Sonntag, 20. Januar 2013

Erwartungen. Vermutungen.


Meine Reise nach Israel und Palästina ist mit keinerlei politischem Bekenntnis verbunden, weder zu Israel und seinen besonderen Beziehungen zu Deutschland noch zu Palästina und seiner Unselbständigkeit, beklagenswert oder nicht. Ich habe eine Reihe von Freunden und Bekannten in beiden Ländern und möchte meine Freundschaft und meine Kenntnis ihrer Länder gerne vertiefen, mehr nicht.



Und trotzdem will ich gerne etwas in Erfahrung bringen, was mit Politik zu tun hat, oder besser gesagt: mit Lebensverhältnissen, die nach der Meinung der meisten Leute von politischen Entscheidungen beeinflusst werden, es aber - und hier setzt meine Frage an - möglicherweise gar nicht sind. Um hier zielgerichtet vorzugehen, formuliere ich einmal eine Arbeitshypothese in zwei Teilen so: a) es gibt große Kräfteverschiebungen in der Welt, an denen Politiker zwar mitwirken, auf deren Gang sie aber nur wenig Einfluss haben. Und b) die Kräfteverschiebungen zwischen Israel und Palästina gehören dazu.

Um diese These zu verdeutlichen, will ich an zwei große geschichtliche Veränderungen erinnern, von denen ich eine aus der Nähe miterlebt habe, die Völkerwanderung der Türken. Die andere ist die Völkerwanderung der Amerikaner.

Von den Türken sind etwa 3 bis 4 Millionen Menschen seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Deutschland eingewandert. Zusammen mit Ihnen sind außerdem mehr als 15 Millionen ihrer Landgenossen in die Stadt Istanbul eingewandert und sicherlich noch einmal dieselbe Zahl in die anderen großen Städte der Türkei. Natürlich wurde diese Bewegung politisch angestoßen, es wurden „Gastarbeiter“ geworben, Politiker standen an Bahnhöfen und begrüßten erste Anreisende. Aber die sich danach entwickelnden riesigen Menschenströme waren offenkundig von niemandem mehr so recht kontrollierbar. In der Türkei selbst haben sich die Migranten, die vom Land in die Stadt gingen, den Grund und Boden, den sie zum Wohnen benötigten, weitestgehend auf ungesetzlichem Wege angeeignet. Die Menschen haben wie ein Schwarm von Wanderheuschrecken einfach das genommen, was sich ihnen als freies Land anbot. Später hat es aus dem Bereich der Politik Wohnungsbauprogramme gegeben, die nach und nach dafür sorgten, dass städtebauliche Fehlentwicklungen bereinigt worden, aber die ursprüngliche Bewegung war etwas, das sich - so meine These - weitestgehend unterhalb des Radars der staatlichen Einflussnahme und Kontrolle abspielte.

Etwas Ähnliches muss 100 oder 150 Jahre früher im amerikanischen Westen vor sich gegangen sein, dem "wilden" Westen. Im Unterschied zur Türkei hat dort die Landnahme die Rechte derjenigen sehr massiv verletzt, denen das Land zuvor gehört hatte, den eingeborenen Indianern. Auch hier erscheint mir im Nachhinein der Einfluss der Politik gering gewesen zu sein. Es hat vereinzelt staatliche Verträge mit den Indianern gegeben, aber insgesamt hat die Regierung in Washingtons vermutlich eher weggeschaut als steuernd auf die riesigen Wellen von nach Westen strömenden Migranten und auf ihr erkennbar immer wieder illegales Handeln einzuwirken.

Gemeinsam ist der Migration beider Volksgruppen, dass die ganze Welt mit dem Ergebnis am Ende hochzufrieden ist und niemanden mehr dafür anklagt, dass es auf dem Wege der Wanderung ungesetzlich zugegangen ist. Gewiss erinnert mancher moralische Kritiker die Amerikaner an ihre wenig ruhmreiche Vergangenheit gegenüber ihrer Urbevölkerung. Aber niemand zieht aus dem Unrecht gegenüber den Indianern irgendwelche Konsequenzen und distanziert sich etwa von amerikanischen Ideen, Produkten oder einer Reise in dieses Land. In der Türkei ist der ungesetzliche Erwerb von Grund und Boden ganz und gar vergessen, man ist sogar dazu übergegangen, den Besitzern von „Gecekondus“ ihr gestohlenes Land offiziell abzukaufen, wenn es städtebaulich erforderlich war.

Wenn ich nun diese Gedanken auf Palästina anwende, dann höre ich natürlich sogleich heftigen Widerspruch. Ich möchte aber zunächst einmal zur Kenntnis geben, dass die Besiedlung des Westjordanlands durch israelische Siedler mittlerweile ebenfalls zu einer wirklichen Welle geworden ist. Ich hatte bei der Vorbereitung der Reise etwas über die Siedler gelesen, deren Anwesenheit ich sicherlich noch mit eigenen Augen sehen werde (und deren Siedlungen mich hoffentlich nicht zu großen Umwegen auf meiner Wanderung zwingen werden). Ich sage ganz ehrlich, dass meine Vorstellung von diesen Siedlungen vollkommen falsch war - ich hatte an viele kleine Dörfer mit je 40 oder 50 Häusern gedacht. Es sind aber mittlerweile ganze Städte daraus geworden, wie etwa die 50.000 Einwohner zählende Siedlerstadt Ma'ale Adumim östlich von Jerusalem.

Siedlungen wie diese Stadt haben mit den sprunghaft gewachsenen "Gecekondus" von Istanbul gemeinsam, dass sie vermutlich kaum jemandem etwas weggenommen haben. Ich habe bei meinem Aufenthalt in Istanbul im Jahre 1971 Fahrten aus der Stadt heraus gemacht und ein braunes, unwirtliches Land gefunden, von dem ich damals annahm, dass es nicht landwirtschaftlich genutzt wurde. Ähnlich wird es in der Wüste zwischen Jerusalem und Jericho ausgesehen haben, bevor die Stadt Ma'ale Adumim dort gegründet wurde.

Die Palästinenser beschweren sich allerdings, dass solche Gründungen der Infrastruktur des Landes schaden. Ich möchte das mir sehr genau ansehen und die Palästinenser persönlich nach den täglichen Behinderungen fragen, die sie durch das Umfahren der Siedlungen erdulden müssen. Ich will aber auch ehrlich danach fragen, welche Vorteile diese Siedlungen für das umliegende Land bringen. Ich hörte, dass die umliegenden Bauern froh sind, Ihre Produkte in die Siedlungen zu liefern und auch dass palästinensische Handwerker ihren Lebensunterhalt damit verdienen, dass sie solche Siedlungen mit bauen und später pflegen und reparieren.

Welcher politische Wille hinter den Siedlungen steht, ist mir eher gleichgültig. Ich habe von Netanyahu gelesen, dass er selbst bekundet hat, es handele sich hier um den „Lebenswillen“ eines ganzen Volkes, gegen den er offenbar wenig tun könne. Richtig ist sicherlich, dass er mit seinem Unwillen, die Siedlungen zu stoppen, den Zorn der Amerikaner heraufbeschwört, mit für ihn schwierig abzuschätzenden Konsequenzen. Man kann auch festhalten, dass die Siedlungen gegen den Willen eines namhaften Teils der israelischen Bevölkerung gebaut werden und natürlich auch gegen den willen des mächtigsten Mannes der Welt, des amerikanischen Präsidenten. Spricht das nicht dafür, dass sie tatsächlich ebenfalls auf einer Wanderungswelle daherkommen, die sich so oder so nach ihren eigenen Gesetzen entwickelt, ohne dass die Politiker größeren Einfluss darauf haben?

Und kann nicht - hier setzt nun eine große Hoffnung an - auch am Ende der Entwicklung in Palästina etwas stehen, was für Istanbul ebenso gilt wie für San Franzisko: ein neues Gemeinwesen, in dem alle zufrieden leben können, die Alteingesessenen und die neu Hinzugekommenen? Niemand weiß, wie ein solches Gemeinwesen aussehen könnte. Alle Analytiker sprechen immer wieder von der "letzten Chance" hier durch Verhandlungen etwas Vernünftiges zustande zu bringen. Aber es wird nicht verhandelt, es vergeht Jahr um Jahr und letzte Chance um letzte Chance - und am Ende wird eigentlich nichts wirklich schlechter. Die Welle regiert. Sonst niemand.

Kommentare:

Haris Topel hat gesagt…

mach weiter so christian abi :-)
ich wünsche dir schöne tage und hoffe , dass sich die reise für dich lohnt

Nureddin Öztas hat gesagt…

Die Siedlungen der Israelis auf Palästina, oder das Unrecht gegenüber den Indianern mit den der Gecekondus gleich zu setzen, ist nicht richtig. Die Gecekondus haben den großen Unterschied, dass dort im eigenen Land gebaut wurde. Man stelle sich vor Bürger irgend eines anderen Landes bauen auf einem anderen Land ohne Genehmigung und wider dem Willen dieses Landes ihr Haus und hoffen auf Verständnis. Sie würden kein Verständnis bekommen, weil sie die Hoheitsansprüche eines anderen Landes ignorieren, in dem sie das Land wegnehmen.