Donnerstag, 12. Dezember 2019

Gott ist gut


Am ersten Adventswochenende war ich in Berlin und habe auf dem Weg dorthin ein Buch von Heidegger zu Ende gelesen, das erste Heidegger-Buch in meinem Leben. In Berlin war ich dann - vollkommener Szenenwechsel - eingeladen zu einem eindrucksvollen Gospelkonzert des schwarzen Pastors Kirk Smith. An zwei aufeinanderfolgenden Abenden war die große Gustav-Adolf-Kirche im Berliner Norden bei seinen Konzerten bis auf den letzten Platz gefüllt.

 Eingeladen war ich von Schwiegersohn Manuel Zacek, der als Bassist in der Rhythmusgruppe zusammen mit dem Till-Brönner-Schlagzeuger David Haynes und dem wunderbaren schwarzen Pianisten Mikael Arcangeli ganze Arbeit gemacht hat. Ich kannte Manuel bisher noch nicht als Gospel–Bassist, er sich selbst wohl auch nicht, aber ich wusste um sein Talent, sich schnell in alle möglichen Musikrichtungen einzufinden. Ich war stolz auf ihn. 

Vorne auf der Bühne gab es zweimal eine kleine Aufregung, und zwar jedes Mal, wenn eins der frei herumlaufenden Kinder in Gefahr geriet, einen Mikrofonständer umzustoßen oder die Treppen hinunter in Richtung Publikum zu fallen. Immer gelang es dem singenden Pastor Kirk mit einer schnellen Bewegung, die kleine Katastrophe im letzten Moment zu verhindern. Und immer quittierte er das glückliche Ende mit einem lachenden "God is good!", Gott ist gut.

Mein Herz erwärmte sich, meine Zweifel wollten an diesen Stellen aber jedesmal einwenden, dass Gott nicht überall und immer gut ist. Anderswo in der Welt stürzen Kinder und werden nicht gerettet, oder es geschieht sogar noch schlimmeres. Aber dann kamen mir auf dem Nachhauseweg einige der Gedanke in den Kopf, die ich bei Heidegger gelernt hatte.

Einer davon ist die Lehre von dem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht. Heidegger sagt hier, dass nicht die Summe der Bäume den Begriff "Wald" konstituiert, sondern dass es diesen Begriff bereits vor dem Nachdenken über einen Wald gibt. Nur aus einem Ganzen heraus, das Heidegger die "vorlogische Offenbarkeit des Seienden" nennt*, wird verständlich, was ein Wald ist, und es fügen sich die unterschiedlichen Bäume tatsächlich zu einem Wald zusammen. Durch diese vorlogische Offenbarkeit wird das Seiende "im vorhinein ergänzt zu einem im Ganzen". Ein Gruppe von Bäumen, die man als Wald ansieht, muss sich auf das „vorlogische“ Verständnis von Wald beziehen, um Wald zu sein.

Ist die Güte Gottes ("God is good") am Ende so etwas wie der Wald Heideggers? Ist sie ebenfalls bereits vorher da und ist sie auch dort da, wo ihr das fehlt, was bei Heidegger die Bäume sind, die vorhandenen und die fehlenden? Gewiss, ohne Bäume gibt es keinen Wald, aber auch Heideggers Wälder nicht immer komplett. Eine Lichtung im Wald kann ebenfalls „Wald“ sein, weil sie Teil eines Waldes ist. Große Wälder wie etwa der Schwarzwald schließen Städte und Dörfer in sich ein - und sind doch als Wald "vorlogisch offenbar". 

Heidegger kämpft gegen das sich als unabhängig gebärdende Individuum des französischen Philosophen Descartes ("Ich denke, also bin ich") an. Er sieht im Gegensatz zu Descartes das Ich als ins Sein "geworfen" an und aufgefordert, sich seine immer schon vorhandene „vorlogische“ Welt zu erschließen. Eine abstrakte Subjekt-Objekt-Beziehung des Einzelnen zu seiner Welt, lehnt Heidegger ab, entsprechend auch das sich souverän gebende Urteil des Individuums.

Vor diesem Hintergrund wäre dann meine Kritik an "God is good" nur das Mäkeln des "vulgären Verstandes" an Dingen, die vorlogisch, das heißt wohl auch: vorsprachlich offenbar sind.

Nebengedanke: die riesige Überzeugungskraft, die ich immer wieder in den musikalischen Wendungen des Black Gospel gespürt habe, gehört offenbar auch zum Bereich der Vorlogik und der "Gestimmtheit" - auch das ein Begriff Heideggers - der uns auf ein Gebiet führt, wo das Denken beginnt und wo die Fragen wichtiger sind als die Antworten. 

* Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik, Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Seite 505

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