Samstag, 25. April 2009

Christian Runkel, geb. 25. April 1929





Heute vor 80 Jahren wurde mein Onkel Christian Runkel in Remscheid geboren. Ich habe ihn nicht kennengelernt, weil er bereits im Kindesalter starb, am 19. September 1931. Aber ein Foto von ihm hat sich trotzdem unauslöschlich in mir eingeprägt, wie er da aufgebahrt in einem Kranz von Blumen liegt, gerade als ob er nur schliefe.

Das Bild war gleich mehrfach vorhanden, in der Kiste der Großmutter, in der sie alte Erinnerungen* der Familie aufbewahrte. Ein schönes Kind mit gleichmäßigen Zügen, die geschlossenen Augenlider von langen Wimpern gesäumt. Daß der kleine Christian, jüngster der fünf Söhne meiner Großeltern, besonders hübsch war, davon erzählte die Oma immer wieder. In meiner Erinnerung wird sie niemals müde, sich das Bild des im liebenswertesten Alter an einer Kinderkrankheit – einer Gehirnhautentzündung, glaube ich – gestorbenen Sohnes mit einem gewissen andächtigen Stolz anzusehen.

Ist sie nicht trotzdem gelegentlich unwillig, uns wißbegierigen Enkeln die Bilderkiste zu öffnen? Weint sie manchmal beim Blick auf die Blumen und den kleinen Sarg? Ich weiß es nicht mehr. Die Oma ist eine strenge, christliche Frau, im Luthertum erzogen, später aus Liebe zu ihrem Mann zu dessen kleiner, ebenso strenger Freikirche übergetreten. Daß der Herr im Himmel gibt und nimmt und daß man seinen Namen über beidem, dem Geben und dem Nehmen, preisen soll, das hat sie früh gelernt. Schon das zweite Kind stirbt ihr frühzeitig, der kleine, nicht lebensfähige Zwillingsbruder meines Vaters. Später sind die drei überlebenden Söhne Adolf, Hermann und Johannes viele Jahre im Krieg, Hermann kehrt erst 1949 aus der Gefangenschaft zurück.

Aber die Jahre der Ungewißheit und des Mangels an den allermeisten Gütern waren in ihren Geschichten auch die Jahre der erhörten Gebete, der von Gott geschenkten Geduld und der von den Nächsten erwiesenen Hilfe.

So war auch das Schicksal des kleinen Christian bei Gott aufgehoben – und dasjenige des Christians der nächsten Generation, meines also, in gleicher Weise. Heute denke ich, daß die Sorge, auch mich eines Tages unzeitig begraben zu müssen, bei der Oma immer gegenwärtig war, wenn sie uns beide betrachtete – den kleinen Christian von 1929 auf dem Bild und den damals kaum älteren von 1949 lebendig vor sich, der eine dem anderen sogar ähnlich. Es war zwar niemals Angst in dem hellen kleinen Haus der Großmutter spürbar, aber mit dem Tretroller auf die Dorfstraße zu fahren, das war zu meinem Leidwesen viele Jahre strengstens verboten.

*meine Schwester Esther, bless her heart, hat eine ähnliche Kiste und hat mir daraus das Foto heute gescannt und gemailt.


1 Kommentar:

Chantal M. hat gesagt…

Hallo,
ich habe dieses wunderbare und berührende Bild erst heute durch Zufall gefunden.
Wie recht ihre Großmutter hatte. Christian war ein sehr hübsches Kind. Im Leben und auch auf der Totenbahre.
Das schöne mit Spitze verzierte Totenhemd hat sie ihm sicher mit Sorgfalt und all ihrer Liebe ausgesucht. Ein Engelskleid sozusagen, für einen schlafenden Engel.
Danke, daß sie diese wunderbare Erinnerung an ein Kind. welches viel zu früh gehen musste mit uns Lesern teilten.

liebe Grüße
Chantal