Donnerstag, 14. Mai 2015

Love






In einem vor wenigen Wochen herausgekommenen Buch von Colm Tóibín fand ich einen Hinweis auf den englischen Dichter George Herbert (1593-1633), dessen absolute "Natürlichkeit des Tonfalls" für seine amerikanische Dichterkollegin Elizabeth Bishop (1911-1979) der "wichtigste und dauerhafteste Einfluss" auf ihr eigenes Werk war, wie sie schreibt.
Ich habe am heutigen Feiertag einige von George Herberts Gedichten gelesen. Eins seiner berühmtesten trägt den einfachen Titel "Liebe" und beschreibt die Einladung der Liebe an ihren Tisch.
Der Eingeladene hat vielerlei Einwände, die mit seiner Sündhaftichkeit zu tun haben. Sie werden am Ende aber auf eine vollkommen überzeugende und dabei tatsächlich sehr natürliche Weise widerlegt. Die Deutsche Versübersetzung von Inge Leimberg ist unten angefügt.
Love
Love bade me welcome: yet my soul drew back,
            Guilty of dust and sin.
But quick-eyed Love, observing me grow slack
            From my first entrance in,
Drew nearer to me, sweetly questioning
            If I lacked anything.
“A guest," I answered, “worthy to be here”:
            Love said, “You shall be he.”
“I, the unkind, ungrateful? Ah, my dear,
            I cannot look on thee.”
Love took my hand, and smiling did reply,
            “Who made the eyes but I?”
“Truth, Lord; but I have marred them; let my shame
            Go where it doth deserve.”
“And know you not," says Love, “who bore the blame?”
            “My dear, then I will serve.”
“You must sit down," says Love, “and taste my meat.”
           
So I did sit and eat.
  
In einer Interpretation las ich, dass nicht ganz klar ist, wer in der drittletzten Zeile verspricht, den Dienst zu übernehmen. Die gewissensgeplagte Ich-Stimme? Oder die Liebe selbst, die den Tisch deckt und sagt: "Iss!" Aber das Ende ist klar, man setzt sich nieder und isst. Ganz einfach, ganz natürlich.

Simone Weil
Die französischen Philosophin Simone Weil (1909 - 1943) hat unter dem Eindruck von "Love" eine tiefe Gotteserfahrung* gemacht, die sie als ein Erlebnis beschreibt, das mit einer ihrer häufigen Migräneanfälle begann (welche die Weil, vom Marxismus zu einem glühenden Christentum bekehrt, für mich in den Zeiten, als ich selbst unter Kopfschmerzen litt, zu einer Art von Schutzheiligen gemacht hat).




Liebe lud ein, doch meine Seele zagte,
      Von Staub und Schuld befleckt.
Jedoch, dass ich nicht einzutreten wagte,
      Hat Liebe gleich entdeckt
Und trat herzu, die Frage sanft zu stellen,
      ob mir würd' etwas fehlen.
Ein Gast, sprach ich, der Wert ist hier zu sein.
      Sprach Liebe: Dich lud ich.
Mich: lieblos, undankbar? Du Teurer, nein,
      Ich kann nicht schau'n auf dich.
Nahm Liebe meine Hand und lächelt' sacht:
      Wer hat das Aug' gemacht?
Wahr, Herr, doch ich verdarb's; send' meine Scham,
      Wie sie's verdient, von hinnen.
Weißt nicht, spricht Liebe, wer die Last dir nahm?
      Dann, Teurer, will ich dienen.
Spricht Liebe: Komm, mein Fleisch dir schmecken lass.
      So setzt' ich mich und aß.

 
 
* The philosopher Simone Weil famously had a religious experience as she recited “Love (III): “Often, at the culminating point of a violent headache,” she wrote in her Spiritual Autobiography. “I make myself say it over, concentrating all my attention upon it and clinging with all my soul to the tenderness it enshrines… It was during one of these recitations that, as I told you, Christ himself came down and took possession

 
 

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