Montag, 14. Dezember 2015

Heinrich Heines Liebste und Ludwig Feuerbachs Gott


Im Kölner Dom hängt in einer Seitenkapelle ein Marienbild. Im Gesicht der schönen Gottesmutter hat Heinrich Heine auf einer Reise* nach Köln die Züge einer Geliebten wiedererkannt. Er hat ein Gedicht über dieses Bild gemacht:

Im Rhein, im heiligen Strome,
Da spiegelt sich in den Well'n
Mit seinem großen Dome
Das große, heilige Köln.

Im Dom, da steht ein Bildnis,
Auf goldenem Leder gemalt;
In meines Lebens Wildnis
Hat's freundlich hineingestrahlt.

Es schweben Blumen und Englein
Um unsre Liebe Frau;
Die Augen, die Lippen, die Wänglein,
Die gleichen der Liebsten genau.



Mit ist dieses Gedicht immer als eine kleine Frechheit erschienen – darf man das: die erhabene, fast göttliche Schönheit der Maria mit der irdischen Attraktivität eines rheinischen Mädchens vergleichen, dem der Student Heine gerade in Liebe verbunden ist? Aber die Frechheit wird durch die Anmut gemildert, die in der Bewegung des Himmlischen herab auf diese Erde besteht, eine Inkarnation göttlicher Schönheit gewissermaßen, im Gesicht einer Frau.

Zu Heines Zeiten werden die Leute vielleicht beim Lesen dieses Gedichtes an Ludwig Feuerbach gedacht haben und an seine kühne Theorie von der "Projektion" des Menschlichen ins Göttliche hinein. Feuerbachs Weg zu Gott im Himmel ist dabei umgekehrt wie der von Heines Maria, die zurück zur Erde kommt. Aber beide behaupten, eine Brücke gefunden zu haben.

Uns wurde in der Schule diese Projektion, die Feuerbach zu einer großen Religionskritik ausgebaut hat (und die Karl Marx zu den triumphalen Worten veranlasst hat "Sie müssen alle durch den Feuerbach!") wohl ein wenig zu verengt dargestellt. Seine Theorie erklärte lediglich ein menschliches Fehlverhalten, aus dem heraus der Mensch sich eine falsche Vorstellung von Gott gemacht hatte.

Bei Charles Taylor habe ich es etwas anders gelesen, größer und erweiterter. Feuerbach wollte demnach sagen: wenn der Mensch sich Gott mit Wesenszügen vorstellt, die eigentlich dem Menschen gehören, dann ist es erlaubt zu schließen, dass der Mensch diese göttlichen Züge letztlich aus sich selbst heraus besitzt. Er ist deshalb herausgefordert, alles das, was er sich bislang nur von Gott erträumt hat, in sich selbst zu finden und auf der Erde Wirklichkeit werden zu lassen.

Als Christ glaube ich nicht daran, dass ein solches Zurückholen der göttlichen Prädikate in den Bereich des Menschlichen hinein überhaupt möglich ist. Gott ist Gott und Mensch ist Mensch. Aber in der Heine-Version lasse ich es mir gefallen: warum soll all die Schönheit nur in himmlischen Gefilden möglich sein? Warum soll es die erhabene Himmelskönigin Maria nicht auch als Mädchen unter uns geben, trägt nicht jede weibliche Schönheit das Bild dieser Erhabenheit in sich?

Deshalb gehe ich immer, wenn ich im Kölner Dom bin, zu diesem Bild hin. Leider ist es nicht immer zu sehen, weil es auf die Rückseite einer alter Altartafel** gemalt ist, die oft weit aufgeklappt und nicht von hinten zu besichtigen ist. Aber wenn ich es sehe, zünde ich eine Kerze vor ihm an.

* Heine war damals 25 Jahre alt, wohnte in Düsseldorf und studierte in Bonn. Köln lag auf dem Weg.
** "Altar der Stadtpatrone" von Stefan Lochner, in der ersten Seitenkapelle im südlichen Chorumgang

1 Kommentar:

Peter Oberschelp hat gesagt…

Was soll ich dazu sagen, ich sitze unten und lese bei Hans Blumenberg über Heine und Feuerbach, gehe hoch zum Rechner und lese bei Christian Runkel über Heine und Feuerbach, gar nicht mal so unähnlich.

Der Engel auf der anderen Flügeltür des Altars scheint mit sogar noch hübscher zu sein.