Freitag, 19. September 2014

Charles Taylor für Muslime

Beim Lesen von Taylors Buch (mehr zur Person Charles Taylor in der Fußnote*) denke ich oft an meine geschätzten Muslime, die ich, mal näher und mal ferner, kenne und von deren Blick auf unsere Gesellschaft ich immer wieder etwas zu verstehen und zu lernen versuche. Was würden sie an dieser Gesellschaft und an unserem Staat anders sehen, wenn sie Charles Taylors Gedanken kennen würden?

Nun – zunächst würden sie sich ebenso wie die in einer christlichen Umgebung aufgewachsenen Deutschen wundern, wie stark der von großen Teilen unserer Gesellschaft gelebte (und von Muslimen oft als abstoßend empfundene) Atheismus von Entwicklungen geprägt wurde, die von der Kirche selbst angestoßen wurden. So ist etwa der unserem modernen Denken zugrunde liegende Individualismus mit seiner Betonung des Rechtes auf Selbständigkeit und Mündigkeit in einer Zeit geboren, in der fromme Christen das moralischen Verhalten jedes einzelnen Gläubigen verbessern wollten.

Das hat im Mittelalter angefangen, als man im Jahre 1215 jedem Christen zru Verbesserung der Sitten die Pflicht auferlegte, einmal im Jahr zur Beichte zu gehen. Es hat sich in der evangelischen Reformation fortgesetzt, die vielfach ein sehr strenges und  diszipliniertes Verhalten in allen Bereichen des Lebens gefordert hat – sprichwörtlich bei den Calvinisten. Alles das hat das Individuum in der Vordergrund gerückt und den Gedanken verdrängt, dass die Gemeinschaft den Menschen prägt und bestimmt.

In dieser Zeit ist gleichzeitig auch eine wichtige Facette des alten, glaubensvollen Lebens im Mittelalter verloren gegangen: der Glaube an eine verzauberte, von Geistern und Geheimnissen erfüllte Welt. Dass die Knochen der Heiligen im Kölner Dom wundertätige Ausstrahlungen haben würden, hat nach 1520 kein evangelischer Christ mehr geglaubt. Und diese moderne Skepsis übertrug sich auch auf die Messe und ihren Zauber, mit dem sie bisher im Bewusstsein der Gläubigen das Brot in den Leib Christi verwandelt hatte.
Alles das galt nicht mehr. Der Glaube wurde eine Sache der inneren Einstellung, Gott verschwand deshalb erst einmal aus der äußeren Welt und war nicht mehr in Bäumen oder Quellen gegenwärtig, auch nicht in Kreuzen am Weg, auch nicht im Innenraum der Kirchen.

Nun entstand aber das Problem, dass ein rein geistig verstandener Gott zwar vielleicht intensiver geglaubt wurde, aber auch einfacher zu ersetzen war, wenn Zweifel an seiner Existenz aufkamen. Ich habe an einer anderen Stelle die Geschichte der bekehrten Alkoholiker erzählt, die um 1825 die Kirchen in England und den USA füllten. Sie hatten sich bei einer der eher radikalprotestantischen sogenannten Erweckungsbewegungen für den Glauben entschieden und zur großen Erleichterung ihrer Umwelt damit auch ein diszipliniertes Verhalten in Bezug auf eheliche Treue, berufliche Zuverlässigkeit und eben ganz besonders Mäßigung im Trinken übernommen.
Nun sahen deren Kinder und Enkel aber wenig später diese Strenge als unnötig an und schafften es erfolgreich, auch mit einem weniger disziplinierten Programm durchs Leben zu kommen. Sie fielen dabei nicht in die Rohheit ihrer Vorfahren zurück, aber sie verloren auch oft ihren Glauben, weil sie sich von der Enge und Strenge ihrer Kirchen befreien wollten.

Ein wichtiger Punkt ist auch das Ergebnis des Versuches, Glaube und Naturwissenschaft zu versöhnen. Über eine lange Strecke – etwa zwischen 1700 und 1800 – hielt sich der Glaube an eine allgemeine göttliche Vorsehung, nach der die Erde von einem höheren Wesen klug und weise eingerichtet worden sei. Diese Weisheit mündete in dem heute noch oft zitierten Glauben, es herrsche eine unsichtbare Hand über dem Handeln der Menschen und es würde sich alles zum besten ergeben, wenn nur jeder in ehrlicher Anstrengung den Erfolg seiner Arbeit anstreben würde. Auch diese Anschauung führte im Ergebnis dazu, dass es immer weniger wirklich einleuchtende Gründe für den Glauben an einen persönlichen Gott gab.
Im Ergebnis ist die heute vorherrschende Indifferenz gegenüber allen Formen des Glaubens nicht dadurch entstanden, dass Gegenkräfte wie etwa die Wissenschaft oder die materialistische Philosophie dem Glauben ein Gebiet nach dem anderen abgenommen hätten. Eher ist es so, dass eine aktive Beteiligung der Christen am Aufbau der modernen Welt dazu geführt hat, dass die Notwendigkeit einer Gottesvorstellung nach und nach verschwand. Am Ende war Gott in der Welt angekommen – er war gegenwärtig in Freiheit und Gerechtigkeit und in den anständigen Herzen der modernen Menschen. Ob er auch außerhalb der Welt zu finden sein würde, das musste nicht mehr entschieden werden.

So haben die Christen nicht ihr Terrain verloren. Sie haben es umgestaltet – und fanden ihren Glauben dann am Ende nicht mehr in diesem Terrain vor.
P.S. Ein Nachsatz zu aktuellen Diskussionen: auch die Gerechtigkeit in einer Gesellschaft sollte durch eine unsichtbare Hand entstehen, und zwar indem ein System von Kräften und Gegenkräften, checks and balances die Möglichkeit von willkürlicher und gewaltsamer Herrschaft unmöglich machte. Von daher ist die moderne Ablehnung von Einparteiensystemen zu verstehen wie sie sich derzeit verstärkt zeigen – besonders in Russland und der Türkei.

Nun mag allerdinge einem Moslem das permanente Wechselspiel von Regierung und Opposition unwürdig erscheinen. Er wünscht sich die Gesellschaft so vereint wie sein Gott in einer Peron vereint ist. Tauhid ist das arabische Wort dafür, und der türkische Premierminister Davutoğlu hat seine Doktorarbeit darüber geschrieben.

Die moderne christliche Tradition dagegen ist anders, zumindest im geografischen Bereich der alten römischen Kirche. Hier herrscht Gott, indem er nach alter römischer Tradition teilt, divide et impera.

Man sollte das alles sehen, bevor man sich über Regierungsformen streitet.


* Charles Taylor wurde 1931 in Kanada geboren und wuchs als Sohn einer katholischen Mutter und eines evangelischen Vaters in den Sprachen der Eltern, von mütterlicher Seite Französisch und von väterlicher Seite Englisch, auf. Er war die meiste Zeit seines beruflichen Lebens Professor für Politische Wissenschaften und Philosophie, überwiegend in seiner Heimatstadt Montreal und in Oxford, mit Gastprofessuren an vielen Universitäten der Welt. Bekannte Bücher sind Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität, eine große Hegel-Biographie und das Buch, das ich gerade lese: Ein säkulares Zeitalter. Taylor erhielt 2008 den renommierten „Kyoto“-Preis, der als Nobelpreis für Philosophie gilt. Dieser Preis wurde bisher siebenmal vergeben, darunter an Karl Popper, Jürgen Habermas und Paul Ricœur. Laut Wikipedia bezeichnete Taylor 2010 die Bekämpfung der Islamophobie in seiner Heimat als eine wichtige neue Aufgabe.


 

1 Kommentar:

Michael Mertes hat gesagt…

Dein Eintrag macht mich neugierig auf das Buch. Allerdings fürchte ich, dass da ein etwas simples Mittelalterbild verbreitet wird. Erst neulich habe ich vergeblich versucht, jemandem von der Überzeugung abzubringen, dass die Katholische Kirche bis in die frühe Neuzeit hinein gelehrt habe, die Erde sei eine Scheibe. Gegen solche intellektuelle Selbstgefälligkeit empfehle ich zum Beispiel Jacques Le Goffs wunderbares Buch „Die Geburt des Fegefeuers“. Übrigens gehört auch die Trennung von Religion und Politik zum „Sonderweg“ des Okzidents, siehe Investiturstreit. Hoffentlich habe ich bald mal Zeit, dies und anderes mit Dir face-to-face zu diskutieren.