Samstag, 24. Juli 2010

Raschid




Die folgende kleine Szene habe ich vor Jahren irgendwo gelesen. Ich habe sie mit neuen Namen und ein paar eigenen Ideen ausgeschmückt und mit dem einzigen Ziel aufgeschrieben, eine Lebensweise aufzuzeigen wie man sie vielleicht schon bald mithilfe der modernen Informationstechniken auch bei uns kultivieren könnte.

Der schwedische Kaufmann Anders Ekeberg berichtet von einem Besuch des Emirates Umm al-Qaiwain im Jahre 1813, und zwar, daß er den dortigen Herrscher Raschid ibn Madschid al-Mu'alla an einem gewöhnlichen Wochentag vormittags um etwa elf Uhr aufgesucht und diesen im Schlafrock vorgefunden habe. Der Emir saß in einer zu einem großen Wasserbecken hin offenen Halle auf einem breiten Diwan und ließ sich von einigen Bediensteten ein Frühstück reichen, von dem er sich aber nur gelegentlich und mit achtlosen Gesten den einen oder anderen Bissen nahm. Das Gespräch mit Raschid, dem Emir, verlief laut Ekbergs Bericht in einer überaus angenehmen Atmosphäre, weil der Emir sich von Anfang an als ein vollkommen gelöster und ungezwungener Mensch erwies, dessen Ruhe sich offenkundig davon herleitete, daß ihm jede Art von Arbeit fremd war. Dem Emir war nicht einmal dann eine Anstrengung anzumerken, wenn – was während des Gespräches mit Ekeberg häufiger geschah – seine Bediensteten mit geschäftlichen Fragen an ihn herantraten. Er beschied sie mit gleichmütigen Worten, in kurzen, dabei aber immer präzisen Sätzen – das soeben im Hafen angekommene Schiff mit Edelholz solle dem Kaufmann Yussuf übergeben werde, die üblichen Margen seien anzusetzen, die Karawane mit Datteln solle man wegen der derzeit überteuerten Dattelpreise wieder fortschicken, und anderes mehr – und schloß danach sogleich lächelnd an das unterbrochene Gespräch mit Ekeberg an. Ein schön gekleideter junger Sklave fächerte dem Emir und seinem Gast mit einem großen Wedel frische Luft zu, die Kinder des Emirs spielten eine Weile in der Halle, eines davon legte sich zusammen mit einer großen edlen Katze an die Seite des Vaters und schlief dort sogleich ein.

Ein einziges Mal, berichtete Ekeberg, sei die nachlässige Aufmerksamkeit, mit welcher der Emir allen Dingen in gleicher Weise nachging, für einen Moment unterbrochen worden, das sei gewesen, als die Lieblingsfrau des Emirs, eine junge Äthiopierin namens Zannaba, erschien und ihm mitteilte, sie habe ihr wöchentliches Bad genommen und sei von der Kammerzofe gesalbt worden. Letztere Mitteilung war, so bemerkte Ekeberg in seinem Bericht, die einzige, die unter den vielen Botschaften, die an diesem Morgen das Ohr des Emirs erreichten, vollkommen überflüssig erschien, denn der Duft der Salben hing noch lange, nachdem Zannaba in einem Seitengemach verschwunden war, in der Halle und über dem Wasserbecken. Ekeberg habe hier ein einziges Mal ein fast unmerkliches Aufflammen der gleichmütigen Augen des Emirs gesehen, danach sei er wieder in seinen ruhigen Plauderton gefallen und habe ihm von seinen Reitpferden, der Falkenjagd und den angenehmen Gedanken erzählt, die er mit dem fernen Land Schweden verbinde, seitdem der dortige Hof mit schöner Regelmäßigkeit größere Lieferungen von Perlen aus Umm al-Qaiwain beziehe. Wegen der Perlen solle sich Ekeberg, sagte Raschid und winkte mit einer winzigen Geste einen der Schreiber herbei, die sich weiter hinten im Raum an kleinen Tischen mit allerlei Papieren beschäftigt hielten, an seinen Wesir Mahmud ibn al-Ansari wenden, er werde ihm ein kurzes Empfehlungsschreiben mitgeben, was dann auch von dem Schreiber noch während der Emir redete diesem zur Unterschrift vorgelegt und Ekeberg ausgehändigt wurde.

Die Verwaltung seines Emirates sei durch jahrzehntelange Gewohnheiten, die teilweise vor fünf oder sechs Generationen in Raschids Herrscherfamilie begründet wurden, so vereinfacht worden, daß er sich ohne die geringste Mühe - die Pläne des Architekten für die Erweiterung seiner Stallungen seien in Ordnung, unterbrach er sich kurz und wandte sich an einen Verwalter, man solle nur ein dunkleres Holz als das vorgeschlagene wählen - daß er sich also ohne die geringste Mühe mit seinem großen Besitz befassen könne.

Einzig die regelmäßigen fünf Gebete am Tag würden ihn in seiner grenzenlosen Freiheit, zu tun und zu lassen, was er wolle, in gewisser Weise einschränken, sagte der Emir, während aus einem anderen Zimmer ein weiterer Schreiber mit einer Münze kam, die das Porträt des Emirs trug und Ekeberg mit diesem Gastgeschenk bedeutete, die Zeit für seinen Besuch beim Emir sei jetzt abgelaufen. Ekeberg schritt rückwärts aus der großen Halle hinaus, den Emir höflich und mit einer gewissen Herzlichkeit grüßend, während Raschid den Gruß lächelnd erwiderte, sich dabei aber bereits mit der Katze beschäftigte, die neben dem schlafenden Kind erwacht war und ihre Glieder streckte.



Kommentare:

Peter Oberschelp hat gesagt…

Raschid atmet die Atmosphäre einer schönen Weite. Zwei Menschen plaudern miteinander, ohne sich im mindesten zu beengen. Andere huschen sozusagen nur am Horizont vorüber. Da ist großzügige Umgebung, ein endloser Garten, Luft, freier Atem, nichts drängt, nichts zwingt, Muße.

Am Tag der Veröffentlichung von Raschid haben sich bei Duisburg anderthalb Millionen Menschen auf einem trostlosen Areal um eine trostlose Hammermusik und um das in diesem Zusammenhang völlig unverständliche Motto: The Art of Love zusammengedrängt, mindestens fünfzehn haben es nicht überlebt, das sind allerdings ganze 0.00001%, so muß man es wohl sehen, and the beat went on.

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wenn Raschid aber einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft lenken soll, so wird er von Duisburg ein wenig aus der Bahn gebracht.

Christian Runkel hat gesagt…

Peter, vielleicht ist der Vergleich erlaubt: Anna Karenina wirft sich etwa 1870 vor die da erst vor recht kurzer Zeit erfundene Eisenbahn - aber die fährt in den Jahren darauf unangefochten weiter und verändert die Welt. Möglicherweise hat die Eisenbahn durch Annas Tod einen Kratzer bekommen (und bekommt weitere durch spektakuläre Unfälle). Aber ihre Wirkung wird davon nicht berührt.