Es kommen
neue Stimmen aus dem alten Land Samaria, das vor Zeiten einmal das Durchgangsland
für Maria und Joseph auf dem Weg von Nazareth nach Bethlehem war und in gleicher
Weise später dann auch für Jesus, auf dem Weg von der Idylle des Sees Genezareth hinauf an
das grausame Kreuz in Jerusalem. Heute ist das frühere Samaria der große nördliche Teil
des am 29. November 2012 von der UNO als non member observer state anerkannten Palästina. Seine
Regierung hat ihren Sitz in Ramallah, dem alten Rama, unweit von Jerusalem und Bethlehem.
Mich zieht es in dieses Land, seitdem ich vor einem Jahr einen Zipfel davon
gesehen habe, nämlich Jenin im Norden und außerdem die Stadt von Mohammad A., Silat
al-Dahr, die von Jenin aus auf halben Weg in das alte Sichem liegt. Sichem wurde
zu Zeiten der Römer zu Neapolis, das ist auch der heutiger Name des Ortes, Nablus auf
Arabisch.
Mohammad ist ein Friedensstifter, den ich über die große Plattform „YaLa“, die im Internet Israelis und Palästinenser miteinander ins Gespräch bringt, kennengelernt habe. Ihn und seinen Gegenpart und väterlichen Freund Avraham „Avi“ D. in Tel Aviv habe ich im Januar 2012 besucht und mich von ihrer Begeisterung für einen Handschlag über die Gräben hinweg anstecken lassen.
Mohammad ist ein Friedensstifter, den ich über die große Plattform „YaLa“, die im Internet Israelis und Palästinenser miteinander ins Gespräch bringt, kennengelernt habe. Ihn und seinen Gegenpart und väterlichen Freund Avraham „Avi“ D. in Tel Aviv habe ich im Januar 2012 besucht und mich von ihrer Begeisterung für einen Handschlag über die Gräben hinweg anstecken lassen.
Als ich nach
diesem Besuch wieder Hause kam, las ich in der Zeitung von einem neuen Abrahamsweg, der, dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela
vergleichbar, sich als Wanderweg über die gesamte Länge Palästinas, also über
die „West Banks“ erstreckt (siehe Bild im vorigen Absatz). Von einer stillen dörflichen Landschaft war die
Rede, von sanften, einsamen Hügeln und freundlichen Privatleuten, die den
Wanderern ein schlichtes Nachtquartier bieten. Das weckte das Fernweh in mir,
und als ich dann außerdem durch verstärktes Nachforschen immer mehr über die
rätselhaften Thora-frommen Samaritaner auf dem Berge Garizim bei Nablus erfuhr,
stand mein Entschluss fest, nächstes Jahr erneut in dieses Land zu reisen und
mehr darüber zu erfahren.
Auch die
Politik interessierte mich natürlich. Zwar hatte und habe ich keinen Begriff
davon, was Schlagworte wie „Frieden in den Grenzen von 1967“ bedeuten, aber von
Mohammad und später von seinem Freund Hamze, mit dem ich in Deutschland viele
Stunden reden konnte, habe ich Ansätze für ein neues Bild der Realität in
Palästina erhalten, das einerseits trüber und bedrückender ist als vieles, was
man aus der Presse erfährt, andererseits aber auch überraschende neue Ansätze
für ein besseres Miteinander in diesem Krisengebiet mit seiner endlosen
Leidensgeschichte bietet. Einen Begriff davon bekommt man beim Lesen der
diesjährigen Weihnachtsbotschaft des Präsidenten
Abbas, den in
Palästina der örtlichen Tradition folgend alle „Abu Mazen“ nennen, Vater des
Mazen, seines ältesten Sohns. Er schildert ein unter den harten Einschränkungen
der Besatzung leidendes, trotzdem aber selbstbewusstes Volk, das seine Schulen
und Universitäten aufbaut und seine Künste entwickelt. Es kämpft nicht mehr mit
Waffen, es kämpft, indem es sein israelisches Brudervolk beschämt.
Mir steht ein
inneres Bild von Samaria vor Augen, in dessen ideeller Mitte sich groß und
beherrschend der Berg Garizim erhebt. Um genau zu sein: ich sehe den 881 m hohen
Garizim (im Luftbild oben) vor mir und daneben seinen um 70m höheren Zwillingsberg Ebal (im Luftbild unten). Die
beiden Berge überragen von zwei Seiten das enge Tal, in dem Nablus liegt, Sie
wurden schon zu Urzeiten von keinem geringeren als Mose zu Heiligtümern der
Kinder Israel erklärt. Auf den Luftbildern von Google erscheinen sie wie zwei
Riesen, die nicht nur Nablus, sondern das ganze nördliche Samaria überragen,
und so wirken sie vermutlich auch, wenn man sie an Ort und Stelle sieht.
Wenn man die
Anweisungen des Mose (in 5. Moses 11 ab Vers 29) liest, wie er dem Volk in
grauer Vorzeit befielt, sich zwischen den Abhängen dieser beiden Berge zu
versammeln, sich abwechselnd die Worte des Segens (vom Garizim) und des Fluches
(vom Ebal) vorlesen zu lassen und dann die Treue zu Adonai, ihrem Gott zu
erneuern, dann beginnt man danach zu fragen, was dazu geführt hat, dass dieser fromme
Brauch, über dessen Durchführung im Buch
Josua (Kapitel 8, ab Vers 33) berichtet wird, irgendwann zu Ende gegangen ist und
nicht fortgesetzt wurde.
Um das Jahr 1985
herum hat man überraschende neue Antworten auf diese Frage erhalten. Damals hat
der Chefarchäologe des Staates Israel, Yizhak Magen, auf dem Garizim die Reste einer
großen Tempelanlage (Foto rechts) freigelegt und hat nachgewiesen, dass der alte Kult dort über
viele Jahrhunderte lebendig erhalten wurde. Ebenfalls in den 80er Jahren
gründeten Nachkommen der Thora-gläubigen, zu diesem Tempel gehörigen Samaritaner
auf dem Garizim das Dorf Kiryat Lusa. Die Lage des Dorfes soll nach ihrem
Glauben dem Ort Lus der Bibel entsprechen, an dem der Erzvater Jakob auf der
Flucht vor Esau im Traum den Himmel über sich offen sah (1. Mose 28, 19).
Ich füge hier
eine Klärung der Begriffe Samarier, Samariter und Samaritaner ein: die
Forschung verwendet mittlerweile das Wort Samaritaner
ausschließlich für die Frommen, die zum Tempel auf
dem Garizim gingen und heute wieder gehen. Die Samarier dagegen werden als das Mischvolk aus vielen Nationalitäten
angesehen, das sich nach der Rückkehr der Nord-Israeliten aus der assyrischen
Gefangenschaft um 700 vor Christus bildete. Das etwas despektierliche Bild
dieses Volkes, das sich angesichts der vielen Götter in seiner Umwelt nicht mehr
klar zu Adonai bekennen wollte, gründet sich auf den Bericht im Buch der Könige
(2. Könige 17, ab Vers 24). Von diesem Volk ist die Minderheit der frommen
Samaritaner streng zu unterscheiden. Das von Luther geprägte Wort Samariter trennt nicht genau genug
zwischen Samariern und Samaritanern. Man verwendet es deshalb heute nicht mehr.
Man kann vermuten,
dass zur Zeit Jesu die Gemeinschaft der Samaritaner allgemein bekannt war und
dass die Evangelisten deshalb keinen Anlass hatten, näher auf eine Beschreibung
ihrer Existenz einzugehen. Wenn Jesus den längsten überlieferten Dialog aller
vier Evangelien führt, den mit der Frau aus Samarien (gynä en tes samaraeias, Johannes
4), sitzt er vermutlich in Sichtweite der damals nur wenig mehr als 100 Jahre
alten Ruinen des samaritanischen Garizim-Tempels. Er redet dort im Bewusstsein,
dass er zu dem jüdischen Volk gehört, welches das Land Samaria für einige Zeit
erobert und diesen Tempel zerstört hatte. Das von dem Evangelisten Lukas überlieferte
und in die Menschheitsgeschichte eingegangene Bild vom Samariter (samarites, Lukas
10,33) der zum „barmherzigen Samariter“ wurde,
bezeichnet also wahrscheinlich einen Samaritaner, einen Anhänger des Kultes vom
Garizim.
Mein größter
Wunsch ist es, dem Hohenpriester der mittlerweile wieder auf etwa 500 Seelen
angewachsenen Samaritaner einmal die Hand schütteln zu können. Er hat auf einem Foto
aus dem schönen Album des Fotografen Menachem Kuchar (rechts) ein Gesicht, das dem ersten Priester Aaron gehören könnte, und kann
seine Abstammung auch auf diesen zurückführen. Er lehrt seine Anhänger einen
puristischen, nur auf die fünf Bücher Mose, die Thora, gegründeten
Adonai-Glauben. Für ihn sind alle anderen Bücher das Alten Testamentes wegen
ihrer Überbewertung des menschlichen Faktors fragwürdig.
Sein Volk,
das sich Kinder Israels nennt, ist in
der Geschichte ebenso verfolgt worden wie das der Jerusalemer Juden, mit dem
Unterschied, dass auch die Juden des alten Südreiches zu den Verfolgern gehörten
und heutzutage den Samaritanern im alten Nordreich und heutigen Palästina durch
allerlei administrative Maßnahmen das Leben nicht immer erleichtern.
Die
Samaritaner könnten ein wichtiges Bindeglied hinüber zu den mit den Juden in
spannungsreicher Nachbarschaft lebenden Palästinensern
sein. Sie sind von jeher fest in der palästinensischen Kultur eingebunden,
sprechen das dort gebräuchliche Arabisch und sind äußerlich den Palästinensern
ähnlich - siehe das nebenstehende Bild eines Priesters, ebenfalls von Menachem Kuchar, dem ich für die Erlaubnis danke, seine Bilder hier zu zeigen. Aus ihrer Geschichte wissen sie außerdem, wie sich eine
Minderheit von Adonai-Gläubigen mit der Mehrheit von Andersgläubigen friedlich
arrangieren kann. Der Redakteur ihrer Internetseite Samaritan Update,
der in Florida lebende Larry Rynearson, schrieb mir von einem Plan, auf dem
Garizim ein Friedenszentrum zu errichten. Das scheiterte aber an der fehlenden Zustimmung
der Israelis.
Genug für
heute! Gestern, am 27. Dezember, habe ich für mich und Gerd Rieso die Flüge nach
Tel Aviv gebucht und hoffe, dass wir zusammen mit der Hilfe von Avi D. am 21.
Januar am Startpunkt des Abrahamsweges im äußersten Nordosten Samarias ankommen,
im Dorf Faqua.
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