Donnerstag, 2. Juli 2026

Freier Wille und Zeit vs. Vorsehung und Ewigkeit

 

"Beendet: Boëthius' 'Consolationes', die ich im Bahnhof von Karlsruhe inmitten Betrunkener zu lesen begann. Der Gipfel des Werkes liegt in der Zuordnung von freiem Willen und göttlicher Fügung — Boëthius verlegt den freien Willen in die Zeit, die Fügung aber in die Ewigkeit. Da wir in beiden leben, so schalten wir in unseren Taten in voller Freiheit, und dennoch sind sie zugleich in jeder Einzelheit vorherbestimmt. Auf diese Weise untersteht der Handelnde zwei Qualitäten, von denen die eine der anderen unendlich überlegen ist. Im höheren Rahmen mögen wir uns bewegen, wie wir wollen, dennoch verharren wir in ihm. In allem ist, wie ein Gewürz, auf wunderbare Weise zugleich die Ewigkeit.

Diese Einsicht ist einer der Punkte, eines der Kaps, an die das menschliche Denken gelangen kann. Kant zieht die theologische Unterscheidung auf logische Weise nach; seine alles zermalmende Wahrheit ist also eine Wiederholung der Wahrheit schlechthin. Im Grunde gibt es keine neuen Wahrheiten — neu ist hier eine widersprechende Eigenschaft.

Gewisse Beziehungen fielen mir beim Lesen auch zu Tolstoi auf — insbesondere zu dem merkwürdigen Vorwort, das 'Krieg und Frieden' einleitet. In ihm untersucht Tolstoi die Tatsache, daß der Mensch als Einzelwesen seine Entscheidungen in voller Freiheit trifft und daß diese Entscheidungen dennoch in eine feste Statistik einmünden. So bleibt die Zahl der Selbstmorde im Verlauf der Jahre sich beinahe gleich, nur die Motive ändern sich. Eine je größere Anzahl freier Entscheidungen sich summiert, desto mehr verschwindet der freie Wille aus dem Resultat. Das erlaubt umgekehrt den Schluß, daß im freien Willen des Einzelnen ein unbekannter Faktor sich verbirgt, der in den Entschlüssen der Gattung sichtbar wird. Nach Tolstoi ist uns Willensfreiheit auch um so weniger gegeben, an je entscheidenderer Stelle wir tätig sind.“

Tagebuch 13. Februar 1940, Ernst Jünger

Mittwoch, 3. Juni 2026

Der Katechon des Peter Thiel

Das besondere an Peter Thiel für mich ist weniger seine Unterstützung der MAGA-Bewegung von Donald Trump, sondern viel mehr seine Theorie von der Entwicklung der Welt auf einen letzten Totpunkt hin. Er hat dies in einem langen Interview mit der New York Times dargelegt, die ich im folgenden für alle zugänglich verlinkt habe.

Er erklärt darin gleich zu Beginn, dass die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Bereichen zu einem Stillstand gekommen ist oder sich zumindest verlangsamt hat. Diese pessimistische Weltsicht wird von Thiels allgemeiner Anschauung getragen, dass eine Endzeit recht unmittelbar bevorsteht. Sie wird allerdings , so der zweite Teil seiner Theorie, durch eine gnädige Einrichtung noch ein wenig aufgehalten. Das ist die Rede vom Katechon, den Peter Thiel aus einigen apokalyptischen Stellen der Bibel herausgelesen hat. 

Offenbar greift er dabei auf den deutschen Staatsphilosophen Carl Schmitt (1888-1985) zurück, der über den Katechon geschrieben hat.

Der Glaube an den Katechon ist die einzige Möglichkeit, Geschichte christlich zu verstehen.

Erwähnt wird der Katechon im zweiten Kapitel des 2. Thessalonicherbriefes, in welchem über die Wiederkunft, Christie, die Parusie gesagt wird:

(Vers 7) Das Geheimnis des Frevels ist bereits wirksam; nur muss der, der es jetzt aufhält (katechon), erst hinweggetan werden.

Wenn man den Einwand beiseite lässt, wonach aus der MAGA-Bewegung nichts Gutes kommen kann, so bleiben doch zwei Gegenargumente gegen die Überlegungen von Peter Thiel.

Zum einen ist die endzeitliche Ausrichtung der Weltgeschichte kaum aus dem Bereich des Glaubens in den Bereich des konkreten Wissens zu übertragen. Man spürt das beim Lesen des Interviews mit der New York Times, in welchem Peter Thiel seine kulturkritischen Aussagen selbst relativiert. Es gäbe durchaus noch Fortschritt, etwa im Bereich der Computer, gibt er zu. Wenn also nicht alles den Bach heruntergeht, ist kein Katechon notwendig.

Der zweite Einwand ist komplizierter. Die Aussagen aus dem zweiten Thessalonicherbrief sind traditionell sehr verschieden gedeutet worden und eine neuere Deutung (Norbert Baumert) geht von der Annahme aus, dass Paulus nicht von der Gegenwart Gottes in der Wiederkunft Christi (Parusie) ausgeht, sondern von der charismatisch jederzeit zu erfahrenden Gegenwart Gottes im Gottesdienst. Entsprechend wäre der böse Gegenspieler, der Katechon, ein in der Gemeinde lebender Hochstapler, der die Gegenwart Gottes gewissermaßen herbeizaubern möchte oder gar sich selbst als Träger dieser Gegenwart feiern lässt.

Beide Einwände würde dem Katechon des Carl Schmitt und des Peter Thiel größtenteils den Boden entziehen.

 

Donnerstag, 21. Mai 2026

Mit offenen Armen


Aus meiner frühen Jugendzeit habe ich ein Lied im Kopf, das auch heute immer wieder einmal aus meiner Erinnerung hochkommt und mir Freude bereitet. Es verbindet sich bei mir mit dem Moment, als ich mich als 14-jähriger gerufen fühlte, mich dem Glauben an Jesus hinzugeben und ein Leben lang in seine Nachfolge zu treten. Das Lied wurde während einer Evangelisation von einem kanadischen Männerduett gesungen und gipfelte in der Einladung.

Mit off'nen Armen lädt er dich ein


Wenn ich mich richtig erinnere, waren es weniger die Worte, die mich einluden, mich den offenen Armen Jesu anvertrauen. Es war viel mehr die anschwellende Melodie, die mich anzog. Ich nehme heute an, dass wichtige Anstöße für meinen Glauben nicht über die Botschaft der Worte, sondern über die Versprechungen kamen, welche die Musik enthielt.


Nun habe ich die Quellen dieses Liedes erforscht und gefunden, dass es in den fünfziger Jahren in den USA entstanden ist und dort den Titel hat.


It is no secret what God can do


Zu meinem Erstaunen fand ich, dass dieses Lied unter anderem auch von Elvis Presley und Johnny Cash gesungen wurde. Der Komponist ist berühmt geworden, Stuart Hamblen (1908 – 1989). Er war ein wilder Rodeo-Reiter und Cowboy-Darsteller in vielen Filmen, hat sich später bei Billy Graham bekehrt und  dann außer diesem Lied noch einen Welthit geschrieben


This Ole House


Das Lied ist mit seinem rockigen Rhythmus auf den Tanzflächen der ganzen Welt erklungen und wurde ebenfalls u.a. auch von Elvis Presley und Johnny Cash gesungen. Bei uns ist eine deutschen Version bekannt geworden durch den Sänger Shakin' Stevens. 


Stuart Hamblen hat später erzählt, er habe bei einem Jagdausflug tief im Wald eine heruntergekommene Hütte gefunden und darin einen alten Mann, der bereits tot war. Die Erinnerung an das volle Leben, dass einmal in dieser Hütte geherrscht hat, sind verklungen, aber Hamblen lässt den alten Mann Trost darin finden, das  er die Aussicht hat, bald im Himmel auf die Heiligen / the Saints zu treffen. I'm gettin' ready to meet the saints.


So zählt er die Reparaturen auf, die er sich alle ersparen kann


Ain’t gonna need this house no longer

Ain't gonna need this house no more

Ain't got time to fix the shingles

Ain’t got time to fix the floor

Ain't got time to oil the hinges

Nor to mend the window-pane

Ain't gonna need this house no longer

I'm gettin' ready to meet the saints 


Die Wiederbegegnung mit Stuart Hamblen freut mich. Vielleicht steht das Lied vom alten Haus über dem Ende meines Lebens so wie There is no Secret verheißungsvoll über seinem Anfang gestanden hat.

Montag, 4. Mai 2026

Die Rhön

Die Rhön als "Land der offenen Fernen", wie sie traditionell bezeichnet wird, habe ich am Wochenende zum ersten Mal in meinem Leben besucht. Die Nachkommen meines Vaters hatten sich zu einem Familientreffen in einer Jugendherberge unterhalb der Milseburg versammelt.

Die Rhön ist ein Land mit weichen Landschaftsformen und ohne dramatische Gipfel. Die Wasserkuppe, mit 950 m höchster Punkt, ist eine fast tellerebene Hochfläche. Aber auch ohne steile Bergspitzen man hat von vielen Punkten wunderbare Ausblicke in die tatsächlich hier sehr offenen Fernen und in das weite Tal bei Fulda.

An manchen Stellen meinte ich die Landschaft so oder ähnlich schon einmal gesehen zu haben, und zwar in dem alten Volksliederbuch, das Tomi Ungerer 1975 mit schönen Zeichnungen versehen hat.

Freitag, 10. April 2026

Mein Großvater als NSDAP-Mitglied


Nachdem in den USA die Kartei mit den NSDAP-Mitgliedern digitalisiert und ins Netz gestellt wurde, gibt es jetzt auch einen deutschen Zugang, den "Die Zeit" geschaffen hat. Erwartungsgemäß habe ich "Adolf Runkel" sofort gefunden - unter immerhin sieben gleichnamigen Parteigenossen.

Mein Vater hatte mir von der Mitgliedschaft des Großvaters erzählt, dabei aber ein wichtiges Detail offenbar falsch in Erinnerung: der Großvater war nicht bereits vor der "Machtergreifung" am 30. Januar 1933 der Partei beigetreten, sondern erst am 1.Mai 1933. 

Das erklärt, warum der Großvater nie das goldene Parteiabzeichen erhielt, wie er es laut meinem Vater wohl erwartet hatte. Dafür hätte er bereits vor dem 30. Januar 1933 eingetreten sein müssen, am besten mit einer Mitgliedsnummer unter 100.000. Seine Nummer war aber - siehe nebenstehende Kopie - 2.830.170. 

Meine Kinder möchten eine Erklärung dafür haben, wie der Urgroßvater sich damals angesichts von dem erkennbaren Unrecht für Hitler entschieden hat. Ich denke, er hat Angst vor dem russischen Kommunismus gehabt - die Revoulution dort war gerade einmal 16 Jahre vorbei, und in Frankreich drohten russische Verhältnisse. Ich weiß, dass er seinen Weg später bereut hat.

Mittwoch, 25. März 2026

Mein Großvater und das Radiergummi

Adolf Runkel
Von meinem Großvater Adolf Runkel (1889 -1961) habe ich einen Gedanken übernommen, der mir im Leben viel geholfen hat, dessen Problematik mir aber im Alter immer deutlicher wird. Mein Großvater, der die Bauunternehmung der Familie leitete, ging – so haben es mir seine Mitarbeiter später erzählt – immer wieder einmal in die Büros, in denen seine Bauzeichner beschäftigt waren, und fragte einen der dort am Reißbrett arbeitenden Techniker nach dessen Radiergummi. Das führte dann dazu, dass der befragte in dem großen Materialfach zu kramen begann, das sich unterhalb seines Zeichenbretts befand. Wenn er es gefunden hatte und meinem Großvater zeigte, hatte dieser die Zeitspanne gemessen, die für die Suche notwendig war. 20 Sekunden! 

Und dann fragte der Großvater immer: wie oft suchen Sie das Radiergummi? Wenn der Befragte dann etwa sagte „vier mal pro Stunde“, dann rechnete der im Kopfrechnen überaus gewandte Großvater blitzschnell aus, dass die Suche nach dem Radiergummi am Tag 640 Sekunden verbrauchte, in der Woche entsprechend 53 Minuten und im Monat fast 4 Stunden. Auf das Jahr gerechnet waren das 45 Stunden, auf ein ganzes Leben etwa 225 Arbeitstage. Der Mitarbeiter war also auf das ganze gesehen, fast ein dreiviertel Jahr mit der Suche nach einem Radiergummi beschäftigt. So stellte es der alte Chef fest und machte ein ernstes Gesicht dabei.

Und dann legte er dem Techniker nahe, doch noch einmal zu überlegen, ob man das Radiergummi nicht mit einem Gummiband am Oberarm befestigen und auf diese Weise immer in Sekundenschnelle im Griff haben könnte. Keiner von den angesprochenen hat es je gemacht, aber nachgedacht hat man trotzdem. 

Später habe ich gelernt, dass die moderne Industrie solchen und ähnlichen Gedanken sehr intensiv nachgegangen ist und ganze Systeme daraus gemacht hat. In Deutschland hieß das REFA, in den Vereinigten Staaten wohl „Human Relations“. Im Studium habe ich später gelernt, dass die Amerikaner verschiedenen Versuchspersonen kleine Lampen an beide Handgelenke befestigt und mit einer Kamera Fotos aufgenommen haben, welche die Bewegungen der Hand mittels Langzeitbelichtung als Leuchtspuren wiedergab. Hier konnte man später sehen, für welche Bewegungen relativ lange Wege notwendig waren, und hat in der Konsequenz die Gegenstände, die die Hand auf diesem langen Weg gesucht hat, näher an die Mitte des Arbeitsplatzes heran arrangiert.

Am Ende hat sowohl der Mann an der Maschine oder am Zeichenbrett als auch sein Arbeitgeber profitiert. Der eine hat eine bequemere Arbeit gehabt, der andere hat für den gleichen Stundenlohn mehr Leistung bekommen.

Auf jeden Fall ist die grundsätzliche Logik solcher Untersuchungen weltweit anerkannt worden und hat alle Lebensbereiche durchdrungen. Auch mir ist die Logik einleuchtend erschienen, und ich habe sie auf viele Bereiche meines Lebens angewandt. Im Alter ist mir dabei immer deutlicher geworden, dass sie mir mein Leben aber teilweise auch erschwert hat. Warum? Nun, mein Eindruck ist, dass ich mir in der Folge die Vorgänge, die zur Bearbeitung auf meinem Tisch lagen, immer wieder fast wie von selbst in kleine und kleinste Teilarbeiten unterteilt habe, die ich dann jeweils optimiert habe. Diese Aufteilung in Teilarbeiten hatte nun aber den Nachteil, dass mir der gesamte Arbeitsaufwand sehr viel größer erschien, als wenn ich nur einen einzigen, ungeteilten Blick auf die Arbeit getan hätte.

Ein Beispiel: ich habe die vielen kleinen Schritte, die zu meiner morgendlichen Körperpflege gehören, zunächst so optimiert, dass ich sie immer in der gleichen Reihenfolge verrichte und dadurch keinen Schritt vergesse. Das ist hilfreich. Der Nachteil dabei ist aber, dass mir die zähe Abfolge dieser Schritte, die ich bereits vor dem Aufstehen vor meinem inneren Auge sehe, so ermüdend erscheint, dass ich zögere und lange warte, bis ich mich endlich aus dem Bett erhebe. Das, was ich dann zu erledigen habe, erscheint mir oft als eine arge Quälerei. So erleichtert mir die Analyse meiner Tätigkeiten auf der einen Seite meine tägliche Arbeit, lässt sie mir aber gleichzeitig auch sehr viel länger erscheinen, was mich belastet.

Beim Nachdenken über dieses Phänomen habe ich mich an den Gedanken von Goethe erinnert, der gesagt hat, die Neuzeit habe begonnen, als die Uhren alle 15 Minuten läuteten, und nicht wie früher erst nach einer halben Stunde. Dieses schnellere Takten ist also etwas, an das sich alle Menschen gewöhnen müssen. Die vergehende Zeit erscheint dann aber auch länger zu sein als wenn man sie nur im Halbstunden- oder Stundentakt misst.

Wir breiten die Arbeiten der Zukunft vor uns aus - und sehen mit Schrecken, was alles auf uns zukommt.

Dienstag, 3. März 2026

Meine Schwester Esther, heute 70 Jahre alt

Als ich in der vergangenen Nacht das silberne Licht des Vollmondes auf dem Fußboden unseres Esszimmers schimmern sah, dachte ich an den Tag vor 70 Jahren zurück, an dem Esther geboren wurde. Es war ein Samstag, und in meiner Erinnerung hat sich festgesetzt, dass unser Vater zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben die Schulbrote schmierte. Früh am Morgen hatte er den Anruf aus dem Krankenhaus bekommen, der Esthers Geburt meldete. Er hatte daraufhin ein wenig mürrisch Worte gemurmelt, in denen "Weiberwirtschaft" vorkam. Er erfuhr durch diesen Anruf, dass er jetzt drei Töchter hatte. 

Damals konnte das Geschlecht eines Kindes noch nicht vor der Geburt durch Ultraschall festgestellt werden, man wusste erst nach der Geburt, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Esther veränderte die Frauenquote sehr stark, der Vater hatte bis dahin außer den besagten drei Töchtern nur einen Sohn, mich. Dass später noch ein zweiter Sohn folgen würde, Erwin Adolf / Brüdi, konnte der Vater vor 70 Jahren noch nicht wissen. 

Die Schulbrote am Samstag (damals ging man auch samstags zur Schule) waren, das habe ich im Internet ermittelt, nur für mich. Meine jüngere Schwester Sigrid kam erst nach Ostern in die Schule, das war frühestens in der ersten Aprilwoche 1956.

An Esthers Tage als Säugling habe ich keine Erinnerungen. Was ich dagegen noch im Kopf habe, ist das Wort "Attada", mit dem sie sich als Kleinkind selbst bezeichnete. Unser Vater fand im biblischen Buch Esther den hebräischen Namen "Hadassa" (Myrte), der Esthers ursprünglicher Name war, bevor der Name der persischen Umgebung angepasst wurde. Mein Vater pries die Weisheit seiner kleinen Tochter, die ihren eigentlichen Namen gewissermaßen selbst herausgefunden hatte. 

Was er nie erwähnt und vermutlich auch nicht gewusst hat, ist, dass Esther 1956 nur fünf Tage nach dem Purim-Fest (damals am 26.2.1956) geboren wurde, das in jedem Jahr an die biblische Esther erinnert. In diesem Jahr 2026 fiel es genau auf den 3.März.

Mittwoch, 18. Februar 2026

Gemeinsames Fasten

In diesem Jahr fällt die muslimische Fastenzeit mit derjenigen der Christen zusammen. Erster Fastentag im Ramadan ist Donnerstag, der 19. Februar, das ist einen Tag nach dem heutigen Aschermittwoch, an dem traditionell die christliche Fastenzeit beginnt.

Die Zeit des Verzichtes auf Essen und Trinken endet bei den Muslimen am 19. März, bei den Christen erst an Ostern, am 5. April. Worauf die Christen verzichten, ist nicht verbindlich geregelt. Gerne wird auf Alkohol verzichtet, auch auf Süßigkeiten oder auf Fleisch. Muslimen und Christen gemeinsam ist, dass sie ihren Kopf klar bekommen wollen für neue Gedanken. In diesem Sinne den frommen Fastenden in der Runde: ich wünsche allen eine gute Zeit!

Freitag, 13. Februar 2026

Helmuth Rilling

Helmuth Rilling ist tot. Ich habe als Student in einem seiner Chöre mitgesungen und betrachte es als Glück, dass ich danach eine lebenslange, wenn auch lose Verbindung zu ihm halten durfte. Von ihm konnte man lernen, leise aufzutreten und trotzdem klar zu zeigen, in welche Richtung man gehen wollte.

Samstag, 10. Januar 2026

Ein herzliches Dankeschön

„Amen und Dank!“ schrieb mir vor ein paar Tagen ein lieber Freund, dem ich zu seinem Geburtstag (in den hohen Siebzigern) gratuliert hatte. Diese kurze Form hatte er wohl deshalb gewählt, weil zu seinem Geburtstag sehr viele Grüße und gute Wünsche eingegangen waren, die er nicht alle einzeln ausführlich beantworten konnte.

Ich wiederhole diese Worte heute ebenfalls „Amen und Dank!“ weil auch bei mir die Vielzahl der guten Wünsche (rund 100) eine individuelle Beantwortung schwierig macht. Ich bin von der großen Zahl überwältigt, weil ich bei zunehmendem Alter ein abnehmendes Interesse an meiner Person erwartet hatte. Das Netz der Kontakte wird nach meinem Eindruck im Alter dünner, vor allen Dingen, weil man älter werdend eher faul und nachlässig wird, solche Kontakte zu pflegen.


Aber - die Grüße und Glückwünsche gestern und auch noch heute haben mir das Gegenteil gezeigt. Und so ist es jetzt in meinem Herzen sehr warm.

Nochmal deshalb: Amen und Dank!

Montag, 5. Januar 2026

Adenauer


Als Konrad Adenauer am 15. September 1949 zum Bundeskanzler gewählt wurde, war ich ein halbes Jahr alt. Als er am 15. Oktober 1963 aus dem Amt schied, war ich 14 Jahre alt. Am Tag seiner Beerdigung am 25. April 1967 war ich 18, hatte bereits den Führerschein und konnte mit zwei Schulkameraden im Auto meiner Mutter nach Köln fahren. Die Schule hatte uns an diesem Tag freigegeben.

Wir haben uns vor dem Westportal des Doms den Einzug der prominenten Trauergäste angeschaut und sind später zum Südportal gelaufen, von wo der Trauerzug hinunter zum Rhein führte. Von dort wurde der Sarg auf einem Schiff in Adenauers Wohnort Rhöndorf gebracht, wo er auf dem örtlichen Friedhof bestattet wurde.
Ich habe eine ganze Reihe von Fotos gemacht, auf denen man mit etwas gutem Willen die Präsidenten Charles de Gaulle, Heinrich Lübke und Lyndon B. Johnson erkennen kann.. Sie gingen ohne erkennbaren Schutz durch die rechts und links an der Straße stehenden Menschenmengen. Auf den Dächern der Häuser waren jedoch immer wieder bewaffnete Posten zu erkennen.

Kennedy war vor etwas mehr als drei Jahren bei einer Fahrt im offenen Wagen erschossen worden. Mich wunderte damals, dass man vor der Wiederholung eines vergleichbaren Attentates nach meinem Eindruck wenig Angst hatte.

In der Kirche hat der damalige Kölner Kardinal Frings gesprochen. Davon habe ich allerdings nichts mitbekommen.

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Die Geburt von Jesus

Über das Leben von Jesus gibt es vier Berichte, von denen zwei auch die Umstände seiner Geburt enthalten. Ich erzähle hier als Weihnachtsgeschichte für meine Enkelkinder die Version des Lukas. Er schreibt insgesamt etwa 50 Seiten über das Leben Jesu und beginnt sie als Brief an seinen Auftraggeber, den er mit „hochedler Theophilus“ anredet. Dem berichtet er, dass Jesus geboren wurde, als in Rom der Kaiser Augustus herrschte. Diesem untergeordnet war der Gouverneur Quirinus, der als Oberhaupt der Provinz Syrien auch für das kleine Gebiet von Israel zuständig war. Das große Reich der Römer umfasste damals eine Serie von Provinzen, die sich um das komplette Mittelmeer erstreckten. Zu diesen Provinzen gehörte Spanien genauso wie Griechenland, die heutige Türkei, eben Syrien, Ägypten und die Länder bis zum heutigen Marokko. 

Der Kaiser in Rom wollte eine Übersicht über die gewaltige Menge an Land und Leuten haben, über die er regierte, und befahl deshalb eine Volkszählung. Für diese Volkszählung wurde für alle Menschen im römischen Reich angeordnet, dass sie sich in ihre Heimatstadt begeben sollten, um dort gezählt zu werden. Auf diesem Befehl hin machten sich der Zimmermann Josef und seine junge Frau Maria, die Eltern von Jesus,  zu Fuß auf den etwa 160 km langen Weg von Nazareth im Norden Israel, wo die beiden wohnten und arbeiteten, in die Stadt Bethlehem, die in der Mitte Israels liegt, nicht weit von Jerusalem entfernt.

Dieser Weg ist heute touristisch erschlossen und führt durch teilweise wüstenähnliches Gebiet hinab an den Fluss Jordan und von dort nach Bethlehem. Ich bin einmal ein Stück dieses Weges gegangen und habe dort eine norwegische Gruppe getroffen, die unter Führung meines Freundes Nedal den ganzen Weg gegangen ist.

Die Stadt Bethlehem hatte einen besonderen Ruf, weil in ihr etwa 1.000 Jahre vor Jesus der König David geboren worden war. Josef stammte aus dessen Stadt und war auch entfernt mit dem Königshaus verwandt. Daraus konnte er aber keine besonderen Vorteile ziehen. Im Gegenteil war es so, dass die Stadt von den vielen zurückkehrenden Bethlehemern so voll war, dass Josef und Maria keine Unterkunft in der Stadt fanden. Lukas berichtet, dass Maria das Kind in Windeln wickelte und in eine Futterkrippe legte. Man kann daraus ganz offensichtlich schließen, dass Maria und Josef nur einen Stall als Schlafplatz bekommen hatten. Das dem kleinen Jesus-Baby, die Tiere im Stall zugeschaut haben, das haben die Menschen sich später vorgestellt. Es ist sicherlich sehr wahrscheinlich, aber Lukas erzählt nichts davon.

Was er dagegen ausführlich erzählt, ist die Erscheinung eines Engels auf den Hirtenfeldern außerhalb von Bethlehem. Von denen berichtet Lukas, dass sie bei Nacht unter freiem Himmel saßen und ihre Herden hüteten. Als plötzlich der Engel erschien, waren die Hirten aufgrund dieser übernatürlichen Erscheinung sehr erschrocken und fürchteten sich. Der Engel bemerkte das und sagte beruhigend „fürchtet euch nicht!“ Und er fügte hinzu „ich habe eine frohe Botschaft für euch und alle Menschen: es ist heute der Retter für euch alle geboren, der Messias“ und der Engel sagte außerdem „in der Stadt Davids“.

Damit die Hirten das Kind auch finden konnten, beschrieb Ihnen der Engel, dass es „in Windeln gewickelt“ ist und in einer Krippe liegt. Die Hirten mussten also nicht in den herrschaftlichen Häusern der Stadt nach dem Kind suchen. Nein, es war eine einfache Geburt, in ärmlichen aber ordentlichen Umständen. Das Kind war sauber gewickelt. Die Krippe war weniger freundlich, aber den Hirten war vermutlich bekannt, dass aufgrund des Gedränge in der Stadt nicht für jeden Gast ein normales Zimmer zur Verfügung stand.

Nachdem der Engel diese Botschaft verkündet hatte, geschah noch etwas Außergewöhnliches. Um den Engel herum erschienen plötzlich weitere Engel, die Gott lobten und Worte sagten oder vielleicht sangen, wie „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“. Der Himmel klang mächtig von diesen Tönen.

Wenig später waren alle Engel wieder verschwunden, und die Hirten stießen sich untereinander an und sagten, lass uns nach Bethlehem gehen und herausfinden, was da geschehen ist. Und richtig – sie fanden Maria und Josef und auch das in der Krippe liegende Kind.

Die Hirten waren die ersten Fremden, die Jesus sahen und in der Welt von ihm erzählen konnten, und das taten sie auch sogleich. Lukas sagt, dass die Menschen, die es hörten, sich über das wunderten, was ihnen die Hirten sagten.

Lukas fügt am Ende zu seinem Weihnachtsbericht hinzu, dass Maria alle Worte in ihrem Herzen bewahrte. Man folgt daraus, dass Lukas beim Zusammentragen seiner Informationen für den edlen Theophilus auch auf Marias Wissen zurückgreifen konnte.

Ich habe beim Nacherzählen dieser Geschichte die Bibel vor mir liegen gehabt und habe mich gewundert, wie kurz diese Weihnachtsgeschichte ist. Lukas berichtet als Nächstes, dass acht Tage nach der Geburt die Eltern mit dem Kind nach Jerusalem in den Tempel gehen. Die Geschichte mit den Heiligen Drei Königen und der Verfolgung durch den bösen König Herodes berichtet Lukas nicht, sie steht bei Matthäus. Bei Lukas sind es nur die Hirten, die den Engeln begegnen und dann als erste fremde Menschen den neugeborenen Jesus zu sehen bekommen.

Manchmal sind die kurzen Geschichten die schönsten.

Sonntag, 16. November 2025

Die Steppe


Anton Tschechow
Anton Tschechow erzählt hier die Geschichte einer sich über mehrere Tage hinziehenden Fahrt durch die südrussische Steppe zwischen Don und Wolga. Im holprigen Pferdewagen sitzen zwei Kaufleute, die eine Fuhre Wolle in einer größeren Stadt verkaufen wollen. Mit ihnen fährt ein neunjähriger Knabe, der in der Stadt zum Gymnasium gehen soll.  Die Fahrt ist angesichts der glühenden Julihitze beschwerlich, lässt aber auf vielfältige Weise das grandiose Naturschauspiel miterleben, welches die Steppe immer wieder bietet. Wenn der Wagen halt macht, ergeben sich Begegnungen mit anderen Reisenden oder Gespräche untereinander, die ein farbiges Bild des Lebens in der Steppe miterleben lassen. An einem Haltepunkt erzählt einer der Reisenden zwei Geschichten von der glücklichen Rettung vor Räuberbanden, die bereits mit gezückten Messern auf ihre Opfer warteten. Tschechow hält an dieser Stelle an und fragt, ob die etwas übertrieben wirkenden Darstellungen wirklich wahr sind. Nach kurzem Bedenken entscheidet er sich dafür, den Geschichten zu glauben, denn, so sagt er, alles war an sich so wunderbar und furchtbar, dass das fantastische einer Fabel oder eines Märchens daneben verblasste und mit dem Leben verschmolz.

Der Gedanke, dass eine erzählte Geschichte mit dem Leben verschmilzt und auf diese Weise glaubhaft wird, war mir neu, leuchtet aber unmittelbar ein. Mit dem Leben zu verschmelzen, das ist ein Erkenntnisvorgang, ein Weg zur Wahrheit, über den man noch lange Nachsinnen kann.

Die Sammlung von neun Tschechow–Geschichten, die in meinem Besitz ist, wurde 1945 von dem russischen Schriftsteller Iwan Schmeljow im Pariser Exil zusammengestellt und kommentiert. Bei ihm ist Wahrheit – Prawda auch gleichbedeutend mit Strafrecht, dies allerdings in einer sehr besonderen Form, in welcher das Verbrechen als Sünde und der Verbrecher als Unglücklicher angesehen wird. Hier ergibt sich vermutlich ein Blick in das, was man lange Zeit als „russische Seele“ bezeichnet hat. Sie ist tief, kaum erklärbar und oft auch in sich widersprüchlich. Aber das macht sie vielleicht dem Leben ähnlich, das sich insgesamt auch nicht immer erklären lässt. In der Steppe bekommt man eine Ahnung davon, wie vielfältig menschliches Leben sein kann und man fährt Station für Station neugierig auf dem rumpelnden Pferdekarren mit. Vielleicht verschmilzt auch bei mir bald das, was ich bei Tschechow lese, mit meinem Leben.

Montag, 10. November 2025

Über Dispensationalismus

Peter Thiel
Für mich überraschend ist die Lehre von den Zeitaltern ("Dispensationen") der Heilsgeschichte in der letzten Zeit immer wieder in den Kommentaren der amerikanischen Zeitungen aufgetaucht. Vielleicht am prominentesten wird sie vertreten von dem Milliardär Peter Thiel (hier sein Interview "Peter Thiel and the Antichrist" mit Ross Douthat), der mit seinem Geld und Einfluss prominent den Vizepräsidenten JD Vance befördert hat.

Die Theorie von den Dispensationen legt über die Weltgeschichte ein Raster von großen Erklärungsmodellen, nach denen die verschiedenen Zeitalter jeweils auf einen großen Grundgedanken basierten. Besonders nachdrücklich geschieht das in verschiedenen Ausprägungen des Christentums. Aber auch die Hippie-Bewegung hat erwartet, dass in der Neuzeit The Age of Aquarius, das Zeitalter des Wassermanns, beginnt, in dem Liebe und menschliches Verständnis regiert. 


John Nelson Darby
Die Christen haben ihre Theorien traditionell anders angelegt, indem sie das in der Bibel verheißene, 1000-jährige Reich als siebten Tag einer Kette von Zeitaltern interpretiert haben, die am Ende im himmlischen Königreich Gottes zum Ziel kommen. In Wikipedia kann man nachlesen, wie sich die schon bei Augustinus vorhandenen christlichen Gedanken entwickelt und verbreitet haben. Modern geworden sind sie besonders durch den anglikanischen Priester John Nelson Derby (1800 - 1882), um den herum sich auch in Deutschland kleine, so genannte „Brüdergemeinden“ bildeten, die sich in vielem von den großen protestantischen Kirchen unterschieden. 

Durch das Verbot dieser Brüdergemeinden durch die Nazis im Jahre 1938 wurden - jetzt erzähle ich von mir - die Nachkommen meines Urgroßvaters Christian Runkel, der ein Mitbegründer und Leiter der Remscheider Brüdergemeinde war, in verschiedene Richtungen verstreut. Etwa die Hälfte von Ihnen schlossen sich aber wieder einer klassischen Brüdergemeinde an, nachdem diese nach 1945 neu gegründet wurde. Ein anderer Teil, zu dem meine Familie gehörte, ging zu den Baptisten.


Mein Vater, der in vielerlei Hinsicht ein treuer "Bruder" geblieben war, hat viele Gruppen und Konferenzen besucht, die nicht von den Baptisten betrieben wurden, sondern auf die eine oder andere Weise noch die alten Weisheiten der Brüder am Leben erhielten. Ich erinnere mich noch daran, wie er von diesen Konferenzen zurückkam und mir halbwüchsigem Jungen erklärte, wie sich ein Zeitalter auf das andere aufbaute und sich daraus erklärte. Ich weiß auch, dass in der brüdergemeindlichen Bibelschule Wiedenest, ein großes Schaubild an der Wand hing, in welchem die sieben Weltzeitalter dargestellt wurden. Man kann es im Internet finden, ich füge es hier an.



Nachdem die Anschauung, man könne die Weltgeschichte anhand solcher schematischen Betrachtungen erklären, jetzt also wieder prominent geworden ist, habe ich viel über diese Betrachtung nachgedacht. Ich erinnere mich daran, dass mein Vater und seine Freunde letztlich daran gehindert waren, aus ihren Erkenntnissen praktische Politik zu machen. Warum? Nach meinem Eindruck hinterlassen alle Erklärungsmodelle immer wieder große Lücken. Am deutlichsten war mir das schon als Kind, als in den historischen Erklärungen meines Vaters, die finstere Zeit des Zweiten Weltkriegs mit seine Millionen Toten irgendwie ausgeklammert wurde. Zwar war sie bedeutend, um die in der Bibel vorausgesagte Rückkehr der Juden nach Israel zu bewirken, aber um die Millionen Toten unter den Juden und unter den Russen – Soldaten und Zivilisten – und gleichermaßen auch unter den Deutschen zu erklären, reichte keine der Theorien aus.


Später lernte ich, dass der Schöpfer des Wiedenester Zeitplans, Erich Sauer, mit den Nazis recht vorsichtig taktiert hat. Wie sollte er eine Katastrophe, gegen die er sich nicht offen aufgelehnt hat, in ein reines und schönes von Gott gelenktes Weltbild einbauen?


Für mich haben alle diese Erinnerungen den Vorsatz bekräftigt, mein Leben nicht unter den Vorzeichen großer Theorien zu verstehen. Mir hat im Gegensatz dazu der Gedanke von Martin Heidegger gefallen, dass wir "Geworfene" sind, die zunächst einmal nur das verstehen, was wir um uns herum vorfinden. Das schließt große letzte Gedanken an einen Sinn der Weltgeschichte aus. Aber es lädt uns dazu ein, den Lebensbereich, den wir gestalten können, mit Sinn und Wärme zu erfüllen - und dort Gott zu begegnen.


Dienstag, 30. September 2025

Zu Charlie Kirk

Eine Übersicht Hier zunächst die Auseinandersetzung von Kardinal Dolan und den Sisters of Charity aus der Catholic Review.

Eine kritische Reaktion von deutscher Seite hat der von mir sehr geschätzte Jesuitenpater Klaus Mertes in der "Zeit" verfasst. Er sagt – mit meinen Worten – dass der Nationalismus von Kirk wie ein Vorzeichen vor der Klammer seiner sonstigen Gedanken steht. In der Klammer mag stehen, was will, der Nationalismus verkehrt alles ins Negative. Hier sein Artikel "Sie haben den Namen des Herrn missbraucht."

Ich bin gegenüber dieser Bewertung kritisch und schätze eher die ebenfalls konservative, aber differenzierte Bewertung von zwei Journalisten der New York Times.

David Brooks stellt – anders als Klaus Mertes – die genuine Religiosität von Charlie Kirk in den Vordergrund. Er hält es für möglich, dass seine Bewegung bessere Politiker als den moralisch fragwürdigen Donald Trump hervorbringt. Er warnt aber davor, dass die neue Religiosität zusammen mit einer ungezügelten politischen Radikalität eine gefährliche Mischung darstellen kann. Er lässt dabei offen, ob es zwangsläufig dazu kommen muss. Ich zitiere aus seinem hier vollständig nachlesbaren Artikel "We Need to Think Straight About God and Politics":

But the events of the past week have proved that this is a genuinely religious movement and Charlie Kirk was a genuinely religious man. The problem is that unrestrained faith and unrestrained partisanship are an incredibly combustible mixture. I am one of those who fear that the powerful emotions kicked up by the martyrdom of Kirk will lead many Republicans to conclude that their opponents are irredeemably evil and that anything that causes them suffering is permissible. It’s possible for faithful people to wander a long way from the cross.

Ross Douthat sieht ebenfalls die Chancen, die ein christliches Revival mit sich bringen kann, warnt aber ebenfalls vor einer religiösen Bewegung, die nur für ihre Stärke und ihren Glauben bekannt ist – aber nicht für ihre Liebe. Auch hier ein Zitat aus dem Artikel "Christianity after Charly Kirk"

And it holds true especially in the religious realm, where there will be no lasting revival unless Christians are known not just for their strength or their belief but for their love.

Samstag, 20. September 2025

Unnützes Wissen

In der New York Times wurde darüber berichtet, dass man Texte, die von der künstlichen Intelligenz erzeugt wurden, daran erkennen kann, dass sie häufig den überlangen Bindestrich verwenden, den "em dash" wie er im englischen heißt (weil er die Breite eines m einnimmt). Der deutsche Fachausdruck ist "Geviertstrich".

Im Deutschen wird dieser überlange Bindestrich fast nie verwendet, wohl der halblange, der im Englischen "en dash" heißt, weil er nur die Breite eines n einnimmt. Im deutschen heißt er dann korrekt "Halbgeviertstrich" und unterscheidet sich durch seine Länge vom einfachen Bindestrich. Auf der Tastatur des Computers lässt sich der überlange Geviertstrich herstellen, indem man die Taste alt drückt und gleichzeitig 0151 eingibt. Der Halbgeviertstrich geht einfacher: strg und gleichzeitig das Minuszeichen der Zifferntatstatur.

Im Deutschen wird der Bindestrich ohne Leerzeichen zwischen zwei zu verbindende Worte gestellt, wie etwa km-Stand, der längere Halbgeviertstrich bekommt dagegen – zur Verstärkung der Wirkung – noch vorne und hinten ein Leerzeichen.

Mittwoch, 10. September 2025

Meine beiden Großväter in Gestapohaft


Erwin Bohle 1897 - 1957
Adolf Runkel 1889 - 1961
Im Jahr 1942 waren meine beiden Großväter für mehrere Wochen in Gestapohaft. Sie hatten eine gemeinsame Aktion unternommen, welche die Aufmerksamkeit der Gestapo erregte. Die beiden hatten einen Brief des gefeierten Luftkämpfers Werner Mölders im Büro des einen – Adolf Runkel – vervielfältigt und in der Baptistengemeinde des anderen – Erwin Bohle – verteilt. Die Aktion sollte das Ziel haben, so erinnerte sich mein Vater, den an den verschiedenen Fronten als Soldaten eingesetzten Söhnen der Gemeinde Mut zu machen, ihren Glauben auch als gute Soldaten und als gute Deutsche zu leben.

Der hoch dekorierte und von den Nazis gefeierte Werner Mölders hatte an einen Freund geschrieben, dass er auch im Krieg an seinem Glauben festhalte und den spottenden ungläubigen „Lebensbejahenden“ ein Beispiel gebe, wie die vermeintlich „lebensverneinenden Katholiken“ im Kampf "seelische Stärke" bewiesen. Die Gestapo hatte diesen Absatz als Kritik am nationalsozialistischen Regime angesehen und im ganzen Reichsgebiet versucht, die Verbreitung dieses Briefes zu verhindern.

Was die Gestapo wusste, die Großväter allerdings nicht, war, dass der Brief eine Fälschung war. Für die Gestapo war es leicht, dies herauszufinden, weil der Adressat des Briefes gar nicht existierte. Zwar hatte Mölders einen ähnlichen Brief geschrieben, der seinen katholischen Glauben bestätigte, der aber die kritische Passage nicht enthielt. Beide Briefe sind im Internet dokumentiert. Mölders war zum Zeitpunkt der Verteilaktion bereits einige Monate tot, nachdem er im November 1941 als Passagier eines Linienfluges bei dessen Absturz nahe Breslau ums Leben gekommen war.

Die ganze Geschichte der Fälschung ist erst viele Jahre nach dem Krieg herausgekommen, als ein Offizier des britischen Geheimdienstes seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben hatte. Das geschah in den sechziger Jahren, da waren die beiden Großväter bereits verstorben.

Sie haben bis zum Ende ihres Lebens geglaubt, eine gute Sache vertreten und der deutschen Wehrfähigkeit eher genutzt als geschadet zu haben. Dass sie dafür in Untersuchungshaft genommen wurden, haben sie als großes Unrecht empfunden und haben zusammen mit ihren Angehörigen alles in ihrer Macht Stehende getan, um wieder frei zu kommen. Für den mütterlichen Großvater Erwin Bohle hat seine Frau Lina gekämpft, sie hat sich in den Zug nach Berlin gesetzt, um dort bei dem Gauleiter Wilhelm Bohle vorzusprechen, einem hohen Funktionär in der Nazihierarchie und entfernten Verwandten. Er hat ihr offenbar geholfen, denn in den Akten, die viele Jahre später mein Onkel Manfred Bohle eingesehen hat, steht ein Eintrag, dass der Großvater auf Anweisung von Berlin freigelassen worden sei.

Der andere Großvater kam ebenfalls frei, nachdem sein Bruder Gustav, Mitgesellschafter in der Bauunternehmung der Familie, eine hohe Summe hinterlegt und darauf verwiesen hatte, dass sein Bruder ein dem nationalsozialistischen Denken durchaus nahestehender Mann war. In der Tat war er schon vor dem Jahr 1933 Parteimitglied der NSDAP geworden.

Dass die beiden Männer sich nach dem Krieg über einen gemeinsamen Enkel - für beide der erste - freuen würden, nämlich mich, war 1942 noch nicht abzusehen. Die beiden gehörten unterschiedlichen Freikirchen an, von denen die von Großvater Adolf etwa ab 1938 verboten war, weil sie einige Auflagen der Nationalsozialisten nicht erfüllen wollte. Die Freikirche von Großvater Erwin, die Baptisten, deren Pastor er war (damals sagte man „Prediger“), konnte dagegen die Zeit des Dritten Reiches von den Nazis unbehelligt überleben, war dabei in gewisser Weise auch ein Refugium für Leute von Adolfs verbotener „Versammlung“ und hatte Zulauf von dort. Mein Vater hatte auf die eine oder andere Art und Weise Freunde unter den Baptisten gefunden und hatte 1944 Erwins Tochter Sigrid einen Heiratsantrag gemacht, war damals allerdings von ihr abgewiesen worden.

Erst nach dem Krieg konnte mein Vater den Heiratsantrag wiederholen und wurde erhört, wohl auch deshalb, weil ein Mitbewerber um die Hand meiner Mutter in den letzten Kriegstagen gefallen war.

Die beiden haben schließlich im Januar 1948 geheiratet, ein Jahr später wurde ich geboren, zur Freude auch von Adolf und Erwin.

 

Montag, 18. August 2025

Mein Onkel Johannes Runkel, heute vor 100 Jahren geboren

 

Er war der jüngste Bruder meines Vaters und hat in meinen ersten 20 Lebensjahren immer in der Nachbarschaft gelebt. Als meine Eltern im Jahr 1952 die geräumige Wohnung in der Nordstraße 76 bezogen, wohnte der Onkel mit seiner Frau Hanna in der Etage über uns, später, nach dem Umzug zum Kremenholl, wohnte er mit seiner Familie im Haus nebenan. In der nicht besonders gut schallisolierten Nordstraße konnte ich sein weiches und warmes Klavierspiel durch die Wände hören und lernte bald Glenn Millers „In the mood“ in etwa so zu spielen, wie es der Onkel mir vormachte. Schon recht früh durfte ich an der Jugendbibelstunde teilnehmen, die wöchentlich in seinem Wohnzimmer stattfand. Hier fand ich einen lebendigen Glauben und auch einen festen Freundeskreis. in dem ich bald das Glück kennenlernte, ein Mädchen zu küssen.

Mein Onkel hatte als leibliche Kinder fünf Töchter und als Söhne den adoptierten Michael – und in gewisser Weise auch mich. Viele Leute sagten, ich sei dem Onkel ähnlicher gewesen als meinem Vater. Mir gefiel außer seinem Klavierspiel auch seine Leidenschaft für Bücher, und ich habe schon mit 14 versucht, seinen Rekord zu brechen, den ihr mit „200 Seiten Karl May pro Tag“ aufgestellt hatte. Auch erschien er mir sehr viel sensibler zu sein als mein Vater, obwohl der Onkel stark und stattlich war, einen Kopf größer als mein Vater, und Zeit seines Lebens auch 50 Kilo mehr als dieser wog.

Der Onkel rechts oben,
mit seinen Brüdern und seinen Eltern
Er war noch relativ spät zum Kriegsdienst eingezogen worden und war als Luftwaffen-Funker an der Westfront in französische Gefangenschaft geraten. Er musste lange Zeit im Bergwerk arbeiten, bevor er eine nicht weniger anstrengende Tätigkeit in einem Trockendock in der Normandie bekam. Als er entlassen wurde, war er stark abgemagert und wurde von seiner Mutter mit viel Liebe wieder aufgepäppelt. In dem behelfsmäßig errichteten kleinen Haus meiner Großeltern in einem Dorf bei Wermelskirchen hatte er ein kleines Zimmer, das auch nach seiner Hochzeit und seinem Wegzug noch besonders gehalten wurde. Dass ich bei Besuchen der Großmutter im „Zimmer von Onkel Johannes“ schlafen durfte, war immer ein Vorrecht.

Später ist er mein Chef geworden, was mir den Einstieg in die Bauunternehmung der Familie erleichterte, bei meinem Vater hätte ich nur ungern gearbeitet. Das große und weiche Herz dieses übergewichtigen Mannes machte die Zusammenarbeit gleichzeitig leicht und schwer. Er konnte wunderbar großzügig sein, aber an anderen Tagen auch missmutig und launisch. Einzelne Angestellte im Umkreis seiner Abteilung bildeten sich als Kreml-Astrologen heraus und konnten auf Anfrage mitteilen, ob es ratsam sei, an dem fragliche Tag den Chef mit irgendeinem Wunsch zu konfrontieren.

Er ist früh aus der Firma ausgeschieden, und ich bin ihm wenige Jahre später gefolgt und habe eine kleine Abteilung der Firma zu einem selbstständigen Büro gemacht, von dem ich 35 Jahre bis zu meiner Rente gelebt habe. In seinen letzten Lebensjahren habe ich ihn regelmäßig besucht und bin bei seinem Tod 2003 in tiefen Frieden von ihm geschieden.

Er hat mir viele Erinnerungen mitgegeben, die ich als einen Schatz bewahre und die ich nicht alle öffentlich weitergeben kann – man möge mir hier verzeihen. Er war ein Sünder, und er war als solcher ein Gerechter, ganz wie der berühmte Theologe Karl Barth es sagen würde. Er wollte als Sünder in Erinnerung bleiben und wollte damit Gottes Gnade über seinem Leben zum Leuchten bringen.

Montag, 21. Juli 2025

Ein selbst entwickeltes Rezept

Hier ist eine chinesische Hühnerbrühe, die auf dem typischen Dreiklang Ingwer – Frühlingszwiebeln – Knoblauch aufbaut, aber um einige geschmackliche Zusätze ergänzt ist.


Zutaten:
 

Eine Frühlingszwiebel, in 2 bis 3 cm lange Stücke geschnitten

4 dünne Scheiben Ingwer, in Streifen geschnitten

3 Knoblauchzehen, in Streifen geschnitten

Einige Stängel Koriander, grob gehackt

Einige Stängel glatte Petersilie, grob gehackt 

2 Scheiben Zitronen
1/2 l Wasser

2 bis 3 Teelöffel Hühnerbrühe

2 kleine Tomaten, in Würfel geschnitten

 

Die Gemüse in das kalte Wasser geben und aufkochen, Hühnerbrühe (Pulver) dazugeben und, wenn vorhanden, außerdem einen Teelöffel Umami-Pulver.

Alles zusammen aufkochen und zum Schluss auch die Tomaten hinzugeben. 3 Minuten ziehen lassen.. Mit den Gemüsen in eine große Tasse geben und servieren. Je nach Geschmack die Zitronen und die Ingwerstreifen vorher entfernen.

Guten Appetit!

 

P.S. Ich habe das Rezept anfangs deshalb probiert, weil ich mich an den Koriander-Geschmack gewöhnen wollte. Das ist mittlerweile einigermaßen gelungen.

Samstag, 9. November 2024

Amsterdam und die Juden

Ich erinnere mich noch lebhaft an eine Predigt, die vor vielen Jahren ein holländischer Pfarrer in einer Kirche am Rand der Nordsee gehalten hat. Sie handelte von "Mokum", dem alten und geheimnisvollen Namen* für die Stadt Amsterdam, die in früheren Jahren Flucht- und Versammlungsort für europäische Juden war. In ganz Holland habe es Schilder an Wegkreuzungen gegeben, welche die Richtung auf Amsterdam / Mokum wiesen.

In der Predigt des Pfarrers war Mokum ein Ort, zu dem ein verfolgter Jude fliehen konnte, um in Freiheit zu geraten. Fragtest du nach Mokum, dann wurde dir ein Weg aus der Bedrängnis gewiesen, die in vielen europäischen Orten herrschte. Für Christen, so sagte der Pfarrer, gäbe es einen ganz ähnlichen Zufluchtsort: das Kreuz des Mannes aus Nazareth.

Später hat es mich nicht verwundert, dass der Amsterdamer Fußballverein Ajax eine enge Verbindung zum Judentum hielt. Das könnte zunächst daran gelegen haben, dass das alte Ajax-Stadium in einem Viertel lag, in dem vor 1933 viele Juden lebten - was die angereisten Fans anderer Vereine glauben machte, Ajax sei ein überwiegend in jüdischer Hand befindlicher Verein (was aber wohl nie stimmte).

Im Ergebnis haben sich Ajax und seine Fans einen Spaß daraus gemacht und haben an allen möglichen Stellen im Stadion jüdische Symbole gezeigt. Ganz ähnlich hat es der Londoner Verein Tottenham Hotspurs gemacht, dessen Fans sich nach einem Bericht des Spiegels aus dem Jahr 2013 sogar Yid Army nennen. Niemand in Amsterdam oder London denkt sich offenbar viel dabei - ähnlich wie die Kölner, deren Lied "Mer stonn zo dir FC Kölle" ebenfalls in meinen Ohren recht hohl klingt (aber schön, wenn es das ganze Stadion singt).

Vor diesem Hintergrund sind die Israel-feindlichen Krawalle schwer einzuordnen, die sich in der vergangenen Woche beim Europa-Liga-Spiel von Ajax Amsterdam und Maccabi Tel Aviv zugetragen haben. Ein Teil der Presse beschuldigt örtliche Marokkaner und Türken, hier Öl ins Feuer gegossen zu haben. Die türkische Presse und Al Jazeera berichten dagegen, dass auch die Israelis recht derb aufgetreten sind und u.A. palästinensische Flaggen abgerissen haben.

Ich möchte mein altes Mokum nicht verlieren! Und ich bitte alle, die dagegen sind, doch zu bedenken, dass das Leiden und die Befreiung der europäischen Juden am Ende dazu geführt hat, ganz Europa zu einem Ort zu machen, zu dem Menschen aller Nationen und Religionen strömen, die hier ihr neues Mokum finden können.

*Der Name geht auf das hebräische Wort für "Ort" zurück, maqom.