Montag, 31. Dezember 2012

Eine alte Geschichte, neu geschrieben



Seitdem Yizhak Magen vor etwa 25 Jahren den großen Tempel bei Nablus, dem alten Sichem, ausgegraben hat (sein Buch dazu ist bei Google books zu finden), wird die Geschichte Samarias neu geschrieben. Und nicht nur sie – radikale Kritiker der jüdischen Geschichtsschreibung, die der „Spiegel“ zu Wort kommen lässt (in der Ausgabe 15/2012) möchten gleich eine komplette Gegengeschichte der Israeliten schreiben, in welcher überhaupt nur noch der Tempel bei Sichem / Nablus, auf dem Berg Garizim, existiert, und der Tempel in Jerusalem dagegen reine Fiktion ist, mitsamt den Königen David und Salomo. Alles soll Sage sein.




Die heutigen Samaritaner sind offenbar nicht ganz frei von der Versuchung, hier mitzumachen (siehe Artikel Who is Resposible for the Destruction of Jerusalem auf ihrer Website) und ihre eigene Vergangenheit zu Lasten der Brüder 80 km weiter südlich neu und schön wiedererstehen zu lassen. Immerhin besitzen sie etwas, von dem die Judäer in Jerusalem nur träumen können: einen archäologisch einwandfrei nachgewiesenen alten Tempel.
Man reibt sich die Augen und fragt, ob denn der alte, mit der AlAqsa-Moschee überbaute Tempel des Herodes mit den sichtbaren Resten von einem, wenn nicht zwei Vorgängertempeln nicht Beweis genug ist für die Existenz des Tempels aller Tempel, des Tempels Salomos? Ja, der Tempel des Herodes ist ohne Zweifel als riesiger Platz, fast 300 mal 500 m groß vorhanden. Auf ihm und seinen Fundamenten steht die AlAqsa-Moschee und neben ihr der muslimische „Felsendom“ mit seiner goldenen Kuppel. Aber den archäologischen Beweis, dass bei seiner Herstellung durch Herodes 21 v. Chr. der „zweite“ Tempel des Serubbabel von 515 v. Chr. und darunter der Tempel Salomos (957 v. Chr. gebaut, 586 zerstört) überbaut wurden, kann man nicht antreten. Das Tempelgelände befindet sich ja seit 691 n. Chr., als der Felsendom fertiggestellt wurde,  als heiliger Bezirk im Besitz der Muslime. Hier sind Grabungen jeglicher Art verboten.
Einzelheiten der bisher als korrekt angenommenen Geschichte des Jerusalemer Tempels sind übersichtlich in Wikipedia dargestellt. Dafür dass der Herodesbau Vorgängerbauten gehabt hat, sprechen nicht nur die riesigen alten Steine an seiner Westmauer, der „Klagemauer“. Es gibt hier neben der Bibel auch die Beschreibungen des Flavius Josephus über die Entstehung des herodianischen Tempels aus dem Vorgängerbau, und es gibt außerdem ein eigenartige kleines Dokument aus Ägypten: Briefe einer jüdischen Gemeinde im Gebiet des heutigen Assuan-Staudamms, in welchen diese im Jahre 407 v. Chr. den Hohenpriester in Jerusalem anschreibt und um Mithilfe beim Wiederaufbau eines jüdischen Heiligtums in Ägypten, in der Stadt Elephantine bittet. Die kurz nach 1900 bei Grabungen aufgefunden „Elephantine-Papyri“ weisen Jerusalem also lange vor dem Herodes-Bau als zentrale jüdische Kultstätte aus, als welche die Bibel sie ja durchgängig schildert.

Allerdings - die Papyri  enthalten auch gleichlautende Hilfsgesuche an die Autoritäten in Samaria. Und nun folgert man also mit dem Wissen um den von Yizhak Magen freigelegten Großtempel bei Sichem / Nablus, dass zumindest zur Zeit um 400 v.Chr. der Glaube an Adonai, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zwei zentrale Kultstätten hatte, und nicht nur eine. 
Und man liest den langen Dialog Jesu mit der Frau aus Samaria, wie er in Johannes 4 geschildert wird, mit anderen Augen. Die Frau ist nun nicht mehr die Vertreterin eines zweitklassigen Mischvolkes, dem es nach der Rückkehr aus dem Exil um 700 v. Chr. nicht mehr gelungen ist, den Glauben an Adonai rein zu erhalten und das deshalb vom Gottesdienst in Jerusalem ausgeschlossen wurde. Sie ist Nachkomme, wenn nicht sogar Mitglied einer Gemeinschaft von Frommen, welche die Flamme des Adonai-Glaubens ebenso an Brennen gehalten hat, wie es die Glaubensbrüder in Jerusalem taten. „Unser Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr sagt, dass in Jerusalem der Ort sei, in dem man anbeten müsse“, sagt sie zu Jesus. Das ist die spannungsreiche Lage, wie sie damals vermutlich auch den Lesern der Evangelien bekannt war.
Die Bibel schildert in Esra 4 das Schlüsselerlebnis der Trennung beider Gruppen um das Jahr 500 vor Christus, Es ist offenbar nicht von vorneherein so feindselig verlaufen, wie es die Schilderung Esras vermuten lässt. Immerhin berichtet auch er, dass die Leute aus Samaria nach Jerusalem kommen, um dort ihre Hilfe beim Wiederaufbau des von den Babyloniern zerstörten Tempels anzubieten. Aber Esra schildert als erstes, dass sie als „Gegner Judas und Benjamins“ kommen, also mit schlechten Absichten. Was machte sie zu Gegnern? Esra sagt zunächst nur: die Leute von Juda und Benjamin hatten den Alleinauftrag zum Wiederaufbau des salomonischen Tempels. Den hatten sie von Gott und – das wird ausdrücklich erwähnt – auch vom Perserkönig Cyrus, und nur sie allein hatten ihn.
Man fragt, warum der Auftrag nicht erweitert werden und auch die Stämme des alten Nordreiches, für die Samaria zumindest stellvertretend steht, einschließen konnte? Man hätte das Volk der 12 Stämme bei dieser Gelegenheit doch wieder zueinander bringen und auf die Anbetung eines einzigen Gottes an einem einzigen Ort verpflichten können! Die Juden taten es nicht. Sie blieben als Juden / Judäer unter sich und misstrauten den Halbbrüdern aus Samaria.
Was ist der Grund? Bisher wurde traditionell der Charakter der Samarier als Mischvolk genannt. Die Schilderung von 2. Könige 17 legt das nahe. Nun ist aber aus der Geschichte der Juden bekannt, dass ihre Existenz innerhalb eines Völkergemischs immer wieder ohne Abstriche an ihrem Glauben möglich war. Der Glaube an Adonai ist ja als einziger Glaube aus dem Altertum bis heute lebendig geblieben, und das nicht, weil das Volk dieses Glaubens an einem festen Ort und in einer kontinuierlichen Geschichte leben konnte, sondern gerade vor dem Hintergrund, dass es zerstreut wurde unter viele andere Völker. Man darf also vermuten, dass die Minderheit der treuen Adonai-Anhänger im Vielvölkerstaat Samarien den Halbbrüdern in Jerusalem an Glaubenstreue nicht nachstand.
Man muss heute, angesichts des großen Tempels auf dem Garizim annehmen, dass sie den Glauben an Adonai auf eine andere Art und Weise ausdeuteten. Und weil die Menschen vom Garizim bis heute ihre winzige Gemeinschaft über die Stürme der Zeit gerettet hat, weiß man auch, was sie anders gedeutet haben: die heiligen Schriften, von denen sie nur die Tora, die fünf Bücher Mose als verbindlich anerkannten.
Wann sie damit begonnen haben, die anderen Schriften des Tanach auszuschließen, weiß man nicht. Die Juden in Jerusalem haben den Tanach, der dem christlichen Alten Testament entspricht, aus drei Teilen zusammengestellt, die mit „T“, „N“ und „C“ beginnen: die Tora (fünf Bücher Mose), die Nevi’im (Prophetenbücher) und die Ketuvim (die „Schriften“). Vom „TNC“, der dem Ta-na-ch den Namen gab, gibt es bei den Samaritanern nur das „T“.

Ausgeschlossen wird dadurch vor allen Dingen die Geschichtsschreibung der Juden nach der Landnahme unter Mose und Josua. Diese erscheint aus der Sichtweise der Frommen vom Garizim auch nicht fair zu sein, weil sie ein eigenes größeres Tempelheiligtum der nach Salomos Tod (ca. 925 v. Chr.) abgespaltenen Völker des Nordreiches gar nicht erwähnt. Es wird nur berichtet, dass der erste König des Nordreiches, Jerobeam, zwei Städte dazu bestimmte, dass in ihnen, wie er dem Volk sagte, „deine Götter, die dich aus dem Land Ägypten herausgeführt haben“ verehrt wurden. Genannt werden die Stadt Bethel im Süden und die Stadt Dan im Norden.

Hier wurden nach dem Bericht des ersten Königsbuches (Kapitel 12) zwei „goldene Kälber“ aufgestellt, möglicherweise eine verächtlich gemeinte Darstellung von Stierbildern. Später erfährt man von Bethel wenig Gutes – der Prophet Elisa wird dort verspottet (2. Könige 2,23), der Prophet Amos weissagt mehrfach gegen Bethel (Amos 4,4; 5,5; 7,12), ebenso tun es die Propheten Jeremia und Hosea (Jeremia 45,13, Hosea 10,15). Bethel ist offenbar ein Un-Ort – auch wenn die Propheten in der Regel mit Jerusalem ebenso hart ins Gericht gehen.
Eine eigene Geschichte der Samaritaner gibt es nach meiner Kenntnis nicht, ich forsche aber noch und will die Samaritaner bei meinem Besuch natürlich danach fragen. Möglicherweise beginnt sie in den Jahren nach dem Exil (nach 700 v.Chr.) neu. Hier endet bei den Juden mit den Büchern über den Aufbau des zweiten Jerusalemer Tempels (geschildert in den Büchern Esra und Nehemia) die im Tanach überlieferte Geschichte. Sie berichtet, wie bereits geschildert, vom Bruch mit Samaria, später noch von andauernden Feindseligkeiten.
Aus außerbiblischen Quellen ist bekannt, dass eine kurze Selbständigkeit der jüdischen Könige um 100 v.Chr. dazu genutzt wurde, das Jerusalemer Südreich zu vergrößern und sich Samaria für einige Zeit einzuverleiben. Damals wurde der Tempel auf dem Garizim zerstört, und zwar im Jahre 129 v. Chr. durch den Jerusalemer König Johannes Hyrkanos. Was danach mit den samaritanischen Adonai-Gläubigen geschah, liegt über weite Strecken im Dunkel der Geschichte. Möglicherweise waren sie zur Zeit der Zerstörung ihres Tempels zahlreich genug, um auch außerhalb von Samaria Gemeinden in der Diaspora zu unterhalten, die dazu beitrugen, das Überleben der Kinder Israel, wie sie sich weiterhin nannten und bis heute nennen, an vielen Orten der Welt zu sichern.
In der Neuzeit tauchen sie als eine auf wenig mehr als 100 Leute umfassende Glaubensgemeinschaft wieder auf, erlauben angesichts der geschrumpften Zahl ausnahmsweise Mischehen (meist mit jüdischen Frauen aus Russland) und haben mittlerweile wieder rund 750 Mitglieder.

Salwa Kahen gehört zu dieser Schar. Sie hat mir per Email freundlich zugesagt, dass ihr neues Museum auf dem Garizim für mich offen sein wird, wenn ich komme.

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