Sonntag, 29. Dezember 2013

Ein Jahr

(Lesezeit: 6 min.)

Im Taurus-Gebirge.
Zwei große Reisen habe ich in diesem Jahr gemacht, nach Palästina und in die Türkei. Außerdem gab es Reisen in die Welt der Bücher und Gedanken. Von beidem will ich erzählen und auch von dem, was sich sonst noch in diesem Jahr in meinem Leben zugetragen hat.

Einige liebe Freunde haben manchmal davor gewarnt, dass mich die langen Wege nach außen und nach innen weit von dem wegführen könnten, was bislang in meinem Leben der Mittelpunkt gewesen ist. Aber das ist nicht so.


Ich fühle mich weiter von der Grundüberzeugung gehalten, von der Billy Graham einmal in einer Predigt gesprochen hat. Er habe, so sagte er, den berühmten Theologen Karl Barth bei einem Besuch gefragt, was denn der Kern von dessen Glauben sei. Und der habe ihm mit dem Satz aus einem Kinderlied geantwortet: "Jesus loves me, this I know for the bible tells me so." 
 
Auf dem "Abrahamspfad" in Palästina

Ob diese Geschichte sich wirklich genau so zugetragen hat, weiß ich nicht. Amerikaner bilden gerne Legenden. Aber wenn man mich nach dem Kern meines Glaubens fragen würde, könnte ich ähnliches sagen, auch mit ähnlich kindlichen Worten. Jesus ist mein Herr und Heiland. Er liebt mich und vergibt mir meine Sünden.

 
Er hat es mir außerdem (das ist eine in meinem Inneren nach und nach gewonnene Gewissheit) weitestgehend erlassen, ein reisender Missionar zu sein. Das bekannte Missionsgebot „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium“ ist zwar für mich durchaus zentral und verbindlich. Aber es steht als zweites neben dem ersten, dem Liebesgebot, und man kann Gott bitten, sich auf das erste konzentrieren zu dürfen.

Wenn ich in diesem Jahr in Palästina und in der Türkei herumgereist bin und mich unter Muslimen aufgehalten habe, dann habe ich keinem von ihnen auf den Kopf zugesagt, er müsse Jesus als den Weg, die Wahrheit und das Leben annehmen. Das hätte alle unsere Gespräche beendet. Aber ich bin ihnen mit Liebe begegnet und habe mit Freude gesehen, wie meine Liebe erwidert und mein Glaube respektiert wurde. Vielfach hat mein offen bekannter Glaube die Gespräche einfacher gemacht.

Ich denke an die Wanderung mit dem Palästinenser Ahmed, in dem ich ihm von meinem christlichen Vorbild Robert Jäger erzählt habe und von seinem Glauben an die Liebe Gottes. Robert hatte mir bei einem Gespräch über das Liebeskapitel 1. Korinther 13 das praktische Zeugnis weitergegeben, dass die Liebe zwischen Mann und Frau auch im Alter noch schön ist. Der etwa 45 jährige Ahmed hat sich sehr herzlich für diese und die anderen Lebensweisheiten bedankt und mir dann die anrührende Geschichte seiner Verheiratung erzählt. Ich habe im Blog davon berichtet.

Auch mein in der Türkei manchmal bohrend bekundetes Interesse an den inneren Spannungen nach den Mai-Protesten im Istanbuler Gezi-Park ist von meinen Gesprächspartnern immer wieder mit Freundlichkeit und Verständnis aufgenommen worden. Das nächtliche Gespräch mit dem kappadokischen Bauern Metin und seine dunkle These, dass unter den Aleviten insgeheim sehr viele Armenier seien, die immer noch auf Rache sinnen und Motor der Unruhen sind, hat mich weiterforschen lassen und mich zu dem Buch von Markus Dressler geführt, das mich sehr beeindruckt und in meinem Denken weitergebracht hat.

Meine Überzeugung ist, dass man mit Liebe und echtem Interesse an den Menschen am besten fährt, und dass man die Liebe vor die Mission stellen darf. Manchmal erscheint die Liebe in Anlehnung an das erwähnte Kapitel aus dem ersten Korintherbrief geradewegs dumm zu sein. In dem Brief heißt es „die Liebe glaubt alles, die Liebe trägt alles“ – die Liebe kann blind sein. Aber blind ist nicht dumm.
 
Die Liebe regiert nach meinem Eindruck auch in den Köpfen und Herzen von Menschen, die weltanschaulich nicht gerade auf meiner Linie liegen. So hat mir die Denkschrift der evangelischen Kirche zu einigen Fragen der Familie (im Juni erschienen) gut gefallen, weil sich hier die Liebe so zeigt, dass sie sich zu den Menschen stellt und zunächst einmal eine Bestandsaufnahme von dem macht, wie diese Menschen leben. Meine Meinung wird sicherlich nicht von vielen Leuten aus dem evangelikalen Lager geteilt, zu dem ich mich zähle, aber dafür wird sie – wie ich später zu meiner großen Freude erfuhr – von dem im März gewählten neuen Papst Franziskus offenbar ganz ähnlich vertreten. Auch er will die Menschen zunächst einmal sehen, will ihnen begegnen, bevor er sie mit einer für sie unbequem erscheinenden Botschaft bedrängt. Mit seinen Worten im Ohr bin ich im Herbst auf einer Familienfeier gewesen und habe die in seinem Interview vom September geäußerten Gedanken in sehr unmittelbarer Weise bestätigt gefunden.

Der argentinische Papst weiß, dass eine Kirche, von der die Menschen nur wissen, dass sie etwa eine homosexuelle Lebensführung ablehnt, von weiten Teilen der Bevölkerung ihrerseits abgelehnt wird. Dabei hat Franziskus niemals verschwiegen, dass er als „ein Sohn der Kirche“ in Fragen der Ethik bei der traditionellen Meinung bleibt. Aber er lehnt offenbar die Praxis ab, diese Meinung ständig vor sich her zu tragen.

Auch in der kleinen Welt meiner Remscheider Gemeinde (Baptisten) werden ähnliche Gedanken der Liebe gedacht, das freut mich, und ich wünsche meinem Pastor André Carouge, der in diesen Tagen sein erstes Amtsjahr hinter sich gebracht hat, viel Glück auf seinem weiteren Weg.
 

Tanya Luhrmann
Ich habe ihm Mut gemacht, auch die Gedanken einer ganz anderen Richtung aufzunehmen, und zwar so, wie sie in dem Buch „When God Talks Back“ von Tanya Luhrmann beschrieben wurden, das im November 2012 erschienen ist. Die Autorin, eine US-amerikanische Anthropologin, bestätigt über wissenschaftliche Untersuchungen die Glaubwürdigkeit einer Kirche, die sich intensiv danach ausstreckt, Gottes Reden zu hören. Luhrmann sieht manche auf den ersten Blick schwärmerische Eigenarten, bescheinigt den Christen am Ende aber, dass sie in ihrer Gemeinschaft die Kraft gewinnen, verantwortlich und bedacht in ihrem Lebensumfeld zu wirken.

Später hörte ich von einer ganz normalen Evangelischen Landeskirche im Oberbergischen Land, dass man beginnt, dort ähnliche Wege zu gehen und nach dem Reden Gottes im Inneren eines Menschen zu fragen. Es gibt unter den Frommen nach meinem Eindruck ein wachsendes Gefühl, dass der alte schöne Glaube sich in seinen Formen festgefahren hat, dass man aber im Vertrauen auf Gottes niemals endende Liebe zur Welt weiter mit seinem Reden zu uns rechnen darf. Ich sage das mit der Skepsis eines nüchternen Christen, der von großen inneren Visionen vollkommen frei ist. Aber hoffen möchte ich, so lange ich lebe.

Gegen Ende des Jahres bin ich auf krummen Wegen beim Philosophen Hegel gelandet, nachdem ich eine neue Marx-Biografie beiseite gelegt und die Notwendigkeit erkannt hatte, zunächst einmal mehr über Hegel zu erfahren. Das in Englisch geschriebene Buch des Kanadiers Charles Taylor macht es eigenartigerweise leichter, die im Deutschen doch immer recht komplizierten philosophischen Begriffe zu verstehen.

Wenn man sich eine Weile in Hegels System bewegt hat, bekommt man eine innere Ruhe und Gewissheit, dass sich die Welt nach logischen Gesetzmäßigkeiten wie ein Uhrwerk bewegt. In dessen Mitte sitzt Hegels „Geist“ und verhält sich ziemlich genau so, wie ich es mir immer von Gott vorgestellt habe. Ich habe meine diesjährigen Weihnachtsgrüße mit einem Gedanken an Hegel verbunden.

So gehe ich einigermaßen unverzagt ins Neue Jahr und schließe fast zeitgleich mit dem alten Jahr auch meine reguläre Lebensarbeitszeit ab: am 9. Januar werde ich 65. Danach möchte ich aber noch eine Reihe von Jahren weiter arbeiten, wenn die Gesundheit hält. Meine staatliche Rente ist mager, mit meinen schönen Lebensversicherungen stehe ich wie viele ältere Leute heutzutage hilflos da: sie bringen auf der Bank so wenig Zinsen, dass man davon nicht leben kann. Ich sehe es derzeit als ein Privileg an, weiterhin durch eigene Arbeit unseren Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Wenige Wochen nach Beginn des Neuen Jahres will ich mit einer zweiten Wanderrunde durch Palästina beginnen. Ich werde in gewohnter Weise berichten.

Alle die Menschen, die ich im vergangenen Jahr nicht getroffen, zu selten besucht und allgemein zu wenig beachtet habe, bitte ich um Verzeihung. Es gibt viel zu viele davon, auch wenn die kleinen elektrischen Stromstöße, die ein „gefällt mir“ auf Facebook auslöst, natürlich auch eine Art von Beachtung sind. Ich wünschte mir aber bei einer ganzen Reihe von Menschen, dass die Zuwendung im nächsten Jahr intensiver sein könnte.


Valentina und ich
Abgehalten von manchem Freundesbesuch hat mich meine erfreulich wachsende Familie. Zu Enkel Jakob (geboren im März 2012) ist im Oktober Enkelin Valentina hinzugekommen, und die erste Begegnung der beiden bei einem Familienwochenende in der Lüneburger Heide war einer der Höhepunkte des Jahres. Christiane und ich haben dort im Dezember unseren 40. Hochzeitstag gefeiert.

Unsere fünf Kinder und ihre fünf Partner leben in einer sehr schönen Harmonie miteinander. Vier Kinder sind in Berlin, zuletzt ist Matthias dorthin gezogen, nachdem er sein Studium beendet hat. Er sucht in Berlin nach Arbeit, alle anderen sind seit längerem in Lohn und Brot, so dass unsere Sorgen um das Wohl der Kinder erfreulich klein sind. Judith mit Johannes und Jakob in Bonn sind die einzigen Kinder in der Nähe. Über Weihnachten sind sie alle hier in Remscheid gewesen. 

Abgehalten von der Pflege mancher Kontakte hat mich natürlich auch meine kleine Firma, die weiterhin langsam aber erfreulich wächst. Wir haben ein Büro im Nachbarhaus hinzugenommen, haben immer wieder neu in die schöne Welt der Computer investiert und vor einigen Wochen auch nach längerer Zeit noch einmal den Sprung gewagt und mit einer jungen Wuppertaler Abiturientin einen Lehrvertrag abgeschlossen. Wenn alle ganz- und halbtags arbeitenden Menschen im Büro sind, besetzen wir zwölf Arbeitsplätze.

Wenn ich die obigen Worte noch einmal zur Korrektur durchlese, dann wird mir bewusst, dass in ihnen nur ein kleiner Teil meines Lebens enthalten ist. Das macht mich allerdings einigermaßen ruhig in Bezug auf die in diesem Jahr bekannt gewordenen Ausspähungsmöglichkeiten der großen Geheimdienste. Sie können machen, was sie wollen – unser privates Leben behält seine Geheimnisse, jedenfalls besser als es uns die laute Kritik am modernen vernetzten Leben erscheinen lässt.

Der Friede Gottes bewahre eure Herzen und Sinnen! So schreibt es Paulus im Philipperbrief. Ich stelle mir unter „Herzen und Sinne“ einen kleinen Punkt vor, den Gott fest in seiner Hand verschlossen hält und den er eines Tages hinübergibt in das ewige Leben. Ich wünsche allen, die dies lesen, eine sichere  Bewahrung im Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft.

 

 

Kommentare:

Kim Strübind hat gesagt…

Lieber Christian,
vielen Dank für deine bedenkenswerten und wie immer lesenswerten Reminiszenzen. Ich würde dich nur gerne von dem Begriff "Missionsgebot" befreit wissen. Zu den - pardon - evangelikalen Dummheiten, die dich ja nach eigener Auskunft geprägt haben, gehört leider auch die Verkürzung des schönen Endes des Mattäusevangeliums zum schnöden "Missionsbefehl" (Mt 28,16-20), was den Sachverhalt verfehlt. Es handelt sich hier nicht um ein "Gebot" - ebenso wenig wie die Segensaussage in Gen 1,28 eine "Vermehrungsbefehl" wäre (das hat der Katholizismus in seiner miserablen Sexualethik leider missverstanden). Beide Male handelt es sich um eine "Ermächtigung" oder Bevollmächtigung durch Christus bzw. durch Gott. Im Blick auf Mt 28 hat man hier eine Erlaubnis oder Ermutigung zu lesen, die Botschaft Christi in die Welt zu tragen. Den verzagten Jüngern von Mt 28 musste und konnte man nichts "befehlen". Es ging vielmehr um die Frage, ob sie, die Gescheiterten, im Namen Christi reden und handeln DÜRFEN! M.a.W. Es ging um ihre LEGITIMATION und nicht um ihren Gehorsam!
Onckens Satz "Jeder Baptist ein Missionar" ist daher schon vom Urchristentum her ausgesprochen fraglich und hat noch nie gestimmt. Paulus kennt übrigens auch keine Missionsparänese: Er mahnt alles Mögliche in den Gemeinden an - aber nie die missionarische Untätigkeit (anders als die ehemaligen Bundesdirektoren à la Schäfer & Co mit ihren Grabesmienen)! Dies hat m.E. zwei Gründe: Erstens, weil er die "Mission unter den Heiden" für einen privilegierten Job hielt, zu dem man - wie er selbst - von Christus persönlich berufen sein musste und für die der Apostel nur die besten Mitarbeiter gebrauchen konnte (Markus gehört nach der Apg nicht dazu!). Und zweitens, weil nach 1Thes 1,7-10 der Glaube aus sich selbst heraus missionarisch ist und zum "Hörensagen" führt. Die gleichsam militärische Missionsverkrampfung Onckens und seiner Nachfolger ist exegetisch schlecht begründet und bis heute nicht mehr als eine bloße Vermehrungsstrategie, die unter dem Signet der Drohung ewiger Verdammnis zu einem zusätzlichen "Must-Do" wurde. Paulus musste - alle Anderen dürfen das Evangelium verkünden (1Kor 4; 9) - und tun es je auf ihre Weise. Deine lasse ich mir übrigens gerne gefallen! Mission ist als kein Gesetz, sondern Evangelium. Sogar für religiös verspannte und verbohrte Evangelikale!
Mit herzlichen Grüßen
Dein Kim

Peter Oberschelp hat gesagt…

Lieber Christian,
wie immer es nun im einzelnen mit dem Missionsauftrag bestellt sein mag, ich kann da nicht urteilen, durch die langjährige an meiner Person vollbrachte missionarische Sysyphosarbeit kannst Du Dich in jedem Fall als von weiterem einschlägigen Tun entlastet und Dich selbst, vertraut man Camus, als glücklichen Menschen ansehen. Viel diesbezügliche Freude auch im kommenden Jahr.

Lgm pb