Mittwoch, 17. September 2008

Entschlacken





Scuol / Schweiz

Die Familien meiner väterlichen und mütterlichen Großeltern unterschieden sich in ihrem Lebensstil, die mütterliche Seite war vom Bildungsbürgertum geprägt, die väterliche eher vom Besitzbürgertum. Die Unterschiede waren so stark, daß es die Ehe meiner Eltern an manchen Tagen in arge Spannungen versetzte. In einem aber waren sich alle, Eltern und Großeltern, immer einig: im Segen naturheilkundlicher Verfahren. Kalte Wassergüsse, kathartische Klistiere, nasse Wadenwickel und andere Foltermethoden (als höchste Strafe den Ganzkörperwickel, genannt Packung) wurden uns Kindern von der gesamten Großfamilie ohne Unterschied im Krankheitsfall befohlen, so daß es für uns nirgendwo eine Gnadeninstanz und entsprechend kein Entkommen gab.

Der menschliche Körper in seinem Inneren war, Grundanschauung für sie alle, auf eine besondere Art verdorben und verschmutzt und mußte deshalb auch auf eine besondere Art gereinigt, „entschlackt“ werden. Ich habe diesen Glauben an naturgegebene oder erworbene „Schlacken“ mit der Muttermilch aufgesogen und ihn eigentlich erst im Alter zögernd in Frage gestellt. Können menschliche Körperzellen, so frage ich mich, tatsächlich eine Art von Schmutzrand bilden, den man durch kräftiges Spülen oder durch den Zusatz von bestimmten, in alle Winkel dringenden Wirkstoffen wieder wirksam herauswaschen kann?



(aus einer Hinweistafel an einem Wanderweg in der Nähe der Luziusquelle)

Je länger ich darüber nachdenke, desto unwahrscheinlicher erscheint mir diese Theorie. Der menschliche Organismus nimmt Kraut und Rüben in sich auf und sucht sich von allem das Beste heraus. Gifte besiegt er mit Hilfe von mancherlei Immunstoffen, sie werden ihm nur zum Problem, wenn die Dosis eine kritische Grenze übersteigt. Umgekehrt gleicht er den Mangel an notwendigen Substanzen auf vielfältige Weise aus. Würde er tatsächlich auch Schlacken anlagern, so wie ein Hochofen für Kohle und Stahl? Dafür erscheint mir mein Körper zu gewitzt zu sein.

Nun wäre aber ohne den Glauben an Schlacken und die Hoffnung auf „Entschlacken“ der Tourismus in diesem schönen Teil der Schweiz nicht denkbar. Er begann nämlich mit der Endeckung mineralischer und salziger Quellen unweit von Scuol und dem Glauben an die heilsame, „entschlackende“ Wirkung der dort aus der Tiefe der Erde sprudelnden Wässer. Könige und Fürsten pilgerten in der Folge zu den Quellen des Unterengadins. Sie alle wollten die Schmutzränder ihrer hochwohlgeborenen Leiber loswerden.

Vermutlich hat es ihnen geholfen, denn sie kamen wieder und brachten im Gefolge andere Schlackenträger mit sich, mit der Zeit auch Bürger und Bauern. Es wurden Straßen, Hotels und Bergbahnen für sie gebaut, heute profitiere ich davon.

Die 25 Schweizer Franken allerdings (€ 16,-), die ich für zwei Stunden Baden in warmen und kalten Quellen, salzig und süß, im „Buogn Engiadinia“, dem modernen „Engadiner Bad“, bezahle, schmerzen mich, denn der ganze Aufwand um ein paar Kubikmeter aufgesammeltes Badewasser ist in Remscheid für weniger als die Hälfte (€ 7,-) zu haben. Nur entschlackt das Wasser dort nicht.

1 Kommentar:

Ben Sprzagala hat gesagt…

Leidet man z.B. unter starken Verspannungen im Rückenbereich, können sich dort Ablagerungen bilden, die dann z.B. durch Massage wieder aufgelöst werden können. Das gibt dann unter der Haut eine grau-braune Färbung, sieht echt schmutzig aus. Und ansonsten empfehle ich: 4 Wochen Totalfasten bei Wasser, Saft und Brühe, was da z.B. auf der Zunge für Beläge erscheinen, in den dollsten Farben...na wenn das keine "Schlacke" ist, weiß ich es auch nicht... aber du hast Recht, mit dem Ganzen lässt sich natürlich auch prima Geld verdienen! Wohl bekomms.