Donnerstag, 1. Februar 2024

Heute vor 50 Jahren: Beginn meines Berufsleben

Am 1. Februar 1974 habe ich zu arbeiten begonnen – mit einem Fehlstart. Das Flugzeug, das uns von der Hochzeitsreise zurück nach Deutschland bringen sollte, war vor Beginn der Reise für einen unbestimmten Zeitraum geplant, nach meiner Erinnerung vom 29. Januar bis zum 5. Februar. Kurz vor dem Abflug wurde uns mitgeteilt, dass der Flug nunmehr am 3. Februar stattfinden sollte.

Mein Onkel Johannes Runkel, in dessen Abteilung der Firma unserer Familie - oben sieht man das Logo - ich beginnen sollte, sagte mir nach unserer Ankunft an einem Wochenende am Telefon mit tiefgefrorener Stimme, bei jeder anderen Firma würde mir jetzt wohl wegen unpünktlichem Arbeitsantritt sogleich gekündigt. Aber ich solle kommen. Ich habe dann an einem Dienstag (5. Februar) meinen ersten Arbeitstag gehabt.

Die Voraussetzungen für einen freundlichen Empfang hatten sich schon in den Monaten zuvor verschlechtert. Der Onkel, den ich sehr gerne hatte (ich habe über ihn in diesem Blog geschrieben), lehnte mein Betriebswirtschaftsstudium rundheraus als unnötigen Umweg ab und war nah daran, mich allein deshalb gar nicht erst einzustellen.

Was mir schließlich geholfen hat, seine Zuneigung nach und nach wieder zu gewinnen, habe ich Wochen später auf Umwegen erfahren. Ich hatte in der Vorbereitung auf eine Betriebsratssitzung gesehen, dass die mit dem Schmieren von unzähligen Brötchen beauftragte Mitarbeiterin es nicht rechtzeitig schaffen würde, vor der Sitzung alle Brötchen vorbereitet zu haben. So habe ich mir kurzerhand ein Messer genommen und ihr geholfen.

Das hat man meinem Onkel dann offenbar berichtet und er hat einem seiner Freunde erzählt, dass ihm mein bescheidenes Auftreten gefallen habe. Der Freund erzählte es meiner Mutter, und meine Mutter erzählte es mir. Ich war beim Onkel wieder in Gnaden.

Im Nachhinein sehe ich auch die Kehrseite dieser Geschichte: in der Firma meiner Familie konnte man mit einem bescheidenen Auftreten mehr Respekt gewinnen als mit erfolgreichen Jahresabschlüssen. Die Abteilung, in der ich recht bald Geschäftsführer wurde, hat nicht lange überlebt. Das lag nicht alleine an mir, aber wenn ich meinen Beruf heute noch einmal bei Null anfangen könnte, würde ich versuchen, mein Renommee mehr auf Erfolg und weniger auf menschliche Faktoren zu gründen.

Indem ich dies niederschreibe, kommen mir allerdings Zweifel. Im Rückblick auf 50 Jahre erkennt man einige Grundzüge des eigenen Wesens. Und vielleicht passt das Bild vom Brötchen schmierenden guten Kameraden besser zu mir als das Bild vom knallharten Strategen.

Mittwoch, 10. Januar 2024

So schönes Wetter - und ich noch dabei!

Diese schönen und lebensbejahenden Worte habe ich vor vielen Jahren zum ersten Mal in den Lebenserinnerungen des Theologen Helmut Thielicke gelesen. Sie gehen auf den Schriftsteller Wilhelm Raabe (1831-1910) zurück. 

Neben dem ganz allgemeinen Lebensglück, das aus diesen Worten spricht, haben sie nach meinem Eindruck außerdem den tieferen Sinn, einen Blick auf die menschliche Existenz zu geben, indem sie diese für einen Moment lang anhalten.

Wir werden ja häufig aufgefordert, im „Hier und Jetzt" zu leben. Das ist aber nur schwer möglich, weil das "Jetzt", der Augenblick, ja nur eine dünne Linie zwischen Vergangenheit und Zukunft ist. Diese dünne Linie wird mit dem Blick auf das schöne Wetter nun allerdings ausgedehnt – schönes Wetter ist ja ein längerer Zustand, an dem man sich eine ganze Zeit erfreuen kann. Mit dem schönen Wetter im Blick hat man eine Vergrößerung der Linie des „Hier und Jetzt" und kann auf diese Weise schließlich doch mit einiger Klarheit auf sein eigenes Leben blicken.

Mir ging es gestern Morgen so, als ein strahlender Wintertag anbrach, der nach langen Wochen des Regens endlich noch einmal einen blauen Himmel ausspannte und eine schöne Sonne aufgehen ließ. Die Sonne färbte die Wand gegenüber von meinem Bett morgendlich rot - siehe Foto - und malte mir ein verheißungsvolles Bild zu meinem 75. Geburtstag. 

Ja, der Augenblick und später der ganze Tag waren schön - und ich war dabei!

Danke an alle, die mir gratuliert haben!

Sonntag, 7. Januar 2024

Peter van Woerden - heute vor 100 Jahren geboren

Peter van Woerden wurde am 7. Januar 1924 in Haarlem / NL geboren. Er entwickelte früh eine musikalische Begabung und spielte bereits mit 17 Jahren auf der Orgel seiner Kirche. Zum Verhängnis wurde ihm, dass er während der deutschen Besatzungszeit dort die holländische Nationalhymne, den „Wilhelmus" spielte und prompt in deutscher Haft landete. Dort fand er zum Glauben, besuchte eine Schweizer Bibelschule und war bis zum Ende seines Lebens als Musiker und Kinderevangelist in der ganzen Welt unterwegs.

Ich lernte ihn während meiner Grundschulzeit kennen, weil er mit meinem Onkel Johannes Runkel befreundet war und diesen häufiger besuchte. Zu meinen schönsten Erinnerungen gehört eine Woche in einem Ferienhaus in der Nähe von Remscheid, in der Peter mit seiner Familie eine Zeit lang wohnte. Von seinem warmen Orgel- und Klavierspiel habe ich viel übernommen, so viel sogar, dass ich bei einem späteren Besuch, den er meinem Onkel machte, sein Orgelspiel auf einem daneben stehenden Klavier in seinem Stil begleiten konnte.

Einmal hat er mir, da war ich noch keine 14 Jahre alt, auf meine Bitten hin die komplizierten Harmonien der dritten Strophe* von „The Holy City (Jerusalem, Jerusalem)" aufgeschrieben, nachdem er es auf einer Schallplatte sehr schön eingespielt hatte. 

Eine weitere Erinnerung geht an unsere erste Begegnung zurück, da war ich noch ein kleiner Knirps und lauschte andächtig seinen Fingerübungen vor einem Auftritt in der großen Remscheider Martin-Luther-Kirche. Er hat mich in der zweiten Reihe sitzen gesehen und mir freundlich zugezwinkert. Ich war der glücklichste Mensch von der Welt.

Bis heute bewahre ich eine handgeschriebene Karte von ihm auf, in der er mir – etwa um das Jahr 1959 herum, da war ich zehn Jahre alt – die folgenden Worte schrieb:

Lieber Christian, ganz herzlich, danke ich dir noch für die schöne Weihnachtskarte. Wir haben ein sehr wunderbares Lager gehabt und ein nächstes Mal hoffen wir, dass du auch dabei sein kannst. Der Herr war uns sehr nahe. Wir waren wie eine große Familie (30) zu seinen Füßen!
Ich weiß, dass Seine Pläne mit deinem Leben ganz wunderbar sind. Darum rufe ich dir zu: „gib acht auf dich selbst" (1. Timotheus 4,16) und: „erhalte dich selbst rein!" (1. Timotheus 5,22).
dein Bruder Peter

Auf der Rückseite war das Bild, das ich oben in die Ecke hinein kopiert habe. Da sitzt er in einem Missionszelt auf seiner Hammondorgel, die er virtuos spielte.

Bekannt geworden, sind viele seiner Vertonungen von Bibelversen. Eine Reihe davon habe ich in so guter Erinnerung, dass ich mir den Bibelvers nicht ohne die Melodie von Peter vorstellen kann.

Mit seinem ältesten Sohn Danilo van Woerden bin ich noch in losem Kontakt. Er betreibt in der Schweiz ein Reisebüro und baut nach meinem Eindruck auf den Erfahrungen auf, die er auf zahlreichen Reisen mit seinem Vater und der Familie gemacht hat.


* Der Text der Strophe kann mich heute noch zu Tränen rühren:
The light of God was on its streets,
The gates were open wide,
And all who would might enter,
And no one was denied.

Montag, 2. Oktober 2023

In der badischen Toskana

Wir sind im Kraichgau, einem Landstrich, den ich bislang nur von der Autobahn A 6 zwischen Walldorf und Heilbronn kannte. Ich lerne jetzt, dass es ein fruchtbares Land zwischen dem Odenwald und dem Schwarzwald ist, dessen liebliche Geländeformationen ihm den Titel „Badische Toskana“ eingetragen haben. Die Dörfer schmiegen sich an sanfte Hügel, die ein unsichtbarer Landschaftsarchitekt mit kleinen Baumgruppen, Geländekanten, Streuobstwiesen und Weingärten geschmückt hat. Der Blick von unserer Dachterrasse (nebenstehendes Bild) lässt am Horizont etwas davon ahnen.

Aus der nahen Rheinebene hat der Wind fruchtbaren Lössboden herangeweht, so dass hier alles gut gedeiht, was die Bauern in den Boden einbringen.

Politisch gehörte dieses Land traditionell zur Kurpfalz und seit Napoleon zum Großherzogtum Baden, welches dann nach einigen Wirren schließlich in Baden-Württemberg aufging. 

Eine Freundin unserer Tochter Christina stammt aus dieser Gegend und hat jetzt hier geheiratet. Wir verbringen als Familie ein paar Tage in einer Ferienwohnung und passen auf die Enkelkinder auf, während die Kinder feiern. 

Donnerstag, 21. September 2023

"Es ist in keinem anderen Heil"

Bei unserem Besuch im Humboldt Forum, dem vor wenigen Jahren neu errichteten früheren Berliner Stadtschloss, sind wir auch auf der Dachterrasse gewesen und konnten aus der Nähe die umstrittene Inschrift an der Kuppel betrachten. Sie ist nicht nur umstritten, sie ist auch für alle, die nicht auf der Dachterrasse stehen, mit bloßem Auge nicht lesbar.

Die Kuppel und der umlaufende Bibelspruch gehen auf den frommen König Friedrich Wilhelm IV. zurück, unter dessen Regierung zwischen 1840 und 1861 man Bibelworte aus Apostelgeschichte 4,12 und Philipper 2,10 zu dieser Inschrift zusammengefügt hat*. Das eine ist ein Wort des Petrus, das andere eins des Paulus. Wenn man den Zusammenhang liest, in den Paulus seine Wort gestellt hat (es beginnt bei "dass in dem Namen Jesu"), verliert das imperial klingende Bild vom Beugen aller Knie seine harte Gewalt und kehrt sich in das Gegenteil um. Denn der Gottesmann, vor dem sich am Ende der Zeiten die Menschen verneigen werden, ist eine demütige Gestalt, die sich aller Ehren und Würden entäußert hat, um in vollkommener Weise den Menschen zu dienen.

Mein verstorbener Vater hat das Paulus-Wort geliebt. Er hat seine eigene, in vielfacher Weise vom Mainstream der Kirchen abweichende Glaubensrichtung, die „Allversöhnung“, besonders an diesem Wort festgemacht. Er war der Überzeugung, dass die Menschen eines fernen Tages vollkommen freiwillig und aus echter Überzeugung Jesus huldigen werden. Für meinen Vater war es nicht vorstellbar, dass sie nur für einige Momente aus der Hölle geholt und später wieder dorthin zurückgebracht würden. Hier war im Gegenteil ein Moment, in dem alle Strafen und jegliches Höllenfeuer ihr Ende gefunden hatten – in der großen Versöhnung Gottes mit allen Menschen.

Als ich zum ersten Mal von der Inschrift an der Kuppel gehört habe, dachte ich sogleich an meinen Vater  und daran, dass er sich tief über diese Inschrift gefreut hätte. 

Sie steht nun also über Berlin, auch wenn man sie nur aus der Nähe lesen kann. Gegen die vielen Kritiker möchte man mit Pontius Pilatus sagen: was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.

 

 

*ES IST IN KEINEM ANDERN HEIL IST AUCH KEIN ANDERER NAME DEN MENSCHEN GEGEBEN DENN IN DEM NAMEN JESU ZUR EHRE GOTTES DES VATERS DASS IN DEM NAMEN JESU SICH BEUGEN SOLLEN ALLER DERER KNIE DIE IM HIMMEL UND AUF ERDEN UND UNTER DER ERDE SIND
(im Original in Großbuchstaben und ohne Satzzeichen)


Mittwoch, 13. September 2023

"Ihr verzehntet die Minze und den Kümmel"

In einer langen Rede, in der sich Jesus mit seinen religiösen Gegnern, den Pharisäern, auseinandersetzt, wirft er diesen vor, dass sie den Menschen das Leben erschweren – vielfach durch Vorschriften, die das tägliche Leben bis ins kleinste regulieren.

So genügt es ihnen nicht, auf wichtige Erträge der Landwirtschaft eine Kirchensteuer zu erheben, sie wollen 10% auch von solchen Kleinigkeiten wie von Minze und Kümmel haben.

Jesus hat für solche Regeln, welche die Menschen nur belasten, viel Kritik. Er sagt: die Pharisäer halten die Vorschriften selbst vielfach nicht ein, sie nutzen sie zum eigenen Vorteil und vieles andere mehr. Sein wichtigstes Urteil findet sich einige Kapitel vorher, wo er die Menschen einlädt, seinem eigenen, so ganz anders gearteten Programm zu folgen. „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“

Eine moderne amerikanische Übersetzung, die Message Bible, konkretisiert die Belastungen der damaligen Menschen und übersetzt, sie sind burned out on religion. Das ist ein modernes Wort, aber im Licht der kleinlichen Pharisäer-Vorschriften, die Jesus kritisiert, erscheint mir die Übertragung in diesen Begriff richtig zu sein.

Ja, man kann tatsächlich religiös burned out sein, und was das heute konkret bedeuten kann, wird an der wachsenden Zahl der Nones in den Vereinigten Staaten deutlich, die in den letzten Jahren zu großen Zahlen, ihre Kirchen „geghostet“ haben, um auch hier ein modernes Wort zu verwenden. Sie sind weder Atheisten noch Agnostiker geworden, bekennen sich zu keiner religiösen Gegenbewegung, sie haben nur aufgehört, sich zu den Gottesdiensten ihrer Kirchen einzufinden. Die New York Times beschäftigte sich jüngst mit ihnen.

Um 10 % ist durch diese stummen Abschiede der Kirchenbesuch in den USA in den letzten zehn Jahren zurückgegangen. Es war eine Entwicklung ohne Auseinandersetzung – man ging einfach nicht mehr hin.

Wenn ich mich sonntags in meiner eigenen Kirche, einer Baptisten-Gemeinde in einer mittelgroßen rheinischen Stadt, umsehe, so erscheinen mir die Vorgänge hier ganz ähnlich zu sein. Auch bei uns sind viele Plätze leer, die noch vor Corona Sonntag für Sonntag gut gefüllt waren. Man hat die Leere zunächst auf die schleppende Rückkehr der Menschen zurückgeführt, die durch Corona für viele Monate am Gottesdienstbesuch gehindert waren. Aber mittlerweile reicht Corona nicht mehr als Erklärung.

Ich sitze manchmal unter den Zuhörern und frage mich, ob nicht bereits die stille Teilnahme an einem Programm, das einem in vielen Stücken keine Freude macht, eine Last darstellt, welche der Steuer der Pharisäer auf Minze und Kümmel entspricht. Es ist eigentlich nichts, gegen das man aufbegehren möchte, die Zeit der großen Kirchen-Reformation ist ja vorbei. Aber es ist etwas in den wenig inspirierten Ritualen, den kaum ansprechenden Liedern und auch in den Predigten, das die Zuhörer wünschen lässt, sie wären jetzt ganz weit weg von dieser Kirche, ganz woanders.

Die Predigten nehmen vielfach keine Rücksicht darauf, dass die Menschen gar nicht belehrt werden wollen. Dass man Paulus an dieser Stelle doch ganz anders (!) verstehen müsse oder dass man dringend (!) andere Verhaltensweisen an den Tag legen müsse, um bestimmte Missstände zu verhindern, das tut letztlich weh und legt den Zuhörern eine Last auf. Wer will das hören?

Wie anders wäre es, wenn tatsächlich Jesus vorne stehen und das wiederholen würde, was er früher gesagt hat „Kommt her zu mir … meine Last ist leicht“. Generationen von Theologen haben diese Worte beständig in Zweifel gezogen, vermutlich ohne es zu wollen, denn Glaube war für sie Anstrengung, Arbeit. Das Reich Gottes war für sie ein großes Betätigungsfeld, in das jeder eingeladen war, der seine Ärmel aufkrempeln konnte.

Aber nun steht Jesus vor uns und sagt „Meine Last ist leicht“. Ich kann mir nicht helfen – ich sehe hier immer das liebenswürdige Gesicht, des ägyptisch-irischen Schauspielers Jonathan Rumie vor mir, der in der neuen Jesus-Verfilmung The Chosen den Jesus spielt. Ja, auch er redet und dringt in die Herzen der Leute ein. Aber wer zu ihm kommt, sieht ein lachendes Gesicht, und bekommt eine Umarmung.

„Ich bin der Weg“ sagt Jesus „und die Wahrheit und das Leben.“ Ich bin die Brücke zum Vater aller Barmherzigkeit. Bei mir wird die Last der Religion leicht.

Montag, 31. Juli 2023

Ein böser Ausrutscher


Der 26. Juli 2023 wird mir vermutlich als einer der dunkelsten Tage in meiner persönlichen Geschichte in Erinnerung bleiben. Ich hatte mit etwas schlechtem Gewissen eingewilligt, mit meinem bei uns für eine Woche in Ferien lebenden Enkel Jakob, 11, in das berühmte Stadion von Borussia Dortmund zu fahren. Es liegt eine halbe Stunde von Remscheid entfernt und fasst über 80.000 Zuschauer. Es ist damit das größte Stadion in Deutschland. Mein schlechtes Gewissen war darin begründet, dass ich meinem Enkel eigentlich etwas anbieten wollte, was er gerne für immer mit dem Besuch bei seinem Großvater verbinden könnte – eine Kirche, ein Museum, eine Bibliothek oder so. Stattdessen nun also den Tempel eines unterhaltsamen, aber gleichzeitig auch sehr geldgierigen und fragwürdigen Kommerzes. Das war nicht so ganz in meinem Sinne, und das hat vielleicht auch dazu geführt, dass ich am Ende in die Probleme geraten bin, von denen ich erzählen will.

Es fing damit an, dass ich auf meinem Navi (Google Maps auf dem Handy) die unmittelbare Adresse des Stadions angegeben hatte, nicht die Adresse der vielen Parkplätze im Bereich des Stadions. Ich hatte vermutet, dass die Besucher während der Woche genügend Parkraum direkt am Stadion vorfinden würden. Später habe ich gesehen, dass das wohl auch stimmte.

Das Navi zeigt mir nun aber keine Straße direkt zum Stadion, sondern einen Seitenweg, der von der vierspurigen Straße, auf der ich mich befand, dem "Krückenweg", abbog und dann geradewegs zum Stadion führte. Zunächst habe ich den Weg gar nicht gefunden, weil er sehr schmal war und nur als Zufahrt zu einer Kleingartenanlage beschildert war. Als ich dann beim zweiten Versuch in diesem Weg einbog, war er zunächst mit Betonpflaster versehen, im weiteren Verlauf dann sauber geschottert und führte an einem Parkplatz vorbei, der für die Kleingartenanlage eingerichtet war. Danach wurde er schmaler und endete nach etwa 200 m an einem rot-weiß lackierten Stab, der den Weg versperrte.

Seitlich vom Stab war noch etwas Platz, so dass ich - "dies muss doch ein Weg sein, wenn Google es sagt" - versucht habe, daran vorbei zu fahren. Der entscheidende Fehler war dann wohl, dass ich die Griffigkeit des Schotterbelages überschätzt habe und bei der Korrektur meines sinnlosen Vorhabens beim vorsichtigen Zurücksetzen seitlich abgerutscht bin. Ich kam in der Nähe einer Hecke in einem Graben zum stehen. Von dort war es dann leider nicht mehr möglich, wieder auf dem Weg zu kommen, weil die Räder auf dem losen Schotterbelag durchdrehten. Nach einigem hin und her habe ich den ADAC angerufen und von einer sehr freundlichen Telefonzentrale, den Kontakt zu einem Abschleppdienst bekommen.

Zwischenzeitlich hatte Regen eingesetzt, und ich war beim Versuch, einiges außen am Auto zu verändern, bis auf die Unterwäsche nass geworden. Außerdem war ich ausgerutscht und beim Sturz bis auf den Boden des Grabens gefallen. Die Situation war verzweifelt und erniedrigend – auch weil ich nicht sicher war, ob der Abschleppdienst hier eine Lösung finden würde, was ich dann tatsächlich auch als sehr zweifelhaft erwies. 

Nach langem Warten, kam dann auch ein Abschleppwagen, der allerdings Mühe hatte, auf dem Schotterweg bis zu mir durchzukommen. Er blieb etwa 30 m von mir entfernt stehen und versuchte mithilfe einer Seilwinde, die er noch durch mehrere Bänder verlängerte, bis zu meinem Wagen zu kommen.

Das gelang schließlich auch, wobei die Befestigung nur an einem meiner Räder möglich war, und zwar in den Löchern der Felge. Das Anziehen mit der Winde, brachte aber keinen Erfolg, weil sich das Auto nicht bewegte und die Winde mangels ausreichender Kraft stockte.

Der freundliche Fahrer, ein Libanese namens Mohammed, hat dann versucht, mit allerlei Unterlagen, darunter zwei etwa 2 m langen Aluminiumrampen, die normalerweise zu dem Abschleppfahrzeug gehörten, meinem Auto wieder einen griffigen Untergrund zu geben.

Als auch dies nicht half, versuchte Mohammed, mit einem Wagenheber die rechte Hälfte des Autos, die tief im Graben hing, soweit anzuheben, dass mehr Gewicht auf der linken Hälfte lag, so dass die linken Vorderräder auf dem ausgelegten Blech besser griffen.

Auch das half nur wenig, und auch die Steine und Bretter, die eine freundliche Nachbarsfrau aus der Kleingartenanlage zur Verfügung stellte, waren keine besondere Hilfe.

Im Nachhinein weiß ich nicht, was am Schluss dazu geholfen hat, das Auto Millimeter um Millimeter nach oben auf den Weg zu bringen. Aber etwa 3 Stunden, nachdem ich in den Graben gerutscht war, stand das Auto wieder auf dem Weg und ich konnte meine Fahrt fortsetzen, nachdem ich meinen treuen Mohammed umarmt und in bar entlohnt hatte.

Bei allem musste mein lieber Enkel Jakob entweder geduldig im Wagen warten oder am Lenkrad des Abschleppfahrzeuges tatkräftig mitwirken, indem er dort die Fußbremse fest hielt. Was er über seinen viel zu wagemutigen Großvater gedacht haben mag, wird er mir vielleicht in der Zukunft einmal verraten Gelernt hat er auf jeden Fall, dass in solchen Situationen eine äußere Ruhe notwendig ist, in der ich mir übrigens mit Mohamed dem Libanesen einig war, wie wir später festgestellt haben, als wir die ganze Sache noch einmal besprochen haben. Er ist mit uns auf Anweisung seines Chefs zu einer Sparkasse gefahren, wo ich einen recht namhaften Geldbetrag aus dem Automaten geholt habe, um die Rechnung des Abschleppdienstes sogleich zu bezahlen.

Auf dem Rückweg sind wir dann in unmittelbarer Nähe des Stadions vorbeigekommen, und Jakob konnte ein paar Bilder machen, die er seinem Freund versprochen hatte, der seinerseits das Stadion von Bayern München für Jakob fotografiert hatte. Insofern war die Fahrt nicht ganz erfolglos.

Mittlerweile steht das Auto bei einem Lackierer, der versuchen wird, zwei kleine Beulen von innen heraus zu drücken und dann Teile der zerkratzten rechten Auto Seite neu zu lackieren. Auch den abgebrochenen Rückspiegel wird er erneuern, die Folgen werden also recht bald beseitigt sein.

Ich bin am Tag darauf erwacht mit dem Gefühl, einer der dümmsten Menschen auf der Welt zu sein, und das nicht zum ersten Mal, denn mein trotziges Bestehen darauf, einmal eingeschlagene Wege auch bis zum Ende zu fahren, das ich von meinem Vater geerbt habe, hat mich auch früher schon öfter in ausweglos scheinende Situationen gebracht.

Dass ich trotz allem die Zuversicht behalten habe, wieder irgendwie aus der Situation heraus zu kommen, hat mich gefreut. Aber so durchnässt ich war, so mutlos war ich zwischendurch auch.