Montag, 20. September 2010

„Lange habe ich vor diesem Doppelporträt gestanden“






Unsere Reise folgt an einigen Stellen den Spuren des Schriftstellers W.G. Sebald, der einige kleine Berichte über Korsika in seinem Buch Campo Santo veröffentlicht hat. In seinem Nachlaß fanden sich weitere Stücke über unsere Insel, Sebald hatte ein ganzes Buch über Korsika geplant, dann aber mit Austerlitz begonnen, seinem letzten großen Werk, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebt hat.

Mittlerweile hat man die Korsika-Fragmente in einem schönen Band herausgegeben, es sind einige wunderbare Schilderungen darin, deren Bildern ich in den nächsten Tagen gerne noch weiter nachgehen möchte.

In Ajaccio schreibt Sebald eine kurze, aber sehr eindrückliche Passage über das Bild einer Frau und eines Kindes im Palais Fesch, aus dem ihn eine tiefe Traurigkeit anspricht. Lange habe ich vor diesem Doppelporträt gestanden und in ihm, wie ich damals glaubte, das ganze unergründliche Unglück des Lebens aufgehoben gesehen.

Ich habe Sebalds Eindrücke gestern nachzuempfinden versucht und bin mir sicher, daß er mit seiner Vermutung Recht hat, der Ehemann der Frau und Vater des Kindes sei im Felde, ja ich nehme sogar an, daß die Frau bereits Witwe ist und sich in ihrem schwarzen Kleid auch als solche zeigen will. Eine große dunkle Fläche rechts von ihrem Gesicht läßt das Bild in gewisser Weise leer erscheinen, aber gerade diese Fläche würde den Raum bieten für ein komplettes drittes Portrait, dasjenige des Mannes, und der leere Raum spricht gewissermaßen und drückt das Elend der Witwe und des Waisenkindes heraus.

Während die Mutter den Betrachter mit einem stillen und eher gleichmütigen Gesichtsausdruck anschaut, scheint das Kind in Aufruhr zu sein, in stummer Herausforderung, sagt Sebald. Er sieht getrocknete Tränen bei dem Kind, ich sah gestern mehr noch eine eigenartige Asymmetrie in seinem Gesicht, eine tiefe Unordnung, die es uns in dem Wissen entgegenhält, daß jede Hilfe, jeder freundliche Blick sinnlos ist.

Der Maler Pietro Paolini, der von 1603 bis 1681 in Lucca gelebt hat, muß eine besondere Tragödie aus der Nähe miterlebt haben, als er diese beiden Menschen malte. Und Sebald hat aus den vielen monumentalen Bildern der opulenten Sammlung des Napoleon-Onkels Fesch mit sicherem Blick diese Abbildung des Unglücks gefunden und ein Licht darauf geworfen.



Kommentare:

Peter Oberschelp hat gesagt…

Sebaldus Redivivus!

Christel hat gesagt…

In Deiner tiefsinnigen Betrachtung des Bildes bleibt für mich die Figur, die das Kind in der Hand hat leider unbetrachtet...
Ich wäre gespannt auch dazu etwas zu hören.

Danke für das Teilhaben-lassen an Deinem Leben in ansprechenden Worten, die ich gerne lese.
Gruß,
Chris

Christian Runkel hat gesagt…

Liebe Christel, Sebald sieht in der Spielzeugpuppe einen Soldaten und damit einen Hinweis auf den fehlenden Vater. Mir erschien es eher eine Harlekinpuppe zu sein, ich konnte es aber nicht genau erkennen. Nach meinem Verständnis sagt das Kind jedenfalls: Laß mich (mit meinem Schmerz) in Ruhe. Du siehst doch, daß ich gerade spiele.