Donnerstag, 18. Juli 2013

Das geheime Leben des Volkes (Teil 1)


Am Anfang der sozialen und missionarischen Tätigkeit des frommen Pietisten Johann Hinrich Wichern (1808 - 1881) stand seine Schrift „Hamburgs wahres und geheimes Volksleben“, in der er die Eindrücke aus seinen Hausbesuchen beim armen Teil der Bevölkerung gesammelt hatte. Die bedrückende Kenntnis der Lebenssituation in den unteren Schichten befähigte Wichern später, deren Geschick in die Hand zu nehmen und zu verändern.

Wenn man das kleine Büchlein mit der „Orientierungshilfe“ der Evangelischen Kirche zu Ende gelesen hat, denkt man: mit etwas Glück könnte die vorliegende Schrift am Beginn einer ähnlichen Zuwendung zum Alltag des Volkes stehen wie Wichern sie gelebt hat.
Das schmale Buch weiß überraschend viel über „das Leben der Anderen“, und das macht den Mangel mehr als wett, dass es auf den ersten Blick die Hoffnung enttäuscht, etwas über die gottgewollte Ordnung der Familie zu erfahren. Dem Leser wird bald klar, dass es bei genauer Kenntnis des „Volkslebens“ schließlich mehr um die Wege der Liebe Gottes zu den auf krummen Wegen wandernden Menschen geht als um die Vermittlung einer Musterordnung für die Ehe.

Das Buch beschreibt den Schutz und die Förderung der Familie. Es will aber nicht den Alleinstellungsanspruch der klassischen bürgerlichen Familie gegenüber anderen Lebensformen hervorheben, was auch nur dann möglich wäre, wenn man diese Ehe mit Verdiener-Vater und Fürsorge-Mutter eindeutig als biblisches Modell nachweisen könnte. Es will vielmehr den besonderen Schutz der Menschen verstärken, die den Kern der Familie bilden, indem sie dort familiäre Fürsorge ausüben.
Ein Beispiel dafür ist die Single-Tochter, die über Jahre ihre alte Mutter pflegt. Auch die beiden sind ja eine Familie. Möglicherweise können Mutter und Tochter von der Rente der Mutter leben – aber welche Rente wird die Tochter haben, die zugunsten von Fürsorge (Care ist hier der in der weltweiten Diskussion gebräuchliche Begriff) auf eine berufliche Tätigkeit verzichtet?
Wer sorgt für die Fürsorger? Ganz generell erscheint diese Frage überraschend ungeklärt zu sein. Zerbricht eine Ehe, so verlangt die Rechtsprechung in zunehmendem Maße, dass beide Parteien schon bald wieder unabhängig voneinander für ihren eigenen Unterhalt sorgen. Das benachteiligt diejenigen, welche in der früheren Ehe mehr Care-Aufgaben übernommen hatten, Fürsorge für die Kinder, für die eigenen Eltern, den kranken Nachbarn. Sie müssen nach der Trennung beruflich oft bei Null anfangen und sehen sich vor großen Lücken in ihrer Rentenversorgung. Dass Care-Arbeit in der Regel schlecht entlohnt wird, war eigentlich immer schon klar. In der Neuzeit hat aber die Berufstätigkeit der Frauen das Problem wie durch ein Brennglas sichtbar gemacht.
Was tut die Kirche, die das alles sieht und die durch ihre erzieherischen und diakonischen Aufgaben vielfältige Informationen über das „geheime Volksleben“ erhalten hat? Liest man die Orientierungshilfe, dann ergibt sich das erstaunliche Zukunftsbild einer Organisation, die an vielen Stellen darauf wartet, angesprochen zu werden. Und sie will sich nicht nur auf Sachleistungen ansprechen lassen und auf die Funktion als soziales Gewissen - etwa bei der Forderung nach höheren Hartz-IV-Sätzen. Sie will mit ihren Gottesdiensten und Ritualen und Gebeten (das Wort fällt mehrfach) in der Nähe der Menschen sein und sie mitten in den Brüchen und Abstürzen ihres Lebens mit Gott und dem Glauben in Verbindung bringen.
Für die Verfasser der „Orientierungshilfe“ ist ein gelingendes Leben in der Regel eines, das im Aufblick auf die Realität eines liebenden Gottes geführt wird. Das unterscheidet sie in nichts von ihren konservativen Kritikern.
Warum dann die Kritik? Sie entzündet sich am meisten an den Sätzen über gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Wenige Sätze sind es, und sie stehen nicht im Vordergrund des Buches. Auch in diesen Partnerschaften wird Care geleistet, sie verdienen von daher ebenfalls Schutz und Zuwendung der Kirche.

Die weitere Kritik speist sich aber wohl im Kern aus einer bestimmten Vorstellung, der ich selbst lange angehangen habe, die man aber als falsch erkennt, wenn man näher an das „geheime Volksleben“ heran kommt. Diese falsche Vorstellung besagt, dass Menschen in komplizierten Lebensverhältnissen ein moralisches Idealbild vor Augen gestellt werden sollte, hier also eine gottgewollte Familienordnung. Barmherziger ist es aber, sie in ihrer brüchigen Patchwork-Situation zu besuchen und ihnen zu sagen, dass auch ihnen die Liebe Gottes bedingungslos gilt.
Ich dachte beim Lesen des Buches oft an einen alten frommen Mann, der mir einmal die Geschichte seines inneren Ringens mit der Tatsache schilderte, dass sein Sohn in einer homosexuellen Partnerschaft lebte. Er sagte mir am Ende „wenn die Gesellschaft mit Menschen wie meinem Sohn barmherziger umgeht als die Christen, dann ist etwas falsch gelaufen.“
Die „Orientierungshilfe“ läuft richtig. Sie ist ein barmherziges Buch, weil sie den Menschen nahe ist. Ich wünsche ihr, dass sie viele neue Wichern-Christen anstößt, die wieder eine Nähe herzustellen in der Lage sind, die eigentlich schon fast verloren schien: zwischen dem Glauben und dem Volksleben. 

Kommentare:

Peter Oberschelp hat gesagt…

Einerseits sind Deine Ausführungen schön und unwidersprochen, andererseits hatten wir uns schon kurz ausgetauscht über einen von der Orientierungshilfe ausgehenden, sich dann aber der Publikationstätigkeit verschiedener Kirchensprecher unter der Anführerschaft von Frau Käsmann zuwendenden Aufsatz in der Zeitschrift Cicero, in dem die Evangelische Kirche als Schwafelkirche bezeichnet wird. Ich hatte das mit einigen Worten beifällig kommentiert, auch davon will ich nicht lassen. Einer der entscheidenden Sätze in dem Aufsatz war für mich: „Heute wissen wir“, heißt es frohgemut in der „Orientierungshilfe“. Da erhebt sich die Frage: Was aber wird die EKD morgen wissen? – Ja, welches noch bessere Wissen wird sie morgen nicht etwa aus der Bibel, sondern aus der Zeitung geschöpft haben.

Mir geht es nicht um konkrete Standpunkte, für oder gegen Homoehe &c., und damit auch nicht um die Orientierungshilfe, das ist mir eigentlich egal, sondern darum, daß ich bei der evangelischen Kirche keine eigene Stimme mehr wahrnehme, die ihre Statements von tausend gleichgerichteten Statements aus anderer Richtung unterscheiden würde, keine eigene Stimme abgesehen von einigen beigemischten und eher unangenehmen stilistischen Weichspülern – der Aufsatz nennt einige Beispiele. Gerade für die Kirche aber sollte das abgewandelte Wittgensteindiktum gelten: Worüber Du nicht mit eigener Stimme reden kannst - im Fall der Kirche also mit der Stimme der Bibel -, darüber sollst Du schweigen. Ich denke Papst Benedikt hat diese Maxime immer mustergültig eingelöst, und genau das hat ihm Anfeindungen der übelsten Art eingebracht.

Ich hatte neulich das Werk des französischen, atheistisch und kommunistisch orientierten Philosophen Alain Badiou, Der heilige Paulus, Die Begründung des Universalismus - erwähnt, inzwischen habe ich es fast zu Ende gelesen. Hier kann man sehen und, die entsprechende Begabung vorausgesetzt, lernen, wie man einen Bibeltext mit Ernst in die Neuzeit trägt, ohne ihm Gewalt anzutun. So bringt Badiou uns, um nur ein Beispiel zu nennen, Paulus aus den Texten heraus völlig überzeugend und ohne faule Tricks als Feministen nahe. Der Atheist kann das also, der Papst konnte es, die Evangelische Kirche kann es nicht, ihren Vertretern in der Öffentlichkeit fehlt es an dem erforderlichen intellektuellen und spirituellen Vermögen. Sie kann, wie es der Aufsatz nahelegt, mittlerweile als der unbewaffnete Arm der Grünen gelten mit Katrin Dagmar Göring-Eckardt als Verbindungsoffizier.


Christian Runkel hat gesagt…

Lieber Peter,
für mich ist die "eigene Stimme" die Stimme der genauen Kenntnis des uns tatsächlich vielfach verborgenen Lebens des Volkes - und die Stimme der Hinwendung. Wer sich hinwendet, darf sagen "heute wissen wir", weil er ja Neues lernt. Deinen Badiou will ich gerne lesen (wäre ja mal ein schönes Geburtstagsgeschenk von Dir zu mir...).