Habe Dank für die
Vermittlung der Bekanntschaft mit dem Chinesen
Lin Yutang. Ich habe es nicht unsympathisch gefunden, wie er in seinem
Leben nach und nach seine Menschlichkeit steigert, auch wenn es um den Preis
geschieht, dass er seine Religiosität aufgibt.
Lin Yutang |
Ganz am Ende seiner
Ausführungen kommt er zu einem Punkt, der uns beide betrifft, jeden auf seine Weise. Lin entwickelt - ohne dabei auf Transzendenz zurückgreifen zu müssen -
eine Anschauung davon, dass es etwas in der Welt gibt, für das es sich, vorsichtig gesagt, an jedem neuen Morgen lohnt, aus dem Bett aufzustehen und dem Tag zu
begegnen. Er nennt dieses Etwas die Zuversicht, dass die Dinge unter dem Himmel
letztlich „immer rundum laufen“, ja sogar, „dass es kein dauerhaftes Unrecht
auf der Welt gibt“. Ich verstehe unseren Chinesen so, dass sein
Lebensoptimismus sich auf ein Grundgefühl, ein „Etwas“ bezieht, das man offenbar
haben kann, ohne gleich Himmel, Gott und Religion einbeziehen zu müssen.
Ohne dieses „Etwas“ wäre es schwer zu leben. Geht man ihm weiter nach, so gelangt nach meinem Verständnis dieser Lebensoptimismus angesichts des Bösen in der Welt fast zwangsläufig irgendwann einmal in eine Krise. Es muss nicht einmal das Böse sein, was diesen Optimismus stört, es genügt schon ein Erlebnis wie in der kleinen Geschichte von der Beerdigung, die Lin Yutang erzählt – wie die Zusammenkunft am Grab von einem starken Regen bedroht, und wie sie dann wiederum von den Christen in Lins Umgebung weggebetet wird.
Ohne dieses „Etwas“ wäre es schwer zu leben. Geht man ihm weiter nach, so gelangt nach meinem Verständnis dieser Lebensoptimismus angesichts des Bösen in der Welt fast zwangsläufig irgendwann einmal in eine Krise. Es muss nicht einmal das Böse sein, was diesen Optimismus stört, es genügt schon ein Erlebnis wie in der kleinen Geschichte von der Beerdigung, die Lin Yutang erzählt – wie die Zusammenkunft am Grab von einem starken Regen bedroht, und wie sie dann wiederum von den Christen in Lins Umgebung weggebetet wird.
Das sich hier auftuende
Problem (wem nutzt das offenkundig selbstsüchtige Gebet?) ist auch ohne die Vorstellung eines regierenden Gottes für
alle Menschen prekär: der goldene Sonnenschein, der in den meisten von uns
morgens den Lebensoptimismus weckt, kann wenige Straßen weiter für Verärgerung
sorgen, weil jemand für seinen Garten ganz dringend mit Regen gerechnet hat.
Hier entsteht sozusagen eine „kleine Theodizee“, der niemand restlos entgehen
kann.
Den Christen
hilft hier eine Erkenntnis, die sie in den vielen tausend Jahren ihrer
Religionsgeschichte ganz allmählich gewonnen haben, und zu welcher ich
kein Pendant im Atheismus kenne. Es ist die Anschauung eines Gottes, der, so sagt es
Charles Taylor* sehr griffig, zwar als benevolent gedacht wird, für den aber die
Vorstellung eines erfüllten Lebens durchaus mit dem unzeitigen und grausamen
Tod eines gerade einmal 30jährigen an einem einsamen Kreuz in Palästina vereinbar ist.
Ich glaube, man kann das
Christentum nur dann wirklich verstehen, wenn man es von den Vorstellungen
reinigt, Gott sei für das gute Wetter auf unserer Beerdigung zuständig und am
Ende für allerlei Vertröstungen in einem zuckersüßen Himmel. Ich habe an einen
solchen Himmel nie geglaubt. Es hat mich dann trotzdem überrascht, als
erwachsener Mann zu erfahren, dass es im gesamten Alten Testament kaum eine
Stelle gibt, bei der vom Himmel die Rede ist. Auch das Neue Testament ist nicht
unbedingt auf einen Himmel angewiesen, um seine zentralen Anliegen verständlich
zu machen.
Ob Lin Yutang in seiner Kritik des Himmels nicht einen Glauben dekonstruiert, den er
sich zunächst einmal selbst zurecht gelegt hat, der aber am Kern des Glaubens der
Christen vorbei geht? Ob man nicht besser den Weg des freundlichen Chinesen hinein in eine vollkommene Menschlichkeit, einmal aus dem Blickwinkel sieht, dass niemand diesen Weg konsequenter gegangen ist als Jesus von
Nazareth? Er kam aus dem Bereich, wo unser Lebensoptimismus angesiedelt
ist, wo dieses „Etwas“ wohnt, weshalb wir es wagen zu leben. Aber er blieb nicht dort. Er gewann auch dem Leben einen Sinn und eine Würde ab, das so wie sein
eigenes zerbrach und in Folter und Justizmord unterging.
Man kann darin so etwas wie "Dialektik" sehen. Das müsste Dir eigentlich gefallen.
Soviel für heute, lieber Gruß!
Dein Vetter C.
* gelegentlich soll an ihn erinnert werden, sein Buch hat mich ja dazu angestoßen, Dir zu schreiben.
Soviel für heute, lieber Gruß!
Dein Vetter C.
1 Kommentar:
Lieber Vetter dessen Name Programm ist...
Es freut mich, dass das lange Zitat aus dem Buch Lin Yutangs Dich angesprochen hat, obwohl es machen “starken Tobak” für Dich enthalten mag. Seitdem ich das Buch „Weisheit des Lächelnden Lebens“ als Jugendlicher in der Bibliothek meiner Eltern fand, ist es mit mir umgezogen.
Es sind die Abschnitte über das Erwachsen sein, die mich damals und heute ansprechen: „...Es kommt aber der Augenblick, wo der Heide auf die vielleicht wärmere und heitere christliche Welt mit dem Gefühl blickt, dass sie doch auch kindlicher, ich möchte beinahe sagen: weniger erwachsen ist. Sie mag farbiger und schöner anzusehen sein, sie ist aber eben deshalb nicht so von Grund auf wahr und darum gewissermaßen von geringerem Wert. Die Wahrheit muss dem Menschen einen gewissen Preis wert sein, und man darf sich nicht scheuen, ihre Konsequenzen auf sich zu nehmen ... “.
Du verweist auf Gedanken in den letzten Abschnitten des Zitates, in dem Lin Yutang sich als religiöser Mensch „outed“: „..der chinesische Heide [ist] ehrlich genug..., den Schöpfer der Dinge in einem Dunstkreis des Geheimnisvollen zu lassen, worin sich sein Gefühl der Ehrfurcht und scheuen Pietät ausdrückt. Mit diesem Gefühl begnügt er sich. Die Schönheit des Weltalls, das ungeheure Kunstwerk der zahllosen Schöpfungsdinge, das Rätsel der Sternenwelt, die Großartigkeit des Himmelsgewölbes, die Würde des Menschenherzens - das alles ist dem chinesischen Heiden durchaus gegenwärtig. Aber wiederum: er begnügt sich damit. Er nimmt den Tod hin und ebenso den Schmerz und das Leiden, und er wägt sie ab gegen das Geschenk des Lebens, den frischen Landwind und den klaren Gebirgsmond – und er findet nichts zu klagen. Sich vor dem Willen des Himmels zu beugen, erscheint ihm als die wahrhaft religiöse, ehrfürchtige Haltung... Mehr verlangt er nicht. ...“.
Lin Yutang reflektiert transzendental, damit religiös, und bezieht sich auf das was du vorsichtig als „Etwas“ benennst, dass uns Menschen hilft zu überleben. Du Theist kannst es jedoch nicht lassen dieses „Etwas“ einige Zeilen weiter zu vergegenständlichen, indem Du es „wohnen“ lässt. Du bist eben Theist!
Den Exkurs in die Boshaftigkeit der Welt schenke ich Dir heute. Mit dem „cui bono“ (Wem nützt dies ?“) dieser Finesse religiöser (christlicher) Vorstellungen (zur Gottesrechtfertigung und Verfestigung von Herrschaft) können wir uns anderweitig mal beschäftigen.
Zurück zu Lin Yutang; ein nicht-theistischer Lin Yutang hätte sich in etwa wie folgt „geouted“ „...der chinesische Heide... begnügt er sich...[mit dem] Rätsel der Sternenwelt,...[der] Großartigkeit des Himmelsgewölbes, [der] Würde des Menschenherzens - das alles ist dem chinesischen Heiden durchaus gegenwärtig. Aber wiederum: er begnügt sich damit. Er nimmt den Tod hin und ebenso den Schmerz und das Leiden, und er wägt sie ab gegen das Geschenk des Lebens, den frischen Landwind und den klaren Gebirgsmond – und er findet nichts zu klagen... Mehr verlangt er nicht. ...“.
Dir einen guten Tag, uns eine bessere Welt – packen wir's a
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