Sonntag, 21. Januar 2018

Abrahams Teppich

In Angelika Neuwirths neuem Buch wird die Geschichte der islamischen Aneignung der Abrahamsgestalt erzählt. Diese Aneignung ist geistreich und ungewöhnlich und in der Bewertung von Frau Neuwirth "revolutionär".

Die Entwicklung des neuen Abrahamsbildes der Muslime vollzieht sich in mehreren Stufen. Der durch Mohammed eingeleitete Rückkehr zum Monotheismus beginnt in Mekka und hat als eins seiner Zentren die im Koran siebenmal wiederholte Geschichte, wonach Abraham in seiner Heimatstadt die alten tönernen Götzen als Machwerk erkennt, sie entlarvt und sie zerstört. Abraham begegnet den Gläubigen als jemand, der eigene kritische Gedanken entwickelt und dann mit Witz und Tatkraft in die Geschichte eingreift. Anders als beim Abraham der Bibel erfährt der Leser des Korans nichts von desssen Vertrauen in den Gottesruf, der Abraham aus seiner Heimat fort und in ein neues Land führt.

Nach der Vertreibung der jungen islamischen Gemeinde aus Mekka kommt diese in Medina mit anderen Glaubensrichtungen in unmittelbare Berührung, vornehmlich mit Juden. Hier erfährt sie neue Geschichten von Abraham und übernimmt Teile davon in den Koran. Bei dieser Übernahme wird aber jeweils das Besondere am Charakter Abrahams anders gedeutet als bei den Juden.

Bei diesen steht Abraham am Anfang einer Verheißungsgeschichte. Dagegen ist der Abraham in der zweiten Phase der jungen muslimischen Gemeinde eine eher über der Geschichte stehende Vorbildfigur. Ihm fehlt die jüdische Konzentration auf die verheißene Nachkommenschaft, die Abraham als geschichtliche Person nachwirken lässt. Zwar wird von dem Wunder berichtet, dass seine alte Frau noch einmal schwanger wird. Dieses Wunder hat aber nicht die Konsequenz, den Anfang einer großen nationalen Entwicklung zu setzen. Abrahams Nachfolger sind nicht die Menschen eines besonderen Volks, es sind die Menschen, die seinem Vorbild folgen. Das können alle Menschen sein.

Entsprechend ist die Tradition, sich auf Abraham zu gründen, im Koran allen Menschen offen. Dies ähnelt erstaunlich einem Gedanken, den Paulus im vierten Kapitel des Römerbriefs entwickelt. Her wird Abrahams abstrakter Glaube als etwas geschildert, das ihn zum Vater eines Glaubens macht, der allen Menschen möglich ist, nicht nur Abrahams leiblichen Nachkommen, den Juden.

Schließlich entwickelt Mohammed nach Ansicht von Frau Neuwirth in einem dritten Schritt aus einer lokalen Tradition, die in einem großen gemeinsamen Opferfest gipfelte, die Rituale der Pilgerfahrt zum Hause Abrahams in Mekka, ebenfalls in einem Opferfest endend. So bindet er – den Juden und ihrem heiligen Land entsprechend – den Glauben an einen einzigen zentralen Ort*.

Im Unterschied zur lokalen Tradition erkennt Mohammed allerdings, dass bezüglich der Opfertiere "weder der Tiere Fleisch noch ihr Blut zu Gott gelangen wird, sondern einzig die Gottesfurcht von euch" (Q 22:37). Das Ende des traditionellen Opferkultes, das sich schon in der Bibel abzeichnet, wenn die alten Propheten sagen "Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer" (Hosea 6,6) dieses Ende wird hier in einer geistigen Umgebung vollzogen, die laut Neuwirth den gesamten Raum der Spätantike umfasste. Auch die Griechen und Römer seien von der Verinnerlichung der Opfertradition damals durchdrungen gewesen.

Im Ergebnis steht Abraham als eine facettenreiche Gestalt da, die ein neues Ritual der Pilgerfahrt und am Ende eine neue Form der Lebensgestaltung stiftet. Das ist ein neuer Abraham, der sich deutlich von der jüdischen und christlichen Gestalt unterscheidet. Er bildet mit den beiden anderen zusammen ein "abrahamitisches Dreieck" wie Guy Stroumsa es gesagt hat.

Ich würde sagen: es ist Abrahams Teppich, auf dem wir alle als Mitglieder der drei Religionen des Buches stehen.

Mein eigenes Bild von Abraham bleibt durch das Alte und Neue Testament geprägt. Es ist nicht das Bild des Korans. Aber mein Respekt vor dem Bild des Korans ist durch das Buch von Frau Neuwirth enorm gewachsen.



* an diesem Ort fließt allerdings kein Milch und kein Honig wie im verheißenen Land der Juden, es ist das steinerne Tal von Mekka, „in dem kein Getreide wächst, damit sie das Gebet verrichten“. (Q 14:37)

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