Mittwoch, 25. März 2026

Mein Großvater und das Radiergummi

Adolf Runkel
Von meinem Großvater Adolf Runkel (1889 -1961) habe ich einen Gedanken übernommen, der mir im Leben viel geholfen hat, dessen Problematik mir aber im Alter immer deutlicher wird. Mein Großvater, der die Bauunternehmung der Familie leitete, ging – so haben es mir seine Mitarbeiter später erzählt – immer wieder einmal in die Büros, in denen seine Bauzeichner beschäftigt waren, und fragte einen der dort am Reißbrett arbeitenden Techniker nach dessen Radiergummi. Das führte dann dazu, dass der befragte in dem großen Materialfach zu kramen begann, das sich unterhalb seines Zeichenbretts befand. Wenn er es gefunden hatte und meinem Großvater zeigte, hatte dieser die Zeitspanne gemessen, die für die Suche notwendig war. 20 Sekunden! 

Und dann fragte der Großvater immer: wie oft suchen Sie das Radiergummi? Wenn der Befragte dann etwa sagte „vier mal pro Stunde“, dann rechnete der im Kopfrechnen überaus gewandte Großvater blitzschnell aus, dass die Suche nach dem Radiergummi am Tag 640 Sekunden verbrauchte, in der Woche entsprechend 53 Minuten und im Monat fast 4 Stunden. Auf das Jahr gerechnet waren das 45 Stunden, auf ein ganzes Leben etwa 225 Arbeitstage. Der Mitarbeiter war also auf das ganze gesehen, fast ein dreiviertel Jahr mit der Suche nach einem Radiergummi beschäftigt. So stellte es der alte Chef fest und machte ein ernstes Gesicht dabei.

Und dann legte er dem Techniker nahe, doch noch einmal zu überlegen, ob man das Radiergummi nicht mit einem Gummiband am Oberarm befestigen und auf diese Weise immer in Sekundenschnelle im Griff haben könnte. Keiner von den angesprochenen hat es je gemacht, aber nachgedacht hat man trotzdem. 

Später habe ich gelernt, dass die moderne Industrie solchen und ähnlichen Gedanken sehr intensiv nachgegangen ist und ganze Systeme daraus gemacht hat. In Deutschland hieß das REFA, in den Vereinigten Staaten wohl „Human Relations“. Im Studium habe ich später gelernt, dass die Amerikaner verschiedenen Versuchspersonen kleine Lampen an beide Handgelenke befestigt und mit einer Kamera Fotos aufgenommen haben, welche die Bewegungen der Hand mittels Langzeitbelichtung als Leuchtspuren wiedergab. Hier konnte man später sehen, für welche Bewegungen relativ lange Wege notwendig waren, und hat in der Konsequenz die Gegenstände, die die Hand auf diesem langen Weg gesucht hat, näher an die Mitte des Arbeitsplatzes heran arrangiert.

Am Ende hat sowohl der Mann an der Maschine oder am Zeichenbrett als auch sein Arbeitgeber profitiert. Der eine hat eine bequemere Arbeit gehabt, der andere hat für den gleichen Stundenlohn mehr Leistung bekommen.

Auf jeden Fall ist die grundsätzliche Logik solcher Untersuchungen weltweit anerkannt worden und hat alle Lebensbereiche durchdrungen. Auch mir ist die Logik einleuchtend erschienen, und ich habe sie auf viele Bereiche meines Lebens angewandt. Im Alter ist mir dabei immer deutlicher geworden, dass sie mir mein Leben aber teilweise auch erschwert hat. Warum? Nun, mein Eindruck ist, dass ich mir in der Folge die Vorgänge, die zur Bearbeitung auf meinem Tisch lagen, immer wieder fast wie von selbst in kleine und kleinste Teilarbeiten unterteilt habe, die ich dann jeweils optimiert habe. Diese Aufteilung in Teilarbeiten hatte nun aber den Nachteil, dass mir der gesamte Arbeitsaufwand sehr viel größer erschien, als wenn ich nur einen einzigen, ungeteilten Blick auf die Arbeit getan hätte.

Ein Beispiel: ich habe die vielen kleinen Schritte, die zu meiner morgendlichen Körperpflege gehören, zunächst so optimiert, dass ich sie immer in der gleichen Reihenfolge verrichte und dadurch keinen Schritt vergesse. Das ist hilfreich. Der Nachteil dabei ist aber, dass mir die zähe Abfolge dieser Schritte, die ich bereits vor dem Aufstehen vor meinem inneren Auge sehe, so ermüdend erscheint, dass ich zögere und lange warte, bis ich mich endlich aus dem Bett erhebe. Das, was ich dann zu erledigen habe, erscheint mir oft als eine arge Quälerei. So erleichtert mir die Analyse meiner Tätigkeiten auf der einen Seite meine tägliche Arbeit, lässt sie mir aber gleichzeitig auch sehr viel länger erscheinen, was mich belastet.

Beim Nachdenken über dieses Phänomen habe ich mich an den Gedanken von Goethe erinnert, der gesagt hat, die Neuzeit habe begonnen, als die Uhren alle 15 Minuten läuteten, und nicht wie früher erst nach einer halben Stunde. Dieses schnellere Takten ist also etwas, an das sich alle Menschen gewöhnen müssen. Die vergehende Zeit erscheint dann aber auch länger zu sein als wenn man sie nur im Halbstunden- oder Stundentakt misst.

Wir breiten die Arbeiten der Zukunft vor uns aus - und sehen mit Schrecken, was alles auf uns zukommt.

Dienstag, 3. März 2026

Meine Schwester Esther, heute 70 Jahre alt

Als ich in der vergangenen Nacht das silberne Licht des Vollmondes auf dem Fußboden unseres Esszimmers schimmern sah, dachte ich an den Tag vor 70 Jahren zurück, an dem Esther geboren wurde. Es war ein Samstag, und in meiner Erinnerung hat sich festgesetzt, dass unser Vater zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben die Schulbrote schmierte. Früh am Morgen hatte er den Anruf aus dem Krankenhaus bekommen, der Esthers Geburt meldete. Er hatte daraufhin ein wenig mürrisch Worte gemurmelt, in denen "Weiberwirtschaft" vorkam. Er erfuhr durch diesen Anruf, dass er jetzt drei Töchter hatte. 

Damals konnte das Geschlecht eines Kindes noch nicht vor der Geburt durch Ultraschall festgestellt werden, man wusste erst nach der Geburt, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Esther veränderte die Frauenquote sehr stark, der Vater hatte bis dahin außer den besagten drei Töchtern nur einen Sohn, mich. Dass später noch ein zweiter Sohn folgen würde, Erwin Adolf / Brüdi, konnte der Vater vor 70 Jahren noch nicht wissen. 

Die Schulbrote am Samstag (damals ging man auch samstags zur Schule) waren, das habe ich im Internet ermittelt, nur für mich. Meine jüngere Schwester Sigrid kam erst nach Ostern in die Schule, das war frühestens in der ersten Aprilwoche 1956.

An Esthers Tage als Säugling habe ich keine Erinnerungen. Was ich dagegen noch im Kopf habe, ist das Wort "Attada", mit dem sie sich als Kleinkind selbst bezeichnete. Unser Vater fand im biblischen Buch Esther den hebräischen Namen "Hadassa" (Myrte), der Esthers ursprünglicher Name war, bevor der Name der persischen Umgebung angepasst wurde. Mein Vater pries die Weisheit seiner kleinen Tochter, die ihren eigentlichen Namen gewissermaßen selbst herausgefunden hatte. 

Was er nie erwähnt und vermutlich auch nicht gewusst hat, ist, dass Esther 1956 nur fünf Tage nach dem Purim-Fest (damals am 26.2.1956) geboren wurde, das in jedem Jahr an die biblische Esther erinnert. In diesem Jahr 2026 fiel es genau auf den 3.März.