Dienstag, 18. November 2014

Briefwechsel mit einem atheistischen Freund (XIII)


Faradayscher Käfig
Lieber Martin,

mich beschleicht das Gefühl, dass ich mit meinem Latein am Ende bin und Dich um eine Pause bitten muss. Am Ende unseres Gespräches sind wir nicht, aber an einem Punkt, von dem es erst einmal irgendwie nicht weiter geht.
 
Du beantwortest die Frage nach dem Mut zum Sein mit einem Hinweis auf die Größe und Arbeitsweise unseres Gehirns und drängst damit den eigentlichen Sinn der Frage an den Rand. Manche Fragen sind ja auch dann gut und richtig, wenn sie nicht im Zusammenhang mit unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung stehen. Mir fällt hier eine etwas humoristische Variante ein, die Frage Woody Allens, „wo bekomme ich ein vernünftiges Steak?“ Sie lässt sich natürlich sehr gut mit unserer Geschichte als Fleischfresser verbinden und von ihren Motiven her erleuchten, aber wir verärgern mit solchen Erklärungen doch eher den Fragenden als dass wir ihm helfen.

 
Ich kann die Frage nach dem Mut zum Sein ebenso wie die Frage nach dem Steak vollkommen getrennt von der Vorgeschichte solcher Fragen stellen. Auf dem Weg zum Arbeitsplatz sitzen viele Leute in den Autos oder Bahnabteilen neben uns, denen sich die Frage jetzt in diesem Moment ganz aktuell und vielfach bedrückend stellt. Ob ihnen die frohe Kunde hilft, dass es schön ist, ein Mensch zu sein? Oder ist nicht gerade dieser humanistische Optimismus (dessen Reiz ich natürlich auch verspüre) das moderne Opium des Volkes?
 
Wie auch immer - mein Ziel war es, zusammen mit Dir eine Reise aus dem abgesicherten Gebiet des immanent frame heraus in ein möglicherweise für uns beide unbekanntes Land zu unternehmen. Aber Du gestattest Dir und mir solche Reisen nicht, Dein immanent frame ist eher ein Faradayscher Käfig, in dem man vollkommen geschützt gegen (Geistes-) Blitze aus einer anderen Welt sitzt. 
 
Ich kann damit gut leben! Aber ich schlage wie gesagt eine Pause vor, auch damit wir unsere Leser nicht durch Wiederholungen langweilen.
 
Ansonsten: fest im Herzen mit Dir verbunden grüßt
Dein Vetter C.

1 Kommentar:

Martin Bohle hat gesagt…

Lieber Christian - vielen Dank für dieses Erlebnis einer öffentlichen Diskussion. Ich bin neugierig, was Dritte gedacht haben. Wie weit unsere Vorstellungen auseinander liegen, mögen diese Dritte bewerten.

Auf bald - Martin