Mittwoch, 5. November 2014

Briefwechsel mit einem atheistischen Freund (VI)




Lieber Vetter dessen Name Programm ist...

Es freut mich, dass das lange Zitat aus dem Buch Lin Yutangs Dich angesprochen hat, obwohl es machen “starken Tobak” für Dich enthalten mag. Seitdem ich das Buch Weisheit des Lächelnden Lebens als Jugendlicher in der Bibliothek meiner Eltern fand, ist es mit mir umgezogen.

Es sind die Abschnitte über das Erwachsen sein, die mich damals und heute ansprechen: „...Es kommt aber der Augenblick, wo der Heide auf die vielleicht wärmere und heitere christliche Welt mit dem Gefühl blickt, dass sie doch auch kindlicher, ich möchte beinahe sagen: weniger erwachsen ist. Sie mag farbiger und schöner anzusehen sein, sie ist aber eben deshalb nicht so von Grund auf wahr und darum gewissermaßen von geringerem Wert. Die Wahrheit muss dem Menschen einen gewissen Preis wert sein, und man darf sich nicht scheuen, ihre Konsequenzen auf sich zu nehmen ... “.



Du verweist auf Gedanken in den letzten Abschnitten des Zitates, in dem Lin Yutang sich als religiöser Mensch „outed“: „..der chinesische Heide [ist] ehrlich genug..., den Schöpfer der Dinge in einem Dunstkreis des Geheimnisvollen zu lassen, worin sich sein Gefühl der Ehrfurcht und scheuen Pietät ausdrückt. Mit diesem Gefühl begnügt er sich. Die Schönheit des Weltalls, das ungeheure Kunstwerk der zahllosen Schöpfungsdinge, das Rätsel der Sternenwelt, die Großartigkeit des Himmelsgewölbes, die Würde des Menschenherzens - das alles ist dem chinesischen Heiden durchaus gegenwärtig. Aber wiederum: er begnügt sich damit. Er nimmt den Tod hin und ebenso den Schmerz und das Leiden, und er wägt sie ab gegen das Geschenk des Lebens, den frischen Landwind und den klaren Gebirgsmond – und er findet nichts zu klagen. Sich vor dem Willen des Himmels zu beugen, erscheint ihm als die wahrhaft religiöse, ehrfürchtige Haltung... Mehr verlangt er nicht. ...“.
Lin Yutang reflektiert transzendental, damit religiös, und bezieht sich auf das was du vorsichtig als „Etwas“ benennst, dass uns Menschen hilft zu überleben. Du Theist kannst es jedoch nicht lassen dieses „Etwas“ einige Zeilen weiter zu vergegenständlichen, indem Du es „wohnen“ lässt. Du bist eben Theist!

Den Exkurs in die Boshaftigkeit der Welt schenke ich Dir heute. Mit dem „cui bono“ (Wem nützt dies ?“) dieser Finesse religiöser (christlicher) Vorstellungen (zur Gottesrechtfertigung und Verfestigung von Herrschaft) können wir uns anderweitig mal beschäftigen.

Zurück zu Lin Yutang; ein nicht-theistischer Lin Yutang hätte sich in etwa wie folgt „geouted“ „...der chinesische Heide... begnügt er sich...[mit dem] Rätsel der Sternenwelt,...[der] Großartigkeit des Himmelsgewölbes, [der] Würde des Menschenherzens - das alles ist dem chinesischen Heiden durchaus gegenwärtig. Aber wiederum: er begnügt sich damit. Er nimmt den Tod hin und ebenso den Schmerz und das Leiden, und er wägt sie ab gegen das Geschenk des Lebens, den frischen Landwind und den klaren Gebirgsmond – und er findet nichts zu klagen... Mehr verlangt er nicht. ...“.

 
Dir einen guten Tag, uns eine bessere Welt – packen wir's a    


...weiter gesponnen, Vetter.

Aber wiederum: er begnügt sich damit. Er nimmt den Tod hin und ebenso den Schmerz und das Leiden, und er wägt sie ab gegen das Geschenk des Lebens, den frischen Landwind und den klaren Gebirgsmond – und er findet nichts zu klagen... Mehr verlangt er nicht. ....

...selten ist eine derartige Gelassenheit. Eher bleibe (für heute) die Frage, warum wir Menschen so leicht vom „Übernatürlichen“ zu faszinieren sind? Warum ist es so schwierig, sich mit eine nicht-theistischen Weltsicht zufrieden zu geben?.

Ursachenforschung (hier kognitive Religionswissenschaften*) in die Entwicklung (Evolution) von religiöse Impulse, Überzeugungen und Verhaltensweisen schafft Einsicht; in a „nutshell“:

Die modulare Architektur des menschlichen Denkens und vor allem die menschliche Fähigkeit andere „Handelnde“ zu verstehen, denen Überzeugungen und Wünsche zugeschrieben werden, bildet die Grundlage der Vorstellungen von „übernatürlichen Handelnden“ und sozialer Einsichten (Kulturen), in denen übernatürliche Mittel als Interessenten im sozialen Leben postuliert werden. Überzeugungen die „übernatürlichen Handelnden“ favorisieren sind Evolutionsprodukte in dem Sinne, dass Menschen kulturübergreifend solche Konzepte in einer intuitiven und automatische Weise verwenden; ähnlich wie „zwei Punkte und eine Gerade automatisch die Vorstellung von einem Gesicht auslösen“.

Das menschliche Denken besteht aus einer Vielzahl von solchen modularen Mechanismen, damit haben bestimmte Arten von Überzeugungen einen selektiven Vorteil gegenüber anderen. Abstrakte theologische Konzepte sind in der Regel aufwendige Versionen einfacher und ansteckenden „spiritueller“ Volksvorstellungen. Und im Gegenzug, atheistische Konzepte sind aufwendige De-Konstruktionen dieser einfachen Vorstellungen und ihrer aufwendigen Weiterentwicklungen der Weltreligionen.

*z.B. "How Religion Works - Towards a New Congnitive Science of Religion" (Ilkka Pyysiäinen, 2003)
 

 

1 Kommentar:

Martin Bohle hat gesagt…

...weiter gesponnen, Vetter.

"Aber wiederum: er begnügt sich damit. Er nimmt den Tod hin und ebenso den Schmerz und das Leiden, und er wägt sie ab gegen das Geschenk des Lebens, den frischen Landwind und den klaren Gebirgsmond – und er findet nichts zu klagen... Mehr verlangt er nicht. ...“.

...selten ist eine derartige Gelassenheit. Eher bleibe (für heute) die Frage, warum wir Menschen so leicht vom „Übernatürlichen“ zu faszinieren sind? Warum ist es so schwierig, sich mit eine nicht-theistischen Weltsicht zufrieden zu geben?.

Ursachenforschung (hier Kognitive Religionswissenschaften [*]) in die Entwicklung (Evolution) von religiöse Impulse, Überzeugungen und Verhaltensweisen schafft Einsicht; in a „nutshell“:

Die modulare Architektur des menschlichen Denkens und vor allem die menschliche Fähigkeit andere „Handelnde“ zu verstehen, denen Überzeugungen und Wünsche zugeschrieben werden, bildet die Grundlage der Vorstellungen von „übernatürlichen Handelnden“ und sozialer Einsichten (Kulturen), in denen übernatürliche Mittel als Interessenten im sozialen Leben postuliert werden. Überzeugungen die „übernatürlichen Handelnden“ favorisieren sind Evolutionsprodukte in dem Sinne, dass Menschen kulturübergreifend solche Konzepte in einer intuitiven und automatische Weise verwenden; ähnlich wie „zwei Punkte und eine Gerade automatisch die Vorstellung von einem Gesicht auslösen“.

Das menschliche Denken besteht aus einer Vielzahl von solchen modularen Mechanismen, damit haben bestimmte Arten von Überzeugungen einen selektiven Vorteil gegenüber anderen. Abstrakte theologische Konzepte sind in der Regel aufwendige Versionen einfacher und ansteckenden „spiritueller“ Volksvorstellungen. Und im Gegenzug, atheistische Konzepte sind aufwendige De-Konstruktionen dieser einfachen Vorstellungen und ihrer aufwendigen Weiterentwicklungen der Weltreligionen.

[*] z.B. "How Religion Works - Towards a New Congnitive Science of Religion" (Ilkka Pyysiäinen, 2003)