Dienstag, 21. Oktober 2014

Mein Lieblingsschriftsteller

Adam Begleys Biografie von 2014
Warum ich John Updike liebe? Wenn ich einmal an seinem Lebensende im Januar 2007 anfangen darf, dann möchte ich den in seinem letzten Gedicht wunderbar bezeugten christlichen Glauben an die erste Stelle setzen. Er hat einmal gesagt, er sei Zeit seines Lebens nicht in der Lage gewesen, den „Sprung des Unglaubens" (leap of unfaith) zu wagen. Und so schreibt er, an Krebs sterbend, ein wunderbares und ewig hoffnungsvolles Gedicht über Psalm 23.

Seine Art zu glauben beinhaltete auch die Angewohnheit, Menschen eher mit einer jungenhaften Freude am Leben als mit den finsteren Seiten der Existenz zu konfrontieren. Er wolle sich „seinen Weg in das Herz der amerikanischen Leser singen,“ hat er schon als junger Mann formuliert. Und es ist ihm sicherlich auch gelungen.

Er wollte auch Zeit seines Lebens der country boy aus Shillington/Pennsylvania sein, was ihm aber Bewunderer wie Kritiker nie ganz abgenommen haben, dafür war er, der Harvard- und Oxford-Absolvent viel zu großstädtisch verfeinert. Immerhin hat er es aber zu Beginn seines Berufslebens nur etwa ein Jahr ausgehalten, in New York zu leben, und ist dann für immer zurück aufs Land gezogen.
Er fühlte sich in New York „überfüllt, körperlich und geistig“ durch der Stadt „grässliche Mengenhaftigkeit, ihre unerschöpfliche und endlos wiederholte urbane Vielheit." (crowded, physically and spiritually by the city's ghastly plentitude, its inexhaustible and endlessly repeated urban muchness.)
Er benötigte Stille zum Schreiben. Es war für ihn eine ernste Selbstprüfung, und es war deshalb meistens auch autobiografisch. Seine Nächsten mussten sich wohl oder übel daran gewöhnen, in immer neuer Weise in seinen Romanen und Kurzgeschichten vorzukommen.
Er hatte sich dabei besonders zum Ziel gesetzt und dieses Ziel zweifellos auch erreicht, “über Sex auf dem gleichen Niveau zu schreiben, so explizit und sorgfältig und liebevoll, wie man über etwas anderes schrieb." (...write about sex on the same level, as explicitly and carefully and lovingly as one wrote about anything else.)

Viele meiner Bekannten haben wegen dieses Expliziten die Bücher Updikes gemieden und meine Liebe zu ihm mit allerlei Fragezeichen versehen. Selbst seine erste Frau Mary hat über das Buch "Ehepaare" (eins seiner größten Verkaufserfolge) gesagt, sie habe sich beim Lesen „erstickt in Schamhaaren“ gefühlt (smothered in pubic hair).
Natürlich waren seine vielfältigen erotischen Eskapaden und sein christlicher Glaube nur schwer miteinander zu versöhnen. Das hat er gewusst und auch offen darüber geschrieben. Geholfen haben ihm hier die Bücher des Schweizer Theologen Karl Barth, von dem er wusste, dass dieser ebenfalls viel Vergebung nötig hatte, da auch er mit einer Geliebten lebte, so wie Updikes Helden es eigentlich beständig tun.

Im Werk von Karl Barth hat er viel über Vergebung gelesen. Er hat dort gelernt, dass es Sünden gibt, die auf paradoxe Weise die Majestät des Glaubens offenbaren (sins that reveal, paradoxically, the majesty of faith).
"Um mir Helligkeit und Luft zu geben", schrieb er, " habe ich Karl Barth gelesen und mich in die Frauen anderer Männer verliebt." ("To give myself brightness and air I read Karl Barth and fell in love with other men's wives.") 
Man muss das nicht gut finden. Aber ich muss bekennen, dass an einigen Stellen in seinen Büchern die Freude am Glauben und der Gefallen an einem weiblichen Körper auf die angenehmste Weise zusammenkommen. So beschreibt er einmal einen Theologiestudenten, der, als Bademeister angestellt, sich nach den vielen Frauen, die er zu bewachen hat, verzehrt.
"Lust betäubt mich wie die Sonne", sagt er, und konzentriert sich auf die Quelle dieser Lust: "Die Arabeske der Wirbelsäule! Die Kurve, mit welcher der Rücken hinüber in den Po moduliert!" Und er fügt hinzu, "Es ist hier, wo Gnade sitzt und den Körper einer Frau bewegt."
"Lust stuns me like the sun", he says, and zeroes in on its source: "The arabesque of the spine. The curve by which the back modulates into the buttocks." He adds, "it is here that Grace sits and rides a woman's body."
Mit Worten wie diesen hat er sich auch in mein Herz gesungen und wird darin bleiben, solange ich lebe.

Kommentare:

Peter Oberschelp hat gesagt…

Vielen Dank für Deinen ebenso warmherzigen wie leidenschaftlichen Versuch, uns Deinen Lieblingsschriftseller noch ein Stück näher zu bringen. Allerdings kann ich nicht verhehlen, daß mich das zitierte Urteil seiner Frau Mary (smothered in pubic hair) besonders beeindruckt hat.

Christian Runkel hat gesagt…

Ja, Peter, das habe ich geahnt. Aber schau doch gelegentlich mal von dort weg und auf den Punkt der "curve by which the back modulates into the buttocks." Sonst verpasst Du die Gnade...

Esther Runkel hat gesagt…

Bless your heart, my brother! Freu dich an Updike. Es ist wunderbar, wenn man so etwas schreiben kann und wenn einen ein Autor in der Weise begeistert. - Ich teile allerdings den Eindruck von Peter Oberschelp und finde das, was dich begeistert, besonders abstoßend. Schade, denn ich würde gerne mit dir diese Begeisterung teilen...

Christian Runkel hat gesagt…

Esther, manchmal gehört das zusammen, das Abstoßende und die Gnade. Es ist ja auch eine große Ehrlichkeit darin, das Abstoßende in wahrhaftigen Worten zu schildern. Und Ehrlich ist die Bedingung der Gnade.

Esther Runkel hat gesagt…

Christian, Gnade ist für mich die falsche Kategorie. Gnade gilt einer moralischen Verfehlung oder einer Schuld. Ich verurteile Updike nicht, weil was er schreibt moralisch verwerflich wäre... Dann müsste ich aufhören Filme zu sehen und Romane zu lesen.
Aber ehrlich ist ja auch Charlotte Roche. Und genau wie bei ihr finde ich diese Art von Ehrlichkeit nutzlos. Wem dient so was? Ist es heilend oder befreiend, angregend oder schön?
Doch wohl nicht. Gruß, Esther