Sonntag, 21. November 2010

Gegen die Angst




Nach dem Brandanschlag vom 19. November auf die große Şehitlik-Moschee in Berlin bin ich über Facebook in ein Gespräch mit einem jungen deutschen Türken gekommen, einem strenggläubigen Moslem, der nach diesem Anschlag in der Angst lebt, daß wir jetzt vor einer Serie von ähnlichen Vorfällen stehen. Ich habe mich in unserem Facebook-Dialog dafür ausgesprochen, daß man eine solche Angst haben kann, sie aber nicht nach außen tragen sollte.

Hier im Blog kann ich etwas ausführlicher dazu schreiben und meinem Gesprächspartner zunächst einmal das Kompliment machen, daß gerade er, mit seiner akademischen Ausbildung und seinen sehr gewinnenden äußeren Umgangsformen, ein Mensch der Zukunft und ein besonderer Hoffnungsträger ist. An ihm kann man den vom Bundespräsidenten Wulff geäußerten Optimismus festmachen, daß der Islam auf ganz natürlichem Wege einen dauerhaften Beitrag zur deutschen Kultur liefern wird.

Ich mache ihm also Mut, ohne Angst öffentlich aufzutreten. Wer seine Angst öffentlich zeigt, verliert nach meinem Eindruck die Fähigkeit, in unserem Land dem notwendigen Optimismus den Weg zu bereiten. Es ist damit allerdings nichts gesagt über die reale Angst, die der junge Mann empfindet und die ich verstehe. Ich möchte mit ihm hier an dieser Stelle nur darüber reden, ob er sie nach außen zeigen soll oder nicht.

Ich habe in einer ersten spontanen Reaktion gesagt, er solle es wie ein Mensch machen, der Angst vor Hunden hat. Denen darf man diese Angst ja bekanntlich nicht zeigen, sonst werden sie aggressiv.

Später ist mir aufgefallen, wie ähnlich seine Angst vor dem Rassismus, wie er es ausdrückt, der anderen Angst ist, die spiegelbildlich in weiten Bevölkerungskreisen vor dem Islamismus herrscht. Wenn man beide Ängste parallel sieht, wird sofort deutlich, warum bestimmte Menschen diese beiden Ängste niemals zeigen sollten. Es sind die Menschen, welche die besondere Verpflichtung zu einer verantwortlichen und an der Zukunft unserer Gesellschaft orientierten Haltung übernehmen wollen. Aus dieser Haltung heraus sollten sie die Angst zu ihrer Privatsache machen und sollten statt dessen in der Öffentlichkeit mit ihrer gesamten Lebenshaltung ihr Vertrauen demonstrieren

Die Angst vor dem Rassismus vergrößert ja in dem Moment, wo man sie äußert, sprunghaft die Zahl der Verdächtigen. Wenn Wachsamkeit zum Gebot der Stunde wird, dann müssen alle Äußerungen der Menschen in meinem Umkreis besonders sorgfältig daraufhin untersucht werden, ob aus ihnen Rassismus spricht.

Die Menschen, hinter die hier ein Fragezeichen zu setzen ist, werden dann im nächsten Schritt in Sachen Rassismus von sich aus beweispflichtig. Was können sie anführen, um sich vom Vorwurf des Rassismus zu befreien? Diese Frage zu beantworten, ist aber für die Verdächtigen nicht immer erfüllbar. Es ist ja auch für Gutwillige nur ein kleiner Schritt, von der lieben Vertrautheit, mit der eigenen ethnischen Prägung geboren worden zu sein und es sich in einem Kreis von ähnlichen geprägten Menschen bequem gemacht zu haben, hin zur Erkenntnis zu gelangen, daß diese Prägung ein Vorteil sein könnte. Und dann ist es nicht mehr weit, den subjektiven Vorteil zu einer objektiven Überlegenheit zu machen. So steckt eine mögliche Wurzel für Rassismus in jedem von uns.

Nun bringen die Frage der Beweispflicht und die praktischen Schwierigkeiten, die notwendigen Beweise überhaupt erst zu erbringen, den, der Angst vor Rassismus hat, zwangsweise in die Situation, daß er sein Mißtrauen verstärken muß. Wem kann er überhaupt trauen? Gleichzeitig läßt die Beschäftigung mit dem aufgeworfenen Fragen im Fragenden selbst ein moralisches Überlegenheitsgefühl wachsen, das ihn schnell zu einer weithin gefürchteten moralischen Kontrollinstanz macht.

Wenn er dann nach einigen Jahren feststellen muß, daß es aufgrund rassistischer Vorfälle zwar eine Reihe von äußerst häßlichen Übergriffen gegeben hat, daß in der Folge aber der Schaden wesentlich geringer war als etwa der Schaden infolge Trunkenheit am Steuer oder infolge des allgemeinen Anstiegs der Kriminalität, wird er in der Regel keinen Weg mehr finden, um aus seiner mittlerweile festgefügten Rolle als Moralist wieder herauszukommen.

Die Folgen einer Angst vor dem Islamismus sind denen der Angst vor dem Rassismus sehr ähnlich. Auch die Angst vor dem Islamismus vergrößert sprunghaft die Zahl der Verdächtigen. Letztlich sind alle Muslime, auch die mir persönlich bekannten und offenkundig freundlichen und friedlichen, in ihrer Gesamtheit verdächtig. Sie müssen sich fragen lassen, ob sie sich nicht letztlich allesamt an feindselige Vorgaben halten müssen, die sie aus dem Koran beziehen.

Auch hier kann sich niemand wirksam gegen diesen Verdacht wehren. Es wird immer einen Islamexperten geben, der aus dem Koran oder den kulturellen Gegebenheiten der Muslime den Nachweis führen kann, daß in jedem Gläubigen ein Terrorist steckt.

In der Folge wird auch der Mensch, der vor dem Islamismus Angst hat, sein Mißtrauen verstärken müssen. Und auch er wird in seinem Herzen die eher angenehmen Folgen daraus spüren, die ihm in seiner näheren Umgebung den Ruf verschaffen, ein herausragender Moralist zu sein. So wird er sich dauerhaft in die Rolle als Mahner und Warner einrichten.

Beide Lebensformen der Angst sind mit meinem Ideal eines verantwortlichen und mutigen Lebens nicht vereinbar. Zu einem solche Leben sind alle diejenigen unter uns aufgerufen, die eine Vision haben, wie eine Gesellschaft der Zukunft aussehen könnte, in der soziale, religiöse und ethnische Unterschiede den Frieden und Wohlstand dieser Gesellschaft nicht stören sondern befördern.





Kommentare:

Peter Oberschelp hat gesagt…

Die Aufforderung, Angst nicht zu zeigen, leuchtet mir als Freund Clint Eastwoods umstandslos ein. Auch in jedem anständigen Western wird im Hintergrund unverdrossen an Frieden und Wohlstand der Gesellschaft gebaut,vorn aber treten bekanntlich oft heftige Tumulte auf.

David hat gesagt…

Ich möchte deinen langen Worten nur ein kurzes folgen lassen:

Bravo!