Freitag, 31. Oktober 2014

Briefwechsel mit einem atheistischen Freund (III)

Lieber Martin, 

lass mich noch einen vorsichtigen Versuch unternehmen, den „immanenten Rahmen“ schließlich doch als einen gemeinsamen Startpunkt für unsere unterschiedlichen Wege festzulegen. Ich glaube, wenn der Anfang derselbe ist, wird es deutlicher, in welche unterschiedlichen Richtungen wir uns bewegen.


Die Theorie vom immanenten Rahmen des Charles Taylor behauptet ja eine Basis, von der alle modernen Menschen, Gläubige wie Ungläubige gemeinsam ausgehen. Diese Basis ist quasi-atheistisch. Sie besagt: wenn wir im Alltag miteinander leben und uns über die Dinge des täglichen Lebens austauschen, werden wir sehr bald feststellen, dass der Gedanke an das Eingreifen einer transzendenten Kraft für gewöhnlich in keinem unserer Gespräche auftaucht. Das ist besonders beim Umgang mit den Computern zu beobachten, aber auch etwa bei der Planung bestimmter Gespräche und Konferenzen, bei der wir gemeinsame Strategien finden, wie wir auf andere Menschen reagieren und welche Reaktionen wir von Ihnen erwarten. Gott wird in diese Gespräche nicht eingreifen, so wenig wie er in das Wetter oder in die Börsenkurse eingreift. Damit rechnen die Ungläubigen, und die Gläubigen rechnen genauso, und das macht unser gemeinsames Leben und Zusammenarbeiten einfach.
 
Nun verstehe ich natürlich Deine emanzipatorischen Anstrengungen, was die Befreiung betrifft, die Du angesichts von bestimmten religiösen Vorgaben erreichen willst. Hier sind wir alle mit Vorstellungen und Ideen aufgewachsen, die wir später, in unserem Erwachsenenleben überprüfen müssen. Trotzdem meine ich, dass uns die gemeinsame Plattform von säkularen, auf das Immanente beschränkten Lebenserfahrungen bleibt, Es ist ein Rahmen, in dem wir uns mit einer schönen Leichtigkeit begegnen und es immer wieder schaffen, gemeinsame Lebensstrategien zu finden.
 
Mir ist es wichtig, von diesem Punkt auszugehen, an dem wir uns zunächst einmal nicht unterscheiden. Dann können wir nämlich gemeinsam an die Frage herangehen, ob wir mit diesem säkularen Denken wirklich alles erfassen, was es an erfassbarer Realität gibt, und ob uns das ausreicht. Hier habe ich ja bereits von der mich überraschenden Antwort geschrieben, welche der Mann am See Genezareth gefunden hat, der als Atheist durchaus darüber reden will, transzendente Erfahrungen zu machen.
 
Wenn das möglich ist, würde es für mich bedeuten, dass wir nicht nur unseren Alltag im säkularen Rahmen problemlos gemeinsam gestalten, sondern auch über unsere Träume und Visionen in großer Freiheit miteinander reden können, ohne am Ende Argumente darüber austauschen zu müssen, ob diese Träume und Visionen einen Hinweis auf Gott enthalten oder nicht. Wir könnten also eine lange Wanderung miteinander machen, ohne uns irgendwo auf dem Weg trennen zu müssen. Wir könnten beide zusammen Menschen in ihrer vollkommenen Menschlichkeit bleiben und die Frage nach Gott als etwas ansehen, das uns nicht wie zwei in entgegengesetzter Richtung fahrende D-Züge aufeinanderprallen lässt, je nachdem, wie wir sie beantworten.
 
Vielleicht sollte ich noch sagen, dass ich mit dieser Aufweichung konventioneller Grenzen nicht beabsichtige, Dich sozusagen auf meine Seite zu ziehen, genauso wenig wie ich dadurch auf Deine Seite geraten würde. Ich möchte allerdings gerne ein wenig von dem mir immer vollkommen wasserundurchlässig erscheinenden Lack auf der Außenseite der Atheisten in Frage stellen, etwas von dem, was mir unnatürlich und synthetisch erscheint. Mir ist die Welt des Glaubens immer wärmer und lebendiger erschienen als die Welt des Unglaubens. Man konnte sich dort zwar blaue Flecken holen, weil es immer wieder Menschen gab, die den Glauben dazu zu nutzen verstanden, Hierarchien zu bilden und andere Leute herum zu schubsen. Aber das war für mich niemals die ganze Wahrheit über den Glauben, und was ich dort als Wärme erlebt habe, möchte ich niemandem in der Welt vorenthalten
 
Ist das eine Einladung zu einer gemeinsamen Wanderung?
 
Ich würde mich freuen, wenn es so wäre!
 
Lieber Gruß
Dein Vetter Christian

 

 

1 Kommentar:

Martin Bohle hat gesagt…

Lieber Vetter, dessen Name Programm ist...

Unbenommen lassen sich viele Dinge im Alltag gemeinsam regeln, ohne dass es der Abstimmung der jeweiligen Weltsicht bedarf. Doch das uns beide Trennende liegt weit im vorreligiösem Bereich. Sobald Du von transzendentalen Dingen sprichst, haben sich unsere Denkweisen getrennt, da Du außer der Materie, das einzige "Substrat" der Existenz, weitere Substrate annimmst.

Guten Nacht, Martin

p.s. Der Link (http://oding.org/index.php/was-lief-verkehrt/785-ein-chinese-warum-ich-heide-bin) ist etwas "obskur", jedoch die literarische Quelle ist angegeben für ein langes Zitat, dass ich Dir empfehle; in meiner Ausgabe ab Seite 344. Warum dieses p.s.? Da dieses Zitat zeigt wie alltagsrelevant die Entscheidung für eine Weltsicht ist und wie früh im vorreligösen Bereich unser Denken verschiedenen Wege nimmt.