Montag, 11. Juni 2012

Zehn Bibelworte für Muslime (IV)


Von der Dummheit des Glaubens


Die Liebe glaubt alles.



1. Korinther 13, 6



Vermutlich würde eine repräsentative Umfrage unter Christen das Ergebnis bringen, dass unter den beliebtesten Kapiteln der Bibel das 13. Kapitel* des ersten Paulus-Briefes an die Korinther eine vordere Stellung einnimmt. Es wird das "Hohelied der Liebe" genannt und wird mit seinem letzten Satz 

Nun aber bleiben
Glaube,
Hoffnung,
Liebe,
diese drei;
aber die Liebe
ist die größte unter ihnen.









besonders gern in Hochzeitspredigten zitiert. Natürlich ist den Christen bewusst, dass der Vorrang der Liebe vor allen anderen Tugenden nicht nur in der Ehe gilt, sondern alle Lebensbereiche durchziehen soll. Dies sind Lebensworte.

Der Apostel Paulus schreibt hier an die Korinther als an eine sich rapide entwickelnde Gemeinde, der er Mut macht, ihre manchmal im Streit miteinander liegenden Gaben und Talente mit viel Ehrgeiz zu entwickeln. Aber mitten in seinen Ermunterungen und Ermahnungen unterbricht er sich und sagt: ich habe aber noch einen besseren Weg. Und dann beginnt das Kapitel über die Liebe.

Ich habe eine alte Erinnerung an einen Abend am Tisch meiner Eltern, an dem mein Vater wie an jedem Abend nach dem Essen einen Abschnitt aus der Bibel vorlas. An diesem Abend war 1. Korinther 13 an der Reihe. Als mein Vater an den siebten Vers kam, las er langsamer:

"die Liebe erträgt" - - und nach einer sehr langen Pause: "alles",
"sie glaubt" - - und nach einer weiteren Pause: "alles",
"sie hofft" - - - - "alles",
"sie duldet" - - - - "alles". 

Als er zu Ende gelesen hatte, schaute er uns mit einem Blick an, der alle seine inneren Zweifel offenbarte. Und dann sagte er: "so steht es in der Bibel". 

Ich habe die Zweifel meines Vaters geerbt, aber habe ebenso wie er immer wieder trotzig gegen sie argumentiert: "so steht es in der Bibel!" Man braucht diesen Trotz, denn die Liebe, die alles glaubt, also offenbar auch die offene Lüge, die Doppelzüngigkeit, die nackte Unwahrheit, macht denjenigen, der sich in dieser Welt an sie hält, wohl überall zum Narren. Deshalb muss man den Glauben an eine größere Offenbarung dagegenhalten, um an dieser Liebe trotz ihrer offenkundigen Dummheit festhalten zu können. 

Das Schwanken zwischen Zweifel und Zuversicht hat in diesem Punkt eine lange Tradition, die um die „Narren Gottes“ kreist, der Menschen, die um der Nachfolge Gottes willen sich nicht an das gehalten haben, was in der Welt als vernünftig galt. Ohne diese Narren wäre die Gemeinschaft der Christen oft arm geworden.

Ein moderner Übersetzer hat herausgefunden, dass man das griechische "panta" (alles) auch mit "immer" übersetzen kann. Das würde den obigen Aussagen ein wenig von ihrer herausfordernden Widersprüchlichkeit nehmen – in dem Sinne, dass es das Prinzip der Liebe ist, immer und überall hoffen und glauben und dulden zu können. 

Wie auch immer - für einen modernen Moslem könnte hier der Ansatzpunkt sein, sich auf die Suche nach einem Christen zu machen, der in Übereinstimmung mit 1. Korinther 13 lebt. Vielleicht kann er sich mit ihm darüber einig werden, dass sie alle beide nach den Gesetzen dieser Liebe leben wollen, auch um den Preis, Narren in dieser Welt zu sein. Ich glaube, um sie herum würde einiges geschehen, was die Welt verändern könnte.


* Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.
Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.
Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Kommentare:

Adolf Mulack hat gesagt…

In meiner Jugend habe ich gelernt, an Stelle der "Liebe" den eigenen Namen einzusetzen - gewissermaßen als und zur "Gewissenserforschung".

Später ist mir aufgefallen, daß das hier nicht sachgerecht ist, denn das Lied redet ja nicht (nur) davon, wie wir lieben sollen - und es so doch nicht können -, sondern davon, wie wir von "der Liebe" geliebt werden...

Mir scheint, daß Paulus dieses Lied gar nicht selbst geschrieben, sondern übernommen hat (denn der geistige Horizont des Liedes ist offenbar sehr viel weiter als der des Paulus zu der Zeit); aber er hat das Thema verarbeitet und - in wenig beachteten Versen - einige Kapitel zuvor (in cp. 8) bereits anklingen lassen:

"Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf. Wenn jemand meint, etwas erkannt zu haben, so hat er noch nicht erkannt, wie man erkennen soll; wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt" (V. 1-3); Zusammenhänge, die auch in cp. 13 anklingen: "Denn wir sehen jetzt [nur wie] mittels eines Spiegels in rätsel-hafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich völlig erkennen, wie ich auch völlig erkannt worden bin" (V. 12).

Neuere erkenntnis- und sprach-philosophische Einsichten helfen uns, das noch besser zu verstehen: Es gibt zwei unterschiedliche Weisen des Erkennens, Nachdenkens, Redens: den Ich-Du- und den Ich-Es-Modus; in letzterem rede und denke ich etwas und erkenne Etwas. Hier herrscht nicht nur das Verhältnis von Subjekt und Objekt, auch Gott wird in diesem Modus zum "Etwas", zum Gegenstand unseres Nachdenkens und Redens, er wird zum "Objekt".

Im Ich-Du-Modus dagegen erkenne ich Dich, rede ich mit Dir, denke ich über Dich nach, aber dies opft so, daß ich - auch im Stillen - MIT Dir rede, nicht bloß über Dich. Gott ist nicht länger nur Gegen-Stand unseres Nachdenkens und Redens, er ist Gegen-Über, MIT dem wir reden, auch wenn wir im stillen Zwiegespräch sind. Es ist interessant, wie in den Psalmen beides miteinander wechselt: Zwie-Gespräch mit sich selbst und mit Gott, Denken über ihn - und Dank an ihn.

Ich weiß, daß beispielsweise auch Sufis diese Erfahrungen kennen und machen, daß vielen von ihnen diese Einsicht nicht fremd, sondern aus eigener Erfahrung vertraut ist.

Christian Runkel hat gesagt…

Herzlichen Dank, lieber Adolf, für diese schönen und weiterführenden Gedanken! Von 1. Korinther 13 aus gehen viele Türen in die Welt Gottes auf. Mir hat als junger Mann ein alter geistlicher Vater es fast wie ein Vermächtnis aufgetragen: in diesem Kapitel steht alles, was Du zum Leben brauchst.
Ob ich es mir als Aufgabe für mein Alter vornehme, mehr im Ich-Du-Modus mit Gott zu reden als im Ich-Es nur über ihn? Es ist mein großer Wunsch!