Freitag, 30. Juni 2023

Ein Traum

Als unsere Kinder noch kleiner waren, viele Jahre ist es her, hatte ich eines Nachts einen besonderen Traum. Ich saß in einem Boot am Ufer des Mittelmeers und hatte einen schönen Ausblick auf eine an den Berghängen aufsteigende kleine Stadt - das nebenstehende Bild aus dem Internet gibt den Eindruck in etwa wieder. 

In meinem Boot saß ein dunkelhaariger Einheimischer, mit dem ich ein Weißbrot teilte, eine Art Baguette, indem ich es in der Mitte zerbrach und die Hälfte an ihn weitergab. Zu meiner Überraschung reichte der Fremde mir von der für ihn abgebrochenen Hälfte wiederum eine Hälfte zurück. Das war überaus freundlich und wirkte auf mich wie die besondere Form eines christlichen Abendmahls.

Ich beschloss, nun meinerseits von dem mir angebotenen Viertel die Hälfte an den Fremden zurückzugeben. Ich tat es und erhielt wenig später erneut die Hälfte meiner Gabe von dem Mann zurück. 

Während der ganzen Zeit fuhr das Boot in ruhiger Fahrt einen großen Kreis, so dass ich die Stadt am Hang von verschiedenen Seiten sehen konnte. Es war ein Anblick voller Friede und Ruhe – und die Freundlichkeit des Fremden, der so großzügig und selbstlos mit mir teilte, machte das Ganze perfekt.

Begleitet wurde das alles von einer Stimme, die einen Abschnitt aus dem Propheten Jeremia las. Dieser Abschnitt war mir damals - ich bin mir da immer noch sicher - noch unbekannt, ich habe ihn später nachgeschlagen und dann unzählige Male in meinem Leben gelesen. Für mich ist es eine der schönsten Stellen der Bibel.

Aus Kapitel 31,31-34:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Heute kann ich sagen, dass mir die Fremdlinge vom Mittelmeer tatsächlich begegnet sind. Zuletzt in der Form eines Palästinensers, den ich als strengen Moslem kenne und gleichzeitig als einen Menschen, der die Frömmigkeit eines Christen versteht. Er hat als Fremdenführer in seiner Heimat viele christliche Gruppen zwischen Nazareth und Betlehem begleitet und ihnen seine Heimat im historischen Samaria gezeigt.

Nun haben ihn italienische Katholiken, die ganz offenkundig seine Sensibilität für den christlichen Glauben erkannt haben, nach Italien eingeladen, wo er über seine Erfahrungen sprechen soll. Als ich ihm gratulierte, schrieb er zurück

„Please remember that you were the first christian who showed me good understanding of my faith and introduced me to your german turk brothers.
Honestly I learned a lot from you.
Today I am proud I will stand on the italian stage to talk about my experience.
God bless you dearest brother “


Samstag, 3. Juni 2023

War Kennedy Berliner?

Man schiebe es bitte nicht auf mein Alter und die damit einhergehende Auflösung bestimmter Gehirnzellen, wenn ich in der letzten Zeit mehr und mehr den Eindruck habe, dass die strenge Logik des gesprochenen und geschriebenen Wortes nicht ausreicht, um der uns umgebenden Wirklichkeit gerecht zu werden.

Wir merken das vielleicht am ehesten bei der Wirkung von Liedern. Sie sprechen uns in Bereichen an, die wir vielleicht etwas zu einfach als „tiefere Ebene“ bezeichnen. Richtig ist aber, dass wir in Liedern bereit sind, Worte zu benutzen, die wir ohne Einbettung in die Musik gar nicht sagen würden. Das ist immer wieder bei religiösen Liedern der Fall, wie etwa bei dem Marienlied, dass ich im Altenberger Dom gehört habe, und dass mich alten, in der Wolle gefärbten Protestanten trotz meines Unverständnisses für Marienverehrung tief ergriffen hat.

Ähnliches ist auch oft in Worten spürbar, die durch ihre besondere Deklamation unser Herz ansprechen.

So hätte bei der berühmten Kennedy Rede – „ich bin ein Berliner“ – wohl niemand daran gedacht, man könne in der Woche darauf Kennedy wegen eines alltäglichen Berliner Problems ansprechen? Die Müllabfuhr streikt, die U-Bahn hat Ausfälle etc. – konnte man damit zu Kennedy gehen? Natürlich nicht! 

Aber man hat dem Präsidenten die existenzielle Solidarität mit Berlin gerne geglaubt – auch wenn sie einer kritischen Analyse nicht standgehalten hätte.

Auch große Werke der Weltliteratur lassen sich „historisch-kritisch“ nicht bestätigen. Die Schlacht bei Borodino, so wie in Tolstois "Krieg und Frieden" beschrieben, hat möglicherweise nicht so stattgefunden. Die persönlichen Details in der Familiengeschichte der Buddenbrooks sind zwar in den Geschichten der Familie Mann nachzuverfolgen, eine genaue Untersuchung würde aber herausstellen, dass Dichtung und Wahrheit weit auseinander klaffen..

Ich erlebe den Unterschied zwischen historischer Kritik und liedhafter, rhetorischer Abbildung derzeit besonders deutlich beim Betrachten von „The Chosen“, einer Netflix-Serie, die in 24 Folgen die biblischen Berichte von Jesus nacherzählt. Viele der Szenen sind – ganz ähnlich wie bei Tolstoi und Thomas Mann– frei erfunden und werden auch zu Beginn der Serie als solche angekündigt. Sie sind aber sehr plausibel gestaltet und machen den Gang der Handlung lebendig, viel lebendiger als der Bericht in den Evangelien. Man hat kein Problem, sich diese Szenen anzusehen und zu sagen "so könnte es gewesen sein".

Problematisch dagegen ist eigenartigerweise die Wiedergabe von Szenen, die genau nach der Bibel erzählt werden, die aber ein Wunder enthalten. Am schönsten ist das vielleicht in der Szene zu sehen, in der Jesus bei der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt. Mit einer ganz langsamen Gebärde reicht er mit der Hand in einen Wasserkrug, und wenn die Hand zurückkommt, tropft kostbarer roter Wein von ihr herab.

Der erstaunliche Effekt auf einen modernen, historisch-kritisch denkenden Menschen ist der, dass man dieses Wunder in die allgemeine Erzählung einbettet und am Ende mit der verblüffendes Erkenntnis herauskommt, dass es eigentlich so gewesen sein muss. Ohne dieses Wunder, und auch ohne die vielen anderen Wunder, die man sieht, macht die ganze Jesusgeschichte wenig Sinn. So denkt man jedenfalls am Ende.

Die Frage ist also, ob die Wunder nicht doch so geschehen sind, wie sie in der Bibel berichtet werden. Natürlich widerspricht das unserem modernen Denken. Aber will ich lieber an den Wundertäter Jesus glauben oder will ich mich auf mein modernes Denken verlassen? 

War Kennedy Berliner? Natürlich war er es!

Montag, 29. Mai 2023

Mine eyes have seen the glory of the coming of the Lord

Die vor 14 Tagen in den USA erschienene Biografie von Martin Luther King enthält unter anderem Material aus den Archiven des FBI, das erst seit kurzer Zeit zugänglich ist. Um es gleich zu sagen: es wird auch viel von den Irrwegen berichtet, auf die Kings recht zügelloser Sexualtrieb ihn offenbar geführt hat. Aber es wird auch erzählt, wie es dazu kam, dass sich die Frauen ihm ganz von selbst „an den Hals geworfen,“ haben.

Schon sein Pastorenvater Martin Luther King I war ein vielfach untreuer Ehemann. Das hinderte ihn aber nicht daran, seinem Sohn verschiedene Lustbarkeiten zu verbieten und ihn einmal, da war der Sohn gerade 20 Jahre alt, zu einem Reue-Bekenntnis vor der versammelten Ebenezer Gemeinde in Atlanta zu verdonnern - Martin junior war tanzen gewesen.

Dieser Widerspruch ist eines der Rätsel, die nach dem Lesen der Biografie nicht verschwinden, sondern eher größer werden. Offenkundig ist, dass Martin Luther King II, ein den Menschen in jeder Hinsicht zugewandter Pastor gewesen ist, der sehr schnell die Zuneigung seiner männlichen und weiblichen Gesprächspartner gewinnen konnte. Das hat ihm ganz besonders da geholfen, wo er nicht nur Zuneigung, sondern auch politische Unterstützung und das Mitmarschieren bei den großen Bewegungen, die er angestoßen hatte, benötigte. Die meisten Menschen, die ihm begegneten, waren von seinem offenen Wesen verzaubert.

1968 ist er ermordet worden, gerade 39 Jahre alt. Die Biografie schildert den Berg von Widerständen, den King vor dem jähen Ende seines Lebens in immer stärkerem Maße zu überwinden hatte. Die Frage, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte man ihn nicht auf dem Balkon des Lorraine Motel in Memphis erschossen, wird man nicht beantworten können. Er hatte wichtige Unterstützer verloren – der ihm zunächst zugewandte. Präsident Johnson kehrte sich mehr und mehr von ihm ab. Wichtige Freunde aus der Bürgerrechtsbewegung wurden zunehmend kritisch, besonders was seine Philosophie der Gewaltlosigkeit betraf. 

Dass er trotzdem seine visionäre Kraft und die aus der Musik der schwarzen Kirchen gewonnene Redeweise bis zum Ende behielt, kann man bei YouTube sehen. Da spricht er am Abend vor seinem Tod zu den Zuhörern in der pfingstlerischen Church of God in Christ in Memphis und sagt am Ende*

Nun, ich weiß nicht, was jetzt passieren wird. Uns stehen einige schwierige Tage bevor. Aber das macht jetzt nichts, denn ich war schon auf dem Berggipfel. Es macht mir nichts aus. Wie jeder andere möchte ich leben – ein langes Leben; Langlebigkeit hat ihren Platz. Aber darüber mache ich mir jetzt keine Sorgen. Ich möchte einfach nur Gottes Willen tun. Und Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu gehen. Und ich habe hinüber geschaut. Und ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht komme ich nicht mit Euch dorthin. Aber ich möchte, dass ihr heute Abend wisst, dass wir als Volk das Gelobte Land erreichen werden. Deshalb bin ich heute Abend glücklich. Ich mache mir um nichts Sorgen. Ich habe vor keinem Menschen Angst. 

Und er schließt seine Rede mit der ersten Zeile der berühmten "Battle Hymn of the Republic"** 

Mine eyes have seen the glory of the coming of the Lord.
(Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrns gesehen.)




* Well, I don't know what will happen now. We've got some difficult days ahead. But it really doesn't matter with me now, because I've been to the mountaintop. And I don't mind. Like anybody, I would like to live – a long life; longevity has its place. But I'm not concerned about that now. I just want to do God's will. And He's allowed me to go up to the mountain. And I've looked over. And I've seen the Promised Land. I may not get there with you. But I want you to know tonight, that we, as a people, will get to the Promised Land. So I'm happy, tonight. I'm not worried about anything. I'm not fearing any man. Mine eyes have seen the glory of the coming of the Lord.


** Mine eyes have seen the glory of the coming of the Lord
He is trampling out the vintage where the grapes of wrath are stored
He hath loosed the fateful lightning of his terrible swift sword
His truth is marching on

Glory, glory, hallelujah
Glory, glory, hallelujah
Glory, glory, hallelujah
His truth is marching on

Sonntag, 14. Mai 2023

Unser Haus

 

Meine Bilder von unserem Haus im Frühling, Sommer, Herbst und Winter werden immer wieder gelobt. Manche Leser dieses Blogs sehen sogar eine gewisse Idylle hinter dieser Fassade.

Es handelt sich dabei aber nur um ein einfaches, seit dem Baujahr 1954 kaum verändertes Haus. Es lässt sich nur deshalb vorteilhaft fotografieren, weil es einen recht großen Vorgarten hat. Dieser ist dadurch entstanden, dass nach Fertigstellung des Hauses die Wüstenhagener Straße ausgebaut und begradigt wurde. Der Vorbesitzer konnte danach ein Stück des ehemaligen Straßenlandes kaufen und so den Vorgarten vergrößern. 

Als wir 1978 in dieses Haus zogen, war es noch von landwirtschaftlichen Nutzflächen umgeben. Recht bald wurde aber ein Industriegebiet hinter unserem Haus erschlossen, nicht immer zu unserem Vorteil, aber erträglich.

Leise ist es in unserem Gebiet nie gewesen – die Autobahn liegt unten im Tal, nur etwa 500 m von unserem Haus entfernt. Wir haben es genossen, nur eine halbe Stunde fahren zu müssen, um in der Kölner Innenstadt zu sein. Auch haben unsere Kinder die Buslinien auf der Lenneper Straße zur bequemen Fahrt in die Schule genutzt.

Hinter unserem Haus ist noch mal ein etwa 400 m² großes Stück Garten, das meine Frau Christiane mit
großer Liebe pflegt. So ist am Ende doch so etwas wie eine kleine Idylle entstanden.

Donnerstag, 27. April 2023

Selle Berg het Belche gheiße

Das Röttler Schloss bei Lörrach
Der russische Dichter Turgenew (1813 - 1883), der sehr gut Deutsch sprach, hat noch einmal Unterricht genommen, um auch Alemannisch lesen zu können. Er wollte die in diesem Dialekt verfassten Gedichte von Johann Peter Hebel (1760 -1826) verstehen lernen. Von diesen Gedichten möchte ich heute eines vorstellen.

Es hat den Titel „Die Vergänglichkeit“ und spielt des Nachts auf der Landstraße, die aus dem Schwarzwald hinaus in Richtung Basel führt. Dort sind zwei Bauern unterwegs, Vater und Sohn, und sprechen angesichts des gespenstisch über ihnen stehenden Röttler Schlossruine über die Zukunftsperspektiven ihres eigenen Hauses und schließlich über die Perspektiven der ganzen Welt.

Alles wird eines Tages vergehen, sagte der Vater, wird als Ruine dastehen, wie die auch heute noch vorhandenen Reste des  Röttler Schlosses. Durch das Gespräch im alemannischen Dialekt und die Tatsache, dass die beiden auf einem Ochsenkarren sitzen und ihre Tiere mit lauten Rufen lenken müssen, erscheinen die finsteren Perspektiven in einem gewissermaßen abgemilderten Licht.

Am Ende erklärt der Vater dem Sohn, dass auch dieser eines Tages alt sein wird und von der Erde weg muss und dass er dann auf sie zurücksehen wird von einem fremden Stern. Er schaut von dort herab auf die verbrannte und unbewohnte Erde und sagt

Lueg, dört isch 'd’Erde gsi, und selle Berg
het Belche gheiße! Nit gar wit dervo
isch Wisleth gsi, dört hani au scho glebt

Schau, dort ist die Erde gewesen und dort der Berg
hieß Belchen! Nicht weit davon
ist Wieslet gewesen, dort habe ich auch schon gelebt

Und dann

und Stiere g’wettet, Holz go Basel g’füehrt,
und broochet, Matte g’raust, und Liecht-Spöh’ g’macht,

und Stiere eingespannt, Holz nach Basel gefahren,
und gepflügt, Wassergräben gezogen und Holzspäne gemacht 

und sagt am Schluss, dass er auf der Erde allerhand Spiele getrieben hat („g’vätterlet")

und g’vätterlet, bis an mi selig End,
und möcht iez nümme hi.

Dieses Loslassen der Erde, dieser letzte Abschied "und möchte jetzt nicht mehr hin“ ist für einen älteren Menschen wie mich ergreifend. Ja, so möchte ich auch auf einmal auf mein Leben zurückschauen können, froh über die guten Erinnerungen, aber auch entfernt genug, um nicht zurück zu wollen.

Das letzte Wort gilt dann den Ochsen, die den Wagen ziehen: nach links, Laubi, März!

Hüst, Laubi, März!

Noch sind wir hier auf der Erde beschäftigt.



Das ganze Gedicht kann man im Internet nachlesen. Eine Übersetzung und die Schilderung eines Besuches auf dem Röttler Schloss ist in einem Buch von Arnold Stadler zu finden „Johann Peter Hebel, Die Vergänglichkeit“.






Samstag, 22. April 2023

Meine Lehmpfuhl-Familie

August Lehmpfuhl
(1852 bis 1931)
Bei dem großen Familientreffen waren erstaunlich viele Leute aus der Sippe Bohle vertreten. Zwei der Töchter des Stammvaters August Lehmpfuhl hatten zwei Brüder, Friedrich und Erwin Bohle, geheiratet, so dass man in der zweiten Generation überwiegend weiterhin  Lehmpfuhl hieß oder aber Bohle, wie meine Großmutter. Eine weitere Tochter hatte einen Ostfriesen namens Harm Buttjes geheiratet, den Namen Buttjes gab es also als Drittes auch noch.

Die auf dem Familientreffen versammelten Verwandten waren überwiegend aus der vierten, fünften und sechsten Generation nach August Lehmpfuhl. Von der dritten Generation, der Generation meiner Mutter, lebt niemand mehr.

Wir trafen uns in der Baptistengemeinde im Berliner Ortsteil Weißensee, deren Kapelle 1910 noch unter der Ältestenschaft von August Lehmpfuhl gebaut worden war. Am Abend saßen wir in der „Brotfabrik“, in der August tatsächlich Brot gebacken, aber auch in einer Sonntagschule die örtlichen Kinder im christlichen Glauben unterrichtet hatte. Weil auch der nachfolgende Besitzer des Gebäudes viel für die Kinder des Viertels getan hatte, wurde das Gebäude erhalten und schon zu DDR-Zeiten in ein Kulturzentrum umgewandelt.

Die Brotfabrik in Berlin-Weißensee
Über den Urgroßvater, an den hier mit Bild und Gedenktafel erinnert wird, wurde viel Lobendes
berichtet. Er muss ein großzügiger und gastfreundlicher Mensch gewesen sein, ein Ältester seiner Gemeinde, ein community leader. Nach meinem Geschmack wurde seine Wirksamkeit ein wenig zu sehr auf die Vermittlung von schulischem  Wissen gelegt (Lesen und Schreiben soll er den Kindern beigebracht haben) und weniger auf seine Bemühungen, den Kindern den Glauben an Jesus Christus näher zu bringen.

Schön war auf jeden Fall die Erinnerung an seine fromme Mutter, die mit einem dem Alkohol verfallenen Schuster aus Köpenick neun Kinder in die Welt gesetzt hatte, als dieser Mann auf ungeklärte Weise allzu früh verstarb. Meine Großmutter Lina, jüngste Tochter des August Lehmpfuhl, hat uns erzählt, ihr Großvater sei im Suff vom Weg abgekommen und ertrunken oder erfroren, irgendwie.

Die mittellose Witwe war die erste in meiner Ahnenreihe, die sich einer Baptistengemeinde anschloss. Sie hat dort sicherlich auch materielle Unterstützung für sich und ihre unversorgten Kinder erfahren. Ihr Sohn August war beim Tod des Vaters erst sechs Jahre alt. Er wird die Christengemeinde als einen Sicherheit und Wärme bietenden Ort erlebt haben.

Viel später habe ich bei Charles Taylor gelesen, dass die großen christlichen Veränderungen, die "Revivals" in den angelsächsischen Ländern oft gerade von den Menschen getragen wurden, die dem wirtschaftlichen Untergang entkommen waren, weil sie eine dramatische Lebenswende vollzogen hatten. Sie lebten nach dieser Wende besonders streng, das betraf nicht nur den Umgang mit Alkohol, sondern auch das Kartenspielen, Tanzen und andere Vergnügungen.

Wenn diese Wende vollzogen war, konnte die nächste Generation mit viel weniger dramatischen Vorschriften ein ruhiges und sicheres Leben führen. Man konnte sich ab und zu ein Gläschen Wein leisten und auch gelegentlich einmal den sonntäglichen Kirchgang ausfallen lassen.

So war es auch mit den Nachkommen von August Lehmpfuhl. An diesem Wochenende waren Christen in den unterschiedlichsten Schattierungen vertreten. Baptisten waren weiterhin vorhanden, einige Verwandte hatten sich der großen evangelischen Kirche zugewandt, weil sie dort eine bessere Liberalität zu finden hofften, andere waren ganz ohne Glauben.

Allen war gemeinsam, dass sie offenbar weit von dem gefährlichen Leben entfernt waren, das der Schuster aus Köpenick, August Lehmpfuhls Vater, geführt hatte. Der radikale Schritt der Mutter in ein bewusst christliches Leben hinein hatte die Nachkommenschaft geschützt.

Christopher Lehmpfuhl
Ganz zum Schluss des Treffens konnte man sich an dem frischen Glanz erfreuen, den einer aus der vierten Generation dem Namen Lehmpfuhl verliehen hatte, Christopher Lehmpfuhl. Er ist 1972 geboren, ein weit über die Grenzen Deutschlands bekannter Maler mit einem gewaltigen Talent, die Bilder einzufangen, welche das Licht aus Städten und Landschaften hervorzaubert. In seinem Atelier klang das Treffen schließlich aus, und besonders die Kinder der sechsten und siebten Generation hatten Freude daran, in Christophers Werkstätten nun ihrerseits die schönsten bunten Bilder zu malen.


Freitag, 7. April 2023

Naive Bibelleser

Ross Douthat
Hier möchte ich gerne in verkürzter Form die Gedanken wiedergeben, die der Kolumnist der New York Times, Ross Douthat, am Gründonnerstag veröffentlicht hat. 

In meinen Worten: er sieht die traditionelle Bibelleser aufgeteilt in die Kritischen (Typus Rudolf Bultmann) und die Gläubigen (Typus Billy Graham). Er setzt sie aber nicht gegeneinander, sondern fasst sie beide unter der Kategorie  zusammen "in der Kirche aufgewachsen“. Er kontrastiert sie mit einer neuen Kategorie von Menschen, welche die biblischen Berichte ganz ohne kirchliche Vorbildung wie Fremde lesen. 

Diese neuen Leser werden selbst Antworten auf die traditionellen Fragen finden, ob die Evangelien wörtlich wahr sind, ob sie auf Berichten von Augenzeugen beruhen oder ob sie eine spätere Konstruktion sind, die von bereits fest in einer frühen Kirche verwurzelten Theologen geschrieben wurden. Vielleicht kommen sie ja sogar noch zu einem ganz anderen Urteil.

Was werden sie aus dem Gelesenen machen? Douthat lässt das offen, sagt aber immerhin am Ende: sie werden erkennen, dass die Evangelien the strangest story ever told sind. 

Für mich bleibt die Frage, auf welchem Weg diese neue Generation denn an die Evangelien herangeführt werden kann. Meine Antwort vorläufige Antwort ist: etwa indem sie Filme wie The Chosen sehen. 

Ich füge den Artikel von Ross Douthat unten an, damit ihn auch die lesen können, für die er in der New York Times hinter der Paywall versteckt ist.

 

 

 

 

ROSS DOUTHAT

A Naïve Reading of the Gospels May Be Just What Christianity Needs

In the not-so-distant past when 90 or 95 percent of Americans identified as Christian, it was hard for almost anyone in that vast majority to read the Christian Gospels naïvely — to come to them without preconceptions, in the way of their original intended audience, a person hearing the “good news” about Jesus of Nazareth for the first time.

Instead, almost everyone encountered them first through either the structures of organized Christianity — as a text for Sunday school and Bible study, the experience of the scripture inseparable from the experience of church — or with the expectations set up by Christianity’s overwhelming cultural influence.

In that world, even the work of skeptical critique and academic deconstruction was mostly carried out by people who had experienced the pious reading first and organized their own interpretations against religious doctrines or cultural norms that they had rejected or abandoned.

These dynamics persist for the millions of people still raised within some form of Christian faith. But with the rapid decline of institutional Christianity, the younger generations in America now include large numbers of people who have only vague and secondhand ideas about Matthew, Mark, Luke and John. So a more naïve encounter with the New Testament may become more normal, on a much larger scale than in the past. At both the popular and the academic level, more people will experience the Gospels first as a form of testimony and storytelling that precedes any fully realized set of doctrines or vision of the church.

As someone raised within Christianity, I can’t tell you directly what that experience is like. But Lent and especially Holy Week in my own Catholic Christianity provide a strong encounter with the Gospel narrative, the raw text overshadowing the liturgical and doctrinal elements more than usual. So it’s an appropriate time to speculate about how the return of a more naïve reading might influence the wider culture, its possible effects on the long debate between Christian believers and would-be academic debunkers of the faith.

From its 18th- and 19th-century origins, the project of skeptically deconstructing the New Testament, in search of a “Historical Jesus” distinct from the Christ of faith, has often combined two distinct arguments. First, it has attacked the pious assumption that the Gospels must be factually inerrant, perfectly historical, accurate in every detail and pellucid in the doctrines they imply. Second, it has moved from identifying specific problems in the texts, tensions and apparent contradictions and arguable mistakes, to arguing that all the problems are evidence that the Gospels must have been mostly composed long after the fact, as theological texts rather than historical records, with relatively thin connections to the events that they describe.

My speculation is that a naïve reading of the Gospels tends to break these two arguments apart. The naïve reader, going through the evangelists in order, will notice immediately much of what the skeptics emphasize about the seeming imperfections of the texts. That Jesus is given different genealogies in Luke and Matthew. That timelines and details differ among the authors. That Jesus drives the money changers out of the temple early in his ministry in the Gospel of John and just before his crucifixion in the others. That Jesus in John’s Gospel talks differently, with his long theological discourses, from Jesus in the other narratives.

Whether or not it’s possible to resolve some of these issues, they present themselves directly to the reader, and they don’t require any special training to pick up. And the naïve reader will also intuitively understand, without needing to be historically aware of the details, the debates about Jesus’ identity that consumed the early church. The Gospels all present him as a messiah, clearly — but the question of what that actually means is not completely or consistently answered in an initial reading of the texts.

But the larger deconstructionist argument — that the immediate issues with the Gospels indicate that they’re long-after-the-fact creations, driven by agendas more than memories — is very different: It’s a reading against the naïve reader experience.

By this I mean that you have to go into the Gospels with a skeptical framework already to come away from them feeling that the core narrative isn’t deeply rooted in eyewitness testimony, in things that either the authors or their immediate sources really experienced and saw. What C.S. Lewis once observed about the Gospel of John is true of all four Gospels: You can say that the narratives represent a form of memoir, or you can say that they’re an ingenious impersonation of personal testimony that would tax the skills of a brilliant 20th-century novelist. But the reader who thinks the narratives read like after-the-fact legend making, Lewis rightly insists, “has simply not learned to read.”

And many of the details that get cited as evidence against inerrancy, the difficulties and discrepancies, are actually part of this memoiristic reading experience. Yes, the theological discourses in John or the infancy narratives in Luke and Matthew might be read as the products of later piety. But the more minute distinctions among the Gospels, the differences in which day an event took place, on what timeline a series of miracles transpired, with which witnesses and so on, are exactly what you’d expect from testimonies that weren’t deliberately conformed to one another by later authorities, that came direct from the people who remembered the action, with all the variation that normal memory entails.

Likewise with all the deeds and words from Jesus that led to endless theological wrangling later on because of their ambiguities and uncertain implications. That wrangling happened (and still happens) precisely because there’s so little theological smoothing out within the Gospels, so few signs that the writers carefully imposed an ideologically driven clarity on the experiences they set out to relate.

Indeed the texts themselves self-advertise as having this imperfect, memoiristic quality. The Gospel of Luke, for instance, is quite explicit that it’s a collation of different testimonies “handed on” from eyewitnesses. The Gospel of Mark, by contrast, reads much more like what the earliest Christian traditions claim it was: the memories of the Apostle Peter dictated or transmitted to a younger scribe.

Read Mark together with the other Gospels, and note how often the same story includes a telling detail, like the literal Aramaic words Jesus uses while performing a healing — “talitha cum” (“little girl, get up”); “ephphatha” (“be opened”) — that you would expect Peter to remember but other recollections to neglect. Or read Mark’s Passion side by side with John’s Passion — Peter’s denials more detailed in Mark, more inside information and details about the scene around the cross in John — and note how naturally the two accounts read like the same events narrated from two distinct eyewitness perspectives.

Or, to take a different kind of example, read John’s account of the water-into-wine miracle at Cana or the raising of Lazarus. The miracles themselves fit with the Johannine author’s theological perspective, his elevated view of Jesus’s divinity. But the way Jesus performs the miracles is so human and un-godlike and complex — at once irritated by and responsive to his mother’s cajolement at Cana, deliberately delaying coming to Lazarus and then weeping at the tomb — that in each case the natural reading is that this is a real remembrance of strange events, the author’s or even Mary’s, the memory more potent than any theological program.

That a particular reading of the New Testament comes naturally doesn’t make that reading correct, of course — especially where miracles and other wild supernatural business are involved. But the natural reading in this case also has plenty of persuasive scholarship on its side. (The best recent place to start is the 2006 book “Jesus and the Eyewitnesses,” by the English biblical scholar Richard Bauckham.) Whereas the more unnatural reading, the one that insists that the Gospels were largely constructed later on, tends to lead to the constant problem of so much historical-Jesus scholarship, where the supposed “real Jesus” is merely reconstructed in the scholar’s own image, the memoirs of first-century Jews replaced by the spiritual autobiographies of 19th- and 20th-century academics.

Thus my speculative prediction: The decline of institutional Christianity and the return of more naïve readings of Christian Scripture will lead to the decline of the deconstructionist project, which has been propped up all these years by the felt need to strike the strongest possible blow against ecclesiastical power and tradition.

Take away that power, throw people into the texts without an anticlerical preoccupation, and you won’t immediately get a revival of Christian orthodoxy. But you may get much more acknowledgment of what’s obvious each and every Easter: That in their immediacy and mystery, their lapel-shaking urgency, their mixture of the mundane and the impossible, the Gospels are at least — at the very least — the strangest story ever told.