Mittwoch, 2. Oktober 2013

Kohelet - nicht das Ende der Geschichte

Während des Nachmittagskaffees bei unserem ersten gemeinsamen Zusammentreffen hat mir Kim Strübind sehr schön erklärt, warum er den Prediger Salomonis, das Buch "Kohelet", wie man besser sagt, so sehr liebt. In diesem Buch wird aufgezeigt, dass es den Tuns-Ergehens-Zusammenhang zwischen einem gottgefälligen Leben und einem entsprechenden Segen von oben nicht gibt. Hier widerspricht das Buch Kohelet (ebenso wie das Buch Hiob und Teile der Psalmen) der optimistischen Annahme der früheren Bibelbücher, die lehren, dass es den Gerechten gut geht und dass der Ungerechte schon bald die Strafe für sein böses Tun erhält.


Im Optimismus über diese Segensgewissheit hat man früher gesungen "Aber die Gerechten grünen, und ihr Gang ist immer Licht". Ich bin mir mit Kim einig, dass man dieses Lied nicht mehr ohne weiteres singen kann. Die pessimistische Version des Predigers gegen solchen frommen Frohsinn lautet dagegen (Kapitel 8 Vers 14)

Da sind Gerechte, denen es nach dem Tun der Ungerechten ergeht, und da sind Ungerechte, denen es nach dem Tun der Gerechten ergeht.

Nun möchte ich aber nicht bei diesem Pessimismus stehen bleiben und ihn sozusagen als Ende der Theologie und als Ende der Geschichte ansehen. Nach meinem Eindruck ist gerade das aber die gedankliche Tendenz meines verehrten Kim. Hier soll also mein Streit mit ihm ansetzen.

Zu meiner Hilfe anrufen will ich einen Amerikaner, den Kim und ich beide in gleicher Weise verehren: Jack Miles mit seinem Buch Gott, eine Biografie. Jack Miles ist zunächst wie Kim der Meinung, dass der Kohelet mit seiner pessimistischen Grundannahme eigentlich ein Fremdkörper in der Bibel ist. Er ist dort nur akzeptiert worden, weil der König Salomo sein Autor ist - eine später untergeschoben Autorenschaft, wie Jack Miles und Kim sich einig sind.

Aber dann sagt Jack Miles etwas zur Einordnung des Kohelet: er entspräche dem, was Eltern ihre Kinder seit Jahrtausenden gelehrt haben, jüdische und christliche Eltern, die mit ihren Kindern zur Synagoge oder zur Kirche gingen. Gemeint ist eine pragmatische Skepsis, die von Generation zu Generation parallel zum eigentlichen Glauben weitergegeben wird und so in etwa sagt: „glaube nicht alles, was dir der Pastor verspricht, und vergiss nicht: das Beste am Sonntag kommt erst nach dem Gottesdienst, das Mittagessen!“

Diese Skepsis ist verständlich, sie kann aber nicht das Ende sein. Nach den Sprüchen des Kohelet, nach Hiob und auch nach den skeptischen Psalmen wächst eine Generation von Menschen heran, so behaupte ich, die trotz ihres fehlenden Glücks, trotz eines vielfach ungnädigen Schicksals am Glauben festhält und nach und nach begreift, dass der Platz der Gegenwart Gottes in der Welt gerade im Leben der Unglücklichen ist. Diese Menschen verstehen sich als die anawim, als die Armen, und sie schmücken das Bewusstsein ihrer Gottesbegegnung, die sich mitten in der Armut ereignet, in der Form aus, dass sie sich Namen geben wie die Armen der Barmherzigkeit, die Armen Gottes, die Armen des Geistes. Sie warten auf einen König, der ebenso arm und gottesfürchtig ist wie sie - und wenn dann endlich Jesus kommt, wissen sie instinktiv, dass er dieser König ist. Er bestätigt Ihre Erwartungen, indem er (nach dem Bericht des Matthäus) sich als erstes hinsetzt, seinen Mund auftut und die großen Worte sagt Selig sind die Armen des Geistes.

Dieser Armut ist weiter nachzudenken, das ist ein anderes Kapitel, auf jeden Fall halte ich meine These fest: Kohelet ist nicht das Ende der Geschichte.

 

 

 

 


 

 

 

Kommentare:

Kim Strübind hat gesagt…

Gewiss ist Kohelet nicht das Ende der Religionsgeschichte, aber ein wichtiger Schritt dorthin.

Freilich ist "dein" Kohelet (s.o.) auch nur ein "halber" (oder weniger). Es geht ihm ja nicht um Skepsis als Selbstzweck, sondern um die Freude am Leben - die Freude am Hier und Jetzt des Daseins. Die Skpesis dient ihm - wie bei Sokrates gegenüber den Sophisten - als notwendige Dekonstruktion religiöser oder philosophischer Selbstgewissheit der eben nur vermeintlich Wissenden oder Gewissen.

Seine Botschaft: Die Religion steht dem Glück meistens im Weg. Und das scheint mir eine Kernwahrheit zu sein. Das entdeckt man allerdings nicht so schnell, weil Religion auch zufrieden machen kann und man hohe Dosen braucht, um das Schale und Belanglose an ihr wahrzunehmen. Wie bei allen Drogen ist diese Zufriedenheit nur eine auf Zeit, bis man "erwacht".

Auch die Huldigung der Armen lehnt Kohelet übrigens ab. Er hält nichts davon, die Armut als Selbstwert anzusehen. Er sieht auf das Vorhadene und interpretiert es als das von Gott Gegebene. Also seinetwegen darf der Mensch reich sein, solange er daraus ableitbare Trugschlüsse vermeidet.

In summa: Religion ist nur durch Aufklärung erträglich. Und Kohelet ist ihr biblischer Protagonist. Marx Dictum, sie sei "Opium", war gar nicht so falsch. Indem sie nicht gedeckte Hoffnungen wie psychedelische Trugbilder evoziert, lässt sie uns am wirklichen Leben (an "der Welt") so oft vorbeigehen. Sie tut dies, indem sie das Leben außerhalb der Religion als "böse" oder "sündig" apostrophiert und dessen Überwindung verspricht. Vor allem die Apokalyptiker haben hier großes Schindluder mit uns getrieben!

Kohelet ist das notwendige Gegenmittel gegen diese Art der Weltvergiftung.

Meine Beobachtung, die ich derjenigen Kohelets an die Seite stelle: "Why should the devil have all the good music?"

Christian Runkel hat gesagt…

Man tut Kohelet zu viel Ehre an, wenn man es als Gegenmittel zur Religion aufbaut, zu einem Werkzeug der Dekonstruktion. Ich sehe es kleiner und ich benutze mal ein Bild aus meiner Gegend: wenn Religion der Kölner Dom ist, dann ist Kohelet der kölsche Mann auf der Straße mit seiner lebenspraktischen Skepsis und seinem Lieblingswort „Man weiß et nisch“. Der Dom – ja! Es geht ja gar nicht ohne. Aber Hinterher das Kölsch beim Brauhaus Früh – ohne das ginge es zwar, aber es ginge nicht so gut.

Man sollte, was die Religion betrifft, ihr den Platz lassen, oder wie es im Karneval gesungen wird, „dr Dom in Kölle losse“. Übertragen: wir brauchen Religion als Gottesbezug, weil wir ohne Gott falsch leben und ihm die Antwort, auf die er wartet, schuldig bleiben. Wir dürfen Religion nicht dekonstruieren, das würde unsere Existenz mit in Verfall bringen. Aber wir dürfen ihr großes Gebäude und die darin nicht immer erklärlichen Widersprüche auch gelegentlich einmal verlassen und – gut essen gehen.

Ich denke, dass niemand die skeptische Kohelet-Lebensklugheit höher stellen würde als die erhabene Thora-Religion. Aber es schadet nichts, wenn man lebensklug und verständig mit der Religion umgeht und das heißt: ab und zu auch einmal ein paar eigene Weg geht.

Adolf Mulack hat gesagt…

Christian, die Erwähnung der Rheinischen Frohnatur erinnert mich an einen Kommentar, mit dem ich neulich schon einen Post von Kim bedacht hatte; er passt vielleicht hierher:

"Tünnes erzählt, er habe geträumt, er sei in den Himmel gekommen. Gewandt stellt er sich mit einer leichten Verbeugung dem Lieben Gott vor: »Jestatten Se: Tünnes«. Der erwidert voll Höflichkeit: »Leeve Jott«. Tünnes berichtet weiter: »Dä leeven Jott ließ sich sojlich in en Jespräch mit me en« (ihm fehlt es also nicht an Selbstbewußtsein; auch kennt er den Lieben Gott von früher Kindheit an). »Da sagte ich zum leeven Jott...« (wohlgemerkt, wenn der Tünnes den Lieben Gott anspricht, nennt er das: Der Liebe Gott ließ sich in ein Gespräch mit mir ein) - »da sagte ich zum leeven Jott: Wieviel sinn für Dich eijentlich dausend Johr?« - »E Minütche!« - »Wieviel sind für Dich denn e'ne Millijon Mark?« - »Och ne Jrosche!« - »Lieh mer ens ne Jrosche!« - »Waht ens e Minütche!«" (Den Witz hatte schon anderswo gehört.)

(Quelle: http://www.kath.de/.../per%20annum/PDF_2010/tierisch.pdf)

Dann erklärt der Autor:
"Tünnes pumpt den Lieben Gott an, weil er auch noch im Himmel Schabau trinken möchte, und gibt sich der angenehmen Hoffnung hin, daß im Himmel alles mit »unendlich« potenziert sei. Der Liebe Gott tadelt ihn nicht, weil er noch so viele Erdenreste in den Himmel mitschleppt, doch Tünnes hat ein ungebrochenes Gottvertrauen: »Ich well leever mem Herrjott, als met singe Hellije zo dun han.« [wer es liest, der merke auf!]
Warum dies alles so ist und ob er im Glauben nicht doch einem Trugmanöver ausgeliefert sei, darüber denkt der Rheinländer nicht nach. Zum Nachdenken gebracht, würde er die Empfindung haben: Es braucht nicht alles wahr zu sein, was man denken kann. Solche Gelassenheit hat man wohl gelegentlich dem Kölner als Geistfeindlichkeit ausgelegt, gibt ihm aber in seinem Glaubensleben eine ungetrübte Unmittelbarkeit und Selbstverständlichkeit." (s.o.)

Und dabei, lieber Christian, bist Du mir wieder eingefallen ...

Kim Strübind hat gesagt…

Christian, du lobst den Ratzinger als angeblich großen Theologen und Kohelet ist für dich nur der kleine Kölner Stänkerer gegen die Religion? Da irrst du dich gewaltig. Kohelet ist ein wohltuendes Erdbeben gegen den ganze Mumpitz, der sich in in enges Offarungskleidchen zwängt. Ratzinger war die religiöse Erstarrung, die über die Liebe philosophierte, ohne sie selbst je entdeckt oder erfahren zu haben. Auch das unterscheidet Kohelet von Ratzinger. Er weiß, wovon er spricht, wenn er die Liebe eines Paares über alles preist.

Christian Runkel hat gesagt…

Wenn die Freude, gut zu essen und zu trinken, und die Ermahnung, nicht allzu gerecht und allzu weise zu sein, ein "Erdbeben" auslöst, dann magst du Recht haben, lieber Kim. Mir ist allerdings die Deutung sympathischer, dass der Kohelet einen viel kleineren Anspruch hat und sozusagen zur Seite hin gesprochen worden ist. Er hat mit Deiner ganzen opulenten Religionskritik, mit der ich nach wie vor nicht viel anfangen kann, nichts zu tun.