Sonntag, 26. September 2010

Nachklang





Unser Korsika-Urlaub wäre unvollständig geblieben ohne den letzten Abend und der tief beeindruckenden Begegnung mit der alten korsischen Musik. Zusammen mit etwa 100 Besuchern in der Kathedrale Èglise Sainte Marie oben in der Zitadelle von Calvi, gleich gegenüber der Kaserne der Fremdenlegion, haben wir gebannt den sieben Männern von „U Fiatu Muntanu“ und ihrer Musik gelauscht und am Ende eine lange Reihe von Zugaben herausgeklatscht. Das wie ein altes Gemälde wirkende schlichte iPhone-Foto oben zeigt die Konzertbesucher beim Betreten der Kathedrale.

Die traditionelle Polyphonie der Korsen stammt wie die meiste gute Musik aus dem Raum der Kirche. Dabei ist sie mit ihren tiefen Bässen ebenso dem Gesang der orthodoxen Popen verwandt wie sie mit ihren hohen Stimmen – einem Bariton als Melodiestimme und einem oft falsettartigen Tenor darüber - und mit ihren eigenartigen Koloraturen an den Gesang von Muezzinen erinnert. Die Männer stellen sich zum Singen in einen Kreis und achten wunderbar sensibel auf einen Gleichklang ihrer Stimmen, der sich oft erst nach tastenden Versuchen einstellt und in einem langsam sich aufbauenden Schlußakkord zum Höhepunkt kommt. Die Sänger halten dabei oft eine Hand muschelförmig an ihr Ohr, um besser zu hören, was sie selbst singen und wie es im Zusammenklang wirkt.

Ein Amateur hat ein kleines Video der Gruppe in YouTube eingestellt, auf dem man Tenor und Bariton in der Mitte des Bildes gut sieht und hört. Die drei Bässe stehen rechts, verdecken sich gegenseitig und sind nicht so gut zu hören. Ihre warmen und unaufdringlichen Stimmen bilden aber immer das Fundament, für das man diese Musik ganz wie von selbst zu lieben beginnt, sobald man ein paar Takte gehört hat. Das Stück hier ist eher einfach und volksliedhaft:



Die Bässe sangen an diesem Abend fast alle ihre Grundarrangements in moll, wobei sie immer wieder sehr variantenreiche Tonsprünge hinüber in andere Tonarten vollzogen und trotzdem in vertrauten Dreiklängen blieben. Ihre Musik war nie langweilig, man merkte es auch den anderen Zuhörern an, daß sie intensiv und gebannt den Klängen lauschten. Die Männer sangen und spielten (auf Standard-Gitarren und Lauten, wenn nicht a-capella gesungen wurde) völlig unprätentiös, hatten nicht einmal Verbeugungen für den Schlußapplaus eingeübt und wirkten gerade so, als ob man sie in ihrem Wohnzimmer beim gemeinsamen Musikmachen besuchte. Ein Teil der Gruppe erschien sogar zu spät zum Konzert, so daß man sich anfangs Sorgen machen mußte, ob das Konzert überhaupt geregelt stattfinden würde.

Am Morgen danach haben Christiane und ich auf der Fahrt zum Flughafen Petru Guelfuccis Corsica, das ich gestern vorgestellt habe, mehrfach gehört und die Verwandtschaft zur Polyphonie festgestellt. Ich habe lange keine moll-Musik mehr gehört, die ihre Zuhörer am Ende so glücklich hinterläßt wie diese von Popen und Muezzinen abstammende Musik der Korsen.




Hier auch der Versuch einer deutschen Übersetzung:

In einem Winkel der Welt
eine kleine Ecke der Zärtlichkeit,
in meinem Herzen, majestätisch,
duftende Reinheit,
Juwel eines Wunders.
Man findet nichts gleiches,
nichts von diese Art,
es ist einzig, allein und geliebt.

Korsika.

Immer beneidenswert
diese Felsen im Meer,
glitzernder Schatz,
heilig wie ein Altar.
Ruhig, sanft wie ein Lamm,
großzügig und einladend,
aber revoltierend und rebellierend,
wenn man das seine verachtet.

Korsika.


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