Samstag, 22. Oktober 2011

Der Tod meines Großvaters am 22. Oktober 1961

 
 
Heute vor 50 Jahren starb mein Großvater Adolf Runkel. Es war ein eigenartiger Tod, denn er geschah in aller Öffentlichkeit an einem hellen Sonntagmorgen. Der Opa hatte als Bauunternehmer in Hunsheim bei Gummersbach eine Kirche gebaut, oder besser: eine Kapelle, wie es bei uns Baptisten heißt, und hatte draußen vor der Tür den Schlüssel übergeben. Danach war er mit der Gemeinde feierlich in ihr neues Gotteshaus eingezogen, hatte sich vorne zu den Honoratioren aufs Podium gesetzt und war dann plötzlich bewußtlos nach vorne auf den Tisch gesunken. Man trug ihn in einen Nebenraum, wo der herbeigerufene Arzt nur noch seinen Tod feststellen konnte.

Mein Vater, damals 41 Jahre alt, und ich, damals zwölf, waren in diesem Moment unweit von Hunsheim ebenfalls in einem Gottesdienst, in der etwa eine halbe Autostunde entfernten Stadt Siegen. Mein Vater wurde aus dem Gottesdienst herausgerufen und fuhr schweigend zum toten Großvater, mit mir auf dem Beifahrersitz. Vermutlich hatte man meinem Vater die Todesnachricht bereits überbracht, mir sagte er allerdings nur, es sei etwas mit dem Opa passiert und dann nach einer Pause: solche Wege wie heute müsse jeder Mensch in seinem Leben einmal gehen. Eines Tages wäre ich meinerseits damit an der Reihe. So oder ähnlich äußerte er sich und hinterließ mich verwirrt aber in der Ahnung, Zeuge eines bedeutungsvollen Geschehens zu sein.

Johannes Runkel (1925 - 2003)
 In Hunsheim angekommen trat mein Onkel Johannes, damals 36 Jahre alt, an unser Auto und sagte mit beschlagener aber würdevoller Stimme: Unser Vater ist im Himmel. Auch er war herbeigerufen worden, was aber offenbar früher geschehen war, denn er hatte von Remscheid aus eine ganze Stunde Fahrzeit. Daß er als jüngster Sohn bei dieser Sache irgendwie das Regiment hatte, fand ich in Ordnung. Onkel Johannes war mein Lieblingsonkel und mit seiner großen, massiven Gestalt der würdevollste der drei Söhne des Opas. Später hat er mir erzählt, daß ihn die Organisation der großen Beerdigung, an der mehrere hundert Leute teilnahmen und bei der die Polizei den Verkehr regelte, an die Grenze der körperlichen Erschöpfung geführt habe. Aber es war eben seine Aufgabe gewesen, das alles zu organisieren, denn immer wenn etwas feierlich sein sollte, überließen ihm seine älteren Brüder die Arbeit.
Über die Reaktion meiner Großmutter, damals 66 Jahre alt – sie hat danach noch 24 Jahre gelebt und ist genau an ihrem 90. Geburtstag gestorben – weiß ich nichts, sie war an diesem Tag in Remscheid zum Geburtstag meines Vetters Michael geblieben. Später bei der Trauerfeier sah ich sie weinen, das war, als unsere Gemeinde Wenn nach der Erde Leid, Arbeit und Pein / ich in die goldenen Gassen zieh ein anstimmte, ein Lied, das die Gemeinde so schön wie kein anderes singen konnte, und bei dem die Menschen auch dann Tränen vergossen, wenn es an einem normalen Sonntag gesungen wurde und niemand gestorben war. Ich sollte bei dieser Feier als ältester Enkel in der ersten Reihe sitzen, fand aber alle Plätze besetzt und wurde in eine Heizkörpernische verwiesen, wo ich unbequem saß, aber die erste Kirchenbank gut im Blick hatte. Außer meiner Oma weinte niemand. Bei uns weint man nicht, wenn einer stirbt, man weint, wenn man gerührt ist, etwa von der Gnade, die den Sünder rettet, a wretch like me.

In Hunsheim war vor dem Eintreffen meines Onkels und meines Vaters von seiten unserer Familie nur der Großvater anwesend, begleitet allerdings von einem Freund meines Onkels namens Karl-Friedrich Rübeling, der sich gelegentlich ein Zubrot verdiente, indem er den Opa auf längeren Strecken fuhr. Der Großvater hatte den Führerschein erst in einem recht hohen Alter gemacht, nachdem er bereits in jungen Jahren wohlhabend genug gewesen war, um sich die Dienste eines Chauffeurs leisten zu können. Der Opa war zu Beginn des Jahrhunderts noch als halbes Kind in die gerade neu gegründete Firma seines Vaters Christian Runkel eingetreten, hatte dort seine hohe Intelligenz, die sich etwa in seinem vielbewunderten Kopfrechen-Talent zeigte, auf die Arbeit im Büro konzentriert und hatte entsprechend im Leben nie einen einzigen Stein vermauert. Er wurde bereits mit zwanzig Jahren von den Maurern respektvoll Der Alte genannt und trug auf allen Bildern, die ich von ihm sah, einen dunklen Anzug mit Weste.

Seine sechs Jahre jüngere Frau Elise, ein Nachbarskind, siezte ihn, wenn sie ihm auf der Straße seilchenspringend entgegenkam, während er Lieschen zu ihr sagte. Das Lieschen lebte im Hause ihrer Eltern in einer Art von früher Emanzipation und machte kurz nach dem Ersten Weltkrieg als eine der ersten Frauen in Remscheid den Führerschein. Der Opa dagegen, Der Alte, ließ sich fahren, in schönen, großen Autos .
Wir Enkel fanden seine spät erlernte und des deshalb unbeholfene und übertrieben langsame Fahrweise peinlich und waren froh, wenn er zu einem gemeinsamen Ausflug noch einmal einen Fahrer bestellte und entspannt vom Vordersitz aus mit uns reden konnte. Die Oma dagegen fuhr nie, wir erfuhren von ihrem Führerschein erst, nachdem sie sich als Witwe einen braunen Volkwagen Käfer anschaffte und uns damit besuchen kam.
Paul Runkel (1896 - 1948) 
In Hunsheim stand Karl-Friedrich Rübeling ein wenig verlegen neben des Großvaters wunderbar dunkelblau in der Sonne leuchtenden Opel Kapitän RS – AZ 13. Er sah gerade so aus, als habe man ihn, den armen Karl-Friedrich, den mein Onkel ein wenig neumodisch Charles nannte, für den Tod des Großvaters verantwortlich gemacht, und er war doch nur der Chauffeur gewesen. Der Großvater lag auf einer Bank in einem Seitenraum, immer noch in dem Sonntagsanzug, den er zur Feier des Tages angelegt hatte, allerdings war der Schlips gelockert und der Kragenknopf geöffnet. Ich habe ihn deutlich vor Augen, wie er so da liegt, obwohl ich das Bild nur von einem Foto meines Onkels kenne. Ich habe es erst sehr viel später gesehen. Am Todestag selbst wollte ich mir den Anblick einer Leiche ersparen, und mein Vater, der mich sonst immer gern – was ist denn schon dabei? – zu unangenehmen Dingen zwang, drängte diesmal nicht. Ich habe erst mit 40 Jahren meine erste Leiche gesehen und bin damit in meiner Erinnerung meinem Erwachsensein ein großes Stück näher gekommen.
Gustav Runkel (1891 -1953)
Der Tod des Großvaters weckte damals in den Erwachsenen eigenartige Erinnerungen. Seine beiden Brüder waren genau wie er nach einer öffentlichen Rede umgesunken und innerhalb von wenigen Minuten verstorben. Den Bruder Paul traf es 1948 nach einem Diskussionsbeitrag auf einer Bauunternehmerkonferenz, er wurde nur 52 Jahre alt. Der Bruder Gustav sprach 1953 auf einer Bibelkonferenz in Berlin und fiel danach, 62 jährig, tot um. Und nun also der Großvater, weitere zehn Jahre älter, 72jährig. Verlief unser Leben und Sterben nach festen Regeln und Gesetzmäßigkeiten?
Der Vater und ich fuhren schweigend heim. Ich kann mich auch bei meinem Vater an keine Trauer erinnern. Der Opa war ja im Himmel und nicht an einem Ort der Verzweiflung. Später erfuhr ich, daß mein Großvater ein übermäßig strenger und mißtrauischer Erzieher und Chef seines ältesten Sohnes war. Mein Vater muß also auch so etwas wie Erleichterung verspürt haben, als Der Alte nicht mehr war. Er hat mir später erzählt, daß er am Tag drauf mit gehöriger Angst in die Firma gegangen ist, um zusammen mit seinen  beiden Brüdern und einem Vetter die Geschäfte weiterzuführen, über denen der Großvater bis zum letzten Arbeitstag gewacht hatte. Er war nie in Rente gegangen. Aber dann ging alles viel leichter von der Hand, als man es gedacht hatte, und man war schließlich wohl auch offen froh darüber, daß die schwere Hand des Patriarchen nicht mehr auf einem lastete.

Eine der ersten gemeinsamen Amtshandlungen der vier neuen Chefs war die Demontage einer klobigen Telefon-und Sprechanlage, mit welcher der Großvater von seinem Schreibtisch aus in jedes Büro seiner Angestellten hineinsprechen und der Legende nach wohl auch heimlich hineinhören konnte. Solche autoritären Geräte empfand man nun als unangemessen. Heute denke ich: die 60er Jahre hatten begonnen!
 

Adolf Runkel (1889 - 1961)
 

1 Kommentar:

Adolf Mulack hat gesagt…

Lieber Christian,
danke für Deine lebhafte, lebendige Schilderung Deiner Verwandten! - Da ist mit Deinem Großvater ja auch ein ganzes Zeitalter zu Grabe gegangen: Die Adenauer-Ära der Nachkriegszeit, deren "Aroma" auch meine Kinderzeit durchzog ...
Aber merkwürdig ist es schon: Das "In-den-Sielen-Sterben" einer ganzen Wiederaufbau-Generation ...