Dienstag, 31. Juli 2018

Behandelt uns anders!




Edvard Munch: Melancholie
Zwei Frauen baten jüngst unabhängig voneinander in zwei großen Zeitungen auf recht dramatische Weise darum, nicht mit den gängigen Klischees überzogen zu werden, die sich mit psychischen Erkrankungen verbinden.

Die eine, Rhiannon Picton-James, eine Frau aus Wales, bittet in der New York Times darum, kein "Merchandise" aus ihrer Krankheit zu machen, also keine modische Handelsware. Ein Verehrer hatte von ihren Depressionen erfahren und ihr davon vorgeschwärmt, ein Liebesverhältnis mit ihr zu haben wie es der Schriftsteller Scott Fitzgerald mit seiner Frau Zelda hatte. Die muss zauberhaft schön gewesen sein - und dabei schizophren.


Für die depressive Autorin war das eine furchterregende und vollkommen fehlgeleitete Vorstellung. Glücklicherweise konnte sie die Ideen des Mannes ausräumen, worauf er unter Hinterlassung einer kurzen SMS aus ihrem Leben verschwand.

Im Internet fand sie Halskettchen mit den verzierten Worten "Anxiety" oder "Depression". Sie schreibt, dass diese Verschönerung ("prettification") mentaler Erkrankungen ein vollkommen verzerrtes Bild der bitteren Realität liefert, gegen das sie sich entschieden wehrt.
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Die andere Frau, Hannah Jane Parkinson, berichtet im Guardian darüber, wie ihre eigenen Erfahrungen mit psychischen Notfällen all den modernen Vorstellungen widersprechen, die man von der ärztlichen Hilfe in solchen Situationen hat. In den letzten Jahren hat sie unzählige Male den Vergleich zwischen einer psychischen Krankheit und einem gebrochenen Bein gelesen. Er ist falsch, das weiß sie mit großer Sicherheit. 

An der Wand ihrer lokalen Apotheke hängt ein Plakat “Mentale Gesundheit kann komplex sein – Hilfe zu bekommen muss es nicht sein!”* Sie betrachtet das Plakat mit Hass und sieht darin einen Ausdruck des blanken Unverständnisses für psychische Erkrankungen. Hilfe ist nicht einfach, wenn sich die Finsternis über die Seele gelegt hat.

Parkinson ist so radikal, dass sie gängige Begriffe für psychische Erkrankungen in Zweifel zieht. Gibt es das überhaupt "bipolare Störung" oder "emotional instabile Personalitätsstörung" oder "erwachsene ADHD"?**

Beide Berichte rühren durch ihre unmittelbare Menschlichkeit. Beide Autorinnen sagen: ich bin nicht die Person, welche du dir als psychisch Kranken vorstellst. Ich bin ganz anders. Behandle mich also auch anders!


* "Mental health can be complex – getting help doesn’t have to be!"

** "I doubt bipolar disorder is even a thing. (Or emotionally unstable personality disorder, or body dysmorphic disorder, or adult ADHD, all terms I’ve heard used about me.)"

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