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| Adolf Runkel |
Und dann fragte der Großvater immer: wie oft suchen Sie das Radiergummi? Wenn der Befragte dann etwa sagte „vier mal pro Stunde“, dann rechnete der im Kopfrechnen überaus gewandte Großvater blitzschnell aus, dass die Suche nach dem Radiergummi am Tag 640 Sekunden verbrauchte, in der Woche entsprechend 53 Minuten und im Monat fast 4 Stunden. Auf das Jahr gerechnet waren das 45 Stunden, auf ein ganzes Leben etwa 225 Arbeitstage. Der Mitarbeiter war also auf das ganze gesehen, fast ein dreiviertel Jahr mit der Suche nach einem Radiergummi beschäftigt. So stellte es der alte Chef fest und machte ein ernstes Gesicht dabei.
Und dann legte er dem Techniker nahe,
doch noch einmal zu überlegen, ob man das Radiergummi nicht mit einem Gummiband
am Oberarm befestigen und auf diese Weise immer in Sekundenschnelle im Griff
haben könnte. Keiner von den angesprochenen hat es je gemacht, aber nachgedacht
hat man trotzdem.
Später habe ich gelernt, dass die moderne Industrie solchen
und ähnlichen Gedanken sehr intensiv nachgegangen ist und ganze Systeme daraus
gemacht hat. In Deutschland hieß das REFA, in den Vereinigten Staaten wohl „Human
Relations“. Im Studium habe ich später gelernt, dass die Amerikaner verschiedenen
Versuchspersonen kleine Lampen an beide Handgelenke befestigt und mit einer
Kamera Fotos aufgenommen haben, welche die Bewegungen der Hand mittels
Langzeitbelichtung als Leuchtspuren wiedergab. Hier konnte man später sehen,
für welche Bewegungen relativ lange Wege notwendig waren, und hat in der
Konsequenz die Gegenstände, die die Hand auf diesem langen Weg gesucht hat,
näher an die Mitte des Arbeitsplatzes heran arrangiert.
Am Ende hat sowohl der Mann an der Maschine oder am Zeichenbrett
als auch sein Arbeitgeber profitiert. Der eine hat eine bequemere Arbeit
gehabt, der andere hat für den gleichen Stundenlohn mehr Leistung bekommen.
Auf jeden Fall ist die grundsätzliche Logik solcher
Untersuchungen weltweit anerkannt worden und hat alle Lebensbereiche
durchdrungen. Auch mir ist die Logik einleuchtend erschienen, und ich habe sie
auf viele Bereiche meines Lebens angewandt. Im Alter ist mir dabei immer
deutlicher geworden, dass sie mir mein Leben aber teilweise auch erschwert hat.
Warum? Nun, mein Eindruck ist, dass ich mir in der Folge die Vorgänge, die zur
Bearbeitung auf meinem Tisch lagen, immer wieder fast wie von selbst in kleine
und kleinste Teilarbeiten unterteilt habe, die ich dann jeweils optimiert habe.
Diese Aufteilung in Teilarbeiten hatte nun aber den Nachteil, dass mir der
gesamte Arbeitsaufwand sehr viel größer erschien, als wenn ich nur einen
einzigen, ungeteilten Blick auf die Arbeit getan hätte.
Ein Beispiel: ich habe die vielen kleinen Schritte, die zu
meiner morgendlichen Körperpflege gehören, zunächst so optimiert, dass ich sie
immer in der gleichen Reihenfolge verrichte und dadurch keinen Schritt
vergesse. Das ist hilfreich. Der Nachteil dabei ist aber, dass mir die zähe Abfolge
dieser Schritte, die ich bereits vor dem Aufstehen vor meinem inneren Auge
sehe, so ermüdend erscheint, dass ich zögere und lange warte, bis ich mich
endlich aus dem Bett erhebe. Das, was ich dann zu erledigen habe, erscheint mir
oft als eine arge Quälerei. So erleichtert mir die Analyse meiner Tätigkeiten
auf der einen Seite meine tägliche Arbeit, lässt sie mir aber gleichzeitig auch
sehr viel länger erscheinen, was mich belastet.
Beim Nachdenken über dieses Phänomen habe ich mich an den
Gedanken von Goethe erinnert, der gesagt hat, die Neuzeit habe begonnen, als die
Uhren alle 15 Minuten läuteten, und nicht wie früher erst nach einer halben Stunde. Dieses
schnellere Takten ist also etwas, an das sich alle Menschen gewöhnen müssen.
Die vergehende Zeit erscheint dann aber auch länger zu sein als wenn man sie nur
im Halbstunden- oder Stundentakt misst.
Wir breiten die Arbeiten der Zukunft vor uns aus - und sehen mit Schrecken, was alles auf uns zukommt.

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