpfuhl verliehen hatte, Christopher Lehmpfuhl. Er ist 1972 geboren, ein weit über die Grenzen Deutschlands bekannter Maler mit einem gewaltigen Talent, die Bilder einzufangen, welche das Licht aus Städten und Landschaften hervorzaubert. In seinem Atelier klang das Treffen schließlich aus, und besonders die Kinder der sechsten und siebten Generation hatten Freude daran, in Christophers Werkstätten nun ihrerseits die schönsten bunten Bilder zu malen.