Montag, 26. Februar 2024

Kleinmacher und Großmacher

In dem neuen Buch How to Know a Person von David Brooks geht es um Wege, einen anderen Menschen besser kennen zu lernen. Einer der wichtigsten Hilfen dazu ist der Weg der Illuminators wie Brooks diese Menschen nennt. Ich übersetze vereinfachend mit „Großmacher“.

Diese unterscheiden sich von den Diminishers (die ich hier als „Kleinmacher“ übersetze) durch eine diametral andere Art und Weise ihren Mitmenschen zu begegnen. Ein Illuminator geht im Gespräch so sehr auf sein Gegenüber ein, dass dieses sich aufgewertet weiß. Dazu unterdrückt er den allen Menschen innewohnenden Impuls, einen Gesprächsfluss vornehmlich dadurch zu erhalten, indem man von sich selbst erzählt.*

Ein Beispiel: Frau A. war in Rom und beginnt, von ihren Eindrücken zu erzählen. Herr B. wartet das Ende dieser Erzählungen nicht ab, sondern berichtet seinerseits recht unvermittelt von seiner Reise nach Florenz. Es entsteht ein konventionelles Gespräch, bei dem aber im Ergebnis nicht herauskommt, dass Frau A. in Rom etwas erlebt hat, das ihr Wissen, ihren Horizont erweitert hat, und was Herrn B. helfen könnte, einen tieferen Einblick in das zu bekommen, was Frau A. ausmacht und bewegt.

Als Illuminator hätte Herr B. es anders gemacht, Er hätte eine Frage gestellt, welche Frau A. ermutigt hätte, mehr von ihrer Reise nach Rom zu erzählen. Weil er das nicht tut, erfährt er wesentliche Dinge nicht und trägt möglicherweise dazu bei, dass Frau A sich angesichts der Berichte des Herrn B. aus Florenz eher klein gemacht fühlt. Herr B. war hier als Diminisher am Werk.

Das ganze Buch von Brooks dreht sich um Methoden, sein Gegenüber besser kennenzulernen, indem man ihm die Möglichkeit gibt, in der sich fortspinnenden Unterhaltung immer wieder von sich zu erzählen, ohne von dem anderen unterbrochen oder auf andere Themen abgelenkt zu werden.

Ich habe beim Lesen des Buches daran gedacht, dass ich in meinem Leben bei vielen Gelegenheiten gerne ein Illuminator gewesen wäre. Ich bin recht zuversichtlich, dass mir dies auch an einigen Stellen gelungen ist, möchte aber gleichzeitig alle diejenigen um Verzeihung bitten, die ich durch eigene große Reden, durch Unterbrechungen oder einfach durch Desinteresse klein gemacht habe.

Ich habe auch daran gedacht, dass meine Lebensaufgabe als Christ eigentlich immer darin bestanden hat, anderen Menschen zu dienen. Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein, sagt Jesus in Markus 10,43. Da es heute wenig Sinn macht, anderen Menschen durch einfache technische Handreichungen zu dienen (das ist durchaus notwendig aber weniger oft gefragt), rückt der Dienst des Großmachens und der Dienst des Sich-selbst-Kleinhaltens stärker in das Zentrum der Betrachtung.

Wie schön wäre es doch, wenn die Christen in dieser Welt daran erkennbar wären, dass man nach einer Begegnung mit ihnen ein paar Zentimeter größer geworden ist!




*"In every crowd there are Diminishers and there are Illuminators. Diminishers make people feel small and unseen. They see other people as things to be used, not as persons to be befriended. They stereotype and ignore. They are so involved with themselves that other people are just not on their radar screen. Illuminators, on the other hand, have a persistent curiosity about other people." (from "How To Know a Person: The Art of Seeing Others Deeply and Being Deeply Seen (English Edition)" by David Brooks)

Donnerstag, 1. Februar 2024

Heute vor 50 Jahren: Beginn meines Berufsleben

Am 1. Februar 1974 habe ich zu arbeiten begonnen – mit einem Fehlstart. Das Flugzeug, das uns von der Hochzeitsreise zurück nach Deutschland bringen sollte, war vor Beginn der Reise für einen unbestimmten Zeitraum geplant, nach meiner Erinnerung vom 29. Januar bis zum 5. Februar. Kurz vor dem Abflug wurde uns mitgeteilt, dass der Flug nunmehr am 3. Februar stattfinden sollte.

Mein Onkel Johannes Runkel, in dessen Abteilung der Firma unserer Familie - oben sieht man das Logo - ich beginnen sollte, sagte mir nach unserer Ankunft an einem Wochenende am Telefon mit tiefgefrorener Stimme, bei jeder anderen Firma würde mir jetzt wohl wegen unpünktlichem Arbeitsantritt sogleich gekündigt. Aber ich solle kommen. Ich habe dann an einem Dienstag (5. Februar) meinen ersten Arbeitstag gehabt.

Die Voraussetzungen für einen freundlichen Empfang hatten sich schon in den Monaten zuvor verschlechtert. Der Onkel, den ich sehr gerne hatte (ich habe über ihn in diesem Blog geschrieben), lehnte mein Betriebswirtschaftsstudium rundheraus als unnötigen Umweg ab und war nah daran, mich allein deshalb gar nicht erst einzustellen.

Was mir schließlich geholfen hat, seine Zuneigung nach und nach wieder zu gewinnen, habe ich Wochen später auf Umwegen erfahren. Ich hatte in der Vorbereitung auf eine Betriebsratssitzung gesehen, dass die mit dem Schmieren von unzähligen Brötchen beauftragte Mitarbeiterin es nicht rechtzeitig schaffen würde, vor der Sitzung alle Brötchen vorbereitet zu haben. So habe ich mir kurzerhand ein Messer genommen und ihr geholfen.

Das hat man meinem Onkel dann offenbar berichtet und er hat einem seiner Freunde erzählt, dass ihm mein bescheidenes Auftreten gefallen habe. Der Freund erzählte es meiner Mutter, und meine Mutter erzählte es mir. Ich war beim Onkel wieder in Gnaden.

Im Nachhinein sehe ich auch die Kehrseite dieser Geschichte: in der Firma meiner Familie konnte man mit einem bescheidenen Auftreten mehr Respekt gewinnen als mit erfolgreichen Jahresabschlüssen. Die Abteilung, in der ich recht bald Geschäftsführer wurde, hat nicht lange überlebt. Das lag nicht alleine an mir, aber wenn ich meinen Beruf heute noch einmal bei Null anfangen könnte, würde ich versuchen, mein Renommee mehr auf Erfolg und weniger auf menschliche Faktoren zu gründen.

Indem ich dies niederschreibe, kommen mir allerdings Zweifel. Im Rückblick auf 50 Jahre erkennt man einige Grundzüge des eigenen Wesens. Und vielleicht passt das Bild vom Brötchen schmierenden guten Kameraden besser zu mir als das Bild vom knallharten Strategen.