Mittwoch, 6. Februar 2013

Das Tor zum Orient

Vorspiel in Istanbul, Oktober 2012

Straße in Zababda, Nord-Palästina
Haris war es, der mir mit nur drei Worten ein Tor zum Orient aufgestoßen hat. „Das gefällt mir“, sagt der 14jährige Sohn meines Freundes Necattin und tippt mit der Fußspitze auf eine etwa einen Quadratmeter große Zementfläche. Was er mir zeigen will, ist eine Betonfüllung, die man kunst- und achtlos in eine Absenkung im Asphalt eingebracht hatte, falsches Material, falsch behandelt. Wir stehen auf dem Parkplatz vor einem bekannten Ausflugsrestaurant auf dem Hügel Camlica, hoch über Istanbul.
Wir sind gemeinsam zu einer Besuchsfahrt in der Türkei unterwegs, und der sonst eher schweigsame Haris wollte mir auf diesem Parkplatz etwas zeigen, was in den nächsten Tagen zu unserem Alltag gehören würde, nämlich eine von den strengen deutschen Industrienormen abweichende Art und Weise, Dinge etwas schludrig zu bauen oder zu reparieren. Der in Deutschland geborene Haris kennt die türkische Art, immer wieder auch einmal schnell und wenig planvoll mit Baumaterialien zu verfahren, von seinen regelmäßigen Urlauben bei den Verwandten in der Türkei. Er mag diese Art zu handwerken, weil er die liebenswürdige Welt der türkischen Lebensweise damit verbindet. Ich verstehe sofort, was er meint.


Haris sieht instinktiv den Vorteil einer Lebensart, die sich von der deutschen, bei der alles bis ins letzte Detail wie durch den TÜV überwacht erscheint, dadurch unterscheidet, dass sie die zweitbeste Lösung und den leichten Pfusch nicht nur toleriert, sondern fast schon zum Lebensprinzip macht.

Und so bin ich durch Haris Worte bei meinen ersten Schritten in Palästina bereits innerlich darauf vorbereitet, über manches Durcheinander und viele technische Kompromisse hinwegzusehen und mich darauf zu konzentrieren, hinter den Dingen das eigentliche Leben der Menschen zu finden. Dieses Leben erscheint mir je länger ich hier bin vielfach lebenswerter als unseres, das sich am Ende doch immer wieder in seinen perfekten äußeren Umständen verliert.
Ja, die Dörfer in Palästina sind ohne großen Plan ins Land gebaut, die Straßen sind vielfach holprig und mit Plastikmüll übersät. Ja, die Häuser sind mit wenigen, aber bemerkenswerten Ausnahmen, eher kunstlos und zeigen viele hässliche Details – grobschlächtig betonierte Balkonbrüstungen, leere Fensterhöhlen, wo Häuser bereits im halbfertigen Zustand bezogen wurden, fehlende Farben und überall die unvermeidlichen schwarzen Warmwassertanks auf den Dächern mit den seitlich daran angelehnten Sonnenkollektoren. Aber sie sind innen geräumig eingerichtet, selbst in Nedals Haus im engen Flüchtlingscamp, wo wir nach der zweiten Etappe übernachten. Sie sind oft mit einem gewissen Sinn für Pracht ausgestattet und gewähren dem Besucher Einblick in eine Welt, die sich wie von Zauberhand öffnet, wenn man mit dem Ausziehen der schmutzigen Straßenschuhe damit beginnt, den großen Unterschied zwischen Draußen und Drinnen zu verstehen.
In Deutschland dagegen gilt nur das, was überall und immer ordentlich ist, draußen wie drinnen. Es gibt kein wahres Leben im Falschen, sagten die bürgerlichen Revolutionäre von 1968 und übertrugen das Sauberkeitsprinzip der Vorortsiedlungen, aus denen sie stammten, auf die ganze Welt. Wer den Bürgersteig nicht kehrt und den Rasen im Vorgarten nicht mäht, kann sein Wohnzimmer nicht genießen – das ist deutsch.

Dass es nicht stimmt, lernt man in Palästina.

Kommentare:

Haris Topel hat gesagt…

Sehr schöner text und danke dass du mich erwähnt hast Christian abi :-)

Peter Oberschelp hat gesagt…

... den großen Unterschied zwischen Draußen und Drinnen zu verstehen: Die gleiche verblüffende Verwandlung habe ich immer wieder im ehemaligen sozialistischen Reich, in Georgien und Rumänien vor allem, erlebt, sie allerdings ein wenig anders eingeordnet. Adornos Wort vom Wahren und vom Falschen erfährt eine überraschende Neuinterpretation.