Freitag, 10. April 2020

Erinnerungen in den Zeiten von Corona (VII): Lean On Me


Schon seit einiger Zeit habe ich immer wieder einmal die Gottesdienste aus der schwarzen Harlemer Kirche des Pastors Michael Walrond über das Internet gehört. Seit dem 15. März predigt Pastor Michael vor einer leeren Kirche. Spätestens Anfang April, in der dritten Woche danach, ist es klar, dass sich diese Kirche in New York im Zentrum einer Katastrophe befindet. Wie reagiert sie darauf?

Pastor Walrond von der First Corinthians Baptist Church (FCBC), der selbst aufgrund einer Vorerkrankung zu einer Risikogruppe gehört, lässt an diesem Sonntag seine Vertreterin Heaven Berhane sprechen. Sie hat den bekannten Text über die Gemeinde als Leib aus 1. Korinther 12 gewählt, in der modernen Übersetzung von The Message*. Das ist eine Predigt, die man oft gehört hat, die aber jetzt, wo der Leib des Volkes alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, plötzlich neue Gedanken eröffnet.

Dienstag, 7. April 2020

Erinnerungen in den Zeiten von Corona (VI): Die schöne Melusine


In einem alten Buch mit Volkssagen habe ich als Kind wie benommen die Geschichte von der schönen Melusine gelesen. Die Geschichte war ergreifend, aber mehr noch war es das Bild der Melusine im Bad!

In der damaligen Zeit, in der am Zeitungskiosk noch nicht serienweise die Anatomie spärlich bekleideter Frauenkörper zu bestaunen war, erschien mir das Bild dieser rätselhaften Frau mit ihren festen Brüsten wie ein Schlüssel zur geheimnisvollen Welt des Weiblichen.

Ich rekonstruiere im Kopf mein Alter bei der ersten Begegnung mit Melusine, indem ich mir in Erinnerung rufe, dass ich ihren Namen früher als das Wort "Limousine" kennenlernte, und dass ich mich sogar gefragt habe, warum die beiden Worte so ähnlich klangen. Ich schließe aus allem, dass ich noch recht jung war und erinnere mich auch dunkel, dass ich noch nicht vollkommen über die Sexualität aufgeklärt war, die mich in dieser Phase meines Lebens langsam nach und nach in Beschlag nehmen sollte.

Sonntag, 5. April 2020

Erinnerungen in den Zeiten von Corona (V): Der Telegraf


Für meinen Blog-Eintrag über die Rattenburg habe ich das Internet durchforstet und habe an einer Stelle auch einen guten Nachweis für die alte Sage von der versunkenen Burg bekommen.

Zu meiner Überraschung stieß ich aber außerdem auch auf einen Hinweis aus vergangenen aber gut beurkundeten Zeiten, dass nämlich einstmals auf dem Rattenberg ein Telegrafenhaus stand, das zwischen 1833 und 1849 optische Signale auf der Linie Berlin - Koblenz übermittelt hat.

Es übernahm die Signale von einem ähnlichen, 11 km Luftlinie entfernten Haus in Radevormwald und gab sie an die nächste Station in Blecher oberhalb des Altenberger Doms weiter (13 km entfernt).

Donnerstag, 2. April 2020

Erinnerungen in den Zeiten von Corona (IV): Langeweile, Einsamkeit, Angst


Felder und Wälder bei Buchholzen
Im Haus meiner Großeltern in Buchholzen verging uns Kindern die Zeit oft nur sehr langsam. Das war uns meistens recht, weil wir gerne lange Schulferien in diesem Haus unter den hohen Bäumen machten.

Manchmal wurde uns die Zeit aber auch zu lang – etwa im Sommer des Jahres 1956, als meine Eltern zum ersten Mal zu einem längeren Campingurlaub nach Südfrankreich abgereist waren.

Ihre Rückkehr war für einen bestimmten Tag angekündigt, ohne dass allerdings die Uhrzeit bekannt war. Meine Schwester und ich lagen schon seit dem Vormittag gespannt wartend auf einer Wiese im Garten und hörten zu, wie die (in dieser Zeit recht wenigen) Autos die Dorfstraße herunter oder herauf fuhren.

Sonntag, 29. März 2020

Erinnerungen in den Zeiten von Corona (III): Die Rattenburg


Oberhalb des Hauses meiner Großeltern lag das Ausflugsrestaurant „Rattenburg“. Es hatte den etwas unheimlich klingende Namen von einem in der Nähe gelegenen sumpfigen Wald, um den eine Volkssage kreiste.

An dieser Stelle habe, erzählt die Sage, vor Urzeiten eine stolze Burg gestanden, die aufgrund irgendwelcher Verfehlungen ihrer Bewohner mit einem Fluch belegt worden war. In dessen Folge versank sie mehr und mehr im Boden und war am Ende nicht mehr zu sehen. Tief unten lebten aber die Bewohner weiter – wenn ich es richtig in Erinnerung habe in der Form von Ratten. Daher der Name Rattenburg.

Samstag, 28. März 2020

Erinnerungen in den Zeiten von Corona (II): Der Affensturz


Im Dreieck zwischen den Dörfern Dreibäumen, Bergisch Born und dem Buchholzen meiner Großeltern entspringt der Eifgenbach. Er fließt von hier aus zunächst südlich um Wermelskirchen herum, dann an Dabringhausen vorbei und mündet in der Nähe des Altenberger Doms in die Dhünn.

Es gibt insgesamt vier Quellen des Eifgen, die jeweils in einem kleinen Taleinschnitt liegen. Dieser beginnt bei den oberen beiden Quellen in einem schönen, regelmäßig geformten Randterrain, das ein wenig wie die Zuschauertribüne eines großen natürlichen Theaters aussieht. Im Zentrum dieser Arena liegt die Quelle.

Die dritte Quelle liegt etwas versteckter. Sie war in den fünfziger Jahren, als meine Schwester Sigrid und ich bei den Großeltern Ferien machen durften, verbreitert worden und bildete damals einen kleinen Tümpel. An der Stelle, wo er aufgestaut war, hatte man ein Brett über den Bach gelegt (etwa da, wo im Foto der umgestürzte Baum liegt), so dass man den Bach hier bequem überschreiten konnte.

Sonntag, 22. März 2020

Erinnerungen in den Zeiten von Corona (I): Otto, Nove, Dieci


Bei km 1,0
Vom  Zentrum des Dorfes Buchholzen, in dem meine Großmutter wohnte, gab es entlang der Straße nach Bergisch Born alle hundert Meter einen Kilometerstein. Meine Oma wohnte bei Stein Nummer 7, und wenn sie mit uns in Richtung Bergisch Born ging, mussten wir die weiteren Steine auf Italienisch aufsagen.

Der erste Stein hieß Otto, also auf Italienisch acht, was wir als kleine Kinder lustig fanden, aber auch ein wenig irritierend. Uns dämmerte, dass zwischen Wort und Bedeutung etwas Drittes lag, Sprache, und die konnte also verschieden sein. Bis zum Stein "Nove" gingen wir noch gerne mit, aber bei "Dieci", am Straßenrand vor der Gaststätte, die nach einer alten Ortssage "Rattenburg" hieß, wollten wir meist umkehren. Die Oma konnte uns mit der Aussicht weiter locken, bei "Dodici" über die Eisenbahnbrücke gehen zu dürfen und uns in den Dampf einer unter uns her rauschenden Lokomotive einzuhüllen.